Der Bindungsaufbau bei Pflegekindern und deren Einflussfaktoren

Welche Faktoren können bei Kindern mit deprivierenden Beziehungserfahrungen zur Entwicklung einer sicheren Bindung zu ihren Pflegeeltern beitragen?


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

2 Gründe für die Fremdunterbringung
2.1 Vernachlässigung
2.2 Körperliche und psychische Misshandlung
2.3 Sexueller Missbrauch

3 Bindung von Pflegekindern
3.1 Das Konzept Bindung
3.2 Bindungsaufbau bei Pflegekindern
3.3 Einflussfaktoren der Pflegekinder auf die Bindungsentwicklung
3.4 Einflussfaktoren der Pflegeeltern auf die Bindungsentwicklung

4 Rolle und Funktion des Amtsvormundes

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Im Jahr 2018 leben laut dem statistischen Bundesamt in Deutschland 91.640 Kinder und Jugendliche gem. §§27, 33 SGB VIII in einer Pflegefamilie.1 Die Kinder und Jugendliche sind in ihrer Herkunftsfamilie Bedingungen ausgesetzt, die nicht ihrem Wohl entsprechen, da sie dort traumatische Erfahrungen erlebt haben. Das können Unterlassungen elterlicher Handlungen wie eine Kindesvernachlässigung oder aktive Tätigkeiten wie die körperliche und emotionale Misshandlung sowie der sexuelle Missbrauch sein.2 Die notwendige Fremdunterbringung und die damit verbundene Trennung von Kindern und Eltern stellt neben dem Schutz des Kindes ein einschneidendes Lebensereignis für das Kind dar. Zudem bedeutet es für die Eltern einen massiven Eingriff in das elterliche Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht.3 Im Jahr 2018 wurden in Deutschland insgesamt 49.436 Amtsvormundschaften ausgeübt. Dabei handelt es sich in 44.944 dieser Fälle um eine bestellte Amtsvormundschaft. Hier wird das Jugendamt vom Familiengericht zum Vormund benannt und bestellt intern einen Mitarbeiter, der die Amtsvormundschaft ausübt.4

In solchen Fällen haben die Kinder bis zu dem Zeitpunkt der Fremdunterbringung in der Pflegefamilie keine Möglichkeit erhalten, zu ihren leiblichen Eltern eine sichere Bindung aufzubauen und machten viel häufiger deprivierende Beziehungserfahrungen. Sie stehen nun vor der Herausforderung, sich auf eine neue Familie und deren Beziehungsangebote einzulassen.5

1.2 Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

Aufgrund des zuvor beschriebenen Sachverhaltes beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit nachfolgender Fragestellung:

Welche Faktoren können bei Kindern mit deprivierenden Beziehungserfahrungen zur Entwicklung einer sicheren Bindung zu ihren Pflegeeltern beitragen?

Es ist elementar, dass jedes Kind und vor allem jedes Pflegekind eine liebevolle Bindung zu einer vertrauensvollen Person entwickeln kann.6 Die Arbeit setzt sich das Ziel, die Einflussfaktoren auf die Bindungsentwicklung von Pflegekindern anhand der Ergebnisse verschiedener Studien herauszuarbeiten. Hierzu ergeben sich sowohl wichtige Faktoren auf Seiten des Pflegekindes als auch der Pflegeeltern.

Nach Erläuterung der Problemstellung sowie Aufbau und Zielsetzung der Arbeit, werden in Kapitel 2 die Gründe für eine Fremdunterbringung der Kinder und Jugendlichen außerhalb der Herkunftsfamilie erläutert. Dabei werden die verschiedenen Formen von Handlungen beschrieben, die zu einer Kindeswohlgefährdung führen können. Hierzu werden im Einzelnen die Vernachlässigung durch die Bezugsperson, die körperliche und psychische Misshandlung sowie der sexuelle Missbrauch genauer dargestellt. Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Thema Bindung von Pflegekindern. Zunächst wird das Konzept Bindung genauer erläutert sowie die von Ainsworth und Kollegen beschriebenen Bindungsmuster. Diese lassen sich in sichere, unsicher-ambivalente, unsicher-vermeidende und desorganisierte Bindung differenzieren. Im Anschluss werden der Bindungsaufbau bei Pflegekindern und die verschiedenen Einflussfaktoren auf die Bindungsentwicklung von Pflegekindern auf Seiten des Pflegekindes sowie auf Seiten der Pflegeeltern erläutert. Die Analyse der Einflussfaktoren soll zur Beantwortung der Fragestellung beitragen. Anschließend wird in Kapitel 4 auf die Rolle und Funktion des Amtsvormundes bei Pflegekindern eingegangen, bevor abschließend ein Fazit gegeben wird.

