Diese Arbeit soll ergründen, welche konkreten Vorstellungen von Kindheit und Erziehung in den Romanen "Robinson der Jüngere" und "Pippi Langstrumpf" vertreten werden und wie diese dargestellt sind. Dabei soll auch untersucht werden, wie sich diese Kindheitsdarstellungen vor dem erziehungsgeschichtlichen Hintergrund der jeweiligen Zeit bewerten lassen. Hierzu werden zunächst die pädagogischen Konzepte sowie Kindheitsverständnisse des 18. und 20. Jahrhunderts näher beleuchtet. In einem zweiten Schritt erfolgt eine Analyse des Kinderbuches "Robinson der Jüngere", wobei Aspekte der Vermittlungsebene, Raumsemantik und Figurendarstellung näher betrachtet werden. Anschließend wird Lindgrens Roman "Pippi Langstrumpf" analysiert, bei welchem dieselben Untersuchungskategorien Anwendung finden. Dabei werden die gewonnenen Erkenntnisse jeweils mit den Analyseergebnissen des Campe-Textes verglichen.
Literatur hat das Potenzial Menschen an Orte zu bringen und Erfahrungen durchleben zu lassen, die ihnen im realen Leben versagt bleiben. Vor allem in der Kindheit und Jugend spielt Literatur dabei eine sehr wichtige Rolle. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, sind meist fantasievoller, empathischer und haben eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit. Doch auch wenn Kinder- und Jugendliteratur von erwachsenen Autoren originär und spezifisch für kindliche Rezipienten geschrieben wird, ist es unvermeidlich, dass dabei Erwartungshaltungen und ideologische Überlegungen der Erwachsenen an die Kinder in die Texte mit einfließen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erziehungsgeschichtliche Entwicklungen im 18. und 20. Jahrhundert
3. Kindheitsdarstellungen in Campes „Robinson der Jüngere“
3.1 Vermittlungsebene
3.2 Raumsemantik
3.3 Figuren
4. Kindheitsdarstellungen in Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ im Vergleich zu Campe
4.1 Vermittlungsebene
4.2 Raumsemantik
4.3 Figuren
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen Konzepte von Kindheit und Erziehung in den Kinderbuchklassikern „Robinson der Jüngere“ von Joachim Heinrich Campe und „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren. Im Zentrum der Forschungsfrage steht die Analyse, wie diese Werke kindliche Rezipienten adressieren und inwieweit sie das jeweilige zeitgenössische Erziehungsbild widerspiegeln oder herausfordern.
- Historische Entwicklung der Erziehungsgeschichte vom 18. zum 20. Jahrhundert.
- Strukturanalyse der Vermittlungsebene, Raumsemantik und Figurendarstellung.
- Vergleich der aufklärerischen Didaktik mit dem kindlichen Autonomieideal.
- Reflexion über die Rolle von Literatur als Instrument zur Vermittlung von Werten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Vermittlungsebene
Insgesamt ist der Aufbau von Campes „Robinson der Jüngere“ sehr komplex. Der Roman beginnt mit einem Vorbericht, in welchem der Autor seine Ziele und Intentionen beim Verfassen des Buches darlegt. Hierbei verweist er auf die Doppelfunktion des Werkes, welches einerseits die kindlichen Rezipienten „auf eine [ ] angenehme Art unterhalten“ und zum „nützlichen Unterrichte“ dienen soll (Campe 1848 [1779]: III), andererseits stellt es eine Erziehungsschrift für die Erwachsenen dar (vgl. Kümmerling-Meibauer 2012: 40). Als pädagogische Ziele des Werkes nennt Campe unter anderem die Erläuterung elementarer, sachlicher Kenntnisse sowie die Vermittlung von Moral und Tugend. Hierbei betont er die Wichtigkeit des Faktors „Unterhaltung“, da er der Meinung ist, „daß die Herzen der Kinder sich jedem nützlichen Unterrichte nicht lieber öffnen, als wenn sie vergnügt sind“ (Campe 1848 [1779]: III).
