Auswirkungen der Niedrigzinspolitik der EZB auf den Bankensektor

Eine Analyse mit Fokus auf deutsche Institute


Bachelorarbeit, 2020

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2.0 Hintergründe und geldpolitische Instrumente der derzeitigen Niedrigzinspolitik der EZB

3.0 Die deutsche Bankenlandschaft

4.0 Auswirkungen der Niedrigzinspolitik auf den Bankensektor
4.1 Auswirkungen auf das Kreditangebot
4.2 Auswirkungen auf das Risikoverhalten
4.2.1 Regulatorische Sicherungsmechanismen
4.2.2 Risikoanalyse des europäischen Sektors
4.3 Auswirkungen auf die Profitabilität europäischer Banken

5.0 Die Situation in Deutschland
5.1 Zukunftsaussichten für den deutschen Bankensektor

6.0 Schlussbemerkung

Anhang

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 zu den Leitzinssätzen der EZB (Stand Mai 2020)

Abbildung 2 zur Entwicklung der Rendite 10-jähriger Staatsanleihen (in %)

Abbildung 3 zum EURIBOR (in %)

Abbildung 4 über die Cost-Income-Ratio

Abbildung 5 zu Nicht-Zinsgeschäften

Abbildung 6 zu Vergleich von Aktienkurs von Banken mit hoher bzw. niedriger Einlagenfinanzierung

Abbildung 7 zur Veränderung des Kreditangebots

Abbildung 8 zur SRisk in Europa

Abbildung 9 zum NPL-Verhältnis

Abbildung 10 zur Veränderung des Kreditwachstums in Deutschland

Abbildung 11 zur Zinsmarge deutscher Banken in Relation zur durchschnittlichen Bilanzsumme

Abbildung 12 zur CIR deutscher Banken

Abbildung 13 zur Eigenkapitalrentabilität deutscher Banken

Abbildung 14 zum IB-Ergebnis der Deutschen Bank

Abbildung 15 zur Srisk in Asien

Abbildung 16 zum globalen SRisk

Abbildung 17 zum amerikanischen SRisk

Abbildung 18 zum detaillierten NPL-Verhältnis in Europa

Tabellenverzeichnis

Tabellelzu A-SRIs

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„I would say that's the most important question in the world and I don't know the answer."1 Das war die Antwort Warren Buffett's auf die Frage, welche Auswirkungen eine negative Zinspolitik in den USA auf die Finanzmärkte wohl hätte. Wenn selbst das Orakel von Omaha die Konsequenzen einer geldpolitischen Maßnahme vor Rätsel stellt, muss es sich hierbei wohl wirklich um ein überaus relevantes, aber auch vielschichtiges Thema handeln.

In Europa sind wir, was die niedrige Geldpolitik der Zentralbank betrifft, schon seit geraumer Zeit weiter vorangeschritten. Seit der Finanzkrise 2008 herrscht auf diesem Kontinent eine Geldpolitik der niedrigen bzw. negativen Zinsen der Europäischen Zentralbank. Deswegen möchte ich mit der hier vorliegenden Arbeit mit dem Titel: „Auswirkungen der Niedrigzinspolitik der EZB auf den Bankensektor - Eine Analyse mit Fokus auf deutsche Institute", etwas Licht, in das doch noch eher dunkle Feld der Niedrigzinspolitik bringen. Nun, ich würde mir nicht anmaßen mit dieser Arbeit die Auswirkungen niedriger bzw. negativer Zinspolitik auf die Bankenwirtschaft vollends erklären zu können und damit schlauer als der wohl größte Börseninvestor aller Zeiten zu sein, aber sollte sie doch aufzeigen wie es insbesondere dem deutschen, aber auch dem europäischen Bankensektor, seit der Einführung niedriger Zinsen ergangen ist.

