Von der Aufbaumission zum Krieg am Hindukusch. Der Wandel der Bundestagsdebatten zum Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan

Eine Analyse


Bachelorarbeit, 2018

48 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zwischen Solidarität und Sicherheit: Der Afghanistaneinsatz Deutschlands als theoretisches Rätsel

2. Culture of Restraint: Die konstruktivistische Außenpolitiktheorie und die militärische Interventionspolitik Deutschlands
2.1 Norms and Values matter: Der Demokratische Frieden und die Zivilmacht Deutschland
2.2 Arena der Legitimation: Der Bundestag als Hüter des Parlamentsvorbehaltes

3. „Krieg" oder „nicht Krieg" - das ist hier die Frage: Die Begründungsmuster des Afghanistan-Einsatzes zwischen 2001 und 2010
3.1 „Uneingeschränkte Solidarität": Die Bundestagsdebatte am 22.12.2001 und die Legitimierung der ISAF-Beteiligung als Stabilisierungseinsatz
3.2„Kein Kriegseinsatz, sondern eine Friedensmission": Die Bundestagsdebatte am 25.09.2005 und die Abgrenzung zwischen Friedenseinsatz und Kriegsmissionl
3.3 „Bewaffneter Konflikt": Die Bundestagsdebatte am 26.02.2010 und der Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan

4. Legitimationsakrobatik? Der Debattenwandel im Deutschen Bundestag

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

1. Zwischen Solidarität und Sicherheit: DerAfghanistaneinsatz Deutsch­lands als theoretisches Rätsel

„Die deutsche Beteiligung an der NATO-geführten internationalen Sicherheitsunterstüt­zungstruppe in Afghanistan ([...] ISAF) ist der bislang riskanteste, komplexeste und auch teu­erste' Einsatz der Bundeswehr."1 Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen deutsche Soldaten in „[...] stundenlangen Gefechten [,..]."2 56 von ihnen sind bis 2018 am Hindukusch gefallen3. Die Legitimation einer solch gefährlichen Mission ist für die Abgeord­neten eines militärisch zurückhaltenden Staates wie Deutschland eine große Herausforde­rung4. Bezüglich des Engagements in Afghanistan ist festzustellen, dass sich die Begrün­dungsmuster der Bundestagsmitglieder über die Einsatzjahre hinweg stark wandelten: Wo nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Solidarität und humanitäre Ziele für die Unterstützung der ISAF entscheidend waren, waren die Gründe für die stetigen Mandatsver­längerungen, Kontingenzerweiterungen und die Übernahme von Verantwortung anderer Natur. Dieser Wandel der Begründungsmuster ging mit dem sich verändernden Charakter des Afghanistan-Einsatzes einher: Aus der Friedensmission wurde ein aktiver Kampfeinsatz5. Deutschland sei in einen langanhaltenden Bürgerkrieg6 gezogen worden, lautet die Kritik.

Diese Bachelorarbeit soll deshalb die Frage beantworten: Inwiefern weisen die Debatten im Bundestag den Afghanistan-Einsatz als humanitäre Intervention oder als Krieg aus?

Dieses Rätsel soll mittels einer Analyse dreier Bundestagsdebatten, in denen elementare Entscheidungen zur Beteiligung an ISAF zwischen 2001 und 2010 gefällt wurden, gelöst wer­den. Für die Debattenanalyse eignet sich eine werte- und normenorientierte außenpolitische Theoriegrundlage, da Normen und Werte in der deutschen Politik und damit bei den Afgha­nistan-Entscheidungen eine zentrale Rolle spielen. Außerdem basierte die ISAF-Mission auf Wertegemeinschaften wie den Vereinten Nationen (UN) und der North Atlantic Treaty Organization (NATO). Darum bietet sich eine konstruktivistische Variante des aus der libera­len Außenpolitiktheorie stammenden „Demokratischen Friedens" an7. Werte und Normen sind die gemeinsame Grundlage des Konstruktivismus und des Demokratischen Friedens. Bei Erstem bilden sie Leitlinien für außenpolitisches Handeln, bei Letzterem sorgen sie durch Kooperation für Frieden unter Demokratien. Hieraus lässt sich der „Demokratische Krieg" ableiten, der für die Analyse der Begründungsmuster interessant ist. Jedoch reicht dessen Erklärungskraft nicht aus, um qualitative Unterschiede in der Außenpolitik verschiedener Demokratien zu erklären. Zum besseren Verständnis der Argumentation der Abgeordneten soll deshalb zusätzlich die konstruktivistische Rollentheorie erläutert werden. Weil Rollen­konzepte außenpolitisches Handeln beeinflussen8, ist angesichts der Debatten-Analyse das deutsche Rollenkonzept als Zivilmacht relevant. Da sich die Analyse auf Plenarsitzungen des Bundestages bezieht, soll zudem die Bedeutung des Bundestages bei der Entsendung der Bundeswehr anhand des Parlamentsbeteiligungsgesetzes aufgezeigt werden.

