In Anlehnung an die von Philip K. Dick 1956 veröffentlichte Kurzgeschichte „Minority Report“ (Dick, 2002) skizziert die Verfasserin des vorangestellten Zitats einen Wendepunkt innerhalb der zeitgenössischen gesellschaftlichen Konstitution sowie einen hierin enthaltenen Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Kriminalitätsphänomen. Die Protagonisten der von Dick entworfenen Zukunftsvision leben in einer vollkommen kriminalitätsfreien Gesellschaft, da sie in der Lage sind, zukünftige Rechtsverstöße vorauszusehen und deren Verursacher bereits vor dessen Begehung auszuschalten. Mit unserer heutigen Lebenswirklichkeit hat diese Utopie einer omnipotenten Kriminalitätskontrolle natürlich wenig gemein, obgleich dem Ansatz der „Kriminalprävention“ heutzutage, vollkommen unabhängig von dessen genauer Ausprägung, mehr denn je eine Schlüsselfunktion zugesprochen wird. Dieser Umstand stellt auch die Kriminologie vor ein ernstes Problem:
Im Sinne eines traditionellen kriminologischen Verständnisses be-fasst sich diese mit der empirischen Erforschung des Verbrechens und mit der Täterpersönlichkeit (Kaiser, 1993, S. 2). Den inhaltlichen Überzeugungen der sogenannten „kritischen“ Kriminologie ist es zu verdanken, dass diese Engführung auf die Person des „Täters“ (zumindest zu Teilen) aufgegeben wurde und nunmehr auch der Prozess der Kriminalisierung und die Reaktion der hierbei beteiligten staatlichen Institutionen auf kriminalisierte Verhaltensweisen zu Objekten des kriminologischen Erkenntnisinteresses wurden (vgl. Sack, 1985, S. 277ff). In diesem Kontext stagniert die kriminologische Analyse und Problematisierung der Kriminalitätsproduktion, als ein „intellectual offspring of a post- crime society in which crime is conceived principally as harm or wrongdoing and the dominant ordering practices arise post hoc” (Zedner, 2007, S. 262). Der in dem Zitat von Zedner angesprochene Über-gang von einer “Post-Society” zu einer „Pre-Crime-Society“ implementiert daher auch für die Kriminologie die Aufgabe, sich verstärkt mit Kontrollmechanismen auseinanderzusetzen, welche nicht länger eine Reaktion auf kriminalisierte Verhaltensweisen darstellen, sondern dem Versuch gleichkommen, aus einer prospektiven Erwartungshaltung auf diese einzuwirken.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Kriminalprävention im Wandel
