Jugendstrafvollzug. Die richtige Reaktion auf abweichendes Verhalten und Kriminalität?


Ausarbeitung, 2021

29 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Jugendkriminalität
2.1 Sinn und Zweck des Strafens
2.2 Was ist Jugendkriminalität?
2.3 Verurteilung zur Jugendstrafe
2.4 Geschichte des Jugendstrafvollzugs
2.5 Ausgestaltung des Jugendstrafvollzugs
2.6 Leitgedanke Erziehung

3 Freie Formen im Jugendstrafvollzug: Projekt Chance
3.1 Ziele
3.2 Methoden
3.3 Ausgestaltung des freien Vollzugs im Projekt Chance
3.4 Kritik am Projekt Chance

4 Aussichten des Jugendstrafvollzugs
4.1 Möglichkeiten und Grenzen
4.2 Wirkung und Nachhaltigkeit
4.3 Kritische Positionen zum Jugendstrafvollzug

5 Soziale Arbeit im Jugendstrafvollzug
5.1 Soziale Arbeit im Zwangskontext des Jugendstrafvollzugs
5.2 Rechtliche Grundlagen
5.3 Aufgabenfeld der Sozialen Arbeit
5.4 Anforderungen an die Fachkräfte
5.4.1 Professionelle Grundhaltung
5.4.2 Pädagogisches Denken und Handeln
5.5 Möglichkeiten und Grenzen

6 Persönliche Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Abweichendes Verhalten und Kriminalität von Jugendlichen und der richtige Umgang damit ist ein immer wiederkehrende und viel diskutierte Thematik. Diesbezüglich stellt sich die Frage, inwiefern der Jugendstrafvollzug die richtige Reaktion auf abweichendes Verhalten und Kriminalität ist. Diese Ausarbeitung soll dieser Fragestellung nachgehen.

Da der eindeutig größte Teil, der inhaftierten Jugendlichen im Jugendstrafvollzug männlich ist, wird in diesem Zusammenhang bewusst auf gendergerechte Sprache verzichtet (vgl. Haverkamp 2015: 392f.). Die Institution des Jugendstrafvollzugs steht immer wieder in der Kritik, da vermutet wird, dass Zwang und Repression einen negativen Einfluss auf jugendliche Straftäter haben. Damit eine nachhaltige Rehabilitation stattfinden kann, werden daher immer wieder neue Sanktionsformen erprobt. Der Thematik devianzpädagogischen Konzepte wird sich im Kapitel 2 angenähert, über den generellen Zweck von Strafen sowie verschiedenen Aspekten der Jugendstrafe wie der Geschichte und der Ausgestaltungen, um einen Überblick über den aktuellen Stand zu geben. Nachfolgend wird in Kapitel 3 am Beispiel des Projekt Chance im baden-württembergischen Creglingen eine Möglichkeit des Jugendstrafvollzugs in freier Form vorgestellt. Aussichten bezüglich der Möglichkeiten, Grenzen, Wirkung und Nachhaltigkeit des Jugendstrafvollzugs werden anschließend im vierten Teil der Ausarbeitung erläutert, um der obengenannten Fragestellung nachzugehen. Weiterhin wird in Kapitel 5 die Rolle der Soziale Arbeit anhand verschiedener Aspekte im Jugendstrafvollzug verortet. Dazu werden der Zwangskontext, die gesetzlichen Rahmenbedingungen, Aufgabenbereiche und verschiedene Anforderungen an die Fachkräfte, sowie die Möglichkeiten und Grenzen analysiert. Abschließend erfolgt eine persönliche Schlussbetrachtung und ein Ausblick entsprechend der Fragestellung (Kapitel 6).

2 Jugendkriminalität

2.1 Sinn und Zweck des Strafens

Um sich der Inhaftierung als einer der bekanntesten Formen des Strafens zu nähern, muss zunächst analysiert werden, weshalb in Gesellschaften überhaupt gestraft wird. Strafen sind eine Folge aus Verletzungen von Normen und Gesetzen (vgl. Thiersch 2007: 47). Solche Grenzen sind notwendig, um einen moralischen Konsens für das öffentliche Leben zu finden und sich auf ein gewünschtes Miteinander zu verständigen. Durch diese Ordnung entsteht jedoch immer ein Machtgefüge. Wer in einer Gesellschaft über Regeln entscheidet ist im Machtgefüge übergeordnet, was immer in Problemen durch Machtgefälle enden kann. Im Laufe der Moderne wurde der Prozess der Regeln und Strafen daher immer weiter demokratisiert. Die Art der Normen wandelte sich von Muss- zu Kann-Normen, sodass ihrer Ausgestaltung immer mehr Spielraum gewährt wird. (vgl. ders.: 47f.)

