Deutsche und chinesische Chatsprache. Ähnlichkeiten und Unterschiede


Seminararbeit, 2015

24 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Rahmenbedingungen und Merkmale der Chatsprache

2. Besonderheiten der Deutschen und Chinesischen Chatsprache
2.1. Schriftliche Mündlichkeit
2.1.1. Ellipsen und anakoluthische Satzkonstruktionen
2.1.2. Iterationen
2.1.3. Lautmalerei
2.1.4. Regionalismen
2.2. Kürzungen
2.2.1. Übernahme englischer Akronyme
2.2.2. Kürzungen der Landessprache
2.3 Graphostilistische Mittel
2.3.1. Groß-Kleinschreibung und Interpunktion
2.3.2. Homophone
2.3.3. Leetspeak vs. Marssprache
2.4 Grammatische Abweichungen durch ‚Anglizierung‘
2.4.1. Anglizismen mit deutscher Grammatik und vice versa
2.4.2. Englische Gramma tik mit chinesischen Schriftzeichen
2.5 Weitere chinesische Neologismen
2.5.1. Modewörter auf Chinglish
2.5.2. Extension der Bedeutung chinesischer Lexeme
2.5.3. Bedeutungsänderung durch Neukombinierung chinesischer
2.5.4. Kreation neuer Schriftzeichen

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Internet beeinflusst und verbindet heutzutage wie kein anderes Medium den Alltag unzähliger Menschen. Online-basierte Kommunikation liegt zunehmend im Trend, vor allem die Nutzung von Chatprogrammen oder in Online-Chaträumen, wo man nahezu synchrone schriftliche Unterhaltungen führen kann, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Damit einhergehend haben sich unter dem Zeitgeist zunehmender Individualisierung und Zeitknappheit neue Sprachformen ausgebildet, welche sich aus ihrer ursprünglichen Willkürlichkeit heraus zu gängigen Online-Sprachen verfestigt haben. Besonders begeisterte Chatter kurbeln die Entwicklung dieser neuen Sprache an.

In Deutschland zählte Chatten im Jahr 2014 mit knapp 17 Millionen Nutzern (30% der Gesamtnutzer des Internets) zur beliebtesten Beschäftigung im Internet, und auch die größte Internetnation der Welt China findet mit über 560 Millionen Nutzern (89% der Gesamtnutzer des Internets) großes Gefallen am Online-Chat (Statista 2015-a, ARD-ZDF-Online-Studie 2015; CNNIC 2014: 13ff, 34, 44). Vor allem das männliche Geschlecht vertreibt sich in diesen beiden Ländern gerne die Zeit mit Instant Messaging (Destatis 2015, CNNIC 2014: 18). Vergleicht man verschiedene Altersgruppen, so sind es vor allem Jugendliche und Studenten, welche diese Form der Online-Kommunikation nutzen und ihre Kreativität in die Erfindung neuer sprachlicher Ausdrücke einfließen lassen (CNNIC 2014: 20, 34, Runkehl/ Schlobinski/ Siever 2009: 2).

Da bei der standardschriftlichen Online-Kommunikation „gegenüber gesprochensprachlichen Äußerungen […] Dekodierungshilfen wie Intonation, Gestik und Mimik nicht zur Verfügung stehen“ (Mathias, Runkehl, Siever 2014: 76), hat sich also im Laufe der Zeit unter den Chatteilnehmern eine eigene Sprache mit regional unterschiedlichen „funktionalen Schriftsprachvarianten, die…in Konkurrenz zu Standardisierungs- und Normierungsprozessen“ (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 2009: 7) stehen, entwickelt. Die Chatteilnehmer spielen mit ihrem sprachlichen Schreibstil und schaffen neue, hybride Ausdrücke, vermischen unter Einfluss von modernen Medien wie Fernsehen, Online-Spielen und modernen Musiktexten verschiedene Sprachstile, Dialekte und Umgangssprachen zu einer neuen Sprache (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 115). Dadurch festigen und intensivieren die Kommunikationspartner ihre interaktiven Beziehungen. Zudem kommt es zur Herausbildung einer nach außen abgegrenzten sprachlichen Online-Gemeinschaft, von welcher Nicht-Wissende, d.h. Menschen mit wenig bis keiner Chaterfahrung, aufgrund mangelnden Verständnisses ausgegrenzt sind (vgl. Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 116).

