Der musikalische Futurismus wollte vieles erreichen. Im Sinne der Bewegung im Allgemeinen wollte oder sollte man komplett mit der Tradition brechen, ja auf radikalste Weise alles bisher Dagewesene erneuern; somit sollte eine „revolutionär neue Ästhetik“ entstehen, deren „Mittelpunkt […] die Verherrlichung der modernen Industrie- und Maschinenwelt“ sein sollte. Die Strategien zur Erreichung dieses neuen ästhetischen Ideals beinhalteten die Liebe zur Gefahr, Kühnheit, Beweglichkeit, Dynamik und Geschwindigkeit. In der Musik im Speziellen waren die theoretischen Maxime etwa bezogen auf eine Forderung nach Enharmonik und auf eine Einführung des „ritmo libero“ nach dem Beispiel des „verso libero“ in der Poesie. Der italienische Komponist und Futurist Fr. Balilla Pratella forderte eine „Erweiterung der tonalen Basis in Richtung auf Polytonalität und Polymodalität.“ Im Frühjahr 1913 wurde das Manifest „L’arte dei rumori“ von Luigi Russolo öffentlich; er strebte eine Ersetzung der traditionellen Orchesterklänge durch Geräusche an, und brachte so ein völlig neues Konzept von Klang zur Diskussion.
Es waren Ideen wie diese, die den gesellschaftlichen Kunstbegriff umformen und endlich die starren Formen und Klänge der alten Welt vergessen machen sollten. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, inwiefern Bartóks Allegro barbaro und Honeggers Pacific 231 diesen Bruch mit der Tradition erreichen konnten oder wollten, und welche Einstellung die Komponisten zum Futurismus hegten...
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BELA BARTOK (1881-1945): ALLEGRO BARBARO
2.1 Entstehung des Werkes und Einordnung in Bartóks Schaffen
2.2 Aufbau und musikalische Konzeption
2.3 Einordnung in den Futurismus
3. ARTHUR HONEGGER (1892-1955) : PACIFIC 231
3.1 Zur Entstehungsgeschichte und Intention
3.2 Aufbau und musikalische Konzeption
3.3 Einordnung in den Futurismus
4. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretische und kompositorische Auseinandersetzung der Komponisten Béla Bartók und Arthur Honegger mit den ästhetischen Idealen des musikalischen Futurismus. Ziel ist es zu analysieren, inwieweit die Werke Allegro barbaro und Pacific 231 als futuristisch einzustufen sind oder ob sie trotz ihrer technizistischen Anklänge in der Tradition der klassischen Musik verankert bleiben.
- Vergleich der technizistischen Ästhetik im Futurismus mit den Werken von Bartók und Honegger.
- Analyse der kompositorischen Mittel zur Darstellung von Dynamik und maschineller Motorik.
- Untersuchung der Rolle von Tradition und Innovation in der musikalischen Moderne.
- Kritische Einordnung des Begriffs "Futurismus" im Kontext der individuellen künstlerischen Ansätze beider Komponisten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Zur Entstehungsgeschichte und Intention
Arthur Honegger hat „immer eine leidenschaftliche Liebe für Lokomotiven gehabt. Für [ihn waren] sie lebende Wesen, die [er liebte], wie ein anderer Frauen oder Pferde liebt.“ Diese Liebeserklärung war für viele auch die Erklärung für den Ursprung seines 1923 entstandenen symphonischen Werks, denn seine Faszination von Lokomotiven brachte ihn scheinbar zu dem Versuch, deren typische Geräusche in Musik umzusetzen. Der Titel beinhaltet bereits diese Leidenschaft, denn Pacific war damals ein Lokomotiventyp in den USA, der seinen Namen ‚Pacific’ von der abgefahrenen Strecke entlang der Westküste der USA hatte; die Zahl 231 steht für die Anordnung von Rädern der Lok auf folgende Weise: ooOOOo – zwei Laufräder, drei Treibräder, ein hinteres Laufrad. Jedoch kann es nicht zwingend das Aussehen der Lokomotive(n) gewesen sein, die Honegger zu seinem Werk inspirierten. Es waren eher die Geräusche beim Anfahren, während der Fahrt und beim Abbremsen, die durch das Medium der Musik interpretiert und auf andere Art und Weise real erscheinen sollten. Eine reine Imitation allerdings war es nicht, was er erreichen wollte:
Was ich in ‚Pacific’ zu schildern versucht habe, ist nicht die Nachahmung der Geräusche der Lokomotive, sondern die Wiedergabe eines visuellen Eindrucks und eines physischen Wohlempfindens durch eine musikalische Konstruktion.