In dem ersten Kapitel der Arbeit wird dem Leser die Geldpolitik und die Werkzeuge, die der Europäischen Zentralbank dabei zur Verfügung stehen, nähergebracht. Auch werden die Hintergründe genauer beleuchtet, warum es denn einer Niedrigzinspolitik im Euroraum bedarf und welche Folgen diese optimalerweise mit sich führen sollte.

Da der deutsche Bankensektor, aufgrund seiner Struktur, doch sehr einzigartig ist, wird im zweiten Kapitel näher beleuchtet, worin sich dieservon den meisten anderen Bankensektoren anderer Länder unterscheidet und welches Geschäftsmodell der Großteil dieser Banken verfolgt.

Im darauffolgenden Themenblock kommen wir zu dem Kernstück dieser Ausarbeitung. Nämlich wird, anhand von mehreren fundierten Studien, erläutert, welche Auswirkungen die aktuelle Geldpolitik aufdie Geschäftsbanken hat. Vor dem Hintergrund der weltweiten Finanzkrise 2008/09 muss dabei ein besonderes Augenmerk auf die Veränderung der Risikobereitschaft der Banken gelegt werden. Ebenso wird auch das Kreditvergabeverhalten und die derzeitige Profitabilität des Bankensektors untersucht.

Im letzten Themenblock wird schlussendlich der Fokus aufdie deutschen Institute gelegt. Wie arbeiten diese in Zeiten der Niedrigzinspolitik? Wie könnten deutsche Kreditinstitute neue Ertragsmöglichkeiten eröffnen und wirtschaftlicherarbeiten?

2.0 Hintergründe und geldpolitische Instrumente der derzeitigen Niedrigzinspolitik der EZB

In den Industriestaaten deutete der Trend schon lange vor der derzeitigen Niedrigzinsphase bzw. negativen Zinspolitik (negative interest rate policy - NIRP) auffallende Zinssätze hin. So sind die realen Zinssätze, also bereinigt um die Inflation, in den USA von durchschnittlich 5% in den 1980er Jahren auf 2% in dem darauffolgenden Jahrzehnt und schließlich auf 1% in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends gefallen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise haben sich die Zinssätze nun bei einem Wert von -1% eingependelt. Bedeutet also im Umkehrschluss, dass die Inflation die Zinserträge überwiegt. Ein gleiches Bild zeigt der europäische Währungsraum, wo sie sich ebenfalls seit den 2010er Jahren auf einem negativen Niveau befinden.2

Die EZB hat in dem Wirtschaftsgebiet des Euroraums das ausschließliche Mandat des Gesetzgebers zur Ausübung der Geldpolitik. Das definierte Ziel hierbei ist die Preisniveaustabilität, die mit einer Inflationsrate von annähernd 2% definiert wird.

Dabei stehen ihr verschiedene geldpolitische Instrumente zur Verfügung. Die Europäische Zentralbank hat einerseits die Möglichkeit drei verschiedene Leitzinssätze zu verändern, nämlich für:

- das Hauptrefinanzierungsgeschäft
- die Spitzenrefinanzierungsfazilität und
- die Einlagefazilität

Der Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft wird oft auch als „der Leitzins" betrachtet. Er zeigt an, zu welchem Zinssatz sich Geschäftsbanken Zentralbankgeld ab einer Woche Laufzeit bei der Zentralbank leihen können.

Der Spitzenrefinanzierungssatz (kurz SFR-Satz) ist der Zinssatz zu dem Geschäftsbanken kurzfristig (meist über Nacht) Liquiditätshilfen von der EZB zur Verfügung gestellt bekommen. Dieser befindet sich derzeit bei 0,25%.