Begründet werden Strafen traditionell auf vier Grundlagen: der Vergeltung, der Abschreckung, der Rehabilitation und der Unschädlichmachung. Die Vergeltung stellt dabei ein redensartliches Bezahlen für ein moralisches Vergehen dar. Diese Strafzwecktheorie ist jedoch sowohl aufgrund des Rachegedankens, als auch durch die fehlende Evidenz ihres Erfolgs umstritten. (vgl. Birr 2007: 70f.)

Die zweite, weitverbreitete Strafzwecktheorie ist die der Abschreckung, auch ‚Deterrence Theorie‘ genannt (vgl. Koch 2007: 132ff.). Sie besagt, dass potenzielle Täter aufgrund der zu erwarteten Strafe von einem Vergehen absehen. Dem Ansatz liegt die utilitaristische Annahme zugrunde, nach jener, willensfreie rational denkende Individuen die Strafe gegen den Nutzen abwägen. Unterschieden wird innerhalb der ‚Deterrence Theorie‘ zwischen der generellen und der spezifischen Abschreckung. Die generelle Abschreckung basiert auf der öffentlichkeitswirksamen Präsentation der Strafe und richtet sich an die Gesellschaft. Die spezifische Abschreckung dagegen richtet sich an einzelne Täter, die eine Straftat bereits begangen haben. Sanktionen sollen die Täter dazu veranlassen, eine Tat nicht erneut zu begehen. Generelle Abschreckung kann sowohl die Möglichkeit, als auch die Durchführung der Strafe präsentieren und folglich je nach Blickwinkel sowohl generell, als auch spezifisch Abschrecken. (vgl. ebd.)

Die dritte und für den Bereich des Jugendstrafvollzug relevanteste Strafzwecktheorie ist die Rehabilitation. Begründet werden Strafmaßnahmen demnach damit, dass sie erneute Straftaten verhindern, indem nachträgliche Erziehung stattfindet. Unterschiedlichste angeordnete Rehabilitationsmaßnahmen sollen ein Umdenken im Individuum bewirken und moralische Folgen ihres Handelns aufzeigen. Auch der Ansatz der Rehabilitation steht immer wieder in der Kritik, da Rückfallquoten seine Wirksamkeit infrage stellen. Besonders im Jugendstrafrecht findet die Rehabilitation trotzdem Anwendung. Das Jugendstrafrecht umfasst in besonderem Maße Sanktionsmaßnahmen mit rehabilitierender Wirkung, wie die Zuchtmittel und die Erziehungsmaßregeln, die in der Regel vor Jugendstraftaten verhängt werden sollen. (vgl. Ostendorf 2018: 1f.)

Letzte und tiefgreifendste Straftheorie ist die Unschädlichmachung als Schutz für die Gesellschaft vor erneuten Straftaten (vgl. Koch 2007: 132f.). Zu den bekanntesten Sanktionsmaßnahmen gehören hierbei der Maßregelvollzug und die Sicherungsverwahrung.

2.2 Was ist Jugendkriminalität?

Der Erwerb einer eigenen Identität ist während der Jugend eine der zentralen Entwicklungsaufgaben, die so komplex und herausfordernd ist, dass die Jugend mitunter auch als Bewältigungslage beschrieben wird (vgl. Böhnisch 2015: 28). Für viele Menschen ist sie aber auch eine Phase der identitären Unsicherheit. Es werden Grenzen getestet, Rollen angenommen und bei Störungen der Entwicklung können Identitätskrisen die Folge sein. Devianz und Kriminalität entsteht in dieser Phase nicht immer durch kriminelle Energie, vielmehr ist es oft auch ein Austesten von Grenzen, die mitunter überschritten werden. Jugendliche probieren sich, geleitet von jugendlichem Leichtsinn und Neugier aus. Jedoch vergeht diese Phase meist wieder durch die anhaltende Erziehung und mit Abschluss der Jugend. Aufgrund dieser Tatsache beinhaltet das Jugendstrafrecht einen vielfältigeren Sanktionskatalog, der mehrere Möglichkeiten der nachträglichen Erziehung beinhaltet und damit dem Strafzweck der Rehabilitation gerecht wird. (vgl. ebd.)

