HAMAS. Eine terroristische Organisation auf dem Weg zu einer „normalen“ politischen Kraft?


Seminararbeit, 2006

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I EINLEITUNG

II ABRISSDERHAMAS - ENTWICKLUNG

III THEORETISCHER RAHMEN DER HAMAS ( CHARTAVON 1988 )
3.1 HISTORISCHES PALÄSTINA
3.2. NATIONALISMUS UND JIHAD
3.3 INTERNATIONALE FRIEDENSBEMÜHUNGEN
3.4 DER FEIND UND DIE WELTVERSCHWÖRUNG GEGENÜBER DEM ISLAM
3.5 DIE ARABISCHEN (NACHBAR)-STAATEN
3.6. DAS VERHÄLTNIS ZUR PLO
3.7. VERHÄLTNIS ZU ANDEREN RELIGIONEN

IV DIE STÄRKEN DERHAMAS
4.1 RELIGION, NATIONALISMUS UND SOLIDARITÄT
4.2 SOZIALE SICHERHEIT
4.3 SCHWÄCHEN DER PLO, CHARISMA UND BASISARBEIT DER HAMAS

V GEWALT
5.1 MILITÄRISCHE GRUPPEN
5.2 ORGANISATION UND REKRUTIERUNG
5.3 ZIELE UND TAKTIKEN
5.4 MÄRTYRER ALS WAFFE
5.4.1 Entwicklung
5.4.2 Ziele und Rechtfertigungen
5.4.3 Persönlichkeitsprofil von Hamas-Selbstmordattentätern
5.4.4 Finanzielle Entschädigung für Familien
5.4.5 Kollaborateure

VI DIE HAMAS ZWISCHEN THEORI EUNDPRAXIS
6.1 ZWEI-STAATEN LÖSUNG, FRIEDEN MIT ISRAEL UND DAS ENDE DES BEWAFFNETEN KAMPFES

VII ABSCHLUSSBETRACHTUNGEN

VIII LITERATURVERZEICHNIS

I EINLEITUNG

Als die radikalislamische Hamas im Jänner 2006 bei ihrem ersten Antreten bei nationalen palästinensischen Parlamentswahlen auf Anhieb eine absolute Mehrheit erreichte und 74 von 132 Sitzen im Parlament eroberte, ging ein großes Raunen durch die internationale Gemeinschaft. Erwartet worden war zwar ein knappes Rennen zwischen der bisher regierenden Fatah und ihrem stärksten Konkurrenten. Überraschend war jedoch für viele, dass die Palästinenser der im internationalen Umfeld hauptsächlich durch Selbstmordanschläge bekannten Hamas ein derartiges Vertrauensvotum aussprachen.

Hingegen fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass das Wahlergebnis im Grunde nicht allzu sehr überraschen dürfte. Während die Hamas ein breit gefächertes Sozialnetzwerk unterhält, auf regionaler Ebene bereits bei Lokalwahlen zahlreiche Erfolge eingefahren hat, geschlossen und konsequent auftritt und für die von Armut gebeutelte und für die der israelischen Besatzung längst überdrüssig gewordene Bevölkerung in der Westbank und Gaza die einzig glaubwürdige politische Alternative darstellt, zeigt sich bei der Fatah ein konträres Bild, dass vor allem durch Korruption in der Autonomiebehörde, den stockenden Friedensprozess und der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage geprägt ist.

In Zukunft wird die Hamas die Regierung stellen[1] und damit die Leitung über die palästinensische Autonomiebehörde innehaben. Ob es ihr gelingt, die essentiellsten Bedürfnisse der Palästinenser besser zu befriedigen als ihre Amtsvorgänger, kann gegenwärtig noch nicht beurteilt werden. Was jedoch sehr wohl ihren Erfolg als Regierungspartei beeinflussen wird, ist die Entwicklung der Beziehungen zu Israel.

Kann es gerade der Hamas, die sich seit ihrer Gründung 1987 den bewaffneten Kampf gegenüber der israelischen Besatzungsmacht auf die Fahnen heftet, gelingen einen eigenständigen palästinensischen Staat aufzubauen und Frieden mit Israel zu schließen?