Der dritte Leitzinssatz, der der Einlagefazilität (Deposit Facility - kurz DF), gibt an, zu welchem Prozentsatz Banken überschüssiges Geld bei der EZB bis zum nächsten Tag einlagern können.3 Dieser liegt derzeit bei -0,5% - bedeutet, dass die Geschäftsbanken der EZB derzeit Zinsen zahlen müssen, wenn sie bei ihr Geld „parken" wollen.4

Abbildung 1 zu den Leitzinssätzen der EZB (Stand Mai 2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung nach European Central Bank. (o. J.). Official interest rates

Sowohl bei dem SFR-Satz als auch bei dem Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft sind von der Geschäftsbank notenbankfähige Sicherheiten (z.B. Anleihen oder andere kurzfristig börsenfähige Schuldtitel) zu hinterlegen.5

Durch die Weltwirtschaftskrise, die 2008 ausgebrochen ist und mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers seinen Höhepunkt fand, sah sich die EZB gezwungen den Leitzins rigoros zurückzustufen. Betrug der Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft der europäischen Zentralbank im Jahr 2008 noch 4,25%, so hat er sich seit 2016 bei nur mehr 0% eingependelt (für den detaillierten Verlauf seit der Finanzkrise 2008 siehe Abb. I).6

Dabei war die europäische Zentralbank aber nach der weltweiten Finanzkrise kein Einzelfall. Die Konjunktur brach infolge der Krise weltweit stark ein, weswegen die Leitzinsen in jedem Industriestaat von Japan bis in die USA mehr oder weniger rapide gesenkt wurden.7 Nun ist es aber meist nicht üblich, dass das Zinsumfeld für eine so lange Zeitperiode auf einem so niedrigen Stand verharrt. In den Vereinigten Staaten wurde das Zinsniveau in den letzten Jahren wieder schrittweise erhöht und erreichte Ende 2018 seinen Höhepunkt bei einem Zinslevel von 2,25% bis 2,5%.8 Doch auch hier sind die Währungshüter inzwischen wieder von ihrem Kurs der steigenden Zinssätze abgewichen und setzten ihn, zur großen Freude von Präsident Donald Trump, nachdem dieser Leitzinssenkungen massiv gefordert hatte, im Zuge der Coronakrise auf einen Korridor von 0,25% bis 0% ab.9 Dass seit 2009 die Zinssätze der EZB nicht - oder nur kurz und marginal - angehoben wurden lässt sich zu einem großen Teil auf die massiven Verschuldungsgrade bestimmter Mitgliedsländer der Eurozone zurückführen. Ausgelöst durch die Finanzkrise gerieten mehrere europäische Länder, wie Spanien, Griechenland und Italien, noch stärker in eine wirtschaftliche Schieflage. Dies hatte zur Folge, dass eben jene Staaten einen hohen Schuldenberg anhäufen mussten, der bis heute Bestand hat. Italien und Griechenland stechen hierbei mit einem Verschuldungsgrad von 130%, respektive über 180%, relativ zum Bruttoinlandsprodukt, besonders hervor.10

Um nicht unter der massiven Zinslast zu kollabieren, werden durch das niedrige Zinsumfeld die Staatshaushalte kräftig entlastet. So sparen sich die Mitglieder der Eurozonen jährlich mehrere Milliarden an Zinszahlungen. Die Ersparnis des gesamten Euroraumes durch die Maßnahmen der EZB beläuft sich auf 1,42 Billionen Euro seit 2007 (bis 2019). Allein auf das krisengebeutelte Italien entfallen hierbei 262 Milliarden Euro.11 Eine Erhöhung des Zinsumfelds würden viele Länder der Eurozone aufgrund der immensen Zinslast wahrscheinlich kaum oder nur unter einer noch stärker wachsenden Verschuldungen, stemmen können.

Um den Leitzins wieder auf das Niveau von vor der Finanzkrise zu heben, würde es einen starken konjunkturellen Aufschwung benötigen. Nun hat sich aber das Wirtschaftswachstum der Mitgliedsländer des Euro in den letzten Jahren erheblich eingebremst und man geht für das Jahr 2019 von einem BIP-Wachstum von gerade einmal 1,1% aus, weswegen eine Anhebung des Leitzinses derzeit nicht zur Debatte steht.12 Ebenso ist die Ausweitung der Anleihekaufprogramme ein klares Indiz dafür, dass sich die Leitzinsen auch noch für längere Zeit auf einem niedrigen Niveau halten werden (siehe Signalisierungseffekt des QE).