Die empirische Analyse begrenzt sich auf den Zeitraum 2001 bis 2010, also auf den Einsatz­beginn bis zum Höhepunkt des Legitimations- und Einsatzcharakterwandels. Aus drei Bun­destagsdebatten sollen die Begründungsmuster der Abgeordneten herausgearbeitet wer­den, da ihnen bei Bundeswehrentsendungen eine herausragende Rolle zukommt. In den Debatten wird der Einsatz auch regelmäßig charakterisiert. Mit Blick auf die Frage „Frie­densmission oder Krieg?" soll festgestellt werden, ob hier eine Veränderung stattgefunden hat. Bei der Analyse werden die Redebeiträge der Fraktion „Die Linken" aufgrund deren ge­nerellen Ablehnung von Bundeswehreinsätzen nicht berücksichtigt.

Der erste Beschluss zur ISAF wurde in der Debatte vom 22.12.2001 gefasst, die die ursprüng­lichen Gründe für die Entsendung der Bundeswehr nach Afghanistan enthält, die wiederum für die Feststellung eines Wandels zentral sind. Die zweite für diese Arbeit relevante Debatte am 28.9.2005 markiert die Halbzeit des Analysezeitraums sowie den Beginn der Eskalation des Einsatzes. Die letzte Debatte, die analysiert wird, wurde am 26. Februar 2010 nach der Kunduz-Affäre geführt und steht unter dem Eindruck der wiedererstarkten Taliban und der extremen Verschlechterung der Sicherheitslage. Ihr geht ein medialer, gesellschaftlicher und politischer Diskurs über den ISAF-Charakter voraus und beinhaltet den Höhepunkt des Wan­dels der Begründungsmuster. So kann analysiert werden, welche Argumente an Bedeutung gewonnen oder verloren haben, neu hinzukamen oder wegfielen und wie sich die Argumen­te zeitgleich zum Einsatzcharakter entwickelten. Die parallele Darlegung des Einsatzverlaufs soll als Erklärungsvariable für diese Veränderung dienen. Außerdem soll ein Blick auf die Zu­stimmung der deutschen Bevölkerung zu dem Einsatz geworfen werden, da eine enge Ver­knüpfung zwischen Wandel des Einsatzcharakters, veränderte Legitimierung und Zustim­mung der Bevölkerung festgemacht werden kann.

Im Fazit soll resümiert werden, wie sich die Legitimationsmuster der Abgeordneten verän­dert haben und wie dieser Wandel zu Stande kam. Außerdem soll festgestellt werden, ob das Engagement in Afghanistan ein Bruch mit dem deutschen Rollenkonzept war und welche Hintergründe hinter der Beteiligung außerhalb der Argumente der Abgeordneten stecken. Letztendlich soll die Frage beantwortet werden, inwiefern die Begründungsmuster den Wandel von einer Aufbaumission hin zu einem Krieg erkennen lassen.

