Fünfzig Jahre lang, von der Publikation 1899 bis 1956, ist von The Awakening in Literaturwissenschaft, Literaturgeschichte und Literaturkritik kaum Notiz genommen worden. Eine irrationale Protagonistin, die bis in den Tod auf ihrer Identität insistiert, dabei scheinbar nicht auf die "menschliche Herde" angewiesen ist und darüber dennoch nicht hysterisch oder psychotisch wird, stand ebenso im Widerspruch zum naturalisierenden viktorianischen Diskurs über Weiblichkeit, wie die fiktionale Erkundung des Komplexes Kultur, Sexualität und Tod Illusionen zu demontieren drohte, die als gesellschaftliches Fundament fungierten und bis heute fungieren. Dass diese konterdiskursive Infragestellung kulturerhaltender Ordnungsphantasmen zu einer massiven Verdrängung des Textes - nicht zuletzt unter dem Signum der Kulturversagung - geführt hat, überrascht kaum. Der Tenor zeitgenössischer Rezensionen bezeugt eine signifikante Ablehnung:"[...] it leaves one sick of human nature" (Awakening: 163), "its disagreeable glimpses of sensuality are repellent" (Awakening: 166), "gilded dirt" (Awakening: 167), "an essentially vulgar story" (Awakening: 168), "unhealthily introspective and morbid in feeling" (Awakening: 170), "unwholesome in its influence" (Awakening: 172).
Es handelt sich dabei um viel mehr als nur um "vestiges of Victorian prudery" (Walker 1993: 141). Eine derart vehemente, mehr moralisch als ästhetisch begründete Ablehnung lässt vermuten, dass der Roman an neuralgische Punkte der Kultur wie auch der menschlichen Identität rührt. Es geht um Fragen, die nicht gestellt werden dürfen. Dass Nietzsche und Freud sich mit ähnlichen Reaktionen konfrontiert sahen, ist ebenso wenig ein Zufall wie die Tatsache, dass ihre Gedanken sehr produktiv für die Interpretation des Textes genutzt werden können. Welche diskursiven Praktiken im Blick auf Kanonbildung und Zensur wurden aktiviert, um das subversive énoncé des Textes zu verdrängen?
Inhaltsverzeichnis
1. Der verdrängte Text
1.1 Kanon als Ausschlussdiskurs
1.2 Theoretische Kontexte
2. Die frankoamerikanische Kultur der Kreolen
2.1 Moral, Ästhetik und Illusion
2.2 Liebessemantik vs. Ehecode
2.3 Die Ökonomisierung der Intimsphäre
2.4 Semantisierte Räume
2.5 Das kulturelle Andere: black women
3. Auf der Suche nach weiblicher Identität
3.1 Feminismus, gender und Emanzipation
3.2 Die Macht der omnipräsenten Sprache
3.3 Psychische und semiotische Funktionen des Körpers
3.4 Eros, Thanatos und Regression
3.5 Lustprinzip, ozeanisches Gefühl und Tod
4. Das kulturelle Projekt des Romans
4.1 Genre als soziokulturelles Konstrukt
4.2 Symbolische Exploration und Transgression
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Wechselwirkung zwischen kulturellen Rahmenbedingungen und individueller Identität in Kate Chopins Roman "The Awakening". Das primäre Ziel ist es, Ednas Prozess der Selbstfindung nicht nur als rein feministisches Unterfangen zu deuten, sondern durch den Einbezug von Nietzsches Kulturkritik und Freuds Psychoanalyse die soziokulturellen und ökonomischen Mechanismen aufzudecken, die das subversive Potenzial des Textes bestimmen.
- Kulturkritische Analyse des viktorianischen Diskurses und der kreolischen Gesellschaft.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Liebessemantik und ökonomisch determiniertem Ehecode.
- Analyse der symbolischen Raumsemantik als Spiegel der weiblichen Identitätsentwicklung.
- Psychoanalytische Dekodierung von Körperlichkeit, Sexualität und Tod.
- Deutung des Romans als soziokulturelles Projekt in einer historischen Übergangsphase.
Auszug aus dem Buch
2.1 Moral, Ästhetik und Illusion
Es sind nicht zuletzt gesellschaftliche Konventionen und moralische Normen, die die Protagonistin dazu animieren, dem diametral entgegengesetzte romantische Illusionen zu kultivieren: "Because of the social conventions that prescribe behavior in her world, Edna has nowhere to go, succumbing to the promises of romanticism while living in a society that will not tolerate the terms she sets for her own freedom" (Thornton 1996: 86). Allerdings machen gerade diese Phantasmen sie heteronom, weil sie patriarchalisch instrumentalisiert sind, insofern sie den Status quo beschönigen und ideologisch legitimieren. Doctor Mandelet formuliert das im Gespräch mit Edna: "The trouble is [...] that youth is given up to illusions. It seems to be a provision of Nature; a decoy to secure mothers for the race. And Nature takes no account of moral consequences, of arbitrary conditions which we create, and which we feel obliged to maintain at any cost" (Awakening: 105). Was er jedoch allegorisierend und camouflierend der Natur zuschreibt, ist eine Machination patriarchalischer Kultur.