In Deutschland wie in China finden sich, inspiriert durch die zunehmende Entwicklung hin zu einem Massenphänomen, erst Ende des 20. Jahrhunderts erste Publikationen über das Forschungsfeld der Netzlinguistik (Wilde 2002:3, (Shuai 2012: 15). Wie die Chinesische bzw. Deutsche Internetsprache momentan aussieht und wo gleiche bzw. unterschiedliche Mechanismen greifen, wird im Folgenden genauer untersucht werden.

Es wird zunächst zum erweiterten Verständnis der Begriff der Chatsprache sowie seine Rahmenbedingungen näher definiert und für diese Seminararbeit eingegrenzt. Nach einer Einführung über allgemeine Merkmale der Chat-Kommunikation werden die Besonderheiten der Chinesischen und der Deutschen Chatsprache analysiert, und soweit möglich, miteinander verglichen werden. Dabei wird zuerst der Aspekt der schriftlichen Mündlichkeit aufgegriffen, welcher eine besondere Eigenheit der Chatsprache ausmacht und sie zugleich von anderen online-basierten Kommunikationsarten abgrenzt. Im nächsten Unterkapitel wird durchleuchtet, inwiefern die beiden Chatsprachen der Vorliebe ihre Nutzer genüge tun, sich so schnell und abgekürzt wie möglich unterhalten zu können. Anschließend werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Chatsprachen bezüglich der Variation ihrer Graphostilistischen Mittel untersucht werden. Als nächster Punkt soll analysiert werden, inwieweit die englische Grammatik Einfluss auf die Chatsprachen ausübt.

Schließlich werden noch eine Auswahl weiterer Variationen der vielfältigen Chinesischen Chatsprache vorgestellt, die es in der Deutschen Chatsprache in dieser Form nicht gibt. Abschließend werden die herausgearbeiteten Punkte in meiner Schlussfolgerung zusammengefasst.

Ziel dieser Arbeit ist es, die grundlegenden Möglichkeiten, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und chinesischen Chatsprache darzulegen.

Weil es den Rahmen dieser Seminararbeit übersteigen würde, sämtliche Punkte der beiden Chatsprachen auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin zu analysieren, werde ich mich im Folgenden auf die meiner Meinung nach grundlegendsten und für einen Vergleich am interessantesten Kriterien beschränken. Dabei werde ich den Vergleich von Emoticons aufgrund der mittlerweile ohnehin globalen Vermischung und zunehmenden Verdrängung derselben, von in modernen Chatprogrammen bereits integrierten Auswahlmöglichkeiten an (teilweise sogar bewegten) Piktogrammen und Smileys ebenso vernachlässigen, wie die Auseinandersetzung mit dem deutschsprachlichen Phänomen der Entstehung sogenannter Inflektive (wie etwa *freu*, *grins*, *kaputtlach*) in der Chatsprache, welches grob dem Thema Lautmalerei zugeordnet werden könnte, jedoch ein zu umfangreiches Thema darstellt, um hier besprochen zu werden (s. Siever 2015-b).

1. Rahmenbedingungen und Merkmale der Chatsprache

Mit der Bezeichnung Chatsprache können zum einen Fachausdrücke der Computer- und Internettechnologie bzw. Fachausdrücke welche die Internetkultur beschreiben gemeint sein. Diese Seminararbeit bezieht sich unter Verwendung dieser Umschreibung jedoch ausschließlich auf die dritte Bedeutung, nämlich auf die spezielle Sprache, welche vor allem in Chaträumen und in abstrahierter Form auch in online-basierten sozialen Netzwerken, Foren, Spielen, Emails etc. benutzt wird (Shuai 2012: 16).

