Wodurch wird das menschliche Denken, Handeln und Interagieren beeinflusst?

Über die Archetypen nach Carl Gustav Jung und deren Einfluss auf Film und Alltag


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Archetypen nach C.G. Jung
2.1 Das Wesen und die Wirkung von Archetypen
2.2 Zwei Archetypen im Fokus

3. Archetypen im Film und Fernsehen
3.1 Der Archetyp als Funktionsträger
3.2 Der Schatten und der alte Weise im Film

4. Archetypen im Alltag
4.1 Das 3-Wächter-Modell nach Klaus Vogt
4.2 Auswirkungen im Beruf

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine der Grundregeln der Kommunikation nach Paul Watzlawick besagt, dass „man nicht nicht kommunizieren kann, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“ (Watzlawick 1996) Dieser Grundsatz, der keines Beweises bedarf, verdeutlicht den symbiotischen Zusammenhang zwischen Verhalten und Kommunikation. Doch wodurch wird das menschliche Denken, Handeln und Interagieren mitunter beeinflusst? Um diese Frage zu beantworten, wähle ich als Erstes eine psychoanalytische Perspektive und erläutere die Theorie der Archetypen nach Carl Gustav Jung. Danach konzentriere ich mich auf die konkrete Beschreibung der Archetypen Schatten und Der alte Weise und zeige anhand von Filmbeispielen, wie diese auf fiktionaler Ebene repräsentiert und als wirkungsvolles Mittel für das Erzählen von Geschichten genutzt werden.

Im letzten Kapitel stelle ich eine Verbindung zwischen den gewonnenen Erkenntnissen zu den Wesensmerkmalen der beiden Archetypen und ihren unmittelbaren Auswirkungen auf das menschliche (Kommunikations-) Verhalten her. Dabei fokussiere ich mich auf meine Berufserfahrungen mit KollegInnen, RegisseurInnen und IntendantInnen, die ich an verschiedenen Theatern sammelte. Für die genauere Einordnung und Abgrenzung ihrer auftretenden Kommunikationsmuster, ziehe ich das Drei-Wächter-Modell nach Klaus Vogt (2004) heran. Zunächst erkläre ich dieses, anschließend erläutere ich, welche der im Modell beschriebenen emotionalen Kräfte durch die Archetypen jeweils aktiviert werden könnte, wie es das zwischenmenschliche Agieren im Theaterbetrieb beeinflusste und mache Vorschläge, wie zum Vorteil der eigenen Person darauf zu reagieren wäre.

2. Archetypen nach C.G. Jung

Einer der wichtigsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, Carl Gustav Jung, verstand die menschliche Psyche als Vereinigung von Bewusstsein und dem Unbewussten. Jung sieht im Unbewussten ein eigenständiges psychisches Phänomen, das wahrnimmt, Absichten und Ahnungen hat und ähnlich fühlt und denkt wie das Bewusstsein. (vgl. Spies 1984: 24, zitiert nach C.G. Jung 1967) Er teilt das Unbewusste in zwei grundlegend unterschiedliche Schichten ein - das persönliche- und das kollektive Unbewusste. Die oberflächliche Schicht des Unbewussten nennt Jung das persönliche Unbewusste. Es enthält verlorengegangene Erinnerungen, verdrängte, peinliche Vorstellungen und unterschwellige Wahrnehmungen, die nicht stark genug waren, um das Bewusstsein zu erreichen. (vgl. Spies 1984: 26, zitiert nach C.G. Jung 1964) Darunter befindet sich eine tiefere Schicht, das sogenannte kollektive Unbewusste. Während das persönliche Unbewusste aus Inhalten besteht, die aus dem Bewusstsein entschwunden sind, indem sie vergessen oder verdrängt wurden, sind die Inhalte des kollektiven Unbewussten nie im Bewusstsein enthalten gewesen, sondern verdanken ihr Dasein ausschließlich der Vererbung. Es ist „allgemeiner Natur“, auf dessen Bewusstseinsebene Inhalte und Verhaltensweisen lagern, die in allen Menschen die gleichen sind. (vgl. Lorenz Jung 2009: 7, zitiert nach: C.G. Jung 1934) Das kollektive Unbewusste ist sozusagen die Quelle und das Zuhause der Archetypen.

