Tiergestützte Pädagogik in der frühen Kindheit. Förderung einer nachhaltigen Denkweise


Bachelorarbeit, 2021

38 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 „Tiergestützte Pädagogik“ im Elementarbereich
2.1. Was ist „tiergestützte Pädagogik“?
2.2. Tiergestützte Intervention: Voraussetzungen und Auswahl der Tiere für die pädagogische Arbeit
2.3. Wirkungen von Mensch-Tier-Beziehungen und tiergestützten Interventionsmaßnahmen

3 Bildung zu Nachhaltigkeit durch „tiergestützte Pädagogik“ im Bereich der frühen Kindheit
3.1. Bildung für nachhaltige Entwicklung im Elementarbereich
3.2. „Tiergestützte Pädagogik“ als Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung
3.3. Konzept „Bauernhofkindergarten“: Förderung einer ökologischen Denkweise durch „tiergestützte Pädagogik“ im Elementarbereich

4 Zusammenfassung & Ausblick

Literaturverzeichnis

„Es gibt nur eine natürliche Ressource, die, je mehr sie gebraucht wird, wächst: es ist die Liebe, die Liebe zur Natur, zum Menschen und zum Tier.“(Otterstedt, 2015, S.19)

1 Einleitung

„Das Bestreben des Menschen, alles was er schafft, müsse immer weiter wachsen, gedeihen und expandieren, führt zu einem Ungleichgewicht im natürlichen Lebensumfeld, welches zunächst der Natur, den Tieren, letztendlich aber dem Menschen schadet. So werden langfristig wertvolle Ressourcen zerstört, mittelfristig Meere, Wälder, Äcker- und Nutzflächen, natürliche Nahrungsgrundlagen und kurzfristig wertvolle Tierarten, aber auch menschliche Existenzen vernichtet. ... Das Abholzen ganzer Landstriche verhindert den Fortbestand eines Waldes, zerstört den natürlichen Lebensraum von Tier und Mensch, zerstört die gesamte geologische Struktur und das soziale Leben der Region. . Die extensive Nutztierhaltung verhindert den auch für den Menschen dringend notwendigen gesunden Bestand der Artenvielfalt und riskiert mögliche gesundheitliche Schäden, auch beim Menschen (z.B. Rinderseuche, Vogelgrippe).“ (Otterstedt, 2015, S. 19-20).

Wie Otterstedt die Dringlichkeit der Lage verdeutlicht, so berichten auch die Medien regelmäßig von Umweltkatastrophen, der Erderwärmung, von der Abholzung des Regenwaldes, der Zerstörung der Lebensbedingungen von Tieren und Pflanzen, von der Ausbeutung von (Nutz-)Tieren für das menschliche Konsumverhalten, von einem steigenden CO2-Austoß und von Menschen, die freitags auf die Straßen ge­hen und eine Bewältigung der Klimakrise fordern (vgl. u.a. Tagesschau, o.S.). Dies gewinnt besonders in einer zunehmend industrialisierten, modernen Gesellschaft, in der unter anderem Tierhaltung zu Tierproduktion wurde, an Bedeutung (vgl. Ot­terstedt, 2003a, S. 24). Die Mensch-Tier-Beziehung ist geprägt vom Bild des Tieres als Nahrungsquelle, Lastenträger, Arbeitsmittel oder Statussymbol, wobei die ur­sprüngliche Wertschätzung des Lebewesens und damit auch der ursprünglichen, schützenswerten Natur immer mehr an Bedeutung verlieren (vgl. ebd.). Die Produk­tion und der Konsum von tierischen Produkten, wie Fleisch, Milch und Eiern, gehö­ren zu den führenden Gründen für den menschengemachten Klimawandel, den Ar­tenrückgang, die Wasserverschmutzung und die Bodendegradation (vgl. PETA Deutschland e.V., 2017, o.S.). Ein Bewusstsein dieser Problematik zeigt sich an dem steigenden Interesse für eine vegetarische und vegane Ernährungsweise. So haben sich im Rahmen der Kampagne „Veganuary“ im Januar 2021 weltweit über 400.000 Menschen online registriert und gemeinsam auf tierische Produkte verzich­tet - so viele, wie nie zuvor (vgl. Veganuary, o.S.). Auch Supermärkte und Unter­nehmen reagieren auf das wachsende Interesse an Tier- und Umweltschutz und bringen 2020 mehr als 1200 neue vegane Produkte und Menüs auf den Markt (vgl. ebd.). Daraus geht hervor, dass viele Menschen umdenken und Tiere und Natur immer mehr als schützenswert und wichtig erachten.