Beim schriftlichen Chat (von engl. chat: informelle Unterhaltung) handelt es sich um eine direkte, nahezu synchrone und wechselseitige Keyboard-to-Screen-Kommunikation via Internet, d.h., sofern beide (oder mehrere) Chatpartner gleichzeitig online sind, können sie quasi-synchron miteinander kommunizieren, indem sie sich gegenseitig über die Tastatur am Computer (oder anderen technischen Geräten mit Internetzugriff) Nachrichten schreiben und abschicken, die dann nahezu zeitgleich auf dem Bildschirm des Adressaten erscheinen (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 2009: 8, Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 72f, Mathias, Runkehl, Siever 2014: 154). Dabei kann im one-to-one (Partner-Chat) oder many-to-many-Format (Gruppenchat) gechattet werden (Mathias, Runkehl, Siever 2014: 154).

Chatnachrichten sind verglichen mit anderen Messaging-Formen relativ kurz, um dem Empfänger schnelles Reagieren zu ermöglichen. Gleichzeitig entsteht dabei ein Gefühl wie bei einer mündlichen Face-to-Face-Kommunikation, wodurch sich das Chatten von anderen textbasierten Online-Kommunikationsformen wie die Email oder soziale Netzwerke unterscheidet (Wikipedia 2015). Konzeptuelle Ansätze von Mündlichkeit in einer medial schriftlichen Kommunikationsform sind somit ein besonderes Phänomen der Chatsprache (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 2009, Wilde 2002: 10). Die „schriftsprachlichen Varianten in der Chat-Kommunikation sind […] Ausdruck veränderter Schreibpraxen vor dem Hintergrund der computer- und handybasierten Technik einerseits (speziell der Tastaturbedienung) und der sprechsprachlichen Konzeptionalität andererseits“ (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 2009: 8). So finden beispielsweise Umgangssprachen und Dialekte häufig verschriftlichte Nutzung unter Chatpartnern (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 2009: 8). Weiter lässt sich eine zunehmende Verbildlichung durch die Nutzung von (teils animierten) Emoticons feststellen, welche die schriftliche Umschreibung von Objekten ersetzen (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 2009: 8).

Die Orte an denen Chatsprache entsteht, sind zahlreich. Allgemein lässt sich zwischen dem Online-Chat IRC (kurz für Internet Relay Chat, läuft über einen eigenen Client), dem Webchat (web-basiert über einen Browser), und dem Chat mithilfe von Instant Messenger Programmen und Applikationen (kurz: Apps) differenzieren (Wilde 2002: 4). Als Vater des Chatprogramms gilt der 1988 vom finnischen Studenten Jarkko Oikarinen entwickelte IRC, ein Echtzeit-Chatsystem mit themenspezifischen, virtuellen Kanälen, in welchen Gleichgesinnte in öffentlichen Chats zusammenkommen können (Runkehl, Schlobinski, Siever 1998: 73). Die breite Masse bevorzugt mittlerweile die leichter zu bedienenden Webchats, welche ebenfalls in verschiedene Chaträume untergliedert sind, jedoch über einen beliebigen Webbrowser wie beispielsweise den Microsoft Internet Explorer (nach erfolgreicher Online-Registrierung) zugänglich sind. Neben dem öffentlichen Chat, wo jeder Chatteilnehmer sämtliche geschriebenen Kommentare mitverfolgen kann, gibt es auch die Möglichkeit, durch Markierung der Namen in der Teilnehmerliste der momentan Anwesenden in einem privaten Chat nur mit ausgewählten Personen zu kommunizieren. Webchats werden allgemein eher dazu genutzt, um neue Leute kennenzulernen oder alte Online-Freunde wiederzutreffen (Wikipedia 2015). Außerdem gibt es sogenannte Expertenchats, d.h. moderierte Webchats, in welchen mit meist prominenten Personen eine geführte Unterhaltung über ein zuvor festgelegtes Thema stattfindet (Wilde 2002: 4).

