Treibt Power-Sharing die Korruption in Postkonfliktländern voran? Felix Haass und Martin Ottmann konzeptualisieren in ihrer Studie „Profits from Peace: The Political Economy of Power Sharing and Corruption“ von 2017, Regierungseliten, die in jeder Postkonfliktsituation ihre wichtigsten Wählergruppen an sich binden müssen, um an der Macht zu bleiben. Dies und die provisorische Natur von Power-Sharing schaffe eine Situation des Klientelismus und der Korruption.
Diese Arbeit unternimmt eine empirische Überprüfung der Argumente von Haass und Ottmann exemplarisch an Nordmazedonien. Es erfolgt eine qualitative Untersuchung hinsichtlich des Zustandekommens der Machtteilung, der Situation davor und danach und dem Inhalt des entsprechenden Abkommens. Es wird untersucht, ob sich ein Zusammenhang zwischen Korruption und Power-Sharing bestätigen lässt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoriegrundlage
3 Fallauswahl
4 Methodisches Vorgehen
5 Analyse
5.1 Unabhängigkeit Mazedoniens und die 1990er-Jahre
5.2 Das Schicksalsjahr 2001
5.3 Die Postkonfliktjahre
6 Diskussion
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, ob Power-Sharing-Abkommen in Postkonfliktländern systematisch zu einer Zunahme von Korruption führen. Exemplarisch wird diese Forschungsfrage mittels einer qualitativ angelegten Prozessanalyse am Fall Nordmazedonien geprüft, um die theoretischen Argumente von Haass und Ottmann empirisch zu verifizieren oder zu falsifizieren.
- Analyse der kausalen Zusammenhänge zwischen Machtteilungsinstitutionen und Korruptionsanfälligkeit
- Empirische Überprüfung von Rent-Seeking-Mechanismen innerhalb von Machtteilungs-Koalitionen
- Untersuchung der Rolle externer Faktoren wie internationaler Hilfsgelder und EU-Konditionalität
- Evaluation des Korruptionskontrollwerts in Nordmazedonien von 1991 bis 2017
Auszug aus dem Buch
5.2 Das Schicksalsjahr 2001
Kurz nach dem Millenniumswechsel wurde der erste Schritt für eine künftige EU-Mitgliedschaft unternommen. Im April 2001 unterzeichnete Mazedonien ein Stabilitäts- und Assoziierungsabkommen (SAA) mit der Europäischen Union. Ein solches ist die erste Station eines jeden Staates, der in die EU eintreten möchte. Es dient zur Angleichung der institutionellen, rechtlichen und staatlichen Standards des Beitrittswilligen an die Europäische Union (vgl. Cekik 2014, S. 228; Gromes 2009, S. 5). Im Fall von Mazedonien ging es dabei vordergründig um zwei Hauptanliegen: Minderheitenrechte und Korruptionsbekämpfung (vgl. Karadzoski 2009, S. 336f.; 340; Glüpker 2013, S. 235). Noch im selben Jahr wurden diese beiden Themen wieder virulent.
Der Verteidigungsminister musste aufgrund eines Korruptionsskandals seinen Rücktritt einreichen (vgl. Bösch 2001, S. 11). Dies wurde jedoch von einem anderen Ereignis überschattet.
Mazedonien ist seit jeher von äußeren Einflüssen bedingt (vgl. Planeta 2014, S. 270). Da sich die Rechte der albanischen Bevölkerung nach wie vor nicht verbessert hatten propagierte die kosovarische Befreiungsarmee (UCK), welche schon seit Jahren im Kosovo aktiv war, zunächst sezessionistische Ziele, beschränkte sich später aber auf Forderungen, die Albaner in Mazedonien besserzustellen (vgl. Gromes 2009, S. 5). Solche Forderungen weckten bei vielen mazedonischen Albanern, vor allem aus den unteren sozialen Schichten, Sympathien. Viele junge Männer schlossen sich der Befreiungsarmee an und gründeten einen mazedonischen Ableger der UCK. Die Rebellen begannen Polizeiposten anzugreifen (vgl. Schlotter 2002, S. 8f.). Vertreter albanischer Parteien in Mazedonien distanzierten sich zunächst von derlei Aktivitäten, änderten ihre Meinung jedoch nach den ersten Militäroffensiven der mazedonischen Armee, zugunsten der Rebellengruppe. Von nun an unterstützten sie die UCK offen und agitieren, dass die Ziele der albanischen politischen Parteien in Mazedonien und die Ziele der UCK trotz unterschiedlicher Aktionsmittel identisch seien (vgl. Cekik 2014, S. 227f.). Schätzungen zufolge kamen bei den folgenden Kämpfen rund 400 Menschen ums Leben, davon über 70 Sicherheitskräfte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema Power-Sharing und dessen ambivalente Rolle in Postkonfliktgesellschaften ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich des Einflusses auf Korruption.