Diplompädagoge Michael Wandrey, der unter anderem in der Straffälligenhilfe und als Mediator tätig war, beschreibt vier Arten der Jugendkriminalität (vgl. Weipert 2003: 17f.). Am häufigsten seien Straftaten „entwicklungsbedingte, episodenhafte, vorübergehende und insofern auch "normale" Erscheinungen des Jugendalters“ (ders.: 17). Zu solchen Delikten können zum Beispiel kleine Gelegenheitsdiebstähle zählen. Meist sind sie in gemeinsamen Grenzerfahrungen innerhalb einer Peer Group eingebettet. Die zweite Begründung stellt der „soziale Unfall“ als Folge einer Konfliktgeschichte dar. Jugendliche verarbeitet schwerwiegende, die Entwicklung störende Konflikte mit Straftaten, die mitunter auch schwerwiegender sein können. In diesem Fall kann eine Strafe einen redensartlichen Weckruf darstellen, der Anlass für einen Neuanfang bietet. Weiterhin können Jugendstraftaten Folge einer misslungenen oder fehlenden Integration sein. Milieubildung, Diskriminierung und eine unzureichende Ausbildung des Unrechtsbewusstseins können sich in drastischeren Delikten verfestigen. Letztlich begründet sich ein kleiner Teil durch massive Störungen der jugendlichen Entwicklung. Michael Wandrey nennt beispielhaft Katastrophen wie Missbrauchs- und Gewalterfahrungen, durch deren Einflüsse ‚Opfer zu Tätern‘ werden, da durch mangelnde therapeutische Begleitung kein angemessener Umgang mit den Erfahrungen erlernt werden kann. (vgl. Weipert 2003: 17f.)

2.3 Verurteilung zur Jugendstrafe

Das deutsche Jugendstrafrecht stellt durch die Möglichkeiten des Jugendgerichtsgesetzes, kurz JGG, andere Sanktionsbedingungen bereit als das Erwachsenenstrafrecht (vgl. Dietrich 2011: 44ff.). Es ist vor allem Täter- statt Tatorientiert, was sich in den tiefgreifenderen Erziehungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten zeigt. Bevor ein Jugendlicher zu einer Jugendstrafe verurteilt wird hat er meist eine kriminelle Karriere hinter sich. Kleinere Delikte werden zunächst mit Erziehungsmaßregeln geahndet. Zu diesen gehören die umgangssprachlichen Sozialstunden, die Teilnahme an Anti-Aggressions-Trainings oder eine verpflichtende Drogenberatung. Weitere schwerere Delikte werden mit Zuchtmitteln sanktioniert, meist in Form von Auflagen. Zu diesen Auflagen gehören auch der Freizeit-, Kurz- und Dauerarrest. Diese drei Sanktionsformen sind, trotz des repressiven Charakters, keine Jugendstrafen im eigentlichen Sinne. Voraussetzung um diese dritte und drastischste Maßnahme, die Jugendstrafe, zu verhängen sind die distinktiven Voraussetzungen schädliche Neigungen und besondere Schwere der Schuld (vgl. dies.: 44f.). Schädliche Neigungen definiert die Bundeszentrale für politische Bildung als „Mängel, die ohne längere Gesamterziehung die Gefahr der Begehung weiterer solcher Straftaten in sich bergen, die nicht nur gemeinlästig sind oder den Charakter von Bagatelltaten haben“ (Laubenthal 2020: 10). Die Aspekte der mangelnden Erziehung, der notwendigen Rehabilitation und der Gefahrenabwehr neuer Straftaten sind folglich zentrale Merkmale der Bedingung. Die Schwere der Schuld liegt vor, wenn Maßregeln und Zuchtmittel nicht ausreichen und „ist bei jüngeren Tätern primär aus den subjektiven und persönlichkeitsbegründenden Beziehungen des Täters zu seiner Tat und weniger aus deren äußerer Schwere (Tatfolgen) zu entnehmen“ (ebd.). Die differenzierten Sanktionsformen unterliegen gewissen pädagogischen Legitimationsgeboten. Das bedeutet, besonders bei Maßregeln, dass nicht jede Sanktion zu jedem Delikt passt, sondern eine die Tat berücksichtigende Auswahl erfolgen muss. Demnach hat beispielsweise das Reinigen von Fassaden eine hohe Wirkung bei vorherigem Vandalismus durch Graffiti sprayen. (vgl. ders.: 11f)