Am beliebtesten sind heutzutage jedoch Instant-Messenger-Programme, welche zunächst auf dem Computer oder als Zusatzapplikation auf dem Smartphone oder Tablet installiert werden müssen (Mathias, Runkehl, Siever 2014: 149). Die Chatteilnehmer kennen sich normalerweise persönlich, und können über einen Benutzernamen oder im Handy über die Telefonnummer zu einer permanenten Teilnehmerliste hinzugefügt werden. Sowohl Partner-, als auch Gruppenchats können getätigt werden.

In Deutschland gehören zur Zeit multimediale Programme wie Skype, der webbasierte FacebookMessenger und der Smartphone Instant Messenger WhatsApp zu den beliebtesten Chatumgebungen, während in China, wo viele ausländische Programme gesperrt sind, die Firma Tencent QQ die miestgenutzten Messagingprogramme anbietet, namentlich QQ und seine Smartphone-basierte kleine Schwester WeChat (Statista 2015-b, Statista 2015-c, Mathias, Runkehl, Siever 2014: 149). Allgemein findet Instant Messaging sowohl in China als auch in Deutschland mit steigender Tendenz bevorzugt mobil mithilfe von Smartphones statt (vgl. Statista 2015-d; CNNIC 2014: 34).

Genau genommen müssen bei jeder der aufgeführten Chatformen, ob freie (lockerer) oder geführte, öffentliche (anonymer) oder private (intimer), Gruppen- oder Partner-Chats situationsbedingte Unterschiede in der Sprechweise berücksichtigt werden, welche von zahlreichen Faktoren bestimmt werden. Im Folgenden sollen jedoch allgemeine Sprachtendenzen der Deutschen und der Chinesischen Chatsprache aufgezeigt und miteinander verglichen werden (vgl. (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 113).

2. Besonderheiten der Deutschen und Chinesischen Chatsprache

Nachdem die allgemeinen Rahmenbedingungen und Merkmale der Chatsprache erläutert wurden, soll im Folgenden auf die unterschiedlichen und gemeinsamen Mechanismen der Deutschen bzw. Chinesischen Chatsprache eingegangen werden.

Chatten im Internet ist heutzutage so beliebt, weil es eine kostengünstige und einfache Möglichkeit bietet, mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben und sich über das Alltagsgeschehen und weitere Themen auszutauschen. Dabei schaffen die Chatpartner eine eigene, von der Norm abweichende Internetsprache, welche zahlreichen Zwecken nachkommt: Manche nutzen kreative sprachliche Einfälle um ihre Chatpartner zu amüsieren, manche versuchen, durch bestimmte sprachliche Mittel ihre Antwortgeschwindigkeit auf empfangene Nachrichten zu beschleunigen, wieder andere nutzen kreative Stilmittel um ihren Texten eine persönliche Note zu verleihen, und überdies gibt es auch Nutzer, die durch die Entwicklung kodierter Sprachvarianten geheime Informationen untereinander auszutauschen wissen Dies sind nur einige von zahlreichen Gründen, welche zahlreiche sprachliche Variationen in der Chatsprache hervorgebracht haben (vgl. Zheng 2002: 102).

2.1. Schriftliche Mündlichkeit

Da sich im Chat zwei oder mehrere Personen quasi synchron miteinander unterhalten, und somit ein pseudo-mündliches Gespräch simulieren, besteht die Chatsprache ebenso wie die mündliche Sprache in der Regel aus kürzeren Sätzen. Die Chat-teilnehmer wollen schnell reagieren, um die anderen Teilnehmer nicht durch lange Wartezeit zu langweilen oder bei einem Gespräch mit mehreren Teilnehmern den Anschluss zu verpassen.

