Äußert ein Kinderbuchautor in einem Gespräch auf eine Frage zur eigenen Kindheit die folgen-den Worte: „Kindheit verändert sich, oft ändern sich rasch die äußeren Bedingungen, die für Kinder wichtig sind: Wie sie leben, ob sie zu essen haben und ein Bett, wie die Sicherheit für ihr Leben ist, ob Krieg ist“ , dann ist in dieser Ausführung die Sichtweise einer Person zu erkennen, die auf eine große Zeitspanne im Leben zurückblicken kann. Weiterhin ist anzunehmen, dass dieser an Erfahrung reiche Mensch ebenfalls tief greifende Umstände einer Gesellschaft, wie die Kriegssituation und deren Folgen, miterlebt haben muss und in der Lage ist, diesen Zustand mit anderen Zeiten zu vergleichen. Das weiter oben aufgeführte Zitat wurde von Benno Pludra geäußert. Pludra ist ein Autor, der seit über fünfzig Jahren für Kinder und Jugendliche schreibt und zu den bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zählt. Auch die Wiedervereinigung tat Pludras schriftstellerischem Schaffen keinen Abbruch - das Lebenswerk des inzwischen einundachtzigjährigen Autors reicht bis in die Gegenwart hinein. Als besondere Auszeichnung erhielt er im Jahr 2004 den Deutschen Jugendliteraturpreis.
Der Autor beschreibt sein Interesse, für Heranwachsende Geschichten verfassen zu wollen, mit den folgenden Worten: „Ich denke mir nichts aus, um Kindern damit gefällig zu sein, es stellt sich vielmehr von selber etwas her: ein Vorgang, eine Idee, allmählich kommt eine Geschichte“ . Charakteristisch für Pludra ist, dass er in seinen Ideen, die einer Geschichte vorausgehen, immer wieder der Frage nachgeht, auf welche Art und Weise ein Kind als Individuum mit sich selbst und in der Gemeinschaft mit seiner Umwelt lebt. Dieser Aspekt wird in der vorliegenden Arbeit als Untersuchungsgegenstand aufgegriffen. Im Mittelpunkt steht hierbei die Frage, wie Kindheit in ausgewählten Texten von Benno Pludra literarisch dargestellt wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Darstellung von Kindheit ebenfalls an verschiedene Faktoren gebunden ist. Die Vorstellung von Kindheit unterliegt einem sich stetig wandelnden Prozess - historische Aspekte sowie kulturelle Kontexte wirken auf das bestehende Bild von Kindheit ein. Vor diesem Hintergrund ist hier ebenfalls nach einem möglichen Wandel der Kindheitsdarstellung in Pludras Werk zu fragen. [...]
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Kindheit als Darstellungsgegenstand
1.1. Zur Entstehung des Kindheitsbegriffs
1.2. Zum Wandel des kulturellen Verständnisses von Kindheit
1.2.1. Zu den Einflüssen im 18. Jahrhundert unter Jean-Jacques Rousseau
1.2.2. Von der Zeit der Aufklärung zum „Jahrhundert des Kindes“
1.2.3. Zur Entstehung eines „Mythos vom Kind“
1.3. Zur heutigen Begriffsbestimmung von Kindheit
2. Zur Kindheit in der Deutschen Demokratischen Republik
2.1. Zur Sicht auf Kindheit nach 1945
2.2. Zu Konstruktionen von Kindheiten in der SBZ/DDR
2.2.1. Kindheit in der Nachkriegszeit
2.2.1.1. Zu Nachkriegskindheiten in der geteilten Stadt Berlin
2.2.1.2. Zu den kulturellen Maßnahmen in Berlin
2.2.2. Kindheit in der Periode des Aufbaus des Sozialismus
2.2.2.1. Zur Kinderorganisation „Jung- und „Thälmannpioniere“
2.2.2.2. Zur Jugendorganisation „Freie Deutsche Jugend (FDJ)“
2.2.3. Kindheit in der sozialistischen Moderne
2.2.4. Kindheit in einer Konfliktsituation
3. Zu theoretischen Aspekten von Kinder- und Jugendliteratur
3.1. Zur Terminologie der Kinder- und Jugendliteratur
