Ist Wedekinds Lulu als ein „monstre“ konstruiert, die ihre Sinnlichkeit mit Brutalität einsetzt, um das männliche Kollektiv zu massakrieren, wie es das Gewaltphantasma um 1900 postulieren will? Um dieser und der Frage nach der Problematik der Weiblichkeitsimaginationen um 1900 nachzugehen werden im Folgenden verschiedene Motive von Frank Wedekinds letzter Fassung des Lulu-Komplex (Version 1913) aufgegriffen und analysiert. Auf diskursgeschichtliche Aspekte, etwa Sigmund Freuds Psychoanalyse oder Otto Weiningers Geschlechtertheorie, wird verwiesen, um den Zusammenhang von zeitgenössischer Sexualwissenschaft und Literatur zu verstehen. Um eine geeignete Begrifflichkeit für das suggestiv-böse "monstre"-Bild, dessen Schnittmenge mit der zentralen Figur der Lulu abgeglichen werden soll, zu verwenden, wird der um 1900 populäre Weiblichkeitstypus der femme fatale gewählt. Die Kategorien "Urwesen", "Triebwesen" und "Machtwesen", die in der Begriffsbestimmung der femme fatale eine wichtige Rolle spielen, werden dabei ausführlich skizziert.
Inhaltsverzeichnis
1. Männliche Gewaltphantasien um 1900
2. Lulu als Imago der Femme fatale
2.1 Das Urwesen
2.2 Das Triebwesen
2.3 Das Machtwesen
3. Das Patriarchat
3.1 Die Bourgeoisie – Der Leitfaden des Patriarchats
3.2 Die Demi-Monde: Gestalten der Halbwelt
3.3 Das Dirnenmilieu: Heterotopie des bürgerlichen Raums
4. Auswertung: Die Wurzel des Bösen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion der zentralen Figur Lulu in Frank Wedekinds Lulu-Dramen als Femme fatale. Dabei wird analysiert, wie männliche Projektionen und patriarchale Strukturen um 1900 die Wahrnehmung der weiblichen Sexualität als bedrohliches „Böses“ prägten und wie diese Dynamik zur Destruktion des bürgerlichen Ordnungsgefüges führt.
- Analyse des Femme-fatale-Mythos im Fin de Siècle
- Untersuchung der männlichen Gewaltphantasien und Abwehrmechanismen
- Analyse der Raumkonzeptionen (Bourgeoisie, Demi-Monde, Dirnenmilieu)
- Dekonstruktion von Geschlechterrollen und Machtverhältnissen
- Untersuchung der psychologischen Dimensionen von Narzissmus und Triebhaftigkeit
Auszug aus dem Buch
2.3 Das Machtwesen
Das Bild des sexuell aktiven, göttlich-animalischen Urwesens wird nun um ein Motiv erweitert: das der alles dominierenden Macht. „Getrieben von einem Willen zur Macht ist [die femme fatale] bereit, über Leichen zu gehen“46, erklärt Hilmes. Aus der femme fatale wird eine Art „femme au pouvoir“, eine „Machtfrau“, die, um ihre Ziele zu erreichen, sittlich-moralische Grenzen übertritt. Die Grundlage ihrer Macht basiert auf einem unheilvollen Komplex aus Narzissmus und Voyeurismus, welche die femme fatale nur unter übersteigerter Selbstbezogenheit und mangelnder Empathie erreicht. Diese Wesenszüge kulminieren im Erdgeist in dem Momentum, in dem Lulu, die sich durchgehend von Spiegelelementen angezogen fühlt47, über sich sagt: „Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen... (sich unterbrechend) mein Mann!“ [LEB, Erdgeist, S.108].
Lulu verkörpert das Narziss-Motiv – ihr heteromorpher Blick vermittelt, folgt man der Theorie Lacans, einer „narzißtischen Identifikation, [...] [bei welcher der] psychotisch fragmentierte [...] [Körper] ein Bild der eigenen illusionären Vollkommenheit [bildet]“48. Diese Form des Narzissmus konzentriert sich allerdings weniger auf autoerotisch-laszive Elemente, wie sie in den zeitgenössischen Werken Notre Cœur (Maupassant) oder Fräulein Else (Schnitzler)49 zu finden sind, sondern mehr auf den vollkommenen Partner, den sie in sich erkennt – der Spiegel fixiert diese bildliche Erstarrung des Begehrens. Die narzisstische Mischung aus Selbstbewusstsein und –distanz entspricht dem Typus der femme fatale. Wendekind lehnt sich damit dem „Motiv der sich spiegelnden Frau“ an, die in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts durch ihre Selbstgefälligkeit und verhängnisvollen Narzissmus faszinierte.50
Zusammenfassung der Kapitel
1. Männliche Gewaltphantasien um 1900: Dieses Kapitel verortet das Lulu-Drama im kulturellen Kontext des Fin de Siècle, in dem die Angst vor der weiblichen Sexualität von Psychologen und Künstlern als dämonisches „Rätsel“ stilisiert wurde.