Schüler*innen1, Aktivist*innen und Politiker*innen fordern, dass jede*r Einzelne in diesen Prozess mit eingebunden werden sollte. Jede*r sollte bereit sein, möglichst umweltfreundlich und nachhaltig zu leben. Wie man sich jedoch verhält, ist unter anderem abhängig von den eigenen Werthaltungen, Verhaltensgewohnheiten und der Beziehung zur Umwelt. Gerade in der frühen Kindheit2 werden bereits wichtige Kompetenzen und Einstellungen angeeignet, die dazu beitragen können, eine um­weltgerechte Denk- und Handelsweise auszubilden (vgl. Hampl, Heuser, Siegl & BAGLoB e.V., 2019, S.2). Diese Chance kann in Form von aktiver frühkindlicher Umweltbildung- und Erziehung aufgegriffen werden, wie es auch das Konzept „Bil­dung für nachhaltige Entwicklung“3, zum Ausdruck bringt. So soll „BNE“ jedem Indi­viduum ermöglichen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu ver­stehen und dazu befähigen, reflektierte und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, o.S.). Im direkten Erleben von Tier- und Pflanzenreich verstehen Kinder die Natur und lernen Verant­wortung für sich und ihre Umwelt zu übernehmen (vgl. Hampl, Heuser, Siegl & BAG­LoB e.V., 2019, S.2).

Da „tiergestützte Pädagogik“ wahrscheinlich im Kontext der Förderung einer ökolo­gischen Denkweise betrachtet werden kann, erscheint es als naheliegend zu erör­tern, wie diese beiden Konzepte miteinander verbunden werden können und wel­chen Stellenwert die pädagogische Arbeit mit Tieren für „BNE“ im Elementarbereich einnehmen kann. Somit wird sich im Rahmen dieser Arbeit mit der Fragestellung befasst, inwiefern tiergestützte Pädagogik im Bereich der frühen Kindheit eine nach­haltige Denkweise fördern kann. Dies wird erörtert, indem zuerst definiert wird, was unter „tiergestützter Pädagogik“ zu verstehen ist und in welchen Punkten sich diese von anderen tiergestützten Interventionsmaßnahmen unterscheidet. Anschließend wird darauf eingegangen, welche Voraussetzungen für die Durchführung „tierge­stützter Pädagogik“ notwendig sind und anhand welcher Kriterien man die entspre­chenden Tierarten4 auswählen sollte. Im darauffolgenden Abschnitt werden zu­nächst einige Erklärungsansätze der Mensch-Tier-Beziehung genauer betrachtet, um dann die Wirkung tiergestützter Interventionen auf die Klient*innen zu nennen. Auf dieser Basis wird nun das Konzept der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ beleuchtet und auf den Elementarbereich bezogen, um schließlich eine Brücke zwi­schen „tiergestützter Pädagogik“ und „BNE“ zu schlagen. Im letzten Abschnitt des Hauptteils wird dann anhand des Konzepts „Bauernhofkindergarten“ verdeutlicht, wie die Förderung einer nachhaltigen Denkweise durch „tiergestützte Pädagogik“ im Bereich der frühen Kindheit in der Praxis aussehen kann. Abschließend werden die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst und ein möglicher Aus­blick für die zukünftige Entwicklung der Thematik gegeben.

2 „Tiergestützte Pädagogik“ im Elementarbereich

Im folgenden Abschnitt wird sich zunächst mit der „tiergestützten Pädagogik“ im Elementarbereich befasst. Dieser Punkt stellt eine wichtige Grundlage für die Be­antwortung der Forschungsfrage und der Einordnung in den Gesamtzusammen­hang dar.