3.2. Zum Handlungs- und Symbolsystem als Subsysteme der KJL
3.3. Zum Literatursystem in der DDR in systemtheoretischer Sicht
3.4. Zum Kinder- und Jugendliteratursystem in der DDR
4. Zur Darstellung von Kindheit im Werk von Benno Pludra
4.1. Zur Biografie von Benno Pludra
4.2. „Sheriff Teddy“ (1956)
4.2.1. Zum Inhalt
4.2.2. Zum Textanfang
4.2.3. Zum Erzähler
4.2.3.1. Erzählanalyse nach Franz K. Stanzel
4.2.3.2. Erzählanalyse nach Jürgen H. Petersen
4.2.4. Zu den Figuren
4.2.4.1. Zur Hauptfigur Kalle Becker
4.2.4.2. Zur Nebenfigur Andreas Müller
4.2.4.3. Zur Nebenfigur Wilhelm Becker
4.2.4.4. Zur Nebenfigur Robert Becker
4.2.5. Zum Textende
4.2.6. Zur Darstellung von Kindheit am Beispiel der Hauptfigur
4.2.6.1. Zur Eltern-Kind-Beziehung
4.2.6.2. Zu Kindheit und Gewalt
4.2.6.3. Zu Kindheit und Freizeit
4.2.6.3.1. Zur Freizeitgestaltung
4.2.6.3.2. Zur Beeinflussung durch Medien
4.2.6.4. Zu Kindheit und Lebensraum
4.2.6.5. Zu Kindheit und staatlichen Organisationen
4.2.6.5.1. Zu Kindheit und Schule
4.2.6.5.2. Zu Kindheit und Pionierorganisation
4.2.6.5.3. Zu Kindheit und staatlicher Aufsicht (Polizei)
4.2.6.6. Zur Peergroup / Zu Bezugspersonen
4.3. „Tambari“ (1969)
4.3.1. Zum Inhalt
4.3.2. Zum Textanfang
4.3.3. Zum Erzähler
4.3.3.1. Zur Erzählanalyse nach Franz K. Stanzel
4.3.3.2. Zur Erzählanalyse nach Jürgen H. Petersen
4.3.4. Zu den Figuren
4.3.4.1. Zur Hauptfigur Jan Töller
4.3.4.2. Zur Nebenfigur Heinrich Töller
4.3.4.3. Zur Nebenfigur Hendrik Wendenpapp
4.3.5. Zum Textende
4.3.6. Zur Darstellung von Kindheit am Beispiel der Hauptfigur
4.3.6.1. Zur Eltern-Kind-Beziehung
4.3.6.2. Zu Kindheit und staatlichen Organisationen
4.3.6.2.1. Zu Kindheit und Schule
4.3.6.2.2. Zu Kindheit und Pionierorganisation
4.3.6.2.3. Zu Kindheit und PRODUKTION / Gemeinde
4.3.6.3. Zu Kindheit und Lebensraum
4.3.6.4. Zu Kindheit und Freizeit
4.3.6.5. Zu Kindheit und Gewalt
4.3.6.6. Zur Peergroup / Zu Bezugspersonen
4.4. „Insel der Schwäne“ (1980)
4.4.1. Zum Inhalt
4.4.2. Zum Textanfang
4.4.3. Zum Erzähler
4.4.3.1. Zur Erzählanalyse nach Franz K. Stanzel
4.4.3.2. Zur Erzählanalyse nach Jürgen H. Petersen
4.4.4. Zu den Figuren
4.4.4.1. Zur Hauptfigur Stefan Kolbe
4.4.4.2. Zur Nebenfigur Hermann Kolbe
4.4.4.3. Zur Nebenfigur Susanne Kolbe
4.4.4.4. Zur Nebenfigur Hubert Himmelbach
4.4.5. Zum Textende
4.4.6. Zur Darstellung von Kindheit am Beispiel der Hauptfigur
4.4.6.1. Zur Einordnung des Textes
4.4.6.2. Zu Kindheit und staatlichen Organisationen
4.4.6.2.1. Zu Kindheit und Schule / Pionierorganisation
4.4.6.2.2. Zu Kindheit und Bauorganisation
4.4.6.3. Zu Kindheit und Lebensraum
4.4.6.4. Zu Kindheit und Freizeit
4.4.6.5. Zur Eltern-Kind-Beziehung
4.4.6.6. Zu Kindheit und Gewalt
4.4.6.7. Zur Peergroup / Zu Bezugspersonen
5. Zu Aspekten des Wandels im Werk von Benno Pludra
5.1. Zur Eltern-Kind-Beziehung
5.1.1. Zur Mutter-Kind-Beziehung
5.1.2. Zur Vater-Kind-Beziehung
5.2. Zum Verhältnis von Kindheit und Pionierorganisation
5.3. Zum Verhältnis von Kindheit und Schule
5.4. Zur Peergroup / Zu den Bezugspersonen
5.5. Zu den Lebensräumen
5.6. Zu den Freizeitbeschäftigungen
5.7. Zu den erzähltheoretischen Aspekten
6. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Kindheit im Werk des Autors Benno Pludra. Im Fokus steht die Frage, wie Kindheit als eigenständige Lebensphase in ausgewählten Kinderbüchern gestaltet wird und inwiefern sich diese Darstellungen im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse innerhalb der DDR gewandelt haben.