2.1.1. Ellipsen und anakoluthische Satzkonstruktionen

Als Folge des Strebens nach schneller Kommunikation kommt es im deutschen wie im chinesischen Chat häufig zu Ellipsen, d.h. zu Auslassungen von Wörtern, welche für das Sachverständnis nicht unbedingt relevant sind (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 76). Beispielsweise sähe die förmlich gehaltene Nachricht Ich wünsche dir einen wunderschönen guten Morgen, Tim! Was ist nun mit deiner Anmeldung?, wie man sie in einer Email oder einem Brief finden würde, in der Chatsprache folgendermaßen aus: Guten Morgen, Tim! Was nun? (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 76) . Der Kommunikator geht hier davon aus, dass dem Rezipienten der gemeinte Sachverhalt klar ist, ähnlich wie es bei einem Telefonat der Fall sein könnte.

Auch in der Chinesischen Chatsprache findet man Ellipsen wie y ǒ u rén liáotiān ma 有人聊吗? (Jemand Lust zu quatschen?) anstelle von zài zhèlǐ yǒu rén xiǎng hé wǒ yīqǐ liáotiān ma 在这里有人想和我一起聊天吗? (Gibt es hier jemanden, der Lust hat, sich gemeinsam mit mir zu unterhalten?) . Die Chinesischen Internetsprache kennt hierzu auch eine erweiterte Form, bei welcher nicht nur für den Bedeutungsinhalt irrelevante Lexeme ausgelassen, sondern infolge der semantischen Rekombination durch Tilgung mehrerer Lexeme übernehmen die verbliebenen den gesamten Bedeutungsgehalt (Zhang 2014: 111). Dabei ist die Kenntnis der ursprünglichen Ausdrücke auf der Seite des Rezipienten zur korrekten Interpretation der abgekürzten Versionen vorausgesetzt. Beispiele hierfür sind lǎobǎn 老板 (wörtlich Chef), was abgekürzt für lǎobǎn zhe liǎn 老板着脸, ungefähr ein so strenges Gesicht wie der Boss machen, steht. Nach dem gleichen Schema wird lǎo le de yàngzi 老了的样子, was so viel heißt wie genauso wie damals, zu lǎo yàngzi 老样子 verkürzt (Zhang 2014: 112).

Ein weiteres Phänomen, welches der schriftlichen Mündlichkeit der Chatsprache entspringt, beschreibt die Verwendung von Anakoluthen, d.h. Satzbrüchen wie beispielsweise Ich kann es nicht glauben… oder auf Chinesisch wǒ bú xiāngxìn le 我不相信了 。。。 (vgl. Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 76). Hier findet ein Ausstieg aus einem begonnenen Satz statt, der mit Punkten am Satzende angedeutet wird (Henning 2013: 230ff, Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 99).

Außerdem kann es zu sogenannten Retraktionen kommen, wobei ein Chatteilnehmer eine Satzkonstruktion beginnt und seine geäußerten Worte dann korrigiert, so als würde er ‚laut denken‘, wie beispielsweise Ich finde es gut…krass, wie du damit umgehst! / wǒ juéde nǐ zuò de duì…lì hai 我觉得你做得对。。。厉害!. Hier wird gut bzw. 对 nach der Äußerung mit krass bzw. 厉害korrigiert (Henning 2013: 230ff ).

2.1.2. Iterationen

Ebenfalls eine Art der mündlichen Schriftlichkeit wohnt der Verwendung von Iterationen inne. Bei der deutschen Chatsprache handelt es sich dabei meist um Reduplikationen von einzelnen Buchstaben um sprechsprachliche „Dehnungen und Intonationskonturen“ anzugeben, welche Emphase ausdrücken sollen (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 99):

A: HALLO
B: hallööööööööööölee
C: sorryyyyyyy
D:??????????? (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 99)

Wie man sieht kann es sich bei der Iteration durchaus auch nur um eine Art von Satzzeichen wie das Fragezeichen handeln.

Da die Chinesische Schriftsprache aus einsilbigen Schriftzeichen besteht, sind Iterationen in der obigen Form nicht möglich, sondern es kommt stattdessen zu Verdopplungen einzelner Schriftzeichen zur Betonung, wie piàopiào 漂漂 anstatt piàoliang 漂亮 (schön, hübsch), dōngdōng 东东 für dōngxi 东西 (Dinge) oder yībānbān 一般般 anstelle von yībān 一般 (normal, gewöhnlich) (Zheng 2002: 104).