Doch für das Zinsniveau eines Wirtschaftsgebietes sind nicht nur die Leitzinssätze der EZB relevant, da diese eher das kurzfristige Zinsniveau signalisieren und auf langfristige Entwicklung kaum einen Einfluss haben. Neben der Möglichkeit an der Zinsschraube für die verschiedenen Leitsätze zu drehen, stehen der EZB auch noch andere unkonventionelle, geldpolitische Maßnahmen zur Verfügung. Diese kommen allerdings erst dann zum Einsatz, wenn die Zinssenkungen komplett ausgereizt sind. So hat die EZB im Jahr 2015 begonnen massiv verschiedene Wertpapiere, vornehmlich Staatsanleihen, von Banken abzukaufen. Dadurch wird die Bilanz der EZB erweitert und den Banken wird mehr Geld zur Verfügung gestellt, dass diese dann in Form von Krediten an Privatleute und Unternehmen ausgeben sollen (siehe auch Portfolioumschichtungskanal). Dadurch steigt die Geldmenge.13 Das sogenannte quantitative easing (QE), das seit 2015 betrieben wird, wurde ins Leben gerufen, weil die Zinssätze der EZB bereits auf ein nahezu Minimum gesenkt wurden und noch immer nicht das erhoffte Inflationsziel von ungefähr 2% erreicht wurde.14

Die Anleihekaufprogramme der EZB belaufen sich (Stand Mai 2020) auf eine Gesamtsumme von ungefähr 2,7 Billionen Euro.15

Das QE hat verschiedene Wirkungsrichtungen, die allesamt zu einer Stabilisierung der Inflationsrate und Erhöhung der wirtschaftlichen Nachfrage führen sollen. Als erstes wäre hierbei der Signalisierungskanal zu nennen. Damit ist gemeint, dass durch das QE signalisiert wird, dass die Leitzinssätze auch auf längerer Frist niedrig bleiben werden, da bei einem Anstieg des Zinsniveaus die Wertpapiere, die die EZB gekauft hat, massiv an Wert verlieren würden. Dadurch soll es zu einem Rückgang der mittel- und langfristigen Nominal- und Realzinsen kommen.16

Der zweite Effekt ist derPortfolioumschichtungskanal. Durch den Aufkaufvon Anleihen durch die Zentralbank steigt deren Preis und vermindert dessen Zins. Das verleitet Anleger dazu ihr Geld aus eben jenen risikoarmen Geldanlagen abzuziehen und in riskanteren und ertragsreicheren Wertpapieren zu investieren, deren Preis in Folge der Portfolioumschichtung ebenfalls steigt. Dadurch soll das private Vermögen der Anleger steigen, dass sie wiederum für Konsum und weitere Investitionstätigkeiten nutzen sollen.17 Für den Bankensektor sollte dies (in der Theorie) den gleichen Effekt haben. Zusätzlich sollen diese aber, anstatt nur in ertragreichere Wertpapiere zu investieren, vor allem mehr Kredite ausgeben und dadurch die Geldmenge erhöhen, da die Ausgabe dieser, in Zeiten von massiven Anleihekäufen, ebenso rentabler wäre, als Geld in Staats- oder Unternehmensanleihen zu halten.18 Sieht man sich in Abbildung 2 den Verlauf von 10­jährigen Staatsanleihen ausgewählter europäischer Länder an, so ist klar ersichtlich, dass die nominale Rendite der Wertpapiere seit Ausbruch der Finanzkrise massiv abgenommen hat. Das höhere Niveau von italienischen und spanischen Papieren lässt sich auf ein höheres Zahlungsausfallrisiko, aufgrund derschlechteren wirtschaftlichen Lage in diesen Ländern, zurückführen. Für deutsche Bundesanleihen gab es im Jahr 2019 eine durchschnittliche Rendite von -0,21%.19