2.1. Was ist „tiergestützte Pädagogik“?

Vorab soll also definiert werden, was unter „tiergestützter Pädagogik“ verstanden wird. Für ein tieferes Verständnis ist vorerst eine Einordnung in den Gesamtkontext der „tiergestützten Intervention“, sowie eine Abgrenzung zu den Formen der „tier­gestützten Aktivität“ und „tiergestützten Therapie“ notwendig. Die drei Formen las­sen sich alle unter der Kategorie der tiergestützten Intervention zusammenfassen und unterscheiden sich sowohl in ihrer Durchführung, als auch in ihren Zielen (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S.34-50). Zusätzlich ist im deutschsprachigen Raum der Begriff der „tiergestützten Förderung“ zu finden, auf welchen im Anschluss noch genauer eingegangen wird (vgl. ebd.). Dabei werden unter „tiergestützter Aktivität“ Interventionen verstanden, welche sehr allgemein betrachtet das Wohlbefinden der Menschen verbessern und die Möglichkeit bieten, durch die Unterstützung erziehe­rischer, sozialer und rehabilitativer Prozesse, die Lebensqualität zu verbessern (vgl. ebd.). Diese Form wird von mehr oder weniger ausgebildeten Personen, Laien und Ehrenamtlichen ausgeführt, wobei für den Einsatz geeignete Tiere einbezogen wer­den (vgl. ebd.). „Tiergestützte Therapie“ ist eine gezielte Intervention im Zusammen­hang mit Tieren, welche auf bestimmte Lebens- und Persönlichkeitsbereiche ein­wirkt oder auf die Be- und Verarbeitung von konfliktreichem Erleben ausgerichtet ist (vgl. ebd.). Hierbei wird auf der Basis einer Situations- und Problemanalyse sowohl das Therapieziel, als auch der Therapieplan festgelegt, wobei die Durchführung von therapeutisch qualifizierten Personen gekennzeichnet ist (vgl. ebd.).

Unter „tiergestützter Pädagogik“5 werden schließlich Interventionen im Zusammen­hang mit Tieren zusammengefasst, welche auf der Basis konkreter klient*innennori- entierter Förderpläne oder Lernziele Kompetenzen insgesamt verbessern, vorhan­dene Ressourcen stärken und weniger gut ausgebildete Fähigkeiten im kognitiven, körperlich-motorischen und besonders im sozial-emotionalen Bereich fördern sollen (vgl. u.a. Vernooij & Schneider, 2018, S. 38-41; Waschulewski & Ignatowicz, 2018, S. 14; Otterstedt, 2015, S. 358). Diese Form der Intervention wird von unterschied­lich qualifizierten Expert*innen im pädagogisch-sonderpädagogischen Bereich, un­ter Einbezug spezifisch für den Einsatz trainierter Tiere, in Einrichtungen wie Schu­len, Förderzentren oder therapeutischen und sozialen Projekten durchgeführt (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S. 34-50; Otterstedt, 2015, S. 358). Dabei sollen die Unterstützung von Entwicklungsfortschritten und die Initiierung von Lernprozessen in unterschiedlichen Bereichen erreicht werden (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S. 34-50). Konkret sind die Ziele des pädagogischen Einsatzes von (Nutz-)Tieren:

„Motivation zur zwischenmenschlichen Kommunikation, Förderung der Selbst- und Eigenständigkeit, Aufbau des Selbstbewusstseins, Förderung sozialer Fähigkeiten und sozialen Verhaltens sowie Förderung eines Verantwortungsbewusstseins und motorische Fähigkeiten.“ (Simantke & Stephan, 2003, S. 299).

Erwartungen der Pädagogi*innen an die tiergestützte Arbeit, im speziellen mit Kin­dern, sind der Erwerb sozialer Kompetenzen, die Übertragung erlernter Fähigkeiten auf andere Lebensbereiche, die Förderung von Kommunikation, die Einschätzung eigener Grenzen und Möglichkeiten und der Einsatz des Tieres als Medium für die pädagogische Arbeit (vgl. Simantke & Stephan, 2003, S. 299). Es gilt dabei jedoch auch die Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen. Zu diesen zählen im Tier-pä­dagogischen Setting: Berührung, Versorgung, Beobachtung der Tiere und die Inter­pretation des Verhaltens, Kommunikation, das Erleben eines individuellen und schönen Momentes, Freude und das Spüren von bedingungslosem Verständnis (vgl. ebd.).