Dieses Phänomen der Chinesischen Internetsprache ist aus der mündlichen Umgangssprache übernommen und vermittelt ein Gefühl von Niedlichkeit, da normalerweise vor allem chinesische Kleinkinder diese Sprechweise bevorzugen.

2.1.3. Lautmalerei

Weitere Formen von Mündlichkeit finden sich in der gängigen Nutzung von Lautmalereien - ein Phänomen welches in der Deutschen wie in der Chinesischen Chatsprache ein alltägliches Muster darstellt (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 101). Beispielsweise Interjektionen wie haha oder hihi, welche ein Lachen nachahmen, oft auch in iterierter Form wie hahahahaha bzw. hihihihihi finden häufige Anwendung (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 101). Zudem werden Gesprächspartikel wie beispielsweise „ ähm, hm, ok, naja, gell, tja “ schriftlich angewendet (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 101). Äquivalent dazu wird in der Chinesischen Chatsprache durch entsprechende chinesische Schriftzeichen Lautmalerei angewendet, durch Lachpartikel wie hāha 哈哈, ein überraschtes ò 哦! oder ein situationsbedingt fragendes, zögerliches oder zustimmendes ǹg 嗯 (je nach Kontext hä?, hmm, mhm usw .). Die Anwendung der Lautmalerei wūwūwū 呜呜呜, welche ein weinendes Geräusch und somit Traurigkeit darstellt, gibt es auch als homophone Variante in Form von wǔwǔwǔ 555 (Zheng 2002: 103).

2.1.4. Regionalismen

Die Chatsprache besteht aus einer „sehr stark phonetisch orientierten Schreibweise [… welche oftmals] die regionale Herkunft des Chatters erkennen lässt“ (Wilde 2002: 12). Als Beispiel von Übernahmen aus der mündlichen Sprache sollen folgende, einem öffentlichen Chat entnommene Beispielsätze dienen (aus Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 103):

(1) Umso bessa, gelle…..??;-)))
(2) Wat denn nu???;-)))
(3) Ups, muß ma kurz wech bye […]

Regional spezifische Variationen finden sich jedoch nicht nur in Chats zwischen regionalen Muttersprachlern des jeweiligen Dialektes, einige Dialektismen werden auch von Nicht-Muttersprachlern benutzt, vor allem Begrüßungsformeln wie tach oder moin statt Guten Morgen, das bayerische Grüß Gott anstelle von Hallo usw. (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 76,103).

Durch die Übernahme umgangssprachlicher Konzepte kommt es in der Deutschen Chatsprache zu morphophonemischen Abweichungen und abweichender Syntax durch Tilgungen, Reduktionen und Assimilation (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 102f). Tilgungen finden meist wortfinal statt wie in oben genannten Beispiel-sätzen bei (2) mit nu statt nun, das finale n apokopiert wird, oder bei (3) mal zu ma verkürzt wird. Besonders häufig finden sich jedoch Tilgungen an Verbenden, wie ich glaub statt ich glaube, oder ich komm statt ich komme (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 102f). Wortinitiale Tilgungen kommen seltener vor, meist wird der indefinite Artikel apokopiert, wie bei Klingt nach ‘ner (einer) guten Idee… (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 103). Dagegen findet sehr oft die Tilgung des kompletten Subjektpronomens am Satzanfang statt, wie im folgenden Beispiel:

War super heute mit dir! Hab dich ganz doll lieb! Hier entfällt im ersten Satz das Personalpronomen es und im zweiten das ich (vgl. Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 103).