2.1 Das Wesen und die Wirkung von Archetypen

Die Inhalte des kollektiven Unbewussten bezeichnet Jung als „autonome, allgemeinmenschliche psychische Funktionsmechanismen und Neigungen.“ (Spies 1984: 31, zitiert nach C.G. Jung 1967) Carl Gustav Jung gab ihnen den Namen Archetypen. Ein Archetyp hat keine Form an sich, sondern wirkt als „organisierendes Prinzip“ auf das ein, was wir sehen oder was wir tun. Ersichtlich wird er für den Menschen in Form von symbolischen und urtümlichen Bildern, wie beispielsweise in Träumen, Visionen, Psychosen, künstlerischen Werken, Märchen und Mythen. Dabei wird der Archetypus durch seine Bewusstwerdung und das Wahrgenommen-Sein im Sinne des jeweiligen individuellen Bewusstseins, in dem er auftaucht, verändert. (vgl. Lorenz Jung 2009: 9 zitiert nach: C.G. Jung 1934) Der Beweis für die Existenz von Archetypen in der menschlichen Psyche zeigt sich für Jung in der Gleichheit mit den Instinkten. Diese haben Tiere und Menschen miteinander gemein. Zudem ist ihr Einfluss auf die persönliche Psyche in der medizinischen Psychologie allgemein anerkannt. Instinkte sind nicht-persönliche, allgemein verbreitete, vererbbare und spezifisch geformte Triebkräfte, die, lange vor jeder Bewusstwerdung und ungeachtet jeden Grades von Bewusstheit, ihre inhärenten Ziele verfolgen. Für Jung lässt diese Analogie Grund zur Annahme entstehen, dass die Archetypen das Grundmuster instinktiven Verhaltens darstellen. (vgl. Lorenz Jung 2009: 46 zitiert nach: C.G. Jung 1936) Zusätzlich behauptet er, dass Archetypen immer schon die Vorbedingung jeglicher bewusster Akte seien. Daher werden sie von ihm auch nicht-psychisch, sondern vor­psychisch benannt. „Was erfahren, das heißt bewusst wird, sind immer schon die Wirkungen der Archetypen.“ (Spies 1984: 35, zitiert nach C.G. Jung 1967) Die Wirkungen der Archetypen zeigen sich nicht nur in den urtümlichen archaischen Bildern und Vorstellungen des Unbewussten, sondern auch in der Funktion des Anordnens psychischer Vorgänge. Sie strukturieren die Psyche und bestimmen den Ablauf psychischer Prozesse. So kann beispielsweise der Archetyp Vater einerseits bildhaft in Traumgestalten in der Psyche auftreten und andererseits als moralische Autorität ordnend gegenüber verschiedenen anderen psychischen Kräften wirken. Das Wirken von Archetypen empfinden Menschen als faszinierend und das Bewusstsein gefangennehmend. (vgl. Spies 1984: 35, zitiert nach C.G. Jung 1967)