Die wesentlichen internationalen Geldgeber USA und EU, deren Unterstützungen ein vollständiges Zusammenbrechen der finanzmaroden palästinensischen Autonomiebehörde verhindern, üben indes bereits gehörigen Druck auf die neue Regierung aus. Sie machen ihre künftigen Zahlungen an die Palästinenser davon abhängig, ob die Hamas die im Gegensatz zu ihren ideologischen Positionen (Hamas-Charta von 1988) stehenden reellen Gegebenheiten anerkennt: 1.) Abschwörung von der Gewalt, 2.) Anerkennung Israels, 3.) Anerkennung der bisherigen Vereinbarungen aus dem Friedensprozess.

Aus welchen Gründen die Hamas den bewaffneten Kampf führt, wie ihre theoretischen Vorstellungen von einem zukünftigen Palästina aussehen und wie diese maximalistischen Positionen mit den reellen Gegebenheiten und ihrer aktuellen Regierungsverantwortung in Einklang gebracht werden können, sind einige der Fragen, mit denen sich die vorliegende Seminararbeit beschäftigt.

Konkreter gefasst, konzentriert sich diese Arbeit auf die Beantwortung der folgenden forschungsleitenden Fragestellungen:

Befindet sich die Hamas auf dem Weg zu einer „normalen“ politischen Partei, welche die Erhaltung von Macht dem bewaffneten Kampf vorzieht und deshalb ideologische Visionen überwindet und einen Frieden mit Israel anstrebt? Welche Anzeichen sprechen zum gegenwärtigen Zeitpunkt für eine solche Entwicklung, dass die Hamas ihre ideologischen Ziele mit den realistischen Zielen in Einklang bringt?

In Anlehnung an diese zentralen Fragestellungen stellt sich der Aufbau der Arbeit folgendermaßen dar:

Das erste, auf die Einleitung folgende Kapitel (II) widmet sich einem überblicksartigen Abriss der Entwicklung der Hamas, von den Anfängen unter der Obhut der Muslimbruderschaft bis zur Regierungsübernahme zu Beginn des Jahres 2006.

Darauf aufbauend betrachtet Kapitel III den theoretisch-ideologischen Rahmen der Hamas, die Charta von 1988, und fokussiert hier im Wesentlichen auf Grundaussagen dieses Dokuments zu den wichtigsten Fragen.

In Kapitel IV werden die zentralen Stärken der Hamas behandelt. Dies erfolgt zur besseren Nachvollziehbarkeit, wie sie es bis zur stärksten palästinensischen Partei bringen konnte.

Im darauf folgenden Abschnitt (Kapitel V) wird näher auf den militanten, gewaltvollen Zweig der Hamas eingegangen, wobei hier der Hauptschwerpunkt auf die Selbstmordattentate gelegt wird.

Während sich Kapitel VI mit der Anpassung der wichtigsten Hamas- Protagonisten an die reellen Erfordernisse beschäftigt, vor allem in Bezug auf die 2-Staaten-Lösung und eines Friedens mit Israel, widmen sich die Abschlussbemerkungen (VII) der Beantwortung der eingangs formulierten Fragestellungen.

Am Ende der Arbeit findet sich dann noch die Bibliographie zur verwendeten Literatur.

Ein besonderer Fokus bei der Literaturrecherche lag einerseits in der Heranziehung von möglichst aktuellen Büchern, Artikeln von politikwissenschaftlichen Fachzeitschriften und Arbeitsblättern von internationalen Think Tanks und Organisationen wie Human Rights Watch

oder der International Crisis Group. Andererseits war es mir zur besseren Nachvollziehbarkeit der Perspektiven und Sichtweisen der Hamas auch ein besonderes Anliegen, Interviewscripts mit Hamas- Führungspersönlichkeiten in die Arbeit einfließen zu lassen.

II ABRISSDER HAMAS - ENTWICKLUNG

Die HAMAS entwickelte sich aus der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft heraus, die trotz eines in ihrem Mutterland weiterhin aufrechten Verbots als eine der einfluchreichsten politisch-islamischen Organisationen in sunnitischen Ländern gilt.

