Ich werde in der vorliegenden Arbeit untersuchen, welche Probleme sich für Laudine als Herrscherin ergeben, warum sie so schnell die Ehe mit Iwein eingeht und wie sich ihre Eheabsicht und -motivation grundsätzlich von der Iweins unterscheidet, um sie als Person und damit ihr Handeln wenn auch nicht unproblematischer, so doch transparenter zu machen.
Der "Iwein", Hartmanns zweiter Artusroman, ist vielfach überliefert, 15 vollständige Handschriften und 17 Fragmente beweisen seine Beliebtheit vom Anfang des 13. bis weit in das 16. Jahrhundert hinein.
Viele wissenschaftliche Arbeiten beschäftigen sich mit dem Epos, das wie Hartmanns Erstlingswerk auf alten französischen Sagenstoff zurückgreift, der von Crétien de Troyes schriftlich fixiert wurde.
Bereits der Titel des Epos’ verweist auf einen Mann, auch wenn Hartmann diesen nicht selbst gegeben hat, gibt er doch einen Hinweis auf das Rezeptionsverhalten: Viele Werke der Sekundärliteratur beschäftigen sich mit der Person des Iwein, vergleichen ihn mit dem Löwenritter Crétiens oder untersuchen Hartmanns Ritterideal.
Das Thema unseres Proseminars sind jedoch die „Frauengestalten im Mittelalter“, so möchte ich mich einer anderen Figur des Epos zuwenden, die in der Forschungsliteratur oft nur stiefmütterlich behandelt und negativ bewertet wird. Die Rede ist von der Frau, die den Mörder ihres Gatten heiratet: Laudine.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2.
2.1. Die trauernde Witwe – Herrscherin
2.2. Die Motivation zur Ehe
3.
3.1. Geselle – Herre
3.2. Das Turnier
4.
4.1. Die Jahresfrist
4.2. Der Eid
4.3. Die Schuld
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Figur der Laudine in Hartmann von Aues Epos "Iwein". Ziel ist es, die problematische Rolle Laudines als Herrscherin sowie ihre Motivation für die schnelle Heirat mit dem Mörder ihres Gatten kritisch zu hinterfragen und ihr Handeln im Kontext des mittelalterlichen Rollen- und Rechtsverständnisses transparent zu machen.
- Analyse der Laudine als trauernde Witwe und rationale Herrscherin.
- Untersuchung der politischen Motivation für die Ehe mit Iwein.
- Gegenüberstellung von höfischer Minne und herrschaftlichen Pflichten.
- Betrachtung der Rechtsargumentation und des Eid-Verständnisses im Mittelalter.
- Deutung der Entwicklung Laudines und Iweins im Kontext des Epos.
Auszug aus dem Buch
2.2. Die Motivation zur Ehe
Mit Laudine beschreibt Hartmann die Problematik einer adligen Frau, die zwischen Mariage de convenience und Mariage d’inclination nicht wählen kann, sondern so handelt, wie es ihr die Situation vorschreibt.
Die Königin hat ihren zukünftigen Gatten noch nie gesehen, „Im Augenblick kann für Laudine von persönlicher Liebe noch keine Rede sein.“ 6, trotzdem erklärt sie sich – mangels Alternative – schnell mit der politischen Heirat einverstanden, nachdem sie sich vergewissert hat, dass der Mann alle Kriterien für eine gute Partie erfüllt: „hât er die geburt unde tugent / unde dâ zuo die jugent, / daz er mir ze herre zimt“ (V. 2089 ff). Sobald sie erfährt, dass es sich bei dem Mann um Iwein, den großen Ritter handelt, von dem sie schon viel Gutes gehört hat, kann sie es gar nicht abwarten ihn zu sehen.
Als Iwein seiner Königin zum ersten Mal gegenübersteht, wirft er sich ihr sogleich zu Füßen und bekennt seine Schuld und Reue, Laudine ist klar die handlungstreibende Kraft von der die Aktivität ausgeht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Der Iwein von Hartmann von Aue wird in den historischen Kontext seiner Überlieferung gestellt, wobei das Hauptaugenmerk der Arbeit auf der Figur der Laudine liegt.
2.: Dieses Kapitel analysiert Laudines Ausgangssituation als trauernde Witwe und ihre rationale Entscheidung für eine politisch motivierte Ehe zur Sicherung ihres Landes.
3.: Hier wird der Konflikt zwischen der privaten Beziehung (Geselle) und der gesellschaftlichen Rolle als Herrscher (Herre) sowie der Einfluss des Turniers auf diese Verbindung behandelt.
4.: Der Fokus liegt auf der rechtlichen Bindung durch die Jahresfrist, dem Eid und der daraus resultierenden Schuld, die zum Scheitern der Ehe und zum Ausbruch Iweins führt.
5. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Laudines Handeln eine notwendige Konsequenz ihrer politischen Verantwortung ist und sie sich als eine auf männliche Hilfe angewiesene, aber eigenständige Herrscherin präsentiert.
Schlüsselwörter
Laudine, Iwein, Hartmann von Aue, Mittelalter, Artusroman, Herrscherin, Minne, Ehe, Recht, Triuwe, Politik, Witwe, Literaturwissenschaft, Konflikt, Ritterideal.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Figur der Laudine in Hartmann von Aues Epos "Iwein" unter besonderer Berücksichtigung ihrer Rolle als Herrscherin und der Motivation hinter ihrem Handeln.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das mittelalterliche Ehe- und Rechtsverständnis, das Spannungsfeld zwischen politischer Verantwortung und persönlicher Neigung (Minne) sowie das herrschaftliche Rollenbild.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die oft negativ bewertete Figur der Laudine zu rehabilitieren, indem ihr