Eine weitere Form der morphophonemischen Abweichungen, welche vor allem bei Verben verwendet wird, entsteht durch Reduktion, d.h. den Wegfall unbetonter Vokale im Wortinneren, wie beispielsweise sehn statt sehen, müssn statt müssen usw. (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 102). Wo Reduktion nicht funktioniert, kann stattdessen Assimilation durch Zusammenschrumpfen mehrerer Grapheme angewendet werden, wie bei nix, wo das Graphem x die Buchstaben chts des Pronomen nichts ersetzt. Sehr häufig finden dabei r-Vokalisierungen wie bei der homophonen Abwandlung aba statt aber statt (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 77). Durch Assimilation können auch zwei Wörter zusammengefügt werden, wie bei g emma? (gehen wir ?) oder jetza (jetzt aber) (vgl. Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 103). Diese Form der Assimilation wird vor allem in Verbindung mit Personalpronomen verwendet, beispielsweise in der zweiten Person Singular bei bissu (bist du) oder haste (hast du) (vgl. Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 102f). Wie bei ich seh’s statt ich sehe es, wird dabei manchmal ein Apostroph als Platzhalter des getilgten Buchstabens eingesetzt, die Apostrophierung ist jedoch wie die gesamte Interpunktion in der Chatsprache optional gehalten (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 103).

Auch in der Chinesischen Chatsprache gibt es Dialektismen und umgangssprachliche Elemente, allerdings lassen sich deren Mechanismen nur schwer mit der Deutschen Chatsprache vergleichen, da es sich beim Chinesischen um eine Morphem-schrift handelt, wobei nur komplette Schriftzeichen (Morpheme) und nicht einzelne Grapheme wie in der Deutschen Chatsprache ersetzt oder getilgt werden können. Umgangssprachliche Formulierungen werden stattdessen u.a. durch empathische Partikel und Lautmalereien wie ó 哦, a 啊, 嘛und le 了 markiert, welche ans Satzende angehängt werden.

2.2. Kürzungen

Da beim Chatten schnelles Antworten ein wichtiger Faktor ist, haben sich inzwischen zahlreiche Kürzungsvarianten etabliert, wovon einige, unter den Deutschen bzw. Chinesischen Chattern besonders geläufige, im Folgenden vorgestellt werden sollen.

2.2.1. Übernahme englischer Akronyme

Generell wurden die deutsche und chinesische Chatsprache sehr von der englischen beeinflusst (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 82f). Dabei fanden zahlreiche Anglizismen wie beispielsweise einfache Begrüßungs- und Verabschiedungsformeln (hi, hello, bye, see you) oder Dankesbekundungen und Entschuldigungen (thanks, sorry) Eingang in die Deutsche und Chinesische Chatsprache (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 103). Des Weiteren wurden internetsprachliche Phänomene englischen Ursprungs wie die Verwendung von Akronymen in beide Chatsprachen übernommen.

Das wohl bekannteste Akronym ist lol und steht für engl. laughing out loud, wobei die Anfangsbuchstaben der Wörter zusammenfassend deren Bedeutung annehmen (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 104f). Durch Iterationen bzw. Großschreibung wird die Intensität der Aussage ausgedrückt, wie beispielsweise als lololol oder LOL (vgl. Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 105). Kürzungen mehrerer Wörter wie HAU? (How are you?) , BTW (by the way) , YDKM (You don’t know me.) , oder Einzelwörter wie BF (boyfriend) , GF (girlfriend) , DL (download) , PPL (people), bei welchen meist die Anfangsbuchstaben der Silben als Kürzel verwendet werden, finden sich sowohl in chinesischen als auch deutschen Chats (vgl. Zheng 2002: 103, Luo 2012: 71). Vor allem die Chinesische Chatsprache kennt hierbei auch einige selbstgeschaffene, ironische Akronyme wie die GFW: Great Firewall of China, ein Wortspiel mit der Great Wall of China, welches auf die Internetzensurmechanismen der chinesischen Regierung anspielen soll (Chao 2009: 157).

