Generationen aus der Sicht Karl Mannheims - Stärken und Schwächen eines theoretischen Konstrukts


Essay, 2008
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Vorbemerkung

2. Jugend im 20. Jahrhundert: Mannheims Modell in der Praxis 2.1. Stärken und Schwächen
2.2. Mögliche Ergänzungen

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Vorbemerkung

In dieser Reflexion sollen nachfolgend sowohl die Stärken als auch die Schwächen der Theorie Karl Mannheims, die er in seinem Aufsatz „Das soziologische Problem der Generationen“ entwickelte, diskutiert werden. Grundlage dieser Diskussion sollen dabei vorrangig die Resultate der praktischen Arbeit mit diesem Modell sein, welches die Grundlage unseres Seminars „Generationslagen und Jugendkulturen“ bildete. Es gilt demnach zu überprüfen, inwiefern sich die Systematik in Form von Leitragen, die wir auf der Basis der Theorie Mannheims zu Beginn des Seminars herausgearbeitet hatten, im Hinblick auf die Beantwortung der Frage, ob es sich bei den von uns behandelten Geburtskohorten um „wirkliche“ Generationen handelt, oder ob es letztlich doch bei den

„statistischen“ Geburtskohorten bleibt, in der Praxis bewährt hat. Mit anderen Worten: Hat sich das begriffliche Instrumentarium Mannheims, d. h. vornehmlich die Differenzierung des Generationsbegriffs in die drei Kategorien Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit, bei der praktischen Arbeit als nützlich erwiesen? Wo liegen die Vorteile seines Modells, welche Einwände kann man dagegen vorbringen, und welche Ergänzungen lassen sich unter Umständen machen?

Die Reflexion bezieht sich hauptsächlich auf die im Seminar erarbeiteten und in Form von Nachbereitungen festgehaltenen Arbeitsergebnisse, weshalb auf Zitate und bibliographische Hinweise verzichtet wird. Weiterführende Literatur, die einzelnen Argumentationen dieser Arbeit zugrunde gelegt wurde, ist dem Literaturverzeichnis am Ende zu entnehmen.

Es sei noch darauf hingewiesen, dass – aus Ermangelung eines besseren Begriffs – im Folgenden häufig die Rede von beispielsweise der Generation der um 1980 Geborenen die Rede sein wird. Damit soll nicht gemeint sein, dass es sich jeweils um eine „echte“ Generation im Sinne Mannheims handelt, sondern zunächst einmal lediglich um eine statistische Generation in Form einer Geburtskohorte.

2. Jugend im 20. Jahrhundert: Mannheims Modell in der Praxis

Im Laufe unseres Seminars wurden insgesamt vier unterschiedliche deutsche Generationen des 20. Jahrhunderts behandelt. Ausgehend von der deutschen Jugendbewegung der um 1890 bis 1900 Geborenen beschäftigten wir uns weiterhin mit der Kindheit und Jugend während der Kriegsund Nachkriegszeit der um 1940 Geborenen. Anschließend bearbeiteten wir die modernisierte Kindheit und Jugendzeit der um 1960 Geborenen, um abschließend das Bild unserer eigenen Kindheit und Jugend im Zeichen von Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen, d.h. der um 1980 Geborenen, nachzuzeichnen. Die idealtypischen Jugendlichen, die wir dabei ins Blickfeld nahmen, sollten dabei – unter Berücksichtigung der formativen Phase im Sinne Eriksons – stets zur Altersgruppe zwischen etwa 16 und 22 Jahren gehören.

Die Stärken und Schwächen des Mannheimschen Modells sollen nun in der Folge sowohl anhand von Beispielen historischer als auch aktueller Formen von Jugend aufgezeigt werden.

2.1 Stärken und Schwächen

Eine zentrale Leistung des Mannheimschen Konstrukts besteht sicher darin, dass es über die rein quantitative Erfassung einer Geburtskohorte anhand biologischer Merkmale, d. h. letztlich über empirisch bestimmbare Geburtsund Todesdaten, weit hinausgeht. Gleichzeitig verfällt es nicht einer qualitativen Phänomenologie, sondern versucht zu einer Synthese der beiden unterschiedlichen Ansätze zu gelangen, welche die jeweiligen Stärken der beiden Ansätze gewissermaßen miteinander vereinen soll.

Als allgemeiner Soziologe stellt Mannheim in diesem Sinne die Bedeutung der Generationenfolge bzw. des Jugendphänomens für den sozialen Wandel heraus. Dabei betont er insbesondere, dass das Vergessen sowie die Neuinterpretation bestimmter Sichtweisen und Werteinstellungen der vorhergehenden Generation durch die jeweils nachfolgenden Jugendlichen als unabdingbar für gesellschaftliche Entwicklung zu bewerten seien. Diese bemerkenswerte These kann sicher als eine der großen Stärken der Theorie Mannheims gesehen werden, indem sie der – auch in den letzten Jahren wieder verstärkt aufgekommenen – kulturpessimistischen Kritik vieler Älterer, welche der „Jugend von heute“ einen Werteund Normenverfall attestiert, gewissermaßen eine kompensatorische Funktion gegenüberstellt.