Abbildung 2 zur Entwicklung der Rendite 10-jährigerStaatsanleihen (in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Bloomberg

Banken hätten noch eine weitere Option ihre überschüssige Liquidität anzulegen und zwar es im Interbankenhandel anderen Banken, die Liquidität benötigen, für einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung zu stellen. Doch auch diese ehemals lukrative Anlagemöglichkeit ist seit der globalen Finanzkrise in Ungnade gefallen. Einerseits ist seitdem das Vertrauen der Banken untereinander, wie es scheint, unwiderruflich zerstört und andererseits sind die Zinssätze für den Interbankenhandel äußerst unattraktiv geworden. Exemplarisch hierfür ist in Abb. 3 der EURIBOR (Euro Interbank Offered Rate) aufgeführt, der angibt zu welchem Zinssatz sich europäische Banken untereinander Geld leihen. Dabei gibt es unterschiedliche Zinssätze je nachdem wie lange das Geld zur Verfügung gestellt wird. Waren die Zinssätze im Jahr 2008 noch durchaus lukrativ, so ist, ähnlich wie die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen, auch hier der Verlauf seit der Finanzkrise stark rückläufig und befindet sich heutzutage durchweg im negativen Bereich.20

Das niedrige Zinsumfeld hat auf alle wirtschaftlichen Akteure einen massiven Einfluss. Die folgenden Kapitel sollen nun darlegen, wie sich die Bankenlandschaft in Deutschland von dem Großteil der Rest der Welt unterscheidet.

Abbildung 3 zum EURIBOR (in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach EZB - Geldmarktsätze21

3.0 Die deutsche Bankenlandschaft

Um die Folgen besser abschätzen zu können ist es wichtig zu verstehen, wie sich die Marktstruktur des Bankensektors in Deutschland zusammensetzt. Die Bankenlandschaft hierzulande ist zum großen Teil von Universalbanken - Banken mit keiner Spezialisierung auf einen bestimmten Geschäftszweig - mit traditionellem Geschäftsmodell geprägt. Heißt, dass derGroßteil ihresGeschäftsmodells auf dem klassischen, einlagefinanzierten Kreditgeschäft beruht.22 Der Gewinn ist hierbei die sogenannte Nettozinsspanne (net interest margin - NIM), die die Differenz zwischen Zins für die Beschaffung des Geldes und Zins für die Verleihung des Geldes bemisst.23

Die deutsche Bankenlandschaft wird anhand derer Rechtsform in drei Säulen eingeteilt: private Kreditbanken, Institute des Genossenschaftssektors und öffentlich-rechtliche Institute. Private Kreditbanken sind zumeist in größeren Städten zu finden und haben vermehrt vermögendere Privatkunden. Ebenso sind sie deutlich aktiver im Kreditgeschäft mit großen Unternehmen. Sie sind auch dank Ihrer Größe, diejenigen, die am aktivsten im globalen Bankgeschäft vertreten sind. Als Beispiel sind hierdie vier deutschen Großbanken (die Deutsche Bank, die Commerzbank, die italienische Unicredit, die hierzulande als Hypo Vereinsbank auftritt und, die zur Deutschen Bank gehörigen, Postbank) zu nennen. Im Gegensatz dazu fokussieren sich die öffentlich-rechtlichen Institute (Volksbanken und Raiffeisenbanken) auf den ländlicheren Raum und auf das Geschäft mit Privatleuten und kleineren Unternehmen. Sie sind in Deutschland in Kooperativen aufgeteilt, heißt, dass viele ihrer Kunden Genossenschaftsanteile an der Bank erworben haben und dadurch auch zu Anteilseignern werden. Die dritte Säule bilden die Sparkassen, de Träger Gemeinden, Landkreise oder - ausschließlich bei den Landesbanken - Bundesländer sind. Diese Institute haben sich auf die Förderung von Sparen und Vermögensbildung sowie die Kreditversorgung der regionalen Bevölkerung und des Mittelstands spezialisiert. Die Sparkassen sind ausschließlich regional tätig, da ihr Geschäftsgebiet auf das Gebiet ihres Trägers beschränkt ist. Die angeschlossenen Landesbanken (BayernLB, Helaba etc.) erfüllen bestimmte Funktionen, die die Sparkassen aufgrund ihrer zu geringen Größe und regionalen Beschränkung nicht ausführen können (z.B. Wertpapiergeschäfte oder internationaler Zahlungsverkehr).24