1.1 Begriffsklärung
1.2 Das „traditionelle“ Verständnis von Kriminalprävention
1.3 Das „neue“ Verständnis von Kriminalprävention
2. Kriminalprävention im Kontext einer neuen Kontrollkultur
2.1 Skizzierung einer neuen Kultur der Kontrolle
2.2 Dichotome Entwicklungen und die „neuen“ Rollen der Polizei
2.2.1 Die Polizei im Kontext einer Strategie souveräner Staatlichkeit bei der Kriminalitätsbekämpfung
2.2.2 Die Polizei im Kontext einer adaptiven Strategie bei der Kriminalitätsbekämpfung
3. Souveräne Staatlichkeit und neue Sicherheitsgesetzgebung
3.1 Das Grundgesetz – Schutz vor der Staatsgewalt oder staatliches Eingriffrecht?
3.2 Strafrecht – zwischen retrospektiver Steuerung und Vorfeldkriminalisierung
3.3 Strafprozessrecht
3.4 Polizeirecht
3.4.1 Polizei(recht) im Kontext von Sicherheit und Freiheit
3.4.2 Der allgemeine Gefahrenbegriff
3.4.3 Konkrete und abstrakte Gefahr
3.4.4 Objektiver und subjektiver Gefahrenbegriff
3.5 Die vorbeugende Bekämpfung von Straftaten
4. Adaptive Strategien und kommunale Kriminalprävention
4.1 KKP als Bestandteil einer adaptiven Kontrollstrategie
4.2 KKP als Ausdruck einer demokratischen Praxis zeitgenössischer Kriminalitätskontrolle
4.3 KKP in der Kritik
4.3.1 Antidemokratische Kontrollpraxis
4.3.2 Mehr Kontrolle und weniger soziale Absicherung
4.3.3 Responsibilisierung
4.3.4 Praxis – Divergenzen zwischen Rhetorik und Realität
4.4 Rolle und Funktion der Polizei
4.4.1 Auf dem Weg zu einer demokratischeren Polizei
4.4.2 Die „Verpolizeilichung“ der Gesellschaft
5. Zusammenführung der Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert den Wandel polizeilicher Präventionsstrategien in Deutschland vor dem Hintergrund der durch David Garland beschriebenen „Kultur der Kontrolle“. Ziel ist es, die Transformation polizeilichen Handelns von einem reaktiven zu einem proaktiven, vorfeldorientierten System der sozialen Kontrolle aufzuzeigen und dabei die Rolle der Polizei in der kommunalen Kriminalprävention kritisch zu beleuchten.
- Wandel von traditionellen zu proaktiven Präventionsansätzen
- Einfluss der „Kultur der Kontrolle“ auf die deutsche Sicherheitsgesetzgebung
- Die polizeiliche Rolle innerhalb der kommunalen Kriminalprävention
- Kritische Analyse des Spannungsfeldes zwischen Sicherheit und freiheitlichen Grundrechten
- Transformation polizeilicher Arbeitsweisen und Ermittlungsbefugnisse
Auszug aus dem Buch
1. Kriminalprävention im Wandel
Dieses Kapitel widmet sich der Frage, welche Verständnisse für den Begriff der Kriminalprävention innerhalb der darauf Bezug nehmenden Literatur vorhanden sind. Darüber hinaus soll gezeigt werden, welche Veränderungen sich im Laufe der Zeit in der Begriffsbedeutung ergeben haben. Im Sinne des Autors können diese als eine Abkehr von einem traditionell rechtsstaatlich geprägten Verständnis, hin zu einer grundsätzlich neuen Auffassung von Kriminalprävention interpretiert werden (Sack, 1995). Dies zeigt sich nicht zuletzt auch in gravierenden Transformationen innerhalb der Aufgaben und des Selbstverständnisses der deutschen Polizei.
Der Begriff „Prävention“ stammt ursprünglich aus der lateinischen Sprache und bedeutet soviel wie „Zuvorkommen“, „Vorbeugen“ oder „Verhüten“ (Hagen, 1990, S. 838). Demnach beziehen sich Maßnahmen, die unter einer kriminalpräventiven Ausrichtung geführt werden, hinsichtlich ihrer Zielsetzung und Wirkkraft, auf Handlungen und Entwicklungen in einer aus der Gegenwartsperspektive erwarteten Folgezeit (vgl. Pütter, 2007, S. 3).
Die unterschiedlichen kriminalpräventiven Ansätze, die im Rahmen dieser Arbeit bearbeitet werden sollen, haben daher oft keine andere Gemeinsamkeit als ihre Zielsetzung, nämlich die Verhinderung und Reduktion von Kriminalität in der Zukunft (vgl. Lehne, 2005, S. 54). Ein kriminalpräventives Vorgehen kann sich in diesem Sinne auf angenommene Entwicklungstendenzen beziehen, in deren Ablauf eingegriffen werden soll, um eine antizipierte Weiterentwicklung zu unterbinden, oder es kann einen Versuch darstellen, allgemeine Ausgangslagen zu schaffen, in denen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens unerwünschter Entwicklungen reduziert wird (vgl. Hagen, 1990, S. 838). Das Thema dieser Arbeit beschäftigt sich im Speziellen mit dem Verständnis und der Praxis polizeilicher Kriminalprävention in Deutschland und dementsprechend mit Tendenzen, Maßnahmen und Entwicklungen, welche mit der Prävention von Kriminalität in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen vonseiten der Polizei zusammenhängen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage und der theoretischen Einbettung in den Wandel zur „Pre-Crime-Society“.