Eine weitere wichtige Besonderheit ist die Verurteilung sogenannter Heranwachsender. Nach § 105 des Jugendgerichtsgesetzes können Personen zwischen 18 und 21 nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden. Dazu müssen entweder Reifeverzögerungen vorliegen oder es muss sich bei den Taten um eine typisch jugendliche Verfehlung handeln wie zum Beispiel ein kleinerer Gelegenheitsdiebstahl. Durch das Abwägen des Reifezustandes berücksichtigt die Gesetzgebung mit der Abgrenzung Heranwachsender unterschiedlich schnelle Entwicklungsverläufe von Jugendlichen.

2.4 Geschichte des Jugendstrafvollzugs

Das Jugendliche im Strafvollzug aufgrund ihres Entwicklungsstandes differenziert behandelt werden stellt historisch keine Selbstverständlichkeit dar (vgl. Nickolai 2007: 24f). Einen Grund dafür gab es bis ins 19 Jahrhundert hinein nicht, da sie auch im öffentlichen Leben älteren Personen gleichgestellt waren. Ausbildungen und der Eintritt der Berufstätigkeit erfolgte weitaus früher, sodass keine qualitativen Unterschiede erkennbar waren. Zunehmende Erkenntnisse über interindividuelle Unterschiede in der Entwicklung Jugendlicher und die deutliche Verlängerung der Lebensphase Jugend gaben Anlass zur Schaffung eines eigenständigen Strafrechts. (vgl. ders.: 25)

Einer der ersten, der einen Anstoß für diese Reformen gab, war der deutsche Rechtswissenschaftler Franz von Liszt. Er gilt als Wegbereiter des Erziehungsgedankens im Jugendstrafrecht: „Wir verlangen in erster Linie die erzieherische Behandlung der Besserungsfähigen; und da die erziehende Umgestaltung des Charakters durch regelmäßige Arbeit nur bis zu einem gewissen Lebensalter überhaupt möglich ist, können wir wohl sagen: die erziehende Behandlung der Jugendlichen“ (Liszt 1902: 259). Er erkannte also, dass eine nachträgliche Erziehung bei devianten sowohl möglich, als auch nötig ist. Über das Thema diskutierte von Liszt bereits im Jahr 1891 in der zweiten Landesversammlung der Internationalen Kriminalistischen Vereinigung, die unter dem Thema „Nach welcher Richtung hin ist eine Umgestaltung der über die Behandlung jugendlicher Verbrecher im Strafgesetzbuch gegebenen Bestimmungen wünschenswert?“ abgehalten wurde (vgl. Thiersch 2007: 29, Sieverts 1969: 123). In dieser Tagung wurde eine Strafmündigkeitsgrenze von 16 Jahren gefordert. Verglichen mit dem zu dieser Zeit typischen Alter des Ausbildungsabschluss und damit dem Einstieg in das Berufsleben mit circa 14 bis 15 Jahren erscheint diese Grenze immer noch recht spät. Im Dezember selbigen Jahres wurde der Beginn der Strafmündigkeit letztlich auf 14 angesetzt, bei zwischen 14 und 18 Jahren war eine staatliche überwachte Erziehung eine Alternative zur Verhängung der Strafe (vgl. Thiersch 2007: 29f.).