Was Honegger hier aufwirft, beinhaltet eine synästhetische Vorstellung von der Perzeption durch den Hörer. Die Musik soll Mittlerin sein zwischen dem bildlichen Eindruck, den er gewinnt oder bereits vorher von der Lokomotive hat, und jenem „physischen Wohlempfinden,“ das ihn selbst dabei berührt. Es steht dem Hörer frei, diese Synästhesie und die Umsetzung der Tatsachen in Musik zuzulassen und zu akzeptieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der futuristischen Bestrebungen nach radikalem Bruch mit der Tradition und der Fragestellung nach der Verbindung von Bartóks und Honeggers Werken zu diesem Ideengut.
2. BELA BARTOK (1881-1945): ALLEGRO BARBARO: Analyse der Entstehung, der musikalischen Struktur und des Einflusses der Moderne auf Bartóks Klavierwerk, unter besonderer Berücksichtigung der Beziehung zum Futurismus.
3. ARTHUR HONEGGER (1892-1955) : PACIFIC 231: Untersuchung der Genese des Werkes, seiner programmatischen Aspekte und der Frage, inwiefern die musikalische Darstellung einer Lokomotive eine futuristische Ausrichtung darstellt.
4. SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Einschätzung, dass beide Komponisten trotz technischer Anklänge eine distanzierte Haltung zum Futurismus einnehmen und in der Tradition verwurzelt bleiben.
Schlüsselwörter
Futurismus, Béla Bartók, Arthur Honegger, Allegro barbaro, Pacific 231, Musik der Moderne, Maschinenzeitalter, Motorik, Tradition, Komposition, Dynamik, Geräuschmusik, Musique concrète, Symphonische Dichtung, Rhythmik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob die Kompositionen Allegro barbaro von Béla Bartók und Pacific 231 von Arthur Honegger als Bestandteile des futuristischen Ideenguts gelten können oder ob sie von der Bewegung abzugrenzen sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die musikalische Darstellung technischer Aspekte wie Geschwindigkeit und Mechanik, die Abgrenzung von der Tradition sowie die Definition künstlerischer Freiheit im Zeitalter der Industrialisierung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, inwiefern Bartók und Honegger den futuristischen Bruch mit der Tradition vollzogen haben und ob ihre Werke als direkte Umsetzung futuristischer Theorien verstanden werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine musikwissenschaftliche Analyse der Partituren, setzt diese in den historischen Kontext der zeitgenössischen Ästhetik-Diskussionen und greift auf literarische Quellen sowie Aussagen der Komponisten zurück.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Er analysiert jeweils Entstehungsgeschichte, musikalische Konzeption und das Verhältnis zum Futurismus für die Werke Allegro barbaro und Pacific 231.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Futurismus, Motorik, musikalische Moderne, traditionelle Verwurzelung und technizistische Ästhetik definiert.
Warum wird die Rolle der Tradition für Bartók als so wichtig hervorgehoben?
Bartók lehnte eine "totale Revolution" im Sinne der Zerstörung alles Bestehenden ab; er sah den Fortschritt als Bereicherung und nicht als Mittel zum Zweck, das Traditionen völlig eliminieren sollte.
Wie steht Honegger zur Nachahmung von Maschinengeräuschen in der Musik?
Honegger sieht in Pacific 231 keine bloße Imitation von Geräuschen, sondern eine "musikalische Konstruktion", die einen visuellen Eindruck und ein körperliches Wohlempfinden vermitteln soll, ohne dabei auf echte Geräuschtöner zurückzugreifen.
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- Cornelia Richter (Author), 2006, Béla Bartók und Arthur Honegger als Futuristen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113859