1. Kriminalprävention im Wandel: Definition des Begriffs der Kriminalprävention und Darstellung des historischen Wandels von einem reaktiven zu einem proaktiven Verständnis.
2. Kriminalprävention im Kontext einer neuen Kontrollkultur: Anwendung der Thesen von David Garland zur neuen Kultur der Kontrolle auf die deutsche Situation und die Polizei.
3. Souveräne Staatlichkeit und neue Sicherheitsgesetzgebung: Untersuchung der präventiven Neuorientierung der Sicherheitsgesetzgebung, insbesondere im Straf- und Polizeirecht.
4. Adaptive Strategien und kommunale Kriminalprävention: Analyse der kommunalen Kriminalprävention als kooperative Kontrollstrategie unter polizeilicher Führung.
5. Zusammenführung der Ergebnisse und Ausblick: Kritische Reflexion der Ergebnisse über die Verschiebung polizeilicher Aufgaben und die Gefahren für rechtsstaatliche Prinzipien.
Schlüsselwörter
Kriminalprävention, Kultur der Kontrolle, Polizei, Polizeirecht, Strafrecht, Vorfeldkriminalisierung, Sicherheit, Gefahrenabwehr, Adaptive Kontrollstrategien, Kommunale Kriminalprävention, Responsibilisierung, Rechtsstaat, Sicherheitsgesetzgebung, Präventionsstaat, Demokratisierungseffekt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Paradigmenwechsel im Verständnis und der Praxis polizeilicher Kriminalprävention in Deutschland, weg von einer rein reaktiven hin zu einer proaktiven, präventiven Kontrolllogik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind der Einfluss der sogenannten „Kultur der Kontrolle“, die Rolle der Polizei in der Sicherheitsarchitektur, die Entwicklung des Polizeirechts und die kommunale Kriminalprävention.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll gezeigt werden, wie staatliche Sicherheitskonzepte zunehmend auf die Antizipation von Kriminalität ausgerichtet werden und welche Folgen dies für die Grundrechte und den demokratischen Rechtsstaat hat.
Welche wissenschaftliche Methode liegt zugrunde?
Die Arbeit nutzt eine kriminologische und rechtstheoretische Analyse, basierend auf der theoretischen Rahmung von David Garland sowie einer umfassenden Auswertung der einschlägigen Fachliteratur und Gesetzestexte.
Was wird im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung theoretischer Konzepte (Garland), die Analyse der Sicherheitsgesetzgebung (Straf- und Polizeirecht) sowie die praktische Anwendung durch die Polizei in kommunalen Präventionsgremien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Kriminalprävention, Präventionsstaat, Vorfeldkriminalisierung, Responsibilisierung und das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit.
Was bedeutet der Begriff „Vorfeldkriminalisierung“ im Kontext dieser Arbeit?
Der Begriff beschreibt den Trend, staatliche Eingriffe bereits in ein Stadium zu verlagern, das lange vor der eigentlichen Begehung einer Straftat liegt, um Gefahren präventiv abzuwehren.
Welche Rolle spielt die Polizei in der kommunalen Kriminalprävention?
Die Polizei nimmt innerhalb kommunaler Präventionsgremien eine dominante und oft steuernde Expertenrolle ein, was zu einer Ausweitung ihres Wissenszugangs und Einflusses auf soziale Bereiche führt, die außerhalb ihrer klassischen Aufgaben liegen.
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- Dipl. Kriminologe / Dipl. Soz. Pädagoge Robert Siegl (Author), 2007, Verständnis und Praxis polizeilicher Prävention in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113811