2.2 Zwei Archetypen im Fokus

Das tiefenpsychologische Konzept der Archetypen nach Jung ist ein offenes Konzept, das keine exklusive Definitionen von Archetypen und keine bestimmte Anzahl derselben enthält, sondern fest daran glaubt, dass es so viele Archetypen wie typische Situationen im Leben gibt. Es genügt auch nicht, um diese Begriffe zu wissen und über sie nachzudenken. Sie sind Erlebniskomplexe, die nicht durch Einfühlung spürbar werden, sondern schicksalsmäßig eintreten. (vgl. Lorenz Jung 2009: 32 zitiert nach: C.G. Jung 1934) Im Verlauf des Lebens treten Archetypen meistens als handelnde Persönlichkeiten in Träumen und Phantasien auf. Zwei der von Jung explizit erarbeiteten Archetypen möchte ich im Einzelnen kurz vorstellen. Der Schatten ist die dunkle Seite des Ichs, die sich zusammensetzt aus der Ansammlung persönlicher negativer Eigenschaften, die verdrängt oder verleugnet werden, weil sie nicht zu dem Bild passen, das sich jeder Mensch von sich selbst macht. (vgl. Spies 1984, zitiert nach C.G. Jung 1976) Dieser Archetyp leitet sich aus der vormenschlichen, tierischen Vergangenheit ab, als das Überleben und die Fortpflanzung die einzigen Motive des Menschen waren. In Anbetracht dessen ist der Schatten, wie bei den Tieren, weder gut noch schlecht, sondern amoralisch. Zum einen kümmert sich ein Tier zärtlich um seinen Nachwuchs und zum anderen ist es in der Lage, brutal seine Nahrung zu jagen. Doch es trifft seine Entscheidungen nicht bewusst, sondern instinktiv. Es ist "unschuldig". (vgl. Boeree 1997, 2006: 8) „Doch aus unserer menschlichen Perspektive schaut die Tierwelt eher brutal, unmenschlich aus, somit wird der Schatten etwas wie ein Mülleimer für die Anteile unserer selbst, die wir nicht so einfach eingestehen können.“ (Boeree 1997, 2006: 8) Die Begegnung mit sich selbst bedeutet zunächst die Begegnung mit dem eigenen Schatten, der sozusagen einen „Engpass“ darstellt, dessen peinliche Enge keinem, der in den tiefen Brunnen (der Erkenntnis) hinuntersteigt, erspart bleibt. (vgl. Lorenz Jung 2009: 24 zitiert nach: C.G. Jung 1934) Für Jung sind unbewusste Schattenprojektionen auf den jeweils anderen Menschen ein häufiger Auslöser für persönliche wie auch kollektive (z.B. nationale) Konflikte. Wenn sich ein Mensch diese unwillkürlichen Schattenprojektionen bewusst macht, könnten Konflikte möglicherweise schneller gelöst werden. (Einsiedeln 1990: 271, zitiert nach: Marie-Louise von Franz) Symbole für den Schatten sind beispielsweise die Schlange (wie im Garten Eden), der Drache, Monster und Dämonen.

Der alte Weise wiederum repräsentiert Geist, Sinn und Weisheit. Er ist die archetypische Gestalt, die die chaotischen Dunkelheiten des Lebens mit dem Licht des Sinnes durchdringt. Er erscheint dementsprechend als der Lehrer, der Meister, der Guru, der bis zur Erleuchtung führen kann. Er bewegt Menschen zur inneren Reinheit und Moral, wirkt als eine ausgeglichene Persönlichkeit, die in Frieden mit sich selbst und der Welt lebt und weiß seine Erfahrungen einzusetzen, um anderen zu helfen. Im Erleben dieses Archetypus erfährt auch der heutige Mensch die urälteste Art des Denkens als eine autonome Tätigkeit, deren Objekt man ist. Doch auch dieser Archetyp kann negative Aspekte in sich tragen und zum Beispiel die Rolle des Verführers spielen. (vgl. Tarya 2013: 48, zitiert nach C.G. Jung 1976) Am häufigsten erscheint der alte Weise in Märchen und Träumen in der Figur eines alten Mannes, die, oft auf hintergründige Weise, den Faktor Geist symbolisiert. Aber auch in Form von sprechenden und wissenden Tieren (Fuchs, Rabe etc.) kann er in Situationen auftauchen, wo Einsicht, Verständnis, guter Rat, Entschluss und Plan nötig, aber aus eigener Kraft, nicht mehr aufzubringen sind. In Märchen stellt dieser Archetyp dem Helden oder der Heldin meistens die Frage nach dem Wer, Warum, Woher und Wohin, um damit die Selbstbesinnung und Sammlung der moralischen Kräfte in die Wege zu leiten. Zusätzlich verleiht er die nötigen Zaubermittel, das heißt die unerwartete und unwahrscheinliche Erfolgskraft, welche eine Eigentümlichkeit der geeinten Persönlichkeit darstellt. (vgl. C.G. Jung 1946: 236)