2. Culture of Restraint: Die konstruktivistische Außenpolitiktheorie und die militärische Interventionspolitik Deutschlands

2.1 Norms and Values matter: Der Demokratische Frieden und die Zivilmacht Deutschland

Sicherheit, Macht, Eigennützen: Jahrzehnte lang wurden in der Politikwissenschaft vor allem solche systemische Faktoren für die Erklärung außenpolitischen Verhaltens herangezogen9. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und der Auflösung der bipolaren Weltordnung verlo­ren klassische Außenpolitiktheorien der Internationalen Beziehungen, wie zum Beispiel der Realismus, an Erklärungskraft. Deshalb stellt sich nicht nur mit Blick auf den Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan ab 2001 die Frage, welche Variablen außerhalb ratio­naler Faktoren das außenpolitische Verhalten von Staaten beeinflussen und erklären.

In den 1990er Jahren kam hierfür ein neuer Erklärungsansatz auf, der auf den bisher unbe­achteten Variablen „Werte und Normen" basiert: Der Konstruktivismus. Alexander Wendt argumentiert: „[...] security dilemmas are not given by anarchy or nature"10, sondern sind, wie für die Konstruktivisten die komplette Wahrnehmung der Welt, „[...] socially constructed."11 Basis für staatliches Handeln ist nicht der Zwang durch das Internationale System, wie zum Beispiel im Neorealismus, wo die Anarchie ein Selbsthilfesystem hervor­ruft12. Stattdessen agieren Staaten „[...] auf Grundlage ihrer Wahrnehmung der politischen Gesamtsituation [...] und treffen ihre außenpolitischen Entscheidungen weil sie diese als an­gemessen betrachten."13 Wie diese Wirklichkeitskonzeptionen oder Weltbilder entstehen, ist von der nationalen Identität abhängig14. Die nationale Identität ist die Gesamtheit der gesellschaftlich geteilten Werte und Normen. Sie werden über Generationen weiter gege­ben, kreieren die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und grenzen gleichzeitig von anders­denkenden Staaten ab15. Das außenpolitische Verhalten wird durch die nationale Identität insofern beeinflusst, als dass auf Basis der ihr zugrunde liegenden Werten und Normen so­wohl „[...] staatliche Interessen und Ziele formuliert, als auch Strategien und Instrumente bestimmt werden, die sich zur Verwirklichung dieser Interessen und Ziele einsetzen las­sen."16 Normen und Werte begrenzen also den Rahmen außenpolitischer Möglichkeiten. „Die Logik der Angemessenheit bildet in der konstruktivistischen Außenpolitiktheorie das Bindeglied zwischen der unabhängigen Variable 'Normen' und dem außenpolitischen Verhal­ten von Staaten"17 als abhängige Variable. Der „homo soziologicus" tritt an Stelle des „homo oeconomicus."18 Staaten handeln also nicht eigennutzenorientiert. Konstruktivisten gehen von einem „[...] sozialen, regelgeleiteten Akteur aus, der, eingebunden in ein Netz von Nor­men und Werten, seine Interessen situativ und endogen definiert."19 Wie stark nationale Werte die Außenpolitik tatsächlich beeinflussen, ist von zwei Faktoren abhängig: Erstens ist ihre Kommunalität relevant, also wie breit sie gesellschaftlich geteilt werden. Denn die zent­ralen Akteure im Konstruktivismus sind nicht einzelne Akteure, sondern Kollektive20. Erst wenn die Kommunalität hoch ist, kann von einer nationalen Identität gesprochen werden. Da gesellschaftlich verwurzelte Werte auf eine entsprechende Außenpolitik hinwirken, ist der konstruktivistische Ansatz nur für Staaten gültig, die auf Individuen beruhen, also Demo­kratien. Zweitens ist die Spezifität, also die Genauigkeit einer Norm wichtig, damit die mit ihr verbundenen Verhaltensweisen unmissverständlich sind21.