Grundsätzlich lässt sich konstatieren, dass deutsche Banken durchschnittlich nicht so profitabel sind und auch vor der Finanzkrise nicht waren, wie ihre Konkurrenzinstitute in z.B. den USA, Frankreich, Italien oder auch Spanien. Das liegt zu einem Teil daran, dass sie die höchste Cost-Income-Ratio (CIR) im OECD-Vergleich aufweisen. Die CIR setzt den Provisions­und Zinsüberschuss in Verhältnis zu den Verwaltungsaufwendungen. In den Jahren 1999 bis 2009 lag dieses Verhältnis in Deutschland durchschnittlich bei knapp 73% (siehe Abb. 5). Im Gegensatz dazu wiesen spanische Institute für den gleichen Zeitraum eine CIR von ca. 50% aus. Zusätzlich weisen die Finanzinstitute hierzulande, wie schon kurz angemerkt, eine deutlich höhere Abhängigkeit von dem klassischen Zinsgeschäft aus. Wirft man einen erneuten Blick auf das Income Statement der OECD für die Jahre 1999-2009, so stellt man fest, dass auch hier deutsche Banken das Schlusslicht bilden. Nur knapp 25% ihres Einkommens wurden aus Nicht-Zinsgeschäften erzielt (siehe Abb. 5). Im Vergleich hierzu sind es bei französischen Instituten mehr als 60%, was bei den OECD-Ländern die Spitzenposition bedeutet.25 Gerade kleineren Banken fällt es schwer neue Geschäftszweige auszubauen. Dies könnte deshalb explizit für Deutschland ein Problem sein, da viele der hier ansässigen 1600 Banken kleinere Institute sind. Vor allem ist dies auf die vielen ausschließlich regional tätigen Genossenschafts- und öffentlich-rechtlichen Banken zurückzuführen.26 Dies erklärt zum Teil auch die insgesamt niedrige Quote des Nicht-Zinsgeschäfts im Verhältnis zu den gesamten Erträgen deutscher Banken.

Abbildung 4 über die Cost-Income-Ratio

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Berechnungen nach OECD - Income Statement and Balance Sheet im Zeitraum 1999-2009

Abbildung 5 zu Nicht-Zinsgeschäften

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Berechnungen nach OECD - Income Statement and Balance Sheet im Zeitraum 1999-2009

Final muss noch angemerkt werden, dass das deutsche Handelsgesetzbuch (HGB) Unterschiede zu den International Financial Reporting Standards (IFRS) aufweist. Das HGB ist sehr darauf erpicht, dass Banken oder Firmen ihre finanzielle Situation nicht verschönt darstellen, um damit Gläubiger zu schützen. Das Vorsichtsprinzip (prudence principle) ist geboten. Dadurch können aber Werte in der Bilanz schlechter dargestellt werden, als sie es eigentlich sind. Zum Beispiel können, laut HGB, Umsätze nur dann in der Bilanz ausgewiesen werden, wenn sie tatsächlich schon realisiert sind. Nach IFRS können bereits vorhersehbare Umsätze ausgewiesen werden. Auf der Passivseite hingegen, müssen nach HGB sowohl vorhersehbare als auch bereits realisierte Verluste und Risiken ausgewiesen werden.