Sowohl die HAMAS als auch der Islamische Djihad sind beide aus Splittergruppen der palästinensischen Bewegung der Muslimbruderschaft hervorgegangen, wobei die einzelnen Entwicklungsstufen der Hamas entsprechend ihrer halboffiziellen Biografie „Wahrheit und Bestehen“ in vier Hauptstadien gegliedert werden können:

1.) 1967-1976: Aufbau der Muslimbruderschaft im Gazastreifen
2.) 1976-1981: geografische Expansion ins Westjordanland, Gründung von eigenen Einrichtungen und der islamischen Universität in Gaza
3.) 1981-1987: Gewinnung politischer Einflussnahme durch Einführung von Handlungsmechanismen und der Vorbereitung auf den bewaffneten Kampf
4.) 1987: Gründung der Hamas als Arm der palästinensischen Muslimbruderschaft.[2]

Als lokale Quelle der Hamas-Inspiration wird der gebürtige Syrer Scheich Izzuldin al-Qassam (1881-1935) bezeichnet, der während der Kolonialzeit nach Palästina kam und nach dem der militärische Arm der Hamas, die Qassam-Brigaden, benannt wurden.

Die Anfänge der Hamas, Ende der 60-er Jahre, haben jedoch wenig mit dem erst später auftretenden politischen und militärischen Kampf gegen die Besatzungsmacht Israel zu tun, als vielmehr mit der wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Arbeit für eine Verbesserung der Lebenssituation in den besetzten Gebieten. Der wohl wichtigste Name im Zusammenhang mit den frühen karikativen und religiösen Tätigkeiten der Hamas ist ihr späterer Mitbegründer und geistiger Führer Scheich Ahmed Yassin.

Die Gründung der Hamas im Jahr 1987, unter anderem durch Yassin, und Abd al-Aziz ar-Rantisi erfolgte gleichzeitig mit dem Beginn des ersten Palästinenseraufstandes (1. Intifada von 1987-1993). Im darauf folgenden Jahr veröffentlichte die Hamas eine Charta, welche ihre ideologischen Positionen und Ziele, unter anderem in Bezug auf die Besatzungsmacht, den angestrebten Endstatus Palästinas und ihrer Beziehung zur PLO, beinhaltet.[3]

Während der 1. Intifada entwickelte sich die Hamas zu einem bedeutenden politischen Akteur, dessen großer Vorteil gegenüber der PLO bzw. Fatah vor allem darin lag, dass sowohl ihre Führer als auch die breite Masse der Unterstützer ausschließlich Palästinenser und diese auch in den besetzten Gebieten Gazas und der Westbank beheimatet waren.[4]

Das vorrangige Ziel der im Jahr 2000 ausgebrochenen 2. Intifada besteht laut Yassin darin, „die Besatzungsmacht hinter die Grenzen von 1967 (Anm.: vor dem 6-Tage-Krieg) zu zwingen.“ Den Palästinenseraufstand sieht er „als eine Art Balance zwischen Besetzern und Besetzten, welche Instabilität, Unsicherheit, ökonomische und soziale Entbehrungen sowohl für Israel als auch für die Palästinenser bringt.“[5]

Sowohl Yassin als auch Rantisi konnten aufgrund einer gezielten Tötungsaktion Israels im Frühjahr 2004 den größten politischen Erfolg ihrer Organisation, den Sieg bei den palästinensischen Parlamentswahlen im Januar 2006 nicht mehr miterleben.

Die Hamas hat sich also von einer vorwiegend im sozial-karikativ angesiedelten Organisation über die bedeutendste Oppositionskraft gegenüber der Fatah zur zentralen politischen Gestaltungskraft im Gazastreifen und Westjordanland entwickelt und stellt fortan das Regierungskabinett der Autonomiebehörde.

Infolgedessen stellt sich auch auf dem Hintergrund der Schwierigkeiten des Umgangs mit der Hamas-Regierung auf internationaler Ebene die Frage, woraus die Hamas ihre Stärke und Strahlkraft bezieht und welche Gründe zu ihrem Aufstieg zur derzeit stärksten politischen Partei in den besetzten Gebieten ausschlaggebend waren.

Im aktuellen Kontext ist auch die Frage angesiedelt, inwieweit die ideologischen Positionen der Hamas (Charta von 1988) mit der aktuellen Situation und Position (Partei in Regierungsverantwortung, Israels unilaterale Maßnahmen wie Gaza-Abzug) noch vereinbar sind, welche Transformationen die zentralen Strategien in der Vergangenheit bereits erfahren haben und wohin der Weg in Zukunft noch gehen wird.