2.5 Ausgestaltung des Jugendstrafvollzugs

Traditionell gestaltet sich der geschlossene Jugendstrafvollzug ähnlich zum Strafvollzug erwachsener Straftäter als Inhaftierung mit Repressionsmitteln wie Mauern, Zäunen und geschlossenen überwachten Räumen (vgl. Detmer 2015: 170f.). In den letzten 30 Jahren sind viele neue Vollzugsanstalten für den Jugendvollzug entstanden, bei deren Errichtung einerseits auf die zu erfüllenden Standards, andererseits auf die finanziellen Ressourcen geachtet wurde. Die Größe des Areals und das Verhältnis von Inhaftierten und Mitarbeiter:innen bleibt ein andauerndes Thema im Diskurs um die Gestaltung des Vollzugs. Der Jugendstrafvollzug hat gegenüber dem Erwachsenenvollzug einen höheren Mitarbeiter:innenbedarf, da zusätzliche Einrichtungen wie die schulische Betreuung notwendig sind. Weiterhin sind umfangreiche Trainings- und Therapieeinrichtungen vonnöten. Da die Zahl der Gewalttaten und Drogenabhängigen unter jugendlichen Straftätern sehr hoch ist, nehmen therapeutischen Maßnahmen wie Anti-Aggressions-Trainings eine immer wichtigere Rolle im Vollzug ein. (vgl. ebd.)

Joachim Walter, seinerzeit Leiter der JVA Adelsheim, beschreibt zwei Wege, den Strafvollzug als Weg zur Wiedereingliederung zu gestalten. Zunächst die Förderung der Entwicklung der inhaftierten jungen Menschen. Das bedeutet, dass den Inhaftierten, individuell auf ihre Bedürfnisse angepasst, geholfen werden soll. Dazu gehört auch, dass die Therapiemaßnahmen niemals zwanghaft durchgeführt werden dürfen, da Erfolge erst bei freiwilliger Durchführung von langanhaltender Natur sind. (vgl. Kawamura-Reindl/ Schneider 2015: 216f.)

Weiterhin sollen die Jugendstrafanstalten als Lernort gestaltet werden. Dieser Lernort teilt sich auf in schulisches, berufliches und soziales Lernen. Schulische Maßnahmen sind im Jugendstrafvollzug besonders wichtig, da hier ein besonders hoher Anteil an Schulabbrechern und -verweigerern vorzufinden ist. Die Strafanstalt als beruflicher Lernort ist wichtig, damit die Inhaftierten in ihrer beruflichen Laufbahn keine Lücke aufweisen. Zwar ist das Absolvieren einer gesamten Ausbildung aufgrund der meist kürzeren Haft- als Ausbildungsdauer oft nicht möglich, umso wichtiger ist daher eine gute Kooperation der Anstalten mit Firmen außerhalb des Vollzugs. Das soziale Lernen ist eine weniger konkrete dritte Vorgabe, die sich im Alltäglichen der Inhaftierten wiederfindet. Als Beispiel sind Sportangebote zu nennen, zum Beispiel das Fußballspielen oder andere Mannschaftssportarten. Hier lernen Inhaftierte ‚nebenbei‘ auf gesunde und spielerische Art faire und soziale Umgangsformen, indem Regeln eingehalten werden müssen. Auch der generelle Umgang der jungen Straftäter untereinander wird dem sozialen Lernen untergeordnet wie zum Beispiel der gewaltfreie Umgang mit Konflikten. (vgl. Kawamura-Reindl/ Schneider 2015: 216)

Als Alternative zum herkömmlichen Strafvollzug in geschlossenen Anstalten etablieren sich seit nunmehr 13 Jahren immer mehr Möglichkeiten des freien Vollzugs, in dem auf Repressionsmittel verzichtet und mehr demokratische Umgangsformen unter den Häftlingen ermöglicht werden (vgl. Kap. 3).

2.6 Leitgedanke Erziehung

Seit das eigenständige Jugendstrafrecht als solches vom regulären Strafrecht abgegrenzt wird, steht es unter dem Leitgedanken der nachträglichen Erziehung. Strafe soll demnach nicht mehr ausschließlich vergelten, sondern auch einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Trotzdass die Komponenten des Grundsatzes schon in vielfacher Form miteinander verbunden wurden, beispielhaft sind „Strafe und Erziehung“, „Strafe durch Erziehung“ und „Strafe als Erziehung“ zu nennen, bleibt eine eindeutige Klärung bis heute aus. Im Jugendstrafrecht selbst wird von Strafe und Erziehung gesprochen, es ist also tat- und täterorientiert. Der § 2 JGG ist nur so weit handlungsweisend, als dass auf Jugendliche und Heranwachsende so eingewirkt werden soll, dass sie keine weiteren Straftaten begehen. (vgl. Müller 2015: 44f.)

