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Erziehung als `Hirnmanipulation` - Die Frage der Willensfreiheit in der Hirnforschung

Titre: Erziehung als `Hirnmanipulation` - Die Frage der Willensfreiheit in der Hirnforschung

Mémoire de Maîtrise , 2007 , 83 Pages , Note: 2,7

Autor:in: Dominika Wosnitza (Auteur)

Pédagogie - Théorie de la science, Anthropologie
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Résumé Extrait Résumé des informations

Da die Hirnforscher, allen voran Gerhard Roth und Wolf Singer, sich, schon seit den 1990er Jahren, nicht mehr nur zu ihre Disziplin betreffenden Themen äußern, mehren sich die Stimmen der Kritiker, die versuchen die Grenzziehung zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften wiederherzustellen, um höchst gefährliche Übergriffe der Neuro-Wissenschaften auf Philosophie und Pädagogik abzuwehren. Die Hirnforscher schließen aus ihren physiologischen und biologischen Erkenntnissen auf psychische Phänomene und versuchen, eine Zukunft zu prognostizieren, in der alle Probleme und psychischen Effekte mit den Methoden der Hirndiagnostik und letztendlich auch –manipulation lösbar erscheinen. In dieser Zukunft hätte das klassische Menschenbild, den Menschen als ein Wesen mit freiem Willen und freiem Geist zu begreifen, keinen Platz mehr, denn das Gehirn bestimmt das Denken und nicht mehr der Mensch. Dieser Ansatz hätte, hätten die Hirnforscher Recht, weit reichende Konsequenzen für das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben und, wie die Hirnforscher fordern, auch für die Rechtsprechung. Das Ich-Empfinden, wie wir es kennen, müsste komplett neu gedacht werden, freier Wille und damit Verantwortung für das eigene Tun wären nicht mehr existent. Unsere Selbstempfindung sagt uns allerdings etwas Anderes. Niemand möchte sich ernsthaft damit abfinden, dass anstatt des in der Zeit der Aufklärung überwundenen göttlichen Determinismus nun ein biologischer auf den Plan tritt. Was früher schicksalhafte Fügung hieß soll nun an schlechtem Genmaterial liegen? Wo die Naturwissenschaft im Bereich der Hirnforschung rasante Fortschritte macht, treibt deren Interpretation die Geisteswissenschaft in eine Kehrtwende rückwärts in eine Zeit, als Menschen noch an ein unabänderliches Schicksal glaubten. Dieses Problem zu diskutieren, soll Ziel dieser Arbeit sein. Angefangen mit einem Überblick, einer Darstellung des klassischen Menschenbilds, bestimmend von Kant formuliert, über eine Sammlung von kritischen Stimmen gegen die philosophischen Ausflüge der Hirnforscher bis hin zu Utopien, die die Hirnforscher verfolgen, wird versucht dieses hoch aktuelle Thema von verschiedensten Seiten zu beleuchten. Ist der Mensch noch frei? – Bestimmt unser Gehirn unseren Charakter? – Sind wir für unser Handeln verantwortlich? – Wie weit kann man mit solchen Thesen überhaupt gehen und was wissen die Neuro-Forscher überhaupt wirklich über unser Gehirn?

Extrait


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mensch und sein Gehirn – Menschenbilder im Spiegel theoretischer Interpretationen wissenschaftlicher Ergebnisse

2.1. Der Geist gestaltet die Natur – Zum traditionellen Menschenbild Kants in der Grundlegung

2.1.1. Zu den Bedingungen menschlicher Erkenntnis – Kants kritische Scheidung von Empirie und Theorie

2.1.2. Die Bestimmung des Menschen als moralisches Wesen

2.1.3. Zu den Grenzen und Möglichkeiten menschlicher Freiheit

2.2. Der Geist erwächst aus der Materialität des Gehirns – Zum reduktionistischen Menschenbild der Hirnforscher Gerhard Roth und Wolf Singer

2.2.1. Wir sind nicht mehr als ein Stück Natur – Die Bedingungen menschlicher Erkenntnis sind festgelegt durch seine Hirnarchitektur

2.2.2. Der Versuch des Gehirns, sich selber durch den Einsatz seiner kognitiven Werkzeuge zu begreifen – Zum wissenschaftstheoretischen Verwirrspiel