Werte und Normen animieren außerdem zur Kooperation mit anderen Staaten, die diese ebenfalls teilen. Diesbezüglich „[...] zeigen Demokratien eine besondere Neigung, internatio­nalen Organisationen beizutreten, die wiederum Kompromisse und friedliche Konfliktlösun- gen[...]"22 bevorzugen. Staaten verhalten sich innerhalb solchen Wertegemeinschaften „[...] freundschaftlich und solidarisch zueinander."23 Wertegemeinschaften spielten auch bei der Legitimation des Afghanistan-Einsatzes durch die NATO und die UN eine zentrale Rolle, wes­halb „[...] bei der Diskussion von Entscheidungen über die Afghanistaneinsätze im Lichte des Multilateralismus [...] konstruktivistische Erklärungsmuster mit heranzuziehen"24 sind. Für die Analyse der Legitimationsmuster deutscher Abgeordneter zum Afghanistan-Engagement ist die bisherige Theoriegrundlage allerdings lückenhaft. Denn eigentlich müsste „[...] die Außenpolitik von Demokratien über ihre Normen [...] gesteuert [...] kontextunabhängig wir­ken [...]."25 Tatsächlich ist festzustellen: „States act differently towards enemies than they do toward friends [...]."26

Hier kommt eine konstruktivistische Interpretation des aus der liberalen Außenpolitiktheorie stammenden „Demokratischen Friedens" ins Spiel: Der Befund des Demokratischen Friedens zeigt auf, dass Demokratien seit 1945 untereinander keine Kriege geführt haben. Dies kann durch zwei Argumentationspfade erklärt werden: Der „strukturell-institutionelle" Definitivar­tikel27 besagt, „[...] dass demokratische Bürger einer konsolidierten Demokratie liberal­demokratische Werte und Normen verinnerlicht hätten, welche die Achtung vor dem Mit­bürger und friedliche Formen der Konfliktlösung befördern."28 Demokratische Partizipation ist also friedensschaffend, da die Bürger als Leidtragende kriegerischer Konflikte gewaltavers sind und friedliche Außenpolitik bevorzugen. Für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist der zweite, „normativ-kulturelle" Definitivartikel relevanter: Die Gewaltanwendung zwischen Demokratien sinkt, je intensiver sie innerhalb internationaler Organisationen miteinander kooperieren. Die Wesensgleichheit durch gemeinsame Werte schafft also einen „Friedens­bund"29. Denn der „[...] institutionalisierte Kontakt zwischen den Staaten mit dem verabre­deten Gewaltverzicht sichert wechselseitig die Existenzgarantie und reduziert damit das Sicherheitsdilemma"30, so wie es heute etwa die Vereinten Nationen tun.

Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille: Es können „[...] diejenigen liberalen Normen, die zwischen Demokratien Frieden begründen mögen, zum Gewalteinsatz gegen Nichtdemo­kratien motivieren [...]"31, was als „Doppelbefund" oder „Demokratischer Krieg" bezeichnet wird32. Nationale Identitäten können zur Schaffung von Feindbildern beitragen. Erst wenn „[...] andere Staaten ähnliche Sicherheitsinteressen haben [...], werden diese nicht als militä­rische Bedrohung erfahren [,..]."33 Gegen Regime führen Demokratien nach wie vor Krieg, weil diese als andersdenkend und damit als Gefahr wahrgenommen werden. Das erklärt auch, wieso geführte Kriege meist von Demokratien selbst ausgehen34. Dabei wurde festge­stellt, dass „[...] keine Demokratie ohne Verbündete militärisch aktiv wurde."35

Gegen Nicht-Demokratien werden also im Kollektiv durch Wertegemeinschaften weiterhin Kriege mit drei möglichen Begründungen geführt: Der Ordnungskrieg basiert auf der Durch­setzung des Völkerrechts, der Regimewechsel verfolgt die Demokratisierung und die huma­nitäre Intervention den Schutz von Menschenrechten. Ziele eines demokratischen Krieges sind zum einen, die Bedrohung durch ein Regime insofern zu lindern, als dass dessen Demo­kratisierung im Sinne des Demokratischen Friedens ein Sicherheitsgewinn für Demokratien darstellt. Zum anderen spielt neben der eigenen Sicherheit angesichts der Kriegsführung durch Wertegemeinschaften stets die Durchsetzung von Menschenrechten eine große Rolle. Deshalb greift anschließend auch die Pflicht zum Wiederaufbau36. Bei einem Demokratischen Krieg ist Gewaltanwendung sozusagen durch wertorientierte und friedensstiftende Ziele und Multilateralität legitim.