- Historische Entwicklung des Kindheitsbegriffs und kindliche Identitätsbildung
- Kindheit und Sozialisation im Kontext der politischen Systeme der SBZ und DDR
- Systemtheoretische Analyse von Kinder- und Jugendliteratur
- Erzähltheoretische Untersuchung exemplarischer Werke ("Sheriff Teddy", "Tambari", "Insel der Schwäne")
- Wandlungsprozesse der Darstellung von Familie und Peergroup in Pludras Werk
Auszug aus dem Buch
4.2.6.5.3. Zu Kindheit und staatlicher Aufsicht (Polizei)
In „Sheriff Teddy“ ist besonders die Darstellung der Figur des Unterkommissars Dienhagen und dessen Funktion im Handlungsgeschehen von Bedeutung. Nach dem Diebstahl des Bootes und der Festnahme auf dem Seddinsee begegnen Kalle und Andreas dem Unterkommissar Dienhagen zum ersten Mal.
Dabei ist es signifikant, dass sich das Aussehen und das Auftreten der Figur Dienhagen konträr zu Kalles Fantasiegestalten gestaltet („Er sah anders aus und sprach anders als sämtliche Sheriffs, Grenzreiter, Kriminalisten und Detektive, denen Kalle in seinen zahllosen Schmökern begegnet war.“).
Die Darstellung der Comichelden, in den Wild-West-Filmen und den Heften, beflügelte Kalles Fantasie. Es entstand in Kalle eine romantische Vorstellung der Lebenswelt der Kommissare. Die Sachlichkeit, mit der der Unterkommissar den Jungen entgegen tritt, enttäuscht Kalles Erwartungen. Auch der Anblick der kargen Einrichtung im Polizeirevier mündet in Ernüchterung („Das sollte das Zimmer eines Kriminalisten sein? So nüchtern, so kalt, so unromantisch wie jeder beliebige Büroraum. Kalle konnte es nicht fassen.“).
Es gilt zu betonen, dass Dienhagen den Kindern in „Sheriff Teddy“ sehr zugewandt ist. Während Kalle Schläge als Strafe erwartet, eröffnet der Kommissar das Gespräch mit beiden Jungen. Dabei verlangt Dienhagen in seinem Verhör eine bewusste Offenheit von Kalle und Andreas. Da Wilhelm Becker in seiner neuen Heimat als ordentlicher Bürger gelten möchte, ruft Kalles Kontakt mit der Polizei in ihm Aggressivität und Wut hervor. Dies erkennt Dienhagen und er setzt sich öffentlich dafür ein, dass Kalle nicht geschlagen wird. Er versucht zwischen beiden Parteien zu vermitteln und möchte den wütenden Wilhelm Becker in einem Gespräch von der Sinnlosigkeit der Brutalität überzeugen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand der literarischen Kindheitsdarstellung bei Benno Pludra und erläutert die methodische Herangehensweise unter Einbezug historischer und systemtheoretischer Aspekte.