2.2.3. Der Mensch ist nicht frei

3. Determinismus und Macht

3.1. Die Leugnung der Zwiespältigkeit des Menschen durch einen reduktionistischen Monismus

3.2. Zur Möglichkeit und Wirklichkeit menschlicher Freiheit – Vom Unbehagen, sich selbst zu verantworten

3.3. Trost und Sicherheit durch die Selbstdeutung als vorbestimmte Existenz

3.4. Ausblicke

4. Schuld und Willensfreiheit – Wer übernimmt die Verantwortung?

4.1. Kein freier Wille – kein persönliches Verschulden: Hirnforscher fordern eine Änderung des Strafrechts

4.2. Eine »humanere« Umgangsweise mit Straftätern – Zum Erziehungs- und Gesellschaftsprogramm der Hirnforschung

4.3. Zur vermeintlichen Rolle der Willensfreiheit im Schuldstrafrecht

4.4. Folgen für die Pädagogik – Erziehung als Hirnmanipulation?

5. Fazit – Mit dem Entzug leben?

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen den deterministischen Thesen moderner Hirnforschung (insb. Roth und Singer) und dem klassischen humanistischen Menschenbild nach Immanuel Kant, um zu klären, ob die Leugnung der Willensfreiheit wissenschaftlich haltbar ist und welche Konsequenzen dies für Verantwortung, Erziehung und Strafrecht hat.

  • Kritische Analyse des reduktionistischen Menschenbildes der Hirnforschung
  • Darstellung der kantischen Moralphilosophie als Gegenentwurf
  • Untersuchung der Implikationen für die menschliche Autonomie und Verantwortung
  • Diskussion der strafrechtlichen und pädagogischen Konsequenzen einer determinierten Sichtweise
  • Hinterfragung der wissenschaftstheoretischen Fundierung neurowissenschaftlicher Experimente

Auszug aus dem Buch

2.2.1. Wir sind nicht mehr als ein Stück Natur – Die Bedingungen menschlicher Erkenntnis sind festgelegt durch seine Hirnarchitektur

Der Neurophysiologe Gerhard Roth stellt in seinem Buch „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“ unter Anderem die These auf, dass spezifisch menschliches Erkennen den Menschen in seinen Möglichkeiten, sich selbst und sein Gehirn zu verstehen, von vorne herein dadurch einschränkt, dass er unter zu Hilfe nahme der kognitiven Möglichkeiten, und auch nur in diesen Grenzen, versucht das Gehirn zu verstehen, will sagen: Ein Gehirn wird mit den Möglichkeiten, die es selber bietet, beobachtet. Dies schränkt Roth zu Folge zwangsläufig die Möglichkeit zur Erkenntnis auf die physikalisch-biologischen Möglichkeiten des Gehirns ein, sich selbst zu erkennen.

Für ihn ist das Gehirn ein Organ, das auf Sinneseindrücke mit bestimmten vorgegebenen Reaktionen antwortet und diese biologisch fass- und messbar in Form von Neuronenverbindungen als Pendant zu Erinnerungen verankert. Konsequenterweise kann dieses Gehirn sich nur im Rahmen seiner biologisch gegebenen Möglichkeiten selbst wahrnehmen und Erkenntnis bleibt auf biologisch Messbares beschränkt.

Die Frage nach einem Geist oder Bewusstsein kann auf dieser Ebene nicht beantwortet werden, doch Roth bedient sich bei dieser Frage eines erstaunlichen Kunstgriffs. „Ich will mich im Einklang mit den meisten Autoren auf Bewußtsein als einen Zustand, den ein Individuum haben kann, beschränken und alle Formen eines möglichen überindividuellen Bewußtseins außer acht lassen. Dieses individuelle Bewußtsein wird von uns als Zustand bzw. Begleitzustand von Wahrnehmen, Erkennen, Vorstellen, Erinnern und Handeln empfunden.“ Roth beschränkt sich bei der Frage nach Bewusstsein also bewusst auf ein individuelles, und er beschränkt dieses individuelle Bewusstsein auf einen Zustand des Menschen, besser noch des Gehirns, so wie die Physik Aggregatzustände von Materie erfasst und kategorisiert.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Herausforderung der Hirnforschung an das klassische Menschenbild und die daraus resultierenden Gefahren für das Verständnis von freiem Willen und Verantwortung.