Der Demokratische Krieg erklärt also, wieso Demokratien trotz norm- und werteorientierter Außenpolitik gewaltsame Konfliktlösung betreiben. Offen bleibt, wieso einige Demokratien schneller zu Waffen greifen als andere. Um solch unterschiedliches Verhalten in gleichen Situationen erklären zu können, ist der theoretische Blick im Rahmen wertegeleiteter Au­ßenpolitik noch einmal zu erweitern: Die konstruktivistische Rollentheorie kann anhand von Rollenkonzepten erklären, welche außenpolitische Strategie von einem Staat gewählt wird.

Die Außenpolitik einer Nation ist abhängig von der bereits erläuterten nationalen Identität sowie dem ebenfalls norm- und wertebasierten Rollenkonzept. Zusammen bilden sie Richtli­nien für außenpolitische Ziele, Interessen und Strategien. Die Rolle eines Staates ist also die Form, in welcher dieser Einfluss ausübt. Rollenkonzepte setzen sich aus zwei Faktoren zu­sammen, die situationsabhängig unterschiedlich auf das Verhalten wirken: Zum einen spie­gelt der Alter-Part die Erwartungen der Außenwelt an den Akteur, also den Staat, wider. Den Ego-Part bildet der Akteur selbst, wobei Erwartungen des Alters auch zum Ego werden kön­nen. Grundlage dieses Selbstverständnisses sind gesellschaftlich geteilte Werte und Normen, aber auch nationale Möglichkeiten, geografische Eigenschaften oder historische Erfahrun­gen. Rollenkonzepte dienen jedoch eher als Grundorientierung und eignen sich nicht zur Vorhersage einzelner außenpolitischer Handlungen37.

Angesichts der Analyse von Bundestagsdebatten soll speziell das Rollenkonzept Deutsch­lands erläutert werden: Das Nachkriegsdeutschland war „[...] von Anfang an auf dem Weg zur Zivilmacht - als Ergebnis unabweisbarer außenpolitischer Handlungszwänge, aber auch aufgrund der freiwilligen Neuorientierung^..]."33 Im Allgemeinen verfolgen Zivilmächte die Zivilisierung der internationalen Beziehungen. Das Konzept basiert auf der Zivilisierung nach Dieter Senghaas, die bedeutet, „[...] gewalttätige und vor allem kriegerische Machtrivalitäten in eine friedliche Konfliktregelung zu überführen [,..]" 38 39. Dabei grenzen sich Zivilmächte von klassischen Großmächten ab, da ihre Mittel aus dem nicht-militärischen Bereich stammen40. Zivilmächte streben nach Multilateralität, da sie die Legitimität des Handelns steigert41. Ihre Macht setzen sie dazu ein, eigene Werte wie Demokratie oder Menschenrechte auszubrei­ten. Krisenbewältigung erfolgt mit militärischer Zurückhaltung und bevorzugt diplomatisch42. Ziele, nach denen Zivilmächte wie Deutschland streben, sind multilaterales Handeln, friedli­che Konfliktlösung und die Ausbreitung eigener Werte. Sie verfolgen durchaus auch nationa­le Interessen, die Mittel und Ziele hierzu unterliegen aber den Werten des Staates43. Für „[...] friedensschaffenden Maßnahmen [,..]"44, zur Selbstverteidigung oder nach Ausschöpfung ziviler Strategien sind außerdem Militäreinsätze möglich.