Seit der Einführung des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) im Jahr 2009 haben sich einige Vorschriften für die Bilanzierung nach HGB geändert. Die zwei relevantesten für den Bankensektor sind hierbei die differenzierte Behandlung von Derivaten und anderen Finanzinstrumenten, die nun zum Bilanzstichtag mit ihrem Marktwert bilanziert werden. Also müssen in Folge mögliche Kursschwankungen bei Wertpapieren berücksichtigt und zum Bilanzstichtag, abzüglich eine Risikoabschlags, ausgewiesen werden.27 Durch diese Maßnahme können Banken die Wertzuwächse ihrer gehaltenen Wertpapiere konkret darstellen und somit auch potenziell attraktiver dastehen. Diese Änderungen treffen in Deutschland wohl nur einen kleinen Teil der Banken. Kleine Volksbanken und Sparkassen agieren sehr konservativ, heißt, dass sie meist auf eine Absicherung durch Derivate verzichten und auch, wenn, dann nur ein kleines Wertpapierportfolio aufweisen. Somit zielt diese Nivellierung hauptsächlich auf deutsche Großbanken ab, die deutlich mehr im Handel mit solchen Finanzinstrumenten tätig sind.28

Vieles weist darauf hin, dass der deutsche Bankensektor auch schon vor der extremen Niedrigzinspolitik Probleme aufwies, bzw. sehr abhängig vom klassischen Zinsgeschäft war. Nun muss aufgezeigt werden, wie die geldpolitischen Maßnahmen die Bankenlandschaft in Europa und anschließend explizit in Deutschland verändert hat.

4.0 Auswirkungen der Niedrigzinspolitik auf den Bankensektor

4.1 Auswirkungen auf das Kreditangebot

Ein weiterer Effekt der momentanen Geldpolitik der EZB sollte sein, dass Banken vermehrt Kredite ausgeben, da der Leitzins - also die Kosten für die Beschaffung von Geld - minimal ist. Ebenso sollte der negative Zinssatz der Einlagefazilität ein Anreiz dafür sein, Kredite zu vergeben und überschüssige Liquidität nicht bei der EZB zu „parken".

Verschiedene Autoren haben sich dieser Annahme gewidmet und kommen hierbei zu gemischten, aber nicht eindeutigen Ergebnissen. Exemplarisch wird im Folgenden auf drei Paper eingegangen, die alle zu unterschiedlichen Resultaten gekommen sind. Heider et al. haben sich diesem Thema in ihrer Veröffentlichtung: „Life below zero: bank lending under negative policy rates", im Jahr 2018 gewidmet. Die Autoren haben hierbei eine Unterscheidung zwischen Banken mit hoher Einlagenfinanzierung - also verstärktem Fokus auf das klassische Kreditgeschäft - und solchen mit geringer Einlagenfinanzierung gezogen. Dabei sind sie zu dem Ergebnis gekommen, dass Banken mit hohen Einlagen bei einer Steigerung der Einlagenquote mit einer Standardabweichung von 1% (was in ihrem Modell ungefähr 9,4% entspricht) zu einer Finanzierung von Firmen, die eine 16% höhere Volatilität der Kapitalrendite aufweisen, führt und zudem zu einem Rückgang von Kreditvergaben um 13%. Dies lässt sich auch durch die Zuwendung hin zu risikoreicheren Konsortialkrediten, kurz nach dem Absenken des DF-Satzes im Jahr 2014 auf -0,1%, beweisen.

Die Autoren erklären ihre Ergebnisse damit, dass sich bei einem negativen Zinssatz der DF die größere Abhängigkeit von Einlagen - im Gegensatz zu kurzfristigen Verbindlichkeiten - negativ auf das Nettovermögen der Banken auswirkt. Da Banken, bei einem negativen DF­Satz, zögern die negativen Zinsen an ihre Kunden weiterzugeben - das Bankkonto wäre ja dann theoretisch schlechter gestellt als Bargeld privat zu horten (nur wenn die Lagerkosten des Bargelds nicht höher sind als die Kontoführungsgebühren) - werden Nicht­Einlagefinanzierte Geschäfte im Vergleich zu einlagefinanzierten Geschäften günstiger. Dies führt schlussfolgernd zu weniger Kreditvergaben und gleichzeitig zu einem Eingehen von höheren Risiken.