2. Der Mensch und sein Gehirn – Menschenbilder im Spiegel theoretischer Interpretationen wissenschaftlicher Ergebnisse: Dieses Kapitel kontrastiert das kantische Menschenbild mit dem modernen reduktionistischen Ansatz der Hirnforscher Roth und Singer.

3. Determinismus und Macht: Es wird untersucht, warum deterministische Theorien gesellschaftlich an Attraktivität gewinnen und welche wissenschaftstheoretischen Probleme sich bei der Vermischung naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Disziplinen ergeben.

4. Schuld und Willensfreiheit – Wer übernimmt die Verantwortung?: Das Kapitel beleuchtet die gravierenden Auswirkungen der Hirnforschung auf das Strafrecht, die Pädagogik und das Verständnis von persönlicher Schuld.

5. Fazit – Mit dem Entzug leben?: Abschließend wird resümiert, dass die naturwissenschaftliche Reduktion den Menschen in seiner komplexen Existenz nicht vollumfänglich erfassen kann und ein Festhalten an der Idee der Freiheit unumgänglich bleibt.

Schlüsselwörter

Hirnforschung, Willensfreiheit, Immanuel Kant, Gerhard Roth, Wolf Singer, Determinismus, Neurobiologie, Menschenbild, Verantwortung, Schuldstrafrecht, Pädagogik, Geist-Körper-Dualismus, Konstruktivismus, Reduktionismus, Erkenntnistheorie

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit setzt sich kritisch mit den Thesen führender Hirnforscher auseinander, die behaupten, dass der freie Wille eine Illusion sei und menschliches Handeln vollständig durch neuronale Prozesse bestimmt werde.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Im Fokus stehen das Spannungsfeld zwischen Neurobiologie und Philosophie, die Frage nach moralischer Verantwortung sowie die potenziellen Auswirkungen auf Rechtsprechung und Erziehung.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Ziel ist es, die wissenschaftliche und philosophische Tragfähigkeit der neurobiologischen Leugnung der Freiheit zu prüfen und ihr das kantische Menschenbild als notwendigen Bezugsrahmen gegenüberzustellen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die primär auf der Literaturrecherche und der kritischen Auseinandersetzung mit philosophischen Schriften sowie aktuellen neurowissenschaftlichen Veröffentlichungen basiert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Gegenüberstellung von Kants Autonomiebegriff und Roths/Singers Reduktionismus sowie in eine Diskussion über die gesellschaftlichen Folgen, wie etwa die Veränderung des Strafrechts und der pädagogischen Praxis.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?

Die Arbeit charakterisiert sich vor allem durch Begriffe wie Freiheit, Determinismus, Gehirnarchitektur, Eigenverantwortung und das Menschenbild.

Wie bewertet die Autorin die Libet-Experimente?

Die Autorin argumentiert, dass diese Experimente keine Aussagen über die Struktur des menschlichen Willens zulassen, sondern lediglich die zeitlichen Abläufe neuronaler Aktivität aufzeigen, was nicht mit einer Bestimmung des Handelns gleichzusetzen ist.

Welche Gefahr sieht die Autorin in der aktuellen Entwicklung der Neurowissenschaften?

Die Autorin warnt vor einem Totalitätsanspruch der Hirnforschung, der den Menschen zum Objekt degradiert, Erziehung durch Gehirnmanipulation ersetzt und die moralische Dimension des menschlichen Lebens durch eine reine „Technik des Funktionierens“ ersetzt.

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Résumé des informations

Titre
Erziehung als `Hirnmanipulation` - Die Frage der Willensfreiheit in der Hirnforschung
Université
Ruhr-University of Bochum  (Institut für Pädagogik)
Note
2,7
Auteur
Dominika Wosnitza (Auteur)
Année de publication
2007
Pages
83
N° de catalogue
V113914
ISBN (ebook)
9783640138234
ISBN (Livre)
9783640138425
Langue
allemand
mots-clé
Erziehung Frage Willensfreiheit Hirnforschung
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Dominika Wosnitza (Auteur), 2007, Erziehung als `Hirnmanipulation` - Die Frage der Willensfreiheit in der Hirnforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113914
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