Die Bundesrepublik hat sich „[...] traditionell auf einen konsensorientierten, auf Diplomatie, Dialog, Kooperation und soft power aufgebauten Politikansatz gestützt und sich in harten machtpolitischen Fragen deutliche Zurückhaltung auferlegt"45, was für das Rollenverständnis als Zivilmacht spricht. Dieses Verhalten resultiert aus drei Konsequenzen, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen hat, seitdem gesellschaftlich tief verwurzelt46 und teilweise sogar im Grundgesetz verankert sind47: „Never again" ist eine wertorientierte Leit­linie, die auf der Ablehnung der Nazi-Verbrechen aufbaut. Durch nationale Erfahrungen ver­folgt Deutschland den Schutz von Menschenrechten, die Friedensförderung und die Verbrei­tung von Demokratie. In der zweiten Leitlinie „never alone" kommt das Prinzip multilateraler Politik zum Ausdruck, was sich in den Aktivitäten in vielen internationalen Organisationen und Institutionen sowie den stets multilateralen Auslandseinsätzen der Bundeswehr48, wie etwa dem Afghanistan-Einsatz, widerspiegelt. „Politics before force" ist die dritte Leitlinie, die militärische Zurückhaltung und die Bevorzugung diplomatischer Lösungen beinhaltet49. Diesen drei Werten blieb Deutschland auch nach der Wiedervereinigung treu50. Bezüglich der Militanz hat sich allerdings zuletzt ein Wandel vollzogen: Ab 1990 wuchsen aufgrund neuer Bedrohungen durch Terror und Staatszerfall die Spannungen zwischen den Erwartun­gen Verbündeter an das wiedervereinte Deutschland, der militärischen Zurückhaltung und dem Multilateralismusstreben51. Die Bundeswehr, eigentlich eine Verteidigungsarmee, be­teiligte sich an immer mehr Einsätzen zur Konfliktverhütung und Krisenbewältigung. Zuguns­ten der Multilateralität nahm der Wert des Antimilitarismus ab52. Seine „Culture of Rest­raint"53 hat Deutschland dennoch nicht abgelegt: Bezüglich des Afghanistaneinsatzes beton­te Altkanzler Gerhard Schröder, dass er zu militärischen Abenteuern nicht bereit sei54. Deut­sche Außenpolitik weist nach wie vor „[...] mehr Kontinuität als Wandel [...]"55 auf. Deshalb ist für Deutschland „[...] zweifellos [...] das Bild der Zivilmacht weiterhin das zutreffendste."56

[...]


1 Seiffert, Anja/ Langer Phil C./ Pietsch Carsten (Hrsg.): Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan (1. Aufl.), Wiesbaden 2011, S. 11.

2 Jacobi, Daniel/ Hellmann, Gunther/ Nieke, Sebastian: Deutschlands Verteidigung am Hindukusch: Ein Fall misslingender Sicherheitskommunikation, in: Brummer, Klaus/ Fröhlich, Stefan (Hrsg.): Zehn Jahre Deutschland in Afghanistan, Köln 2011, S. 171-197 (184).

3 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: 15 Jahre Bundeswehreinsatz in Afghanistan (15.12.2016), https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verteidigungspolitik/238332/15-jahre-afghanistan-einsatz (aufgerufen am 29.12.2017), S. 1.

4 Vgl. Deutscher Bundestag: Zur Begründung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr (11.2.2014), https://www. bundestag.de/blob/412782/05f59ea996b26830eblf80085585ec31/wd-2-021-14-pdf-data.pdf (aufgerufen am 25.1.2018), S.5.

5 Vgl. Müller, Harald/ Wolff, Jonas: Demokratischer Krieg am Hindukusch? Eine kritische Analyse der Bundes­tagsdebatten zur deutschen Afghanistanpolitik 2001-2011, in Brummer, Klaus/ Fröhlich, Stefan (Hrsg.): Zehn Jahre Deutschland in Afghanistan S. 197-223 (198 f.).

6 Vgl. Jahn, Egbert: Politische Streitfragen (1. Aufl.), Wiesbaden 2012, S. 59.

7 Vgl. Von Krause, Ulf: Die Afghanistaneinsätze der Bundeswehr. Politischer Entscheidungsprozess mit Eskalati­onsdynamik (1. Aufl.), Wiesbaden 2011, S. 35.

8 Vgl. Geis, Anna/ Müller, Harald/ Schörnig, Niklas: Liberale Demokratien und Krieg. Warum manche kämpfen und andere nicht. Ergebnisse einer vergleichenden Inhaltsanalyse von Parlamentsdebatten, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 17:2 (Dezember 2010), S. 171-202 (171 ff.).