Die im Kontext der unterschiedlichen Interventionsformen genannten Zielbegriffe, wie die Steigerung des Wohlbefindens, die Erhöhung der Lebensgestaltungskom­petenz, sowie Entwicklungs- und Lernfortschritte stellen eine Richtschnur für die Wirkweisen und Ziele tiergestützter Pädagogik dar (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S. 115-117). Unter dem Gliederungspunkt „2.3 Wirkungen von Mensch-Tier-Bezie­hungen und tiergestützten Interventionen“ wird nochmals genauer darauf eingegan­gen.

Im Vordergrund steht die pädagogisch-therapeutische Wirkung des Umgangs mit den Tieren (vgl. Simantke & Stephan, 2003, S. 298-299). Dabei sollte es das Ziel aller handelnden Instanzen und Institutionen sein, sowohl für Tiere, als auch für Menschen, optimale Voraussetzungen für den gemeinsamen Umgang zu schaffen, was nun im folgenden Abschnitt genauer erläutert werden soll (vgl. ebd.).

2.2. Tiergestützte Intervention: Voraussetzungen und Auswahl der Tiere für die pädagogische Arbeit

Um Tiere effektiv und nachhaltig in die pädagogische Arbeit einzubeziehen, ist es vorab von großer Bedeutung, sich mit den notwendigen Voraussetzungen bei An- bieter*in, Empfänger*in, Tier und den Eigenheiten der unterschiedlichen Tierarten zu befassen.

Eine bedeutende Voraussetzung für die pädagogische Arbeit mit Tieren ist die Si­cherung der Qualität6, was den Grad der Wahrscheinlichkeit des Erreichens er­wünschter und Vermeiden unerwünschter Wirkungen bei den Klient*innen unter Einhaltung tierethischer Standards meint (vgl. European Society for Animal-As­sisted Therapy - Europäische Gesellschaft für Tiergestützte Therapie e.V., o.S.; Wohlfarth & Olbrich, 2014, S.7). Daraus lassen sich „Effektivität“, „Evaluation“ und „Qualitätsentwicklung“ als wichtige Qualitätsstandards ableiten, wobei sowohl die Klient*innenorientierung und -sicherheit, als auch die Beachtung ethischer Grunds­ätze im Umgang mit Tieren besonders hervorzuheben sind (vgl. ebd.). Qualität kann in Struktur-, Prozess-, Ergebnis-, und Planungsqualität unterteilt werden (vgl. ebd.). Dabei geht es bei Strukturqualität um die personelle, finanzielle und technische Aus­stattung und um administrative, gesetzliche und organisatorische Bedingungen (vgl. ebd.). Prozessqualität bezieht sich auf die Durchführung und Koordinierung von Projekten und speziellen Maßnahmen und die Klient*innenorientierung (vgl. ebd.). Die Ergebnisqualität beschreibt die Entwicklungen der Klient*innen in den Berei­chen Gesundheit, Lebensqualität, personelle Ressourcen, Persönlichkeitsentwick­lung und ihrer Zufriedenheit (vgl. ebd.). Schließlich sollte auch Planungsqualität be­trachtet werden, wobei es sich um Fragen, wie den Bedarf tiergestützter Interven­tionen, die Bedürfnisse der Zielgruppe, Überlegungen zum Einsatz der Tiere, Vor­erfahrungen aus anderen Projekten und wissenschaftliche Grundlagen, dreht (vgl. ebd.). Es werden unter diesem Punkt also alle Bedingungen beschrieben und ana­lysiert, welche das geplante Vorhaben beeinflussen und die Umsetzung und das Erreichen der projektierten Ziele sicherstellen können (vgl. Wohlfahrt & Olbrich, 2014, S. 9).

Ein weiterer Aspekt eines erfolgreichen Qualitätsmangements sind umfassende Aus- und Weiterbildungen und somit eine entsprechende Kompetenzvermittlung für Anbietende tiergestützter Interventionen (vgl. Bundesverband Tiergestützte Inter­ventionen e.V., 2021, o.S.; Stephan, 2016, S.20). Die „International Society for Ani­mal Assisted Therapy“ und ihr europäisches Pendant „European Society for Animal- Assisted Therapy” zertifizieren Weiterbildungen für Fachkräfte mit abgeschlossener therapeutischer, pädagogischer oder sozialer Berufsausbildung7 (vgl. ebd.).

