»Die Europäische Stadt transzendiert die Gegenwart in beide Richtungen:
durch die Präsenz von Geschichte und durch das Versprechen auf eine offene
Zukunft« (Siebel (2004a) 14).
Wenn Walter Siebel von der Europäischen Stadt schreibt, meint er damit nicht (nur) Paris, Potsdam oder Prag. »Europäische Stadt« ist für ihn ein konzeptioneller Oberbegriff, eine Art Dach, das über den einzelnen europäischen Städten gebaut ist und das diese von den Städten anderer Kontinente unterscheidet. Aber was ist eigentlich die Europäische Stadt?
Ist sie ein bauliches Modell, Utopie, historische Idee? Dieser Text wird sich mit dieser Frage befassen und zunächst eine inhaltliche Füllung des Begriffs »Europäische Stadt« unternehmen.
Hierzu wird in Kapitel II. die Kategorie der »Europäische Stadt« auf theoretischem Wege mithilfe Max Webers methodischem Weg der Idealtypenbildung präzisiert.
Sofern dann die Europäische Stadt dann hinreichend beschrieben ist, lässt sich weiter fragen: Wenn in Europa solche, wie auch immer gearteten Europäischen Städte zu finden sind – was macht Europa dann damit? Weiß Europa überhaupt um die Besonderheit seiner Städte? Fördert Europa die Städte oder stehen europäische politische Vorhaben und Ziele gar in Widerspruch zu deren Bedürfnissen?
Um auf diese Fragen Antwort zu geben, sind zwei weitere, empirisch ausgerichtete Schritte zu gehen. Hierbei wird untersucht, ob – und, falls ja: wie – sich die europäische Politik – das heißt im konkreten: das Agieren der Europäische Union, speziell im Hinblick auf das Handeln der Europäischen Kommission als initiierender Akteur – auf die Europäischen Städte auswirken. Kapitel III. wird sich dabei mit Politikfeldern befassen, auf denen die
dysfunktionale Implikationen der europäischen Politik beobachtbar sind. Kapitel IV. hingegen wird sich den förderlichen Auswirkungen widmen und zeigen, wo die EU ihre Städte unterstützt. In einem abschließenden Fazit in Kapitel V. wird es dann möglich sein, eine Antwort auf die im Titel formulierte, Leitfrage – »Die Europäische Union und ihre Städte – Stiefkinder oder Ecksteine?« – zu geben.
Inhaltsverzeichnis
I. Die Europäische Union und ihre Städte – Einführung
II. Die Europäische Stadt – Leitbild, Mythos, Idealtyp?
II.1. Die antike pólis – Archetyp der Europäischen Stadt
II.2. Die Stadt im Mittelalter – Mauer, Markt und Rathaus
II.3. Die moderne Stadt – Expansive Leistungs- und Versorgungsstadt
II.4. Die Europäische Stadt der Postmoderne – Anonymität und Nachhaltigkeit
II.5. Fazit: Der Idealtyp »Europäische Stadt«
III. Die europäischen Städte – Stiefkinder der EU?
III.1. Die (Stadt-)Bürgerschaft in der Europäischen Union – Vote und Voice
III.2. Kompakte Stadt vs. Europäische Stadtregionen
III.3. Kommunale Daseinsvorsorge vs. Dienstleistungen von allgemeinem Interesse
III.4. Europäische Städte im dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt
III.5. Europäische Städtepolitik – ein Widerspruch an sich?
IV. Subsidiarität oder Substitution?
IV.1. Ein Städtenetz in Europa?
IV.2. Öffentliche Stadt und Informationsgesellschaft
IV.3. Qualität statt Quantität – Schrumpfung in den europäischen Städten
IV.4. Umweltbewusstsein und Lebensqualität – Stadtökologie in Europa
IV.5. Stadtfunktionen in Europa – Sensibilität und Unterstützung
V. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis zwischen der Europäischen Union und ihren Städten. Das zentrale Ziel ist es, zu analysieren, ob städtische Bedürfnisse in der europäischen Politik berücksichtigt werden oder ob diese eher als „Stiefkinder“ behandelt werden, wobei der „Idealtypus der Europäischen Stadt“ als theoretischer Maßstab zur Bewertung dient.
- Methodische Idealtypenbildung der Europäischen Stadt über vier historische Epochen.
- Analyse dysfunktionaler Auswirkungen europäischer Politik auf lokale Strukturen.
- Untersuchung der Rolle der Stadtbürgerschaft und kommunaler Daseinsvorsorge.
- Evaluierung von Subsidiarität versus Substitution im EU-Handeln.
- Identifikation von Kooperationspotenzialen für eine funktionalere Städtepolitik.
Auszug aus dem Buch
II.1. Die antike pólis – Archetyp der Europäischen Stadt
»Wir sehen, dass jede [pólis] eine Gemeinschaft darstellt und jede Gemeinschaft um eines bestimmten Gutes willen besteht [...]« (Pol. 1252a1).