9 Vgl. Dube, Christian: Die Zivilmacht Deutschland und der „bewaffnete Konflikt" in Nordafghanistan. Diskurs­analyse politischer Legitimationsmuster beim Einsatz von Streitkräften am Beispiel des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan, Hagen 2012, S. 6.

10 Wendt, Alexander: Anarchy is what States Make of it: The Social Construction of Power Politics, in: Internati­onal Organization, 46:2 (März 1992), S. 391-425 (407).

11 Ebd. S. 396.

12 Vgl. Krell, Gert: Weltbilder und Weltordnungen. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen (4. Aufl.), Frankfurt 2009, S. 368.

13 Bosold, David/ Achrainer, Christian: Die normativen Grundlagen deutscher Außenpolitik, in: Jäger, Thomas/ Oppermann, Kai/ Höse, Alexander (Hrsg.): Deutsche Außenpolitik (2. Aufl.), Wiesbaden 2011, S. 445-468 (449).

14 Vgl. Schnieders, Barbara: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen nach 09/11/01. Eine konstruktivistische Synthese, Köln 2014, S. 35

15 Vgl. Boekle, Henning/ Rittberger, Volker/ Wagner, Wolfgang: Normen und Außenpolitik: Konstruktivistische Außenpolitiktheorie, in: Tübinger Arbeitspapiere zur Internationalen Politik und Friedensforschung, 5:34 (März 1999), S. 1-57 (2).

16 Kirste, Knut/ Maull, Hanns W.: Zivilmacht und Rollentheorie, in: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 3:2 (1996), S. 283-312 (283).

17 Boekle/Rittberger/Wagner: Normen und Außenpolitik, S. 8.

18 Vgl. Von Krause: Die Afghanistaneinsätze der Bundeswehr, S. 33.

19 Kirste/Maull: Zivilmacht und Rollentheorie, S. 285.

20 Vgl. Krell: Weltbilder und Weltordnungen, S. 379.

21 Vgl. Böller, Florian: Varianz demokratischer Außenpolitik: Deutsche und amerikanische Politik im Vorfeld des Irakkrieges, in: Kaiserslautern Occasional Papers in Political Science (KOPS); 5:1 (Februar 2011), S. 1-97 (14).

22 Geis/ Müller/ Schörnig: Liberale Demokratien und Krieg. S. 176.

23 Lauth, Hans-Joachim/Wagner, Christian: Politikwissenschaft: Eine Einführung, Paderborn 2009, S. 147.

24 Von Krause: Die Afghanistaneinsätze der Bundeswehr, S. 34.

25 Czempiel, Ernst-Otto: Kants Theorem. Oder: Warum sind die Demokratien (noch immer) nicht friedlich?, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 3:1 (Juni 1996), S. 79-102 (83).

26 Wendt: Anarchy is what States Make of it, S. 397.

27 Vgl. Czempiel: Kants Theorem, S.81.

28 Geis/ Müller/ Schörnig: Liberale Demokratien und Krieg, S. 175.

29 Czempiel: Kants Theorem, S. 83 ff.

30 Ebd.,S. 96.

31 Müller/Wolff: Demokratischer Krieg am Hindukusch?, S. 198.

32 Vgl. Geis/ Müller/ Schörnig: Liberale Demokratien und Krieg, S. 196.

33 Krell: Weltbilder und Weltordnungen, S. 369.

34 Bundeszentrale für politische Bildung: Der "demokratische Frieden" und seine außenpolitischen Konsequen­zen (10.10.2008), http://www.bpb.de/apuz/30908/der-demokratische-frieden-und-seine-aussenpolitischen- konsequenzen?p=all (aufgerufen am 27.10.2017), S.l.

35 Geis/ Müller/ Schörnig: Liberale Demokratien und Krieg, S. 175.

36 Vgl. Müller/ Wolf: Demokratischer Krieg am Hindukusch?, S. 199 ff.

37 Vgl. Kirste/ Maull: Zivilmacht und Rollentheorie, S. 293 ff.

38 8 Maull, Hanns W.: Deutschland als Zivilmacht, in: Schmidt, Siegmar/ Hellmann, Gunther/ Wolf, Reinhard: Handbuch zur deutschen Außenpolitik (1. Aufl.), Wiesbaden 2007, S. 73-84 (75).