Ein wichtiger Teil der Qualitätssicherung ist auch die rechtliche Absicherung tierge­stützter Interventionen. Hierzu gehört eine (berufs-)haftpflichtrechtliche Absiche­rung von Klient*innen, Personal und Tieren (vgl. Wohlfahrt & Olbrich, 2014, S.18). Zudem zählen auch behördliche Genehmigungen zur Tierhaltung und Sachkunde­nachweise zur rechtlichen Umrahmung (vgl. Stephan, 2016, S. 20). Kooperations­verträge mit partizipierenden Einrichtungen und schriftliche Einverständniserklärun­gen von Klient*innen und Vormündern regeln das Miteinander von Mensch und Tier (vgl. ebd.). Schließlich gilt es auch, die Sicherung hygienischer Voraussetzungen und Bedingungen zu berücksichtigen, wozu Wissen um Maßnahmen zur Sicherung von Hygiene, zur Erstellung eines Hygieneplanes und um das Gewährleisten von Schutz für Personen und Tiere notwendig sind (vgl. Wohlfahrt & Olbrich, 2014, S.24). Die Erstellung eines Hygieneplans kann mögliche Gefährdungen für den Menschen wie Infektionen, Unfälle und allergische Reaktionen auf ein Minimum re­duzieren, wobei sich an geltenden Rechtsvorschriften, wie dem Infektionsschutzge­setz, Unfallverhütungsvorschriften und spezielle Tierschutzbestimmungen, zu ori­entieren gilt (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S. 113-115).

Sowohl für die Qualitätssicherung, als auch für eine gelingende Interventionsarbeit ist das Tierwohl von besonderer Bedeutung. Hierbei sollten besonders die artge­rechte Tierhaltung und der individuell an die Bedürfnisse des Tieres abgestimmte Einsatz beachtet werden (vgl. Wohlfahrt & Olbrich, 2014, S. 17; Tierärztliche Verei­nigung für Tierschutz e.V.). In der Praxis sind beispielsweise eine artgerechte Un­terbringung, Ernährung und Pflege, regelmäßige veterinärmedizinische Kontrolle, ausreichende Rückzugsmöglichkeiten und artgerechter Auslauf zu beachten (vgl. u.a. ebd.; Simantke & Stephan, 2003, S. 300-302, Vernooij & Schneider, 2018, S. 108). Dadurch werden die Tiere nicht nur vor Vernachlässigung, sondern auch vor einer Anthromorphisierung und Instrumentalisierung bewahrt (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S.109). Positive Effekte können sich nämlich erst dann einstellen und entfalten, wenn sich alle beteiligten Lebewesen auf einer gleichwertigen und gleichberechtigten Ebene begegnen und dort miteinander in Kontakt treten (vgl. ebd.).

Grundvoraussetzung für den Einbezug von Tieren in die pädagogische oder thera­peutische Arbeit ist somit eine authentische Zuneigung des Anbietenden gegenüber dem eingesetzten Tier sowie eine vertrauensvolle, Sicherheit gewährleistende Bin­dung (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S. 105-112). Das Verhalten des verantwort­lichen Menschen hat bei der tiergestützten Arbeit einen großen Einfluss auf das Tier (vgl. ebd.). Dieser sollte seinem Gegenüber besonders in Stress und Krisensituati­onen eine verlässliche und achtsame Partner*in sein, die in der Lage ist, die körper­sprachlichen Signale des eingesetzten Tiers zu erkennen, richtig zu interpretieren und entsprechend darauf reagieren zu können (vgl. ebd.).

