Der italienische Bildhauer Antonio Canova (1757-1822) ist lange als eine unpolitische Figur betrachtet worden. Diese traditionelle Sichtweise musste längst revidiert werden, denn die A-nalyse einer Vielzahl von Quellen enthüllt, dass der Künstler sehr wohl ein politisches Be-wusstsein besaß, wie vor allem auch seine 1810 von Napoleon Bonaparte in Auftrag gegebene Statue der Marie Louise von Österreich (Abb. 1) beweist. Das Werk ist eng mit den Ideen und Ansichten Canovas und der turbulenten Zeit, in der er das Kunstwerk ausführte, zu sehen. Nur wenige Monate vor der Auftragsvergabe der Statue an den italienischen Bildhauer hatte die Prokuratrauung zwischen Napoleon und der österreichischen Kaisertochter Marie Louise am 11. März 1810 in der Augustinerkirche in Wien stattgefunden. Erzherzog Karl vertrat in Abwesenheit Napoleons den einstigen Gegner. Der Kaiser selbst traf erst am 27. März bei Compiègne mit seiner neuen Gemahlin zusammen. Am 1. April wurde in St. Cloud die Zivil-ehe geschlossen, am Tag darauf in der Kapelle des Louvre die kirchliche Trauung vollzogen. Die Erzherzogin von Österreich wurde die Frau des Mannes, den sie wenige Wochen zuvor noch gehasst und verachtet hatte. Noch zu Beginn des Jahres 1810 schrieb sie an die Gräfin Colloredo: "... ich werde gewiß nicht das Opfer der Politik sein!" Und doch sollte gerade sie das Opfer sein, das ihr Vater, Franz I., Kaiser von Österreich, der Politik schuldig zu sein glaubte. Denn er und sein Minister Metternich sahen in einer Familienverbindung mit dem Kaiser der Franzosen eine Stütze zur Erhaltung des Reiches. Marie Louise sollte die Frau des "Bonaparte", des "Korsen", des "Antichrists", des Schreckgespenstes ihrer eigenen Kindheit werden. Metternich hatte bereits seit 1807 eine Heirat des Hauses Habsburg mit Napoleon ins Au-ge gefasst. Er verfolgte den Plan, ein gutes Verhältnis zwischen Österreich und Frankreich zu schaffen, um für den tief erschütterten Staat eine Ruhepause für den Wiederaufbau zu gewinnen.
Inhaltsverzeichnis
I. Marie Louise von Österreich (Biografie)
II. Die Genese der Statue der „Concordia“
III. Die „Concordia“ als Spiegelbild der Charaktereigenschaften Marie Louises und als Spiegelbild geschichtlicher Zusammenhänge
IV. Überlegungen zu möglichen Vorbildern zur Statue der „Concordia“
1.1. Marie Louise – eine Annäherung an Juno
1.2. Die Marmorstatuette der „Tellus“ („Terra Mater“) als mögliches Vorbild für die „Concor dia“
2.1. Canovas „Italia-Begriff“, dargelegt am Beispiel des „Alfieri“-Monuments von 1806-10
2.2. Marie Louise von Österreich als Symbol für ein vereintes und unabhängiges Italien
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das politische Bewusstsein des Bildhauers Antonio Canova anhand seiner Statue der „Concordia“, die Marie Louise von Österreich darstellt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Canova durch die gezielte Nutzung antiker Vorbilder und Mehrdeutigkeiten in der Figurengestaltung politische Ideale einer italienischen Unabhängigkeit in sein Werk einbettete, die über die reine Repräsentation des napoleonischen Kaiserreichs hinausgingen.
- Analyse der Biografie von Marie Louise von Österreich im Kontext der napoleonischen Zeit.
- Untersuchung der Entstehung und künstlerischen Gestaltung der Statue der „Concordia“.
- Interpretation der politischen Symbolik und der Verbindung zu antiken Götterfiguren wie Juno und Tellus.
- Kontextualisierung des Werks im Rahmen von Canovas „Italia-Begriff“ und dem Alfieri-Monument.
- Deutung der Statue als Symbol für die Sehnsucht nach einem vereinten und unabhängigen Italien.
Auszug aus dem Buch
Die Genese der Statue der „Concordia“
Am 15. Oktober 1810 begann Canova, das Porträt der Kaiserin nach dem Leben auszuführen, "aus dem Stegreif und mit wenigen Blicken, während sie mit ihren Damen Billiard spielte, und in drei Sitzungen. Ich habe einen eher fröhlichen als ernsten Moment gewählt."18 Einige Tage später äußerte der Bildhauer gegenüber Napoleon: "Ich sagte ihm, dass der heitere Ausdruck mehr mit dem Charakter der Concordia übereinstimme, die ich für die Kaiserin ausgewählt habe, das sind wir ihr für den Frieden schuldig."19 Der Bildhauer hatte die Originalgipsbüste (Abb. 2), die sich heute in der Gipsoteca von Possagno befindet, nach eigener Aussage am 4. November 1810 vollendet.20 Napoleon kam einige Tage später, um die Büste zu begutachten. "Sie ist zu jugendlich dargestellt",21 urteilte er. Das Porträt Marie Louises nach dem Leben gilt als eines der realistischsten Bildnisse Canovas, da es von ihm kaum idealisiert wiedergegeben worden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Marie Louise von Österreich (Biografie): Dieses Kapitel beleuchtet das Leben von Marie Louise von Österreich von ihrer Hochzeit mit Napoleon 1810 bis zu ihrer Rolle als Regentin und dem Ende der napoleonischen Ära.
