Karl Mannheim: Das soziologische Problem der Generationen


Essay, 2007
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Karl Mannheim als Begründer der Wissenssoziologie

2. Mannheims Zugang zum Problem der Generationen

3. Die Bedeutung der Generationenabfolge für sozialen Wandel

4. Differenzierung des Generationenbegriffs: Generationslagerung, Generationszusammenhang, Generationseinheiten

5. Leitfragen für die Konkretisierung von Generationen im historischen Prozess

6. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Karl Mannheim als Begründer der Wissenssoziologie

Karl Mannheim wurde am 27.03.1893 in Budapest geboren. Dort studierte er – mit einer zweijährigen Unterbrechung in Berlin, wo er u. a. kultursoziologische Vorlesungen von Georg Simmel hörte

– Philosophie und Soziologie. 1918 promovierte er mit einer Arbeit über die „Strukturanalyse der Erkenntnistheorie“. Als Jude floh er nach dem Putsch von 1919 aus Ungarn mit anderen Intellektuellen zunächst nach Wien, bevor er schließlich über Freiburg und Berlin 1920 nach Heidelberg gelangte, wo er zehn Jahre lang lebte. 1926 habilitierte er sich mit einer Schrift über „Das konservative Denken“ und arbeitete anschließend als Privatdozent.

Auf dem Soziologentag von 1928 trug Mannheim eine Kontroverse mit Alfred Weber, seinem früheren Mentor, aus. Darin richtete sich Mannheim mit seiner Wissenssoziologie gegen die von Weber vertretene Kultursoziologie als Objekt. Dabei führte Mannheim aus, dass es auch innerhalb der Wissenschaft Denkrichtungen gäbe, die aus sozialen Strukturen und Interessen begründet seien. In diesem Zusammenhang zitierte er Alfred Weber als einen Vertreter des Liberalismus und attackierte diesen scharf.

Mannheim begründete seine Wissenssoziologie und den damit eng in Zusammenhang stehenden Ideologiebegriff in dem 1929 erschienenen Werk „Ideologie und Utopie“. Diese theoretischen Konzeptionen führte er im 1935 veröffentlichten Buch „Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus“ fort. Allgemein lässt sich sagen, dass die Wissenssoziologie die Frage danach stellt, auf welche Weise Wissen entsteht und wie Wissen sich im gesellschaftlichen Prozess verändert1. Als Kernthese Mannheims gilt dabei die Seinsverbundenheit sowie Interessegeleitetheit des Denkens, wobei sich – gewendet auf das Denken und Handeln des Subjekts – das bereits von Karl Marx formulierte

Verhältnis von Basis und Überbau2 wiederfindet, nun allerdings nicht mehr im streng klassentheoretischen Sinne.

Mannheim, der die politischen Gegensätze seiner Zeit als gesellschaftliche Krise empfand und ein politisch-pragmatisches Programm als Ausweg aus eben dieser zu entwerfen versuchte, erklärte seine Wissenssoziologie gar als zentrale Disziplin der Soziologie, deren Aufgabe es sei,

„die Zeitund Standortgebundenheit des Denkens aufzudecken. […] Wissenssoziologie verbessere nicht nur die Formen und Inhalte des Denkens, sondern auch die wissenschaftlichen Konzepte von Geschichtswissenschaft und Soziologie.“3

Von zentraler Bedeutung für den im weiteren Verlauf zu definierenden Generationsbegriff nach Mannheim gilt in diesem Zusammenhang, dass jedes Denken erst aus dem Lebensvollzug des Subjekts, d.h. aus der sozialen Lagerung – als Entsprechung zum Begriff der Klassenlagen bei Marx – und den mit ihr verbundenen spezifischen Interessenlagen zu verstehen ist.

Eine Emanzipation von dieser Seinsverbundenheit des Denkens sei nach Mannheim lediglich den Intellektuellen möglich, die er als sozial freischwebende Intelligenz bezeichnet. Allein diesen sei es möglich, gewissermaßen eine Synthese der widerstreitenden Strömungen in der Gesellschaft zu schaffen und somit die unterschiedlichen partikularen Ideologien zum Wohle und Fortschritt des Ganzen zu formulieren.