Bei allen tiergestützten Interventionsmaßnahmen ist vorausschauend zu planen, wie das Tier in die Arbeit integriert werden soll, wobei die Auswahl der Tiere mit großer Sorgfalt zu treffen ist, um dem Wesen und den Bedürfnissen eines Tieres Rechnung zu tragen und es nicht zu überfordern (vgl. Wohlfahrt & Olbrich, 2014, S. 23). Dabei gilt es, die Potenziale, die der Umgang mit Tieren Menschen bieten kann, optimal zu nutzen (vgl. ebd.). Wie in der Einleitung schon erwähnt, wird sich im Rahmen dieser Arbeit vorwiegend auf Nutztiere bezogen. Nutztiere, wie Schafe, Rinder, Geflügel und Ziegen werden im Gegensatz zu Haustieren oft nur als Objekte und Nahrungsquelle betrachtet (vgl. Hausinger, 2013, S.78). So kann durch eine tiergestützte Pädagogik mit Nutztieren versucht werden, für eben diese Tierarten zu sensibilisieren und zu einer Veränderung der Sichtweise beizutragen und gleichzei­tig das psychische Wohlbefinden zu verbessern, da davon ausgegangen wird, dass insbesondere Nutztiere einen besonders großen Beitrag dazu leisten können (vgl. ebd.). Für eine sichere und nachhaltige Interventionsarbeit sind im Allgemeinen fol­gende Voraussetzungen beim Tier von großer Bedeutung: Aufmerksamkeit und Ori­entierung des Tieres an seiner Besitzer*in gewährleistet eine vertrauensvolle, si­chere Bindung zwischen Mensch und Tier, wobei diese adäquat auf die Signale des Tieres reagieren sollte (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S.105-108). Des Weiteren bilden die Verlässlichkeit auf weitestgehend gleichbleibendes Verhalten des einge­setzten Tieres in sich wiederholenden, ähnlichen Situationen, die Einschätzbarkeit des Verhaltens unter spezifischen Umständen und die Kommandosicherheit und Kontrollierbarkeit das Fundament tiergestützter Interventionen (vgl. ebd.). Beson­ders hervorzuheben ist zudem die physische und charakterliche Eignung des Lebe­wesens, welche sich auf die Qualifikation für einen bestimmten Zweck bezieht (vgl. ebd.). Bei der Frage, welche Tierart für die angestrebte Interventionsform geeignet ist, erscheint es als wichtig, sich mit der Ethnologie der Tiere auseinanderzusetzen, um sie artgerecht und entsprechend ihrer „Kernkompetenzen“ für die richtigen Ziel­gruppen einsetzen zu können (vgl. Stephan, 2016, S. 14). Dabei sind zudem As­pekte, wie die Größe des Tieres, sein äußeres Erscheinungsbild, sein Tempera­ment, sein Wesen, seine Belastbarkeit, die Tierart, die Rasse und die Vorlieben der Empfänger*in zu beachten (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S.107). Durchführende sollten im Wissen um die Anforderungen der Einsätze, der erwünschten Effekte, aber auch der möglichen Gefährdungen, geeignete Tiere auswählen (vgl. Wolfahrt & Olbrich, 2014, S. 12).

Im Folgenden wird nun eine Übersicht über wesentliche Merkmale einiger ausge- wählter8 (Nutz-)Tierarten und deren Einsatzmöglichkeiten gegeben. Dabei wird sich besonders auf solche konzentriert, die sich für die Interventionsarbeit mit Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren eignen. Für den Einsatz bei kleinen Kin­dern bieten sich Tiere mit einem eher ruhigen Temperament besonders an, da diese so leichter Vertrauen fassen können (vgl. Stephan, 2016, S. 14-18). Einen Rahmen dafür bildet eine Beachtung der oben aufgeführten Voraussetzungen bei den Gege­benheiten, dem Tier und den Verantwortlichen. Da Kinder teils einen ungestümen Charakter haben und Tiere gerne anfassen, sollte darauf geachtet werden, dass die Tiere menschenbezogen und gut sozialisiert sind (vgl. ebd.). So haben beispiels­weise Schafe ein sehr ruhiges und geduldiges Temperament, lassen sich gerne streicheln und „grobes“ Anfassen macht ihnen nichts aus, wodurch sie sich beson­ders gut für die pädagogische Arbeit mit Kindern eignen (vgl. ebd.). Auch der Ein­satz von Eseln ist aufgrund ihres ruhigen, geduldigen und geselligen Temperaments sinnvoll (vgl. ebd.). Sie lassen sich gut führen, beobachten, streicheln und erwecken bei Menschen Ruhe und Selbstvertrauen (vgl. ebd.). Kaninchen sind für ängstliche Klient*innen ideal, die zu großen Tieren nicht leicht Zugang finden (vgl. ebd.). Sie lassen sich gut beobachten, streicheln, füttern und haben ebenso eine entspan­nende Wirkung auf ihr Gegenüber (vgl. ebd.). Auch Hühner bieten durch ihre ritua­lisierte Verständigungsform, die Hackordnung und das Leben in der Gruppe gute Beobachtungsmöglichkeiten und lassen sich außerdem gerne streicheln oder auf den Arm nehmen (vgl. ebd.). Zuletzt gelten auch Rinder als geduldig und laden zum Beobachten, Streicheln und Führen ein (vgl. ebd.). Da sie aber Distanztiere sind und durch ihre Größe wirken, eignen sie sich besonders, um Respektempfinden, Selbst- und Fremdwahrnehmung zu üben (vgl. ebd.). Letzten Endes sind nach Geb­hard (2013, S. 141) zoologische Interessen bei der Vorliebe für bestimmte Tiere bei Kindern relativ nachgeordnet, da der kindliche Bezug zu Tieren eher als ein Bezie­hungswunsch zu kennzeichnen ist. So sind Tierarten, zu denen man eine Bezie­hung herstellen, die man streicheln kann und die dem Bedürfnis nach Hautkontakt und Zärtlichkeit entgegenkommen, für die pädagogische Arbeit mit Kindern beson­ders empfehlenswert (vgl. ebd.).