Die einschlägige Literatur bietet viele verschiedene Definitionen für den komplexen Begriff Erziehung, die ihren Fokus auf unterschiedlichste Merkmale legt. Ein Bestandteil ist immer die Vermittlung von Werten, „denn ohne Werte d.h. die Orientierung, Vorstellung über das „Richtige“ und „Gute“, ist der Mensch handlungsunfähig“ (Standop 2016: 81). Diese Orientierung als Hilfe zur Mündigkeit fehlt bei vielen straffällig gewordenen Jugendlichen, sodass sie sich nicht ausreichend in der Gesellschaft zurechtfinden. Wie genau die Werte aussehen ist zweitranging, sofern „eine Förderung der Wertempfänglichkeit und der Wertgestaltungsfähigkeit“ (Henz 1971: 95) gegeben ist.

Solche Erziehungsdefinitionen außerhalb des Strafrechts geben jedoch auch immer einen Anlass zur Reflexion, ob Strafe eine fehlende oder mangelhafte Erziehung vollkommen nachholen kann, da dies ein langfristiger komplexer Prozess ist. Hans Thiersch (2007: 21) erfasst den Kern des Erziehungsversuchs im Jugendstrafrecht als Disziplinierung, der fälschlicherweise ausschließlich verfolgt wird. Soziale Arbeit im Jugendstrafvollzug solle eine Reflexion dieses eingeschränkten Erziehungsverständnis anregen, da es zu wenig Veränderung im Jugendlichen erreiche. Erzwungener Gehorsam sei keine Möglichkeit, selbstbestimmtes und verantwortungsbewusstes Handeln zu erwirken. Vielmehr muss die Veränderung durch ein Zusammenspiel aus intrinsischer Motivation im Jugendlichen und extrinsischer Motivation durch rehabilitierenden Strafvollzug erwirkt werden, sodass ein selbstbestimmtes und verantwortungsbewusstes Individuum entsteht. Als essentiell für die Wiedereingliederung beschreibt Joachim Walter die Gestaltung des Strafvollzugs als Lernort, aufgeteilt in schulische, berufliche und soziale Entwicklung, der im optimalerweise an das Individuum angepasst wird. (vgl. ders.: 21f.)

3 Freie Formen im Jugendstrafvollzug: Projekt Chance

Die Ausgestaltung des Jugendstrafvollzugs in freien Formen wurde ursprünglich im § 91 des Jugendgerichtsgesetzes geregelt. Seit einer Reform im Jahr 2007 ist der § 27 JStVollzG maßgebende Rechtsgrundlage für diese Methode. Demnach „kann der Vollzug aufgelockert und in geeigneten Fällen in freier Form umgesetzt werden“. Obwohl die rechtlichen Möglichkeiten bereits seit 1953 bestehen, wurden erst im Jahr 2003 das erste Mal freie Formen als Alternative zum Jugendstrafvollzug angeboten (vgl. Trapper 2007: 2). Das Projekt Chance in Creglingen sowie das Projekt Seehaus Leonberg waren die ersten beiden Alternativen zum konventionellen Jugendstrafvollzug. Das Projekt Chance wirbt seit jeher mit einer Rückfallquote von 48%, die gegenüber dem herkömmlichen Vollzug mit 70% deutlich geringer ausfällt. Träger des Projekts ist das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland e.V., es ist eine Einrichtung der Kinder und Jugendhilfe nach § 45 SGB VIII und erhält somit seine Legitimation aus der Jugendhilfe (vgl. Strunk et Al. 2011: 48).

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Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Jugendstrafvollzug. Die richtige Reaktion auf abweichendes Verhalten und Kriminalität?
Note
1,0
Jahr
2021
Seiten
29
Katalognummer
V1142432
ISBN (eBook)
9783346518354
ISBN (Buch)
9783346518361
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalität, Jugendstrafvollzug, richtige Reaktion, Jugendkriminalität, abweichendes Verhalten, Jugendstrafvollzug in freien Formen, Sinn und Zweck des Strafens, Projekt Chance, Möglichkeiten und Grenzen des Jugendstrafvollzugs, Kritische Positionen, Soziale Arbeit im Jugendstrafvollzug, Soziale Arbeit, Zwangskontext, Anforderungen, Möglichkeiten und Grenzen
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Anonym, 2021, Jugendstrafvollzug. Die richtige Reaktion auf abweichendes Verhalten und Kriminalität?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1142432

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