II. Die Genese der Statue der „Concordia“: Hier wird der Entstehungsprozess der Statue beschrieben, von den ersten Sitzungen im Jahr 1810 über die Konzeption der Büste bis hin zur ideellen Umsetzung des Concordia-Motivs.
III. Die „Concordia“ als Spiegelbild der Charaktereigenschaften Marie Louises und als Spiegelbild geschichtlicher Zusammenhänge: Dieses Kapitel analysiert die Statue als Abbild der Persönlichkeit Marie Louises sowie als Ausdruck der politischen Allianz zwischen Österreich und Frankreich.
IV. Überlegungen zu möglichen Vorbildern zur Statue der „Concordia“: Es werden antike Vorbilder wie Juno und Tellus (Terra Mater) untersucht, die Canova als Grundlage für die symbolische Aufladung seiner Statue dienten.
1.1. Marie Louise – eine Annäherung an Juno: Die formale und inhaltliche Analogie zwischen der Statue und antiken Juno-Darstellungen wird hier als Mittel der Bedeutungssteigerung interpretiert.
1.2. Die Marmorstatuette der „Tellus“ („Terra Mater“) als mögliches Vorbild für die „Concor dia“: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie Canova durch die Anlehnung an die Tellus-Figur eine Verbindung zur Fruchtbarkeit und zum Italia-Begriff herstellt.
2.1. Canovas „Italia-Begriff“, dargelegt am Beispiel des „Alfieri“-Monuments von 1806-10: Das Alfieri-Monument wird als zentrales Referenzwerk für Canovas nationales Bewusstsein und seine patriotischen Bestrebungen analysiert.
2.2. Marie Louise von Österreich als Symbol für ein vereintes und unabhängiges Italien: Abschließend wird die These entfaltet, dass die Statue über die politische Repräsentation hinaus als Utopie und Sinnbild für den Wunsch nach einem freien und vereinten Italien fungiert.
Schlüsselwörter
Antonio Canova, Marie Louise von Österreich, Concordia, Napoleon Bonaparte, Italienische Einigung, Klassizismus, Politische Ikonographie, Juno, Tellus, Alfieri-Monument, Skulptur, Österreich, Frankreich, Patriotismus, Bildhauerei.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das politische Engagement des italienischen Bildhauers Antonio Canova, insbesondere im Hinblick darauf, wie er durch die Statue der „Concordia“ politische Botschaften und nationale Sehnsüchte in sein Werk integrierte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die napoleonische Ära, die dynastische Heiratspolitik zwischen Habsburg und Bonaparte, die Kunst als politisches Gestaltungsmittel sowie die Rezeption antiker Mythologie im 19. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, dass die Statue der Marie Louise als „Concordia“ nicht nur ein politisches Repräsentationsobjekt Napoleons darstellt, sondern eine subtile, vom Künstler gewählte Ebene enthält, die auf die Sehnsucht nach einem unabhängigen Italien hindeutet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es wird eine kunsthistorische Analyse angewandt, die biografische Fakten, zeitgenössische Quellen sowie vergleichende Ikonographie (Abgleich der Statue mit antiken Vorbildern) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Entstehungsgeschichte der Statue, der Rolle von Marie Louise im historischen Kontext und der tiefgreifenden Analyse von Canovas Vorbildern aus der Antike, insbesondere Juno und Tellus.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Canovas „Italia-Begriff“, das Verhältnis zwischen Kunst und Macht, die symbolische Bedeutung der „Concordia“ und die Transformation antiker Bildsprache in den historischen Kontext des 19. Jahrhunderts.
Welche Bedeutung hat das „Alfieri-Monument“ für das Verständnis der Statue der Concordia?
Das „Alfieri-Monument“ gilt als Beweis für Canovas explizites nationales Bewusstsein; die dort gezeigte „Italia“-Personifikation dient der Autorin als Schlüssel, um auch die Statue der Marie Louise als Symbol für ein vereintes Italien zu interpretieren.
Warum wird Marie Louise von Österreich von Canova als „Concordia“ dargestellt?
Die Wahl der Concordia, der Göttin der Eintracht, sollte die eheliche Verbindung zwischen der habsburgischen Kaisertochter und Napoleon sowie den Frieden zwischen Österreich und Frankreich unterstreichen.
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- Dr. Maria Anna Flecken (Author), 2008, Marie Louise von Österreich: "Concordia" oder die Fantasie der Einheit Italiens?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113432