Eingebettet sollte das Ganze schließlich in ein schlüssiges Konzept zur tiergestütz­ten Interventionsarbeit sein, wofür im weiteren Verlauf der Arbeit noch Beispiele an­geführt werden.

[...]


1 Im Folgenden wird „*innen“ zum Ausdruck einer geschlechtergerechten Sprache verwendet.

2 Die frühe Kindheit bezeichnet in diesem Kontext die Altersspanne zwischen drei und sechs Jahren, die im Setting Kindergarten stattfindet. Synonym dazu wird im weiteren Verlauf auch die Begriffe Elementarbereich und vorschulischer Bereich verwendet.

3 Im weiteren Verlauf der Arbeit, wird „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mit „BNE“ abgekürzt.

4 Dabei wird sich bei dieser Arbeit vorrangig auf Nutztiere bezogen, da diese im Rahmen der tierge­stützten Interventionsarbeit einige Besonderheiten aufweisen und zudem auf das vorgestellte Kon­zept „Bauernhofkindergarten“ vorbereiten sollen.

5 Sowohl die „tiergestützten Didaktik“, als auch die „tiergestützten Förderung“ sind Unterkategorien der „tiergestützten Pädagogik“, die aber im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter ausgeführt werden (vgl. Vernooij & Schneider, 2018, S. 34-50).

6 Der Beurteilungsbogen von Rainer Wohlfahrt und Erhard Olbrich (2014, S.27-40) kann dabei von Praktiker*innen zu einer umfassenden Selbstbeurteilung genutzt werden, womit zunächst einmal die Ausführenden selber beurteilen, ob und inwieweit ihre Arbeit die Qualitätskriterien tiergestützter In­tervention erfüllt. Er dient außerdem als eine Grundlage für Intervision und Supervision und kann später auch dazu dienen, eine Zertifizierung zu erreichen (vgl. ebd.).

7 Der Bundesverband Tiergestützte Interventionen e.V. (2021) führt auf seiner Homepage eine Liste akkreditierter Institute zur anerkannten Weiterbildung zur Fachkraft für „tiergestützte Interventionen“ auf.

8 Die Auswahl der vorgestellten Tierarten erfolgte beispielhaft im Hinblick auf das weiter unten vor­gestellte Konzept „Bauernhofkindergarten“ und geeigneter Wesensmerkmale für die pädagogische Arbeit mit Kindern.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Tiergestützte Pädagogik in der frühen Kindheit. Förderung einer nachhaltigen Denkweise
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
38
Katalognummer
V1128259
ISBN (eBook)
9783346487803
ISBN (Buch)
9783346487810
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Elementarpädagogik, Tiergestützte Pädagogik, Nachhaltigkeit, Bildung für nachhaltige Entwicklung, BNE, Förderung einer ökologischen Denkweise, Erziehungswissenschaft
Arbeit zitieren
Miriam Kusche (Autor:in), 2021, Tiergestützte Pädagogik in der frühen Kindheit. Förderung einer nachhaltigen Denkweise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128259

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