1929 wurde Karl Mannheim auf den Lehrstuhl für Soziologie in Frankfurt berufen. Nach der Machtergreifung der Nazis musste er Deutschland verlassen und lehrte in der Folge in England an der London School of Economics, später dann an der University of London. Mannheim starb am 09.01.1947 in London.4

2. Mannheims Zugang zum Problem der Generationen

Es gilt nun zunächst die Frage zu klären, weshalb sich Karl Mannheim, als allgemeiner Soziologe, überhaupt mit dem Phänomen der Jugend beschäftigt. Als Wissenssoziologe interessiert sich Mannheim aus dem Grunde für Generationen, da er glaubt, mit diesem Phänomen eine Antwort auf eine der ältesten Fragen der Soziologie geben zu können: wie kommt sozialer Wandel zustande, wie lässt er sich erklären?

Zur Erfassung und Bearbeitung des Problems der Generationen geht Mannheim methodisch in zwei Schritten vor. Er umreißt zunächst die Fragestellung, um daraufhin einen eigenen Lösungsweg zu entwickeln. Dabei stellt er fest, dass es in der bisherigen Wissenschaftsgeschichte einen positivisti-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

schen5 sowie einen romantisch-historischen Zugang zum Problem der Generationen gab. Ersterer konzentrierte sich vornehmlich auf quantitative Aspekte, d.h. gewissermaßen auf die zahlenmäßige Fixierbarkeit der Grenzdaten des Mensch-Seins. Als zentrale Vertreter dieses Ansatzes nennt Mannheim etwa David Hume oder Auguste Comte, womit er das aus den Aufklärungstraditionen entstandene positivistische Denken vorrangig in Frankreich verortet. Der von Mannheim etwa mit Wilhelm Dilthey und Martin Heidegger vor allem in Deutschland gesehene romantisch-historische Zugang stellte hingegen die qualitativen, phänomenologischen6 Aspekte ins Zentrum ihres Interesses.7

Mannheim ist nun aber der Auffassung, dass man weder auf die eine, noch auf die andere Weise dem Phänomen der Generation gerecht würde, sondern dass man die biologisch-psychischen Aspekte mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Verbindung bringen müsse:

„Der biologische Rhythmus wirkt sich im Elemente des sozialen Geschehens aus; wenn man diese Formungsschicht völlig übergeht und unmittelbar alles aus dem Vitalen heraus zu erfassen sucht, so verschüttet man in der Lösungsweise des Problems alle fruchtbaren Keime, die in der Fragestellung so erfreulich und so verheißungsvoll waren.“8

Mannheim bemängelt, dass die wissenschaftlichen Disziplinen der einzelnen Länder in unzulänglicher Weise Kenntnis von den gegenseitigen Ergebnissen nähmen, dass es keine hinreichend geplante Kooperation gäbe, wodurch er die Situation im Hinblick auf das Problem der Generationen als

„Beispiel für die Planlosigkeit in den Sozialund Geisteswissenschaften“9 bezeichnet. Mannheim

spricht sich dafür aus, dass die formale Soziologie10 den Problementwurf herausarbeiten solle, wobei er zwischen statischer und dynamischer Forschung unterscheidet; ein Motiv, das später im Positivismusstreit der 1960er Jahre wieder in Erscheinung tritt. Mannheim argumentiert hier gegen eine ohne weiterführende Ansprüche empirisch forschende Sozialwissenschaft, für das Verständnis einer Gesellschaft in ihrer Entwicklungslogik.

3. Die Bedeutung der Generationenabfolge für sozialen Wandel

Mannheim hält die Abfolge der Generationen für die fundamentale Voraussetzung des historischen Wandels. Jede Generation in jeder Gesellschaft muss sich demnach zum Überleben der Gesellschaft das kulturelle Wissen, über das die jeweilige Gesellschaft verfügt, aneignen. Dieser Aneignungsprozess ist in gewisser Weise ein Prozess der Reproduktion, aber zugleich auch der Innovation der Gesellschaft. Die Jugendlichen vergessen viel von dem, was die ältere Generation für wichtig hält, und interpretieren einige Dinge neu, so dass sie letztlich zu einem eigenständigen Faktor der historischen Entwicklung werden.