III THEORETISCHER RAHMEN DER HAMAS ( CHARTAVON 1988 )

3.1 Historisches Palästina

In ihrer offiziellen Charta verkündet die Hamas, dass sie die Ausbreitung des Banners Allahs über jeden Zoll Palästinas anstrebt.[6] Ihr erklärtes Ziel besteht also darin, in ganz Palästina, also auch auf dem israelischen Staatsgebiet, „Daulat al-Islam“, den islamischen Staat zu verkünden. Das historische Palästina wird in weiterer Folge als ein unveräußerliches islamisches „Waqf“ (religiöses Eigentum) für alle Generationen der Muslime bis zum jüngsten Tag betrachtet. Artikel 11 der Charta besagt überdies, dass niemand das Recht hat, einen Verzicht hierauf zu leisten oder nur einen Teil davon zu veräußern.[7]

Die Hamas geht in ihrer ideologischen Schrift klar davon aus, dass ein künftiger palästinensischer Staat eine islamische Natur aufweisen muss. Denn bei einem Nichtvorhandensein des Islams würden Konflikte entstehen, Unterdrückung regieren, Korruption wuchern und Kämpfe bzw. Kriege vorherrschen.[8]

3.2. Nationalismus und Jihad

Den Nationalismus betrachtet die Hamas als Teil des religiösen Glaubens. Nichts ist im Nationalismus erhabener als den Jihad gegen den Feind zu führen und ihm gegenüberzustehen, wenn er einen Fuß au das Land der Muslime setzt. Den Jihad sieht die Hamas als bindende Pflicht, die für jeden Muslimen gilt.[9]

3.3 Internationale Friedensbemühungen

Internationale Friedenskonferenzen und Bemühungen um die Lösung des Palästina-Problems werden in der Hamas-Charta als sinnlose Zeitverschwendung angesehen. Denn eine internationale Lösung würde eine Aufgabe eines Teils des historischen Palästinas nach sich ziehen und damit dem Glauben der Hamas zuwiderlaufen. Ferner glaubt die Hamas nicht daran, dass diese Konferenzen dazu in der Lage sind, auf die Erfordernisse zu reagieren, Rechte wiederherzustellen oder den Unterdrückten Gerechtigkeit zuzuführen.

[...]


[1] Anm.: erster Hamas-Ministerpräsident ist Ismail Haniyeh, ein als gemäßigt geltender Vertreter der Bewegung.

[2] Vgl.: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, http://de.wikipedia.org/wiki/Hamas, 24.04.06.

[3] Tibi, Bassam (1997): Pulverfass Nahost. Stuttgart: DVA, S.204.

[4] International Crisis Group (2004): Dealing with Hamas. ICG Middle East Report No. 21, Brussels, 26.01.2004, 48 S.

[5] Hass, Amira: Balance of pain (2004): Interview with Sheikh Yassin. In: Ha’aretz, 02. April 2004. abgerufen von: www.fromoccupiedpalestine.org, 31.03.06.

[6] ALEXANDER, YONAH (2002): Palestinian Religious Terrorism: Hamas and Islamic Jihad. Ardsley: Transnational Publishers, S.50.

[7] Tibi, Bassam (1997): Pulverfass Nahost. Stuttgart: DVA, S.204.

[8] ALEXANDER, YONAH (2002): Palestinian Religious Terrorism: Hamas and Islamic Jihad. Ardsley: Transnational Publishers, S.50.

[9] Ebenda, S.53.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
HAMAS. Eine terroristische Organisation auf dem Weg zu einer „normalen“ politischen Kraft?
Hochschule
Universität Salzburg  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Politik, Religion und Gewalt – Theoretische Ansätze zum Problem Fundamentalismus und Terrorismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
31
Katalognummer
V114623
ISBN (eBook)
9783640162062
ISBN (Buch)
9783640163915
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
HAMAS, Politik, Religion, Gewalt, Theoretische, Ansätze, Problem, Fundamentalismus, Terrorismus
Arbeit zitieren
Mag Stefan Fersterer (Autor), 2006, HAMAS. Eine terroristische Organisation auf dem Weg zu einer „normalen“ politischen Kraft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114623

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