2 Gründe für die Fremdunterbringung

2.1 Vernachlässigung

Laut des statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2018 insgesamt 157.300 Verfahren zur Kindeswohlgefährdung durchgeführt. In 50.400 Fällen wurde eine akute bzw. latente Kindeswohlgefährdung festgestellt. Dabei handelt es sich in 5% dieser Fälle um sexuellen Missbrauch, in 26% um eine körperliche Misshandlung, in 31% um eine psychische Misshandlung und in 60% dieser Fälle um eine Vernachlässigung. Die Kindesvernachlässigung stellt damit die häufigste Form der Kindeswohlgefährdung dar.7

Engfer und Hardt sprechen von Vernachlässigung, wenn Kinder „[…] von ihren Eltern oder Betreuungspersonen unzureichend ernährt, gepflegt, gefördert, gesundheitlich versorgt, beaufsichtigt und/oder vor Gefahren geschützt werden.“8. Eine Vernachlässigung liegt bei andauernder oder wiederholter Unterlassung der Fürsorgepflicht der Eltern gegenüber ihren Kindern vor.9

Die Lebensrealität vernachlässigter Kinder ist geprägt von ungenügender Ernährung mit der Folge des Diebstahls von Lebensmitteln, niedriger Wohnungstemperatur, fehlender Gesundheitsfürsorge, unangemessener und verschmutzter Kleidung sowie ungenügender Sorge um die psychische Gesundheit des Kindes. Die Kinder leben häufig in desolaten Wohnungszuständen und werden zudem, ohne die notwendige Versorgung oder Betreuung, in der Wohnung alleine gelassen. Außerdem bleiben die Kinder vermehrt der Schule fern und erleiden Bestrafungen von ihren Eltern, die oftmals in körperliche Gewalt übergehen.10

Die Eltern dieser Kinder sind bereits mit ihrer eigenen Lebenssituation überfordert, sodass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht wahrnehmen und befriedigen können.11

Die in der Kindheit erfahrene Vernachlässigung kann sich ein Leben lang negativ auf die körperliche und geistige Entwicklung auswirken und das Bindungs- und Sozialverhalten nachhaltig beeinflussen.12 Die körperlichen und seelischen Schäden sind umso größer, je jünger die Kinder sind und je länger sie dieser deprivierenden Lebensumstände ausgesetzt sind.13

2.2 Körperliche und psychische Misshandlung

Engfer und Hardt definieren körperliche Misshandlungen als „[…] Schläge oder andere gewaltsame Handlungen (Stöße, Schütteln, Verbrennungen, Stiche usw.), die beim Kind zu Verletzungen führen können.“14. Hämatome, Striemen und Narben im Gesichtsbereich oder auf dem Bauch sowie Verletzungen im Genitalbereich sind untypische Stellen, an denen sich Kinder selbst Verletzungen zufügen können. Solche Verletzungen können einen Hinweis für eine Misshandlung sein. Ebenso zählen zur körperlichen Misshandlung Skelettverletzungen, Vergiftungserscheinungen, Fesselspuren sowie innere Verletzungen.15 Körperliche Misshandlungen können einerseits die Folge von gezielten und bewussten Gewaltausübungen sein; andererseits stellen sie eine Form impulsiver und reaktiver Gewalttätigkeiten dar.16

Für die Kindesmisshandlung gibt es verschiedene Theorien. Ein Erklärungsmodell beläuft sich auf die Weitergabe der Gewalt über die Generationen hinweg. Hierunter werden die eigenen Probleme der Eltern verstanden, welche oftmals aus deren Erfahrungen in der eigenen Kindheit stammen. Unterschiedlichen Studien ist zu entnehmen, dass Eltern, die in ihrer Kindheit Gewalterfahrungen erlebt haben, häufiger dazu neigen, ebenfalls gewaltsam mit ihren eigenen Kindern umzugehen. Dies trifft aber nicht immer zu. Beispielsweise können Schutzfaktoren dem entgegenwirken, indem misshandelte Kinder eine stabile Beziehung zu einer anderen Person haben, wodurch sie ihre negativen Gewalterfahrungen bewältigen können.17 Ein weiterer Erklärungsansatz ist das sozial-situationale Modell. In diesem Fall kann eine akute Krise der Auslöser für eine Kindesmisshandlung werden. Die familiäre Belastung spielt dabei eine große Rolle. Die Familie befindet sich in einer Stresssituation, in der ihr die Bewältigung von mehreren aufeinandertreffenden Problemen nicht mehr gelingt. Die Gründe können in der Persönlichkeit der Eltern, ihrer Gewalttoleranz und sozialen Position, in strukturellem Stress, der Familienstruktur, Konflikten innerhalb der Familie sowie in unerwünschten Merkmalen der Kinder liegen. Gerät die Familie mit dem Kind dann in eine Konfliktsituation, kann es dazu führen, dass die Eltern aus Ohnmachtsgefühlen und Ärger gegenüber ihren Kindern Gewalt ausüben.18

Zu den Auswirkungen körperlicher Misshandlung gehören neben den physischen Folgen ebenso die psychischen Folgen, welche langfristige seelische Schäden bei Kindern hinterlassen können.19