Mannheim versucht seine These von der Bedeutung der Generationen für sozialen und kulturellen Wandel anhand eines Gedankenexperiments darzulegen. Er stellt sich die Frage, was wäre, wenn es das biologische Moment des Geborenwerdens, des Alterns sowie des Sterbens nicht geben würde, wenn also eine Generation ewig leben und keine weitere Generationenfolge stattfinden würde. Mannheim charakterisiert unsere menschliche Gesellschaft gegenüber einer solch utopisch konstruierten anhand folgender Merkmale:

a) Stetes Neueinsetzen neuer Kulturträger
b) Abgang der früheren Kulturträger
c) Partizipation der Träger eines jeweiligen Generationszusammenhanges an einem zeitlich begrenzten Abschnitt des Geschichtsprozesses
d) Notwendigkeit des steten Tradierens der akkumulierten Kulturgüter
e) Kontinuierlichkeit des Generationswechsels

Mannheim zeigt, dass das stete Neueinsetzen neuer Kulturträger eine Weiterentwicklung von Kultur durch Menschen bedeutet, die einen neuen Zugang zum akkumulierten Kulturgut aufweisen. Eine ewig lebende Generation würde die Notwendigkeit des Tradierens von Wissen überflüssig machen, es könnte einfach beibehalten werden. In diesem Falle wäre ein neuartiger Zugang einzig aus sozialen Verschiebungen heraus möglich, nicht aber durch das vitale Moment des Generationswechsels, welchen Mannheim als sehr viel radikaler und entscheidender in Bezug auf den Einstellungswechsel einstuft. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer kompensatorischen Funktion, die darin bestünde, „nicht mehr Brauchbares zu vergessen, noch nicht Errungenes zu begehren.“11 Konkret bedeutet dies bspw. auf die Schule oder die Universität bezogen, dass es immer wieder jüngere Lehrer geben muss, da es letztlich nur durch die Pensionierung der älteren Lehrkräfte möglich ist, dass Schüler etwas Neues lernen.

Mannheim behauptet nicht, dass es nur die Generationenabfolge wäre, durch die Gesellschaft sich verändert, sondern spricht gleichzeitig von sozialer Verschiebung als zweiter entscheidender Variable.

[...]


1 Für eine ausführliche, anschauliche Darstellung von Mannheims Wissenstheorie vgl. http://www.soz.unibe.ch/personal/schallberger/Mannheim%20Wissenssoziologie.pdf [21.11.2007].

2 Für eine nähere Charakterisierung der Marxschen Begriffe der Basis und des Überbaus vgl. Korte 2004, S. 50.

3 Ebd., S. 128.

4 Vgl. ebd., S. 125-129.

5 Der Positivismus gilt als Richtung der Philosophie, die ihre Forschung auf das Tatsächliche, Wirkliche und Zweifellose beschränkt, sich allein auf Erfahrung beruft und jegliche Metaphysik als theoretisch unmöglich und praktisch nutzlos ablehnt. Vgl. http://www.textlog.de/4871.html [21.11.2007].

6 Der Begriff der Phänomenologie meint gemeinhin die Lehre von den Erscheinungen. Vgl. http://www.textlog.de/4851.html [21.11.2007].

7 Vgl. Mannheim 1964, S. 509-521.

8 Ebd., S. 522.

9 Ebd., S. 523.

10 Von Georg Simmel geprägter Begriff, der die Analyse der sozialen Beziehungen, und damit die Wechselwirkungen der Individuen untereinander betrachtet. Vgl. Korte 2004, S. 86-94.

11 Mannheim 1964, S. 532.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Karl Mannheim: Das soziologische Problem der Generationen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Generationslagen und Jugendkulturen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V113360
ISBN (eBook)
9783640136797
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Generationen, Generationslagen, Jugendkulturen, Karl Mannheim
Arbeit zitieren
René Klug (Autor), 2007, Karl Mannheim: Das soziologische Problem der Generationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113360

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