2. Lulu als Imago der Femme fatale: Es werden die konstitutiven Merkmale der Femme fatale analysiert, wobei Lulu in die Kategorien Urwesen, Triebwesen und Machtwesen unterteilt und als Projektionsfläche männlicher Ängste identifiziert wird.
3. Das Patriarchat: Dieses Kapitel untersucht das gesellschaftliche Umfeld der Lulu-Dramen und zeigt auf, wie die patriarchale Ordnung durch die Figur Lulu in unterschiedlichen Räumen vom Bürgertum bis zum Dirnenmilieu untergraben wird.
4. Auswertung: Die Wurzel des Bösen: Die abschließende Analyse resümiert, dass Lulu keine eigenständige „böse“ Frau ist, sondern eine Allegorie und Projektionsfläche, die Männer konstruiert haben, um ihre eigene Systemkrise und Angst vor dem anderen Geschlecht zu verarbeiten.
Schlüsselwörter
Lulu, Frank Wedekind, Femme fatale, Patriarchat, Fin de Siècle, Geschlechterrollen, Projektion, Macht, Triebhaftigkeit, Narzissmus, Bourgeoisie, Dirnenmilieu, Gewaltphantasien, Dekonstruktion, Weiblichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur der Lulu in den Dramen von Frank Wedekind als eine literarische Manifestation des Femme-fatale-Mythos im Kontext der gesellschaftlichen Diskurse um 1900.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Machtdynamiken zwischen den Geschlechtern, die männliche Angst vor weiblicher Sexualität, sowie die Rolle von Projektionen und die Struktur bürgerlicher Moralvorstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu zeigen, dass Lulu weniger als individuelles „Monster“ zu verstehen ist, sondern als eine von Männern geschaffene Projektionsfläche, deren „Böses“ erst durch das bürgerliche Patriarchat konstruiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert literaturwissenschaftliche Textanalyse mit diskursgeschichtlichen Ansätzen, wobei sie auf psychoanalytische Konzepte (z.B. Freud, Lacan) sowie Raumkonzeptionen nach Juri Lotman und Michel Foucault zurückgreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Lulus Facetten als Ur-, Trieb- und Machtwesen, untersucht die männlichen Gegenspieler und deren narzisstische Abwehrmechanismen sowie die soziotopischen Räume des Dramas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind insbesondere Femme fatale, Patriarchat, Projektion, Narzissmus, Triebhaftigkeit und die Dekonstruktion männlicher Geschlechteridentität.
Inwiefern spielt der Spiegel eine Rolle für Lulus Charakter?
Der Spiegel fungiert als zentrales narzisstisches Motiv, das Lulus „heteromorphen Blick“ und ihre Suche nach einer eigenen Identität zwischen den ihr zugeschriebenen Fremdbildern (wie Nelli, Eva oder Mignon) verdeutlicht.
Warum endet Lulus Geschichte im „Dirnenmilieu“?
Der Abstieg in das Dirnenmilieu repräsentiert den Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung und verdeutlicht Lulus Verdinglichung, wobei sie von einer fremdbestimmten Ehefrau zu einer „Ware“ in einer von Profitgier beherrschten Unterwelt wird.
Welche Bedeutung hat Jack the Ripper im Kontext der Arbeit?
Jack the Ripper wird als Repräsentant einer destruktiven, rationalisierten Männlichkeit gedeutet, der durch seine „medizinisch-wissenschaftliche“ Vorgehensweise Lulu als Subjekt endgültig auslöscht und damit die Sanktion des Patriarchats vollstreckt.
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- Sophia Wimmer (Author), 2020, Wedekinds Lulu zwischen Gesellschaft, Erotik und Gewalt. Männliche Gewaltphantasien, La Femme fatale und das Patriarchat um 1900, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1127241