Zur psychischen Erscheinungsform zählen Misshandlungen, die dem Kind das Gefühl vermitteln, wertlos und ungewollt zu sein. Psychische Gewalt gegenüber Kindern tritt auch ein, wenn Kinder zurückgewiesen werden, keine elterliche Hilfe erhalten, gedemütigt, ausgegrenzt und isoliert sowie zu kriminellen Handlungen oder Drogenmissbrauch gezwungen werden. Außerdem wird bei den Kindern gezielt Angst erzeugt, um sie zu entmutigen.20

2.3 Sexueller Missbrauch

Engfer und Hardt definieren sexuellen Missbrauch als „[…] jede Einbeziehung eines Kindes in eine sexuelle Handlung […], für die es entwicklungsmäßig noch nicht reif ist, die es daher nicht überschauen kann und zu der es keine freiwillige Zustimmung geben kann und/oder die die sozialen und legalen Tabus der Gesellschaft verletzt.“21.

Körperkontakte mit dem Kind wie schmusen, streicheln, auf den Schoß und in den Arm nehmen sind für die frühkindliche Entwicklung elementar. Hiervon gilt es den Missbrauch abzugrenzen. Entwickelt sich jedoch durch den liebevollen Körperkontakt bei Erwachsenen sexueller Lustgewinn, dann ist das ein Vergehen am Kind. Kinder können kleinste Unterschiede in der Umgangsweise erkennen, die in ihren Aussagen wie „er hat so komisch geschnauft“ oder „irgendwie war es anders als sonst“ verdeutlicht wird.22 Die erwachsenen Täter nutzen ihre überlegenere Machtposition in Verbindung mit ihrer Autorität gegenüber Kindern und Jugendlichen aus. Dabei werden die Kinder zu sexuellen Handlungen genötigt. Den Tätern geht es um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Macht, Zuwendung und Nähe oder ihrer Wut- und Hassgefühle. Kinder erfahren neben möglichen körperlichen Schmerzen einen großen seelischen Schmerz. Sie sind Demütigungen, Bedrohungen sowie Erniedrigungen ausgesetzt und haben große Angst. Kinder verfügen meist über ein grenzenloses Vertrauen zu ihren Eltern. Müssen Kinder Missbrauch durch ihren Vater oder ihre Mutter erleiden, entsteht für sie ein schwerer Vertrauensbruch. Kindern wird bei dem Vergehen eingeredet, diese Handlungen als schön zu empfinden, was schließlich zu großen Verunsicherungen führt.23 Das Strafgesetzbuch legt unter §§ 176 ff. fest, was unter dem Begriff sexueller Missbrauch zu verstehen ist und in welchem Maße Täter bestraft werden.24

[...]


1 Vgl. Statistisches Bundesamt (2019a).

2 Vgl. Nowacki/Remiorz (2018), S. 48.

3 Vgl. Hardt/Engfer (2012), S. 680.

4 Vgl. Statistisches Bundesamt (2019b), S. 5.

5 Vgl. Nowacki/Remiorz (2018), S. 64.

6 Vgl. Niestroj (2012).

7 Vgl. Statistisches Bundesamt (2019c).

8 Hardt/Engfer (2012), S. 678.

9 Vgl. Nowacki/Remiorz (2018), S. 58.

10 Vgl. Hardt/Engfer (2012), S. 678.

11 Vgl. Hardt/Engfer (2012), S. 680.

12 Vgl. Nowacki/Remiorz (2018), S. 58.

13 Vgl. Harnach-Beck (2011), S. 211.

14 Hardt/Engfer (2012), S. 680.

15 Vgl. Harnach-Beck (2011), S. 206.

16 Vgl. Nowacki/Remiorz (2018), S. 55.

17 Vgl. Hardt/Engfer (2012), S. 682.

18 Vgl. Harnach-Beck (2011), S. 201.

19 Vgl. Harnach-Beck (2011), S. 207.

20 Vgl. Harnach-Beck (2011), S. 209–210.

21 Hardt/Engfer (2012), S. 683.

22 Vgl. Harnach-Beck (2011), S. 221–222.

23 Vgl. Harnach-Beck (2011), S. 224.

24 Vgl. Nowacki/Remiorz (2018), S. 57.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Bindungsaufbau bei Pflegekindern und deren Einflussfaktoren
Untertitel
Welche Faktoren können bei Kindern mit deprivierenden Beziehungserfahrungen zur Entwicklung einer sicheren Bindung zu ihren Pflegeeltern beitragen?
Hochschule
Katholische Fachhochschule Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V1128962
ISBN (eBook)
9783346492302
ISBN (Buch)
9783346492319
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gründe für die Fremdunterbringung, Vernachlässigung, körperliche und psychische Misshandlung, sexueller Missbrauch, Bindung von Pflegekindern, Konzept Bindung, Bindungsaufbau bei Pflegekindern, Einflussfaktoren der Pflegekinder, Einflussfaktoren der Pflegeeltern, Amtsvormund
Arbeit zitieren
Alina Schweizer (Autor:in), 2020, Der Bindungsaufbau bei Pflegekindern und deren Einflussfaktoren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128962

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