Gut zu beobachten ist dies in Abb. 5, bei der der Aktienkurs von hocheinlagefinanzierten Banken mit dem von niedrigeinlagefinanzierten Banken verglichen wird. Bis zur Senkung des Einlagezinses im Juli 2014 auf -0,1% ist klar zu beobachten, dass beide Aktienkurse nahezu identisch verlaufen und erst danach entwickelt sich der Kurs der hoch einlagefinanzierten Banken deutlich schlechter. Deshalb wäre es ratsam für Banken mit hohen Einlagen in Zeiten einer NIRP die Kreditvergabe zu drosseln und das Risiko bei der Kreditvergabe zu erhöhen.

[...]


1 Mohamed, T. (2020, März 19). Warren Buffett says „the most important question in the world" is what negative interest rates would do to markets

2 IMF. (2014)

3 Bundesfinanzministerium, (o. J.). Leitzinsen

4 European Central Bank. (o. J.). Official interest rates

5 European Central Bank. (o. J.-b). Was sind Sicherheiten? I

6 European Central Bank. (o. J.). Official interest rates

7 Bankenverband, (o. J.). Volkswirtschaftliche Folgen

8 FED. (o. J.). Federal Reserve Board - Open Market Operations

9 Deutsche Welle. (2020, März 15). USA drücken Leitzins auf fast null Prozent

10 Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.v. (2019). Zunahme der Staatsverschuldung

11 Greive, M. (2019, Januar 8). Deutschland hat dank Niedrigzinsen 368 Milliarden Euro gespart.

12 Europäische Kommission. (2019, November 7). Herbstprognose 2019

13 IG. (o. J.). Quantitative Lockerung (Definition)

14 DIW. (o. J.). DIW Berlin: Anleihekaufprogramme

15 European Central Bank. (o. J.-a). Asset purchase programmes

16 Wolters, M. W. (2015). Quantitative Lockerung: Transmission, Auswirkung und Risiken

17 Braunberger, G. (2015, Dezember 3). Wie Anleihekäufe wirken sollen

18 EZB. (2018, Januar). Portfolio rebalancing and the transmission of large-scale asset programmes: evidence from the euro

19 Bloomberg, (o. J.). Staatsanleihen Deutschlands - Entwicklung der Rendite.

20 Franke, D. (2011, Juni 21). Euribor - Berechnung und Entwicklung

21 EZB. (o. J.). Geldmarktsätze.

22 Deutsche Bundesbank. (2015). Strukturelle Entwicklungen im deutschen Bankensektor

23 Economic Times. (2019, Dezember 26). How is net interest margin (NIM) calculated?

24 Jugend und Finanzen - Schulserviceportal. (2020, Januar 22). Das Bankensystem in Deutschland

25 OECD. (o. J.). Income Statement and Balance Sheet im Zeitraum 1999-2009

26 Neuhaus, C. (2019, Juli 12). Angezählt: 1600 Banken gibt es in Deutschland

27 RWP. (2018). BilMoG - Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz

28 Urbschat, F. U. (2018, November). The Good, the Bad, and the Ugly: Impact of Negative Interest Rates and QE on the Profitability and Risk-Taking of 1600 German Banks/

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen der Niedrigzinspolitik der EZB auf den Bankensektor
Untertitel
Eine Analyse mit Fokus auf deutsche Institute
Hochschule
Hochschule Deggendorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
45
Katalognummer
V1117249
ISBN (eBook)
9783346480132
ISBN (Buch)
9783346480149
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zinspolitik, banken, finanzwesen, wirtschaftswissenschaften, VWL, Volkswirtschaftslehre, Niedrigzinspolitik, EZB, FED, deutsche Bank, Geld, Kredit
Arbeit zitieren
Johannes von Löhneysen (Autor), 2020, Auswirkungen der Niedrigzinspolitik der EZB auf den Bankensektor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1117249

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