Als Subjekt spaltet sich Edna in zwei personae und führt faktisch ein Doppelleben, nämlich "that outward existence which conforms" und "the inward life which questions" (Awakening: 14). Es ist primär dieser Konflikt zwischen gesellschaftlicher Inszenierung und psychischer 'Realität', den Edna austragen muss. Prekär ist daran, dass beide Sphären von bestimmten Illusionen geleitet sind, wobei die äußere Hegemonie der ersten in ihrer Wirkung auf das Leben jedes einzelnen unübersehbar ist.
Auf soziokultureller Seite führt die Einhaltung der Etikette dazu, dass in speziellen Situationen Lügen zur Pflicht wird: "Why do you force me to idiotic subterfuges?" (Awakening: 100) fragt Robert Edna, als sie wissen möchte, warum er sich von ihr ferngehalten hat. Die Situation wird derart absurd, dass er ihr einen Katalog von Ausreden offeriert, von denen sie sich eine beliebige aussuchen soll. Überdies wird der individuelle Wille dem Protokoll untergeordnet: "[...] we've got to observe les convenances if we ever expect to get on and keep up with the procession" (Awakening 49) mahnt Ednas Mann, als er erfährt, dass sie an ihrem reception day ausgegangen ist, anstatt respektable Gäste zu empfangen, die den Pontelliers dabei helfen könnten, sozial und ökonomisch zu avancieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der verdrängte Text: Das Kapitel analysiert die jahrzehntelange Vernachlässigung des Romans in der Literaturkritik und beleuchtet die diskursiven Ausschlussmechanismen, die ihn als moralisch verwerflich brandmarkten.
2. Die frankoamerikanische Kultur der Kreolen: Es wird die soziale Struktur im Louisiana des 19. Jahrhunderts als kulturelle Enklave untersucht, die durch strikte Ehe- und Besitzcodes das Handeln der Protagonistin einschränkt.
3. Auf der Suche nach weiblicher Identität: Dieses Kapitel erforscht Ednas Emanzipationsversuche und ihre Auseinandersetzung mit den Grenzen ihres Körpers, ihrer Psyche und der patriarchal geprägten Sprache.
4. Das kulturelle Projekt des Romans: Abschließend wird der Roman als soziokulturelles Konstrukt gewürdigt, das durch die Verknüpfung von Ästhetik und Ideologie neue Räume für die Aushandlung weiblicher Identität schafft.
Schlüsselwörter
The Awakening, Kate Chopin, weibliche Identität, kulturelle Identität, patriarchalische Struktur, Ehecode, Liebessemantik, Körperlichkeit, Sexualität, Tod, Kulturkritik, Psychoanalyse, Soziokulturelles Projekt, Gender, Literaturkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit analysiert Kate Chopins Roman "The Awakening" unter Berücksichtigung von Kultur, Identität und gesellschaftlichen Machtstrukturen im Kontext des späten 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die soziokulturelle Untersuchung der kreolischen Gesellschaft, die Rolle der Frau, die Ökonomisierung von Beziehungen sowie die psychologischen Konflikte der Protagonistin Edna Pontellier.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Roman nicht nur als feministisches Werk zu lesen, sondern seine tieferliegenden kulturellen und theoretischen Bezüge durch die Linsen von Nietzsche und Freud zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wendet kulturwissenschaftliche und psychoanalytische Ansätze an, ergänzt durch systemtheoretische Überlegungen nach Niklas Luhmann und semiotische Theorien von Julia Kristeva.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des kulturellen Settings der Kreolen, Ednas Suche nach weiblicher Identität sowie das kulturelle Projekt des Romans selbst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Identität, Kultur, Geschlecht (Gender), ökonomischer Ehecode, Körperlichkeit, Freiheit, Gesellschaft und Subversion.
Wie bewertet die Arbeit Ednas Rolle in der Gesellschaft?
Die Arbeit sieht Edna als jemanden, der versucht, sich aus den restriktiven Mustern eines patriarchalischen Systems zu befreien, wobei ihr Scheitern weniger als persönliches Versagen denn als Resultat einer übermächtigen kulturellen Ordnung interpretiert wird.
Welche Rolle spielt das Meer im Roman?
Das Meer fungiert als zentrales Symbol, das einerseits Freiheit und sinnliche Entgrenzung repräsentiert, andererseits aber auch die Verschmelzung von Eros und Thanatos im Sinne einer endgültigen, regressiven Erlösung verkörpert.
Wird die Rolle von "black women" im Roman thematisiert?
Ja, in einem eigenen Abschnitt wird das postkoloniale Paradoxon beleuchtet, in dem die Freiheit der Protagonistin durch die Arbeit unterdrückter farbiger Frauen erst ermöglicht wird.
Warum wird die Sprache im Roman als Problem dargestellt?
Sprache wird als patriarchalisch determiniertes Medium aufgefasst, in dem sich eine Frau nicht selbst ausdrücken kann, ohne ihr Selbst im Diskurs aufzulösen, weshalb die Protagonistin vermehrt auf semiotische Ebenen wie Musik ausweicht.
- Citation du texte
- Dr. Martin Holz (Auteur), 2001, Kultur und Identität in Kate Chopins "The Awakening", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114378