1. Kindheit als Darstellungsgegenstand: Dieses Kapitel zeichnet die historische Genese des Kindheitsbegriffs nach und diskutiert den Wandel kultureller Kindheitsbilder von der Aufklärung bis zur Moderne.
2. Zur Kindheit in der Deutschen Demokratischen Republik: Hier werden die spezifischen Bedingungen des Aufwachsens in der SBZ und DDR, inklusive der Rolle staatlicher Massenorganisationen wie der FDJ und Pioniere, detailliert beschrieben.
3. Zu theoretischen Aspekten von Kinder- und Jugendliteratur: Dieses Kapitel legt die literaturwissenschaftlichen Grundlagen dar, insbesondere durch eine systemtheoretische Perspektive auf die Kinder- und Jugendliteratur (KJL) in der DDR.
4. Zur Darstellung von Kindheit im Werk von Benno Pludra: Der Hauptteil analysiert exemplarisch die drei Romane "Sheriff Teddy", "Tambari" und "Insel der Schwäne" hinsichtlich erzähltheoretischer Grundlagen und inhaltlicher Kindheitskonstruktionen.
5. Zu Aspekten des Wandels im Werk von Benno Pludra: Dieses Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und fokussiert auf die Wandlungsprozesse in den Figurenbeziehungen, Familienkonstellationen und Lebensräumen in Pludras literarischem Werk.
6. Schlussfolgerung: Die Schlussbetrachtung resümiert, wie Pludra gesellschaftliche Veränderungen in seinen Texten literarisch verarbeitet und welche Bedeutung Hoffnung und Menschlichkeit in seinem Schaffen einnehmen.
Schlüsselwörter
Benno Pludra, Kindheit, DDR-Kinderliteratur, Sozialisation, Pionierorganisation, Erziehungsinstanz, Modernisierung, Kindheitsbilder, Sheriff Teddy, Tambari, Insel der Schwäne, Vater-Sohn-Beziehung, Systemtheorie, DDR-Literatur, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Kindheit in ausgewählten Werken des DDR-Autors Benno Pludra und analysiert, wie sich diese Kindheitsbilder im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR verändert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die historische und kulturelle Konstruktion von Kindheit, die staatliche Einflussnahme auf die Sozialisation in der DDR, erzähltheoretische Textanalysen sowie die Analyse von Familienstrukturen und Lebenswelten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Verfasserin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Pludra kindliche Individuen und deren Interaktion mit ihrer Umwelt literarisch gestaltet und welche Rückschlüsse dies auf die Bedingungen des Aufwachsens in der DDR zulässt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, systemtheoretische Ansätze zur Literatur und erzähltheoretische Modelle nach Stanzel und Petersen, um die Tiefenstruktur der Texte zu erschließen.
Welche Romane stehen im Zentrum der Analyse?
Analysiert werden "Sheriff Teddy" (1956), "Tambari" (1969) und "Insel der Schwäne" (1980), um eine Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg abzubilden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Kindheit, DDR, Benno Pludra, Sozialisation, Kinderliteratur, systemtheoretische Literaturanalyse, Kindheitsdarstellung, moderne Gesellschaft.
Wie verändert sich die Vater-Sohn-Beziehung in Pludras Werken?
Während in früheren Werken oft physische Gewalt dominiert, verschieben sich die Konflikte in späteren Werken stärker auf eine psychologische Ebene, geprägt durch die Unfähigkeit der Väter, ihre väterliche Rolle unabhängig von beruflichen Zwängen auszufüllen.
Welche Rolle spielt die Natur in den untersuchten Romanen?
Die Natur wird zunehmend romantisiert und bildet einen Kontrast zum urbanen, staatlich durchorganisierten Lebensraum, wobei der Verlust der natürlichen Umgebung den Identitätsverlust der kindlichen Figuren symbolisiert.
Was ist die Schlussfolgerung bezüglich des Wandels des DDR-Staates in den Texten?
Pludra dokumentiert den Wandel von einer Zeit anfänglicher Offenheit hin zu einer zunehmend geschlossenen und durchorganisierten Gesellschaftsform, in der Individualität kaum noch Entfaltungsspielraum besitzt.
- Quote paper
- Bernadette Wiederhold (Author), 2006, Zur Darstellung von Kindheit im Werk von Benno Pludra, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112721