3. Archetypen im Film und Fernsehen

Um eine Idee davon zu bekommen, wie wir Archetypen bzw. archetypische Strukturen im unmittelbaren Umfeld erkennen und deuten lernen, lohnt es sich, zuerst einen Blick auf die Filmindustrie und ihren Umgang mit den Jungianischen Erkenntnissen zu werfen. Es ist auffällig, dass den Zuschauern in Filmen immer wieder dieselben bestimmten Charaktere begegnen, die immer in gleicher Beziehung zueinander stehen, z.B. Helden, die sich auf die Suche nach einer bestimmten Sache machen oder Bösewichte, die sie vernichten wollen. Diese wiederkehrenden Figuren, Symbole und Beziehungen sind Erscheinungsformen von den von Jung beschriebenen Archetypen, welche sich mit großer Beständigkeit durch alle Zeiten und Kulturen beobachten lassen, und zwar sowohl in den Träumen und Persönlichkeitsbildern einzelner Menschen als auch in den mythischen Vorstellungen der gesamten Welt. Die Archetypen bilden einen Bestandteil der universellen Sprache des Geschichtenerzählens und dienen als unverzichtbares Werkzeug, wenn es darum geht, die Funktion eines bestimmten Charakters innerhalb einer Geschichte zu begreifen. (vgl. Vogler 2004: 80)

3.1 Der Archetyp als Funktionsträger

Es existieren so viele Archetypen, wie es menschliche Eigenschaften gibt. Diese lassen sich als Elemente in Geschichten einbauen. Doch nur wenige Archetypen sind unverzichtbar für das Erzählen von Geschichten. Dazu gehören Held, alte Weise, Schwellenhüter, Herold, Gestaltwandler, Schatten und Trickster. Bei der Entwicklung neuer Drehbücher, betrachten Autoren die Archetypen nicht als starre Zuweisung einer bestimmten Rolle an einen bestimmten Charakter, sondern als flexible Funktionsträger, die vorübergehend von einem Charakter übernommen werden können, um die Geschichte voranzubringen. Sie können also wie Masken je nach Situation von den einzelnen Figuren gewechselt werden, sodass ein Charakter in der Lage ist, im Verlauf der Geschichte die Züge mehrerer Archetypen anzunehmen. Zusätzlich kommen die Archetypen auch als personifizierte Symbole unterschiedlicher menschlicher Eigenschaften zum Ausdruck.

Die Funktion und Wesensmerkmale von Archetypen werden anhand von unterschiedlichen Filmbeispielen im folgenden Unterkapitel konkret aufgezeigt. Letztlich sollte sich der Zuschauer, um das Wesen eines Archetyps zu begreifen, immer die Fragen stellen, welche psychologische Funktion oder welchen Teil der Persönlichkeit dieser repräsentiert und was seine dramaturgische Funktion im Rahmen einer Geschichte ist. (vgl. Vogler 2004: 81 ff.)

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Details

Titel
Wodurch wird das menschliche Denken, Handeln und Interagieren beeinflusst?
Untertitel
Über die Archetypen nach Carl Gustav Jung und deren Einfluss auf Film und Alltag
Veranstaltung
Führungsqualität und Verhandlungsgeschick
Note
1,7
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V1119781
ISBN (eBook)
9783346484031
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wodurch, denken, handeln, interagieren, über, archetypen, carl, gustav, jung, einfluss, film, alltag
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Wodurch wird das menschliche Denken, Handeln und Interagieren beeinflusst?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119781

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