Diese angesprochene Kulturkritik findet sich auch schon zur Zeit der Jugendbewegung . Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren es etwa Julius Langbehn, Friedrich Nietzsche und Paul de Lagarde, die den Rationalismus und die Verwissenschaftlichung der Bildung ihrer Zeit kritisierten und das geistige Leben gewissermaßen vom Zerfall bedroht sahen. Als Ursache hierfür benannten sie das Fehlen an „Größe“ und bedeutender Persönlichkeiten im Bildungsund Kulturbereich, wobei sich insbesondere Nietzsche durch einen starken Pessimismus im Hinblick auf den Fortschritt der Technik auszeichnete und sich in diesem Sinne für eine Rückbesinnung der Menschen auf die

„schönen Dingen“ aussprach. Diesem Festhalten am Bewährten standen Theorieangebote wie der Darwinismus oder Kunstrichtungen wie der Impressionismus und Expressionismus gegenüber, die gleichermaßen als Angriff auf das vorherrschende Weltbild wie als Provokation altbekannter Sichtweisen galten. Jugendliche, die zu dieser Zeit ihre formative Phase durchliefen, wuchsen somit in einer in höchstem Maße zerrissenen Zeit heran, die es erforderte, die neuen Sinnangebote mit den tradierten kulturellen Werten der vorhergehenden Generation gewissermaßen abzugleichen, d. h. im Sinne Mannheims einiges davon zu verwerfen bzw. zu vergessen, anderes neu zu interpretieren und Bestandteil der eigenen Weltwahrnehmung werden zu lassen.

Allerdings sieht Mannheim das Phänomen der Generationen nur als einen der Faktoren, welche den gesellschaftlichen Wandel bewirken. Damit grenzt er sich einerseits vom Monismus vieler älterer Generationstheorien ab, die eben nur diesen einen Faktor als Erklärung für sozialen Wandel heranzogen, andererseits spricht er sich auf diese Weise auch gegen marxistische Theorien aus, in denen lediglich der Klassenlage und dem

Klassenbewusstsein eine Bedeutung für den historischen Prozess beigemessen wurde. In diesem Sinne kann Mannheims Theorie als ein mehrfaktorieller Ansatz beschrieben werden, der zudem nicht darauf angewiesen ist, historischen Wandel als zielgerichtete, lineare Entwicklung zu betrachten. Vielmehr kann sie im Sinne von polaren Erlebnissen und konträren Generationseinheiten sowohl Brüche als auch Paradoxien in und zwischen einzelnen Generationen thematisieren kann – sicher zwei weitere entscheidende Vorteile des Mannheimschen Konstrukts.

Einige der Thesen Mannheims in Bezug auf das Phänomen der Generationen sind heute, ziemlich genau 80 Jahre nach Erstveröffentlichung seines Aufsatzes, allerdings in Frage zu stellen. Hier sei beispielsweise auf Mannheims Verknüpfung vom Herausbilden eindeutig identifizierbarer Generationsgestalten und der Geschwindigkeit des sozialen Wandels hingewiesen. Mannheim war der Auffassung, dass sich bei beschleunigter gesellschaftlicher Dynamik die Chancen zur Ausbildung von unterscheidbaren Generationen deutlich erhöhten, während man in statischen Gesellschaften nur schwerlich ausgewiesene Generationsgestalten identifizieren könne. Gewissermaßen als Antithese dazu wird heute in der Wissenschaft vielfach die Meinung vertreten, dass der beschleunigte Wandel seit Ende des 20. Jahrhunderts geradezu eine Neubildung distinkter Generationen verhindere, weil die enorme Geschwindigkeit des Wandels zu Überlagerungen und Verdeckungen von Generationszusammenhängen führe. Diese Antithese wurde im Grunde durch unsere Arbeit im Seminar bestätigt, indem es uns insbesondere bei den um 1980 Geborenen schwerfiel, Generationseinheiten auszumachen, wodurch die Frage, ob es sich bei dieser Geburtskohorte um eine „wirkliche“ Generation im Sinne Mannheims handelt, nicht eindeutig zu klären war.

Wie eingangs bereits erwähnt, wurde unserer Arbeit im Seminar die begriffliche Differenzierung Mannheims in Generationslagerung , – zusammenhang und – einheit zugrunde gelegt. Der Vorteil dieser Gliederung sowie den daraus entwickelten Leitfragen bestand im Nachhinein betrachtet sicher darin, dass sie dem enormen Umfang bzw. der immensen Komplexität des Themas Generationslagen und Jugendkulturen eine gewisse Struktur gab und somit auf ein bearbeitbares Maß reduzierte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Generationen aus der Sicht Karl Mannheims - Stärken und Schwächen eines theoretischen Konstrukts
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Generationslagen und Jugendkulturen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
11
Katalognummer
V113362
ISBN (eBook)
9783640213610
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Generationen, Generationslagen, Jugendkulturen, Karl Mannheim
Arbeit zitieren
René Klug (Autor), 2008, Generationen aus der Sicht Karl Mannheims - Stärken und Schwächen eines theoretischen Konstrukts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113362

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