39 Senghaas, Dieter: Friedensforschung und der Prozess der Zivilisation, in: Moltmann, Bernhard (Hrsg.): Per­spektiven der Friedensforschung (1. Aufl.), Baden-Baden 1988, S. 167-174 (167).

40 Vgl. Colschen, Lars: Deutsche Außenpolitik (1. Aufl.), Paderborn 2010, S. 356.

41 Vgl. Colschen: Deutsche Außenpolitik, S. 281 ff.

42 Vgl. Große-Hüttmann, Martin: Soft Power (2013), http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/177268/soft- power (aufgerufen am 12.1.2018), S. 1.

43 Vgl. Kirste/ Maull: Zivilmacht und Rollentheorie, S. 300.

44 Kampschulte, Dennis L.: Transatlantische Wahrnehmungsunterschiede im Umgang mit Internationalen Kon­flikten? Zur Bedeutung der auswärtigen Kultur-, Bildungs- und Informationspolitik in Deutschland und den USA (l.Aufl.), Baden-Baden 2008), S. 171.

45 Gareis, Sven Bernhard: Deutschlands Außen- und Sicherheitspolitik (2. Aufl.), Opladen 2006, S. 92.

46 Vgl. Maull: Deutschland als Zivilmacht, S. 76.

47 Vgl. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: Artikel 1 Absatz 2.

48 Vgl. Baumann, Rainer: Deutschland als Europas Zentralmacht, in: Schmidt, Siegmar/ Hellmann, Gunther/ Wolf, Reinhard: Handbuch zur deutschen Außenpolitik (1. Aufl.), Wiesbaden 2007, S. 62-72 (69).

49 Vgl. Maull, Hanns W.: Deutschlands außenpolitische Kontinuität ist richtig (2.7.2014), http://www.aussen- politik-weiter-denken.de/de/aussensicht/article/die-aussenpolitische-kontinuitaet-ist-richtig-muss-aber-an gepasst-werden.html (aufgerufen am 17.12.2017).

50 Vgl. Maull: Deutschland als Zivilmacht, S. 78.

51 Vgl. Gießmann, Hans J./ Wagner, Armin: Auslandseinsätze der Bundeswehr, in: Aus Politik- und Zeitgeschich­te, 65:48 (November 2009), S. 3-9 (5).

52 Vgl. Hellmann, Gunther/ Wagner, Wolfgang/ Baumann, Rainer: Deutsche Außenpolitik. Eine Einführung (2. Aufl.), Wiesbaden 2014, S. 203.

53 Baumann, Rainer/ Hellmann Gunther: Germany and the Use of Military Force: Total War, the Culture of Rest­raint and the Quest for Normality, in: German Politics, 10:1 (April 2001), S. 4.

54 Vgl. Die Bundesregierung: Regierungserklärung des Bundeskanzlers Gerhard Schröder zu den Anschlägen in den Vereinigten Staaten von Amerika (19.09.2001).

55 Geis/ Müller/Schörnig: Liberale Demokratien und Krieg. S. 206.

56 Gareis: Deutschlands Außen- und Sicherheitspolitik, S. 76.

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Details

Titel
Von der Aufbaumission zum Krieg am Hindukusch. Der Wandel der Bundestagsdebatten zum Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern  (Integrative Sozialwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
48
Katalognummer
V1130554
ISBN (eBook)
9783346496867
ISBN (Buch)
9783346496874
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Afghanistan ISAF Kabul Bundeswehr Resolution Support NATO UN USA 9/11 Terror Krieg Hindukusch Taliban Sicherheit Außenpolitik Sicherheitspolitik Merkel
Arbeit zitieren
Isabel Fisch (Autor:in), 2018, Von der Aufbaumission zum Krieg am Hindukusch. Der Wandel der Bundestagsdebatten zum Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130554

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