Im Anschluss an den Vorbericht erfolgt der Einstieg in die Geschichte, welche nachzeitig erzählt wird. Eine extradiegetische, nullfokalisierte Erzählinstanz kontextualisiert zunächst das intradiegetische Geschehen und stellt die Figuren vor. Anschließend wird der Leser direkt angesprochen. Hierbei erfolgt eine Inklusion der erzählten Welt der intradiegetischen Ebene in die Wirklichkeit des Rezipienten, indem das vorliegende Buch als nachträgliche Verschriftung des Geschehens durch den Vater ausgegeben wird. Der Adressat wird hierdurch in die erzählte Welt integriert (vgl. Weinkauff und Glasenapp 2018: 33). Anschließend vollzieht sich ein Wechsel auf die intradiegetische Erzählebene. Dort wohnt der Leser einem Gespräch zwischen einem Vater und einer Kindergruppe bei, welches sich allabendlich über mehrere Abende vollzieht. In diesem Gespräch erzählt der Vater als nullfokalisierter, heterodiegetischer Binnenerzähler die Geschichte von Robinson Crusoe. Die Erzählsituation wird dabei in weiten Teilen dramatisch wiedergegeben (vgl. Weinkauff und Glasenapp 2018: 32). Durch dieses sehr langsame Erzähltempo wird dem Leser das Gefühl vermittelt, ein Teil der dargestellten Szene zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Kinder- und Jugendliteratur ein und definiert das Ziel der Arbeit: den Vergleich der Kindheitskonzepte bei Campe und Lindgren.
2. Erziehungsgeschichtliche Entwicklungen im 18. und 20. Jahrhundert: Das Kapitel skizziert den Wandel vom pädagogischen Jahrhundert der Aufklärung hin zum Kindheitsbild der Nachkriegszeit.
3. Kindheitsdarstellungen in Campes „Robinson der Jüngere“: Hier wird die Vermittlung, Raumsemantik und Figurenkonstellation als Modell für eine aufklärerisch-philanthropische Erziehung analysiert.
3.1 Vermittlungsebene: Analyse des dialogischen Rahmens zwischen Vater und Kindern als pädagogisches Instrument.
3.2 Raumsemantik: Die Insel wird als pädagogische Provinz begriffen, die zur moralischen Läuterung des Protagonisten dient.
3.3 Figuren: Die Kinderfiguren fungieren als idealisierte Vorbilder für ein tugendhaftes Verhalten des Lesers.
4. Kindheitsdarstellungen in Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ im Vergleich zu Campe: Untersuchung des bewussten Bruchs mit didaktischen Konventionen zugunsten von kindlicher Autonomie.
4.1 Vermittlungsebene: Erörterung der pädagogischen Absichtslosigkeit und der Fokussierung auf Komik und Unterhaltung.
4.2 Raumsemantik: Pippi schafft einen Gegenpol zur pädagogisierten Welt durch ihre „Villa Kunterbunt“ als autonomem Spielraum.
4.3 Figuren: Pippi verkörpert als „ewiges Kind“ die Freiheit und widersetzt sich patriarchalischen Normen.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass Kindheit kein statisches Konstrukt ist, sondern sich in literarischen Diskursen ständig neu definiert.
Schlüsselwörter
Kindheitsdarstellungen, Erziehungsgeschichte, Aufklärung, Philanthropismus, Kinderliteratur, Robinson der Jüngere, Pippi Langstrumpf, Vermittlungsebene, Raumsemantik, Figurenanalyse, Pädagogik, Autonomie, Didaktik, Kindsein, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie sich die Darstellung von Kindheit und Erziehung in den Kinderbuchklassikern „Robinson der Jüngere“ und „Pippi Langstrumpf“ unterscheidet und wie diese Literatur die jeweiligen erziehungsgeschichtlichen Epochen widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die erzählerische Vermittlungsebene, die Bedeutung von Räumen (Raumsemantik) sowie die Konstruktion der Figuren innerhalb der beiden Romane.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Literatur zur Erziehung eingesetzt werden kann (bei Campe) oder wie sie das Kind von pädagogischen Zwängen befreien und Autonomie stärken kann (bei Lindgren).
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die erziehungsgeschichtliche Kontexte mit der Untersuchung narrativer Strukturen (Erzählinstanz, Raumgestaltung, Charakterzeichnung) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-pädagogische Einführung und eine detaillierte vergleichende Analyse der beiden Primärtexte auf drei Ebenen: Vermittlung, Raum und Figuren.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Kindheitsdarstellungen, aufklärerische Pädagogik, Philanthropismus, Autonomie, Didaktik, Intertextualität und das Bild des Kindes.
Warum spielt die Vaterfigur in Campes Roman eine so zentrale Rolle?
Der Vater dient als Personifikation des Erziehungszieles, der die kindlichen Rezipienten durch sokratische Dialoge in ihr zukünftiges, tugendhaftes Erwachsenendasein lenkt.
Inwiefern stellt Pippi Langstrumpf ein Gegenmodell zu Robinson Crusoe dar?
Während Robinson durch Disziplin und Arbeit zur Tugend erzogen werden soll, verkörpert Pippi die absolute Freiheit, das kindliche Lustprinzip und das bewusste Missachten gesellschaftlicher Erwartungen.
- Arbeit zitieren
- Lisa-Marie Ganter (Autor:in), 2020, Kindheitsdarstellungen und erziehungsgeschichtliche Positionen in Joachim Heinrich Campes "Robinson der Jüngere" und Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146047