2.2.2. Kürzungen der Landessprache

Ebenso gibt es viele chinesische Akronyme in Pinyin-Umschrift, welche schnelles Chatten ermöglichen, wie beispielsweise GG (gēge 哥哥) und DD (dìdi 弟弟), diese Abkürzungen stehen ursprünglich für großer und kleiner Bruder, in der Chatsprache können sie aber auch für einen jüngeren oder älteren Chatfreund stehen, ebenso die weibliche Varianten JJ (jiějie 姐姐) und MM (mèimei 妹妹) (Qing 2003: 4). Im Gegensatz zu deutschen Chaträumen, wo nahezu uneingeschränkte Meinungsäußerung herrscht, und sich neue Ausdrücke der Internetsprache eher spontan entwickeln, gibt es für die Entwicklung der chinesischen Chatsprache noch weitere Ursachen. Da im chinesischen Internet Kraftausdrücke und Wörter, welche mit sensiblen Themen zusammenhängen, verboten oder blockiert werden, sind die chinesischen Chatter und Blogger gezwungen, zu kreativen Mitteln zu greifen, wenn sie sich trotz der stets erweiterten Zensurprogramme über bestimmte Themen, welche die Regierung nicht wünscht, austauschen, oder Kraftausdrücke gebrauchen wollen (Chao 2009: 159). Um der Aufmerksamkeit der Zensurprogramme zu entgehen, sind Akronyme wie TMD für Tāmāde 他妈的 Scheiße, ZF für zèngfǔ 政府 Regierung oder JC für jǐngchá 警察 Polizist entstanden (Zheng 2002: 103, Chao 2009: 159).

Außerdem gibt es bereits bestehende englische Akronyme, welche in der Chinesischen Chatsprache eine neue Bedeutung erhalten. So wurde beispielsweise mit dem Kürzel NBA, welches ursprünglich für die National Basketball Association stand, der aus dem nördlichen Dialekt stammende vulgäre Ausdruck niúb ī a 牛屄啊 (geil) assoziiert. Zudem gibt es Mischformen, bei welchen Schriftzeichen und englische Wörter als Abkürzungen kombiniert werden, wie zum Beispiel小 case, was sinngemäß xiǎo shì yī zhuāng 小事一桩, d.h. leicht wie ein Kinderspiel bedeutet (Luo 2012: 71).

Deutsche Akronyme entstehen dagegen hauptsächlich aus Zeitgründen. Die wohl bekanntesten sind HDL für Hab dich lieb!, was genauso wie LG für Liebe Grüße! gerne als Schlussformel verwendet wird. Mischformen mit englischen Lexemen wie in oben genanntem chinesischen Beispiel sind nicht bekannt.

2.3 Graphostilistische Mittel

Im Folgenden sollen die Deutsche und die Chinesische Chatsprache auf ihre graphischen Variationen hin untersucht werden. Dabei wird gezeigt werden, dass die Chinesische Chatsprache vor allem im Bereich der homophonen Variationen, wo bestimmte Morpheme durch homophone Varianten ersetzt werden, großen Variationsreichtum aufweist (vgl. Siever 2015-a).

2.3.1. Groß-Kleinschreibung und Interpunktion

Bei der Deutschen Chatsprache wird allgemein aufgrund des zeitlichen Faktors die Kleinschreibung bevorzugt, auf korrekte Ausführung der Groß- und Kleinschreibung wird somit keinen Wert gelegt (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 77). Die durchgehende Großschreibung wie bei HALLO WAS GEHT wird hingegen mit Schreien assoziiert und angewendet, um Aufmerksamkeit zu erregen (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 99f.) Ebenso wird auch die Interpunktion in der Deutschen Chatsprache aus Zeitgründen vernachlässigt (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998: 77, 100).

[...]

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Details

Titel
Deutsche und chinesische Chatsprache. Ähnlichkeiten und Unterschiede
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Einführung in die chinesische Sprachwissenschaft
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V1128194
ISBN (eBook)
9783346489081
ISBN (Buch)
9783346489098
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwissenschaft, Chatsprache, Chinesisch, Deutsch, Rhetorik
Arbeit zitieren
Julia Hirt (Autor:in), 2015, Deutsche und chinesische Chatsprache. Ähnlichkeiten und Unterschiede, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128194

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