2 Theoriegrundlage: Hier werden die theoretischen Konzepte von Haass und Ottmann diskutiert, die Machtteilung als Haupttreiber für korruptes Rent-Seeking-Verhalten von Eliten identifizieren.
3 Fallauswahl: Das Kapitel begründet, warum Nordmazedonien als idealer "most likely case" für die empirische Überprüfung der aufgestellten Theorie dient.
4 Methodisches Vorgehen: Es wird das Forschungsdesign der einzelfallbasierten Prozessanalyse (Process Tracing) vorgestellt, das auf Sekundärliteratur und quantitativen Korruptionsdaten basiert.
5 Analyse: Dieses Kapitel untersucht detailliert die historische Entwicklung Mazedoniens von der Unabhängigkeit über den Konflikt 2001 bis zu den späteren Postkonfliktjahren unter Berücksichtigung von Korruptionsdaten.
6 Diskussion: Die theoretischen Erwartungen werden kritisch mit den empirischen Befunden aus dem Fall Mazedonien konfrontiert und diskutiert.
7 Fazit: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und verneint die Ausgangsthese, dass Power-Sharing in diesem spezifischen Fall zu erhöhter Korruption geführt hat.
Schlüsselwörter
Power-Sharing, Korruption, Postkonfliktländer, Nordmazedonien, Ohrider Rahmenabkommen, Rent-Seeking, politische Eliten, EU-Beitritt, Transformationsprozess, Prozessanalyse, Demokratisierung, Minderheitenrechte, internationale Hilfe, Good Governance, Friedenssicherung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Machtteilungsabkommen (Power-Sharing) und dem Ausmaß an Korruption in Ländern, die aus bewaffneten Konflikten hervorgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die politische Ökonomie von Postkonflikt-Regimes, die Rolle von Regierungseliten, der Einfluss internationaler Unterstützung und die Wirksamkeit von Antikorruptionsgesetzen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob Power-Sharing-Abkommen in Postkonfliktländern tatsächlich zu einer erhöhten Korruption führen, wie es einige theoretische Modelle nahelegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein qualitatives Forschungsdesign in Form einer einzelfallbasierten Prozessanalyse angewandt, um kausale Mechanismen innerhalb von Nordmazedonien nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird die historische Entwicklung Nordmazedoniens seit 1991, insbesondere nach dem Rahmenabkommen von Ohrid 2001, analysiert und mit quantitativen Korruptionsindikatoren abgeglichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Power-Sharing, Korruptionskontrolle, Postkonflikt-Transformation und Rent-Seeking-Verhalten von Eliten.
Wurde die Hypothese von Haass und Ottmann für Mazedonien bestätigt?
Nein, die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die Theorie von Haass und Ottmann im Fall von Nordmazedonien nicht bestätigt werden kann; das Land zeigte nach der Machtteilung eher positive Trends bei der Korruptionsbekämpfung.
Welche Rolle spielten internationale Organisationen im untersuchten Fall?
Organisationen wie die EU und der IWF fungierten als Mediatoren und Geldgeber, wobei ihr ausgeübter Reformdruck und die Überwachung der Hilfsgelder einen positiven Effekt auf die Institutionenstärkung in Nordmazedonien hatten.
Warum wird Mazedonien als "most likely case" bezeichnet?
Weil das Land viele der theoretisch postulierten Voraussetzungen (wie schwache Institutionen und ethnische Fragmentierung) erfüllt, die laut Theorie zu Korruption führen müssten, was den Fall zu einem idealen Testobjekt macht.
- Quote paper
- Anton Kleister (Author), 2021, Führen Power-Sharing-Abkommen in Postkonfliktländern zu einer Erhöhung der Korruption? Untersuchung am Fall Nordmazedonien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1129130