Als Ursprung der Europäischen Stadt wird, wie bereits angedeutet, gemeinhin die antike pólis benannt. Diese jedoch hat eine doppelte Vorbildfunktion zu erfüllen. Sie ist Wurzel der europäischen Stadtentwicklung und zugleich auch Vorbild für politische Gemeinwesen jenseits kommunaler Grenzen – vor allem hinsichtlich deren Organisation und Verfassung. Da die antiken Städte jedoch ubiquitäre Merkmale einer Stadt, wie sie beispielsweise Max Weber in »Wirtschaft und Gesellschaft« beschrieb aufweisen, können sie zweifellos zur Konstruktion des Idealtypus »Europäische Stadt« herangezogen werden.
Die augenscheinlichste Eigenart der antiken Stadt ist ihr normativer Charakter: Die pólis ist keineswegs bloß schlichte Ansammlung von vielen Gebäuden und Menschen, nicht nur das, was man ganz basal als »Stadt« auffasst. Sie ist jener Ort, an dem der Mensch – von Aristoteles als auf das Leben in Gemeinschaft angewiesen bestimmt – sein höchstes Ziel, das gute, selbstgenügsame Leben (»eu zên«) das auf der Glückseligkeit des Menschen (»eudaimonia«) aufruht, erreichen kann. Die pólis erlaubt erst ein Leben gemäß der »zweitbesten Lebensform«, eben das politische Leben. Sie setzt sich dabei aus jenen Einrichtungen, die zur Befriedigung der alltäglichen Bedürfnisse dienen, den Häusern (»oikoi«), respektive einer Mehrzahl von zu Dörfern (»kômê«) zusammengesiedelten Häusern, zusammen, befriedigt allerdings jenseits dieser elementaren Bedürfnisse noch mehr: Sie allein ermöglicht das öffentlich-politische Leben und zugleich wird dort erst das selbstgenügsames Leben, »was man Autarkie nennt« (EN 1177a27 ), möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die Europäische Union und ihre Städte – Einführung: Die Einleitung definiert den Begriff „Europäische Stadt“ als konzeptionellen Oberbegriff und stellt die Leitfrage nach dem Umgang der EU mit ihren Städten.
II. Die Europäische Stadt – Leitbild, Mythos, Idealtyp?: Dieses Kapitel präzisiert den Idealtypus der Europäischen Stadt durch eine historische Analyse in vier Epochen und liefert den theoretischen Analyserahmen.
III. Die europäischen Städte – Stiefkinder der EU?: Hier werden dysfunktionale Implikationen der EU-Politik untersucht, insbesondere im Hinblick auf Bürgerrechte, Stadtregionen und die Daseinsvorsorge.
IV. Subsidiarität oder Substitution?: Dieses Kapitel analysiert förderliche, subsidiäre Politiken der EU und untersucht, wo europäische Unterstützung tatsächlich zu funktionalen Lösungen für Städte beiträgt.
V. Conclusio: Das Fazit fasst das ambivalente Verhältnis zusammen und plädiert für eine stärkere Einbeziehung der kommunalen Ebene zur Stärkung der europäischen Integration.
Schlüsselwörter
Europäische Stadt, Europäische Union, Idealtypus, Städtepolitik, Daseinsvorsorge, Subsidiarität, Stadtentwicklung, Bürgerschaft, urbane Vernetzung, Nachhaltigkeit, Max Weber, Kommunen, Stadtökologie, Integration, Governance.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das politische und funktionale Verhältnis zwischen der Europäischen Union und den europäischen Städten, um zu klären, ob diese eine adäquate Unterstützung erfahren.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Herleitung der Stadt als Idealtypus, der Analyse der EU-Politik in Feldern wie Wirtschaft, Daseinsvorsorge und dem Spannungsfeld zwischen Subsidiarität und Substitution.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die wissenschaftliche Bewertung der Frage, ob europäische Städte als „Stiefkinder“ behandelt werden oder als wesentliche Ecksteine der europäischen Gemeinschaft anerkannt und gefördert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Max Webers methodische Idealtypenbildung, um städtische Entwicklungsphasen zu systematisieren und die Auswirkungen EU-politischer Maßnahmen daran zu messen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Idealtypenbildung und eine empirische Analyse europäischer Politikfelder, wobei Dysfunktionalitäten (Kapitel III) und förderliche Ansätze (Kapitel IV) gegenübergestellt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Europäische Stadt, Idealtypus, Daseinsvorsorge, Subsidiarität, Stadtentwicklung, Bürgerschaft und das Spannungsfeld zwischen kommunaler Autonomie und EU-Harmonisierung.
Warum spielt das „Subsidiaritätsprinzip“ eine so zentrale Rolle?
Es dient als Maßstab, um zu beurteilen, ob die EU städtische Probleme eigenständig unterstützt („hilfe-subsidiär“) oder ob sie durch eine „Substitution“ kommunale Verantwortungsbereiche verdrängt.
Welche Rolle spielen die deutschen Sparkassen als Fallbeispiel?
Sie dienen als spezifisches Beispiel, an dem sich die Marktliberalisierungstendenzen der EU zeigen, welche die gemeinwohlorientierte Struktur lokaler Finanzinstitute bedrohen.
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- Dipl.Verw.wiss.; M.A. Philipp Männle (Author), 2004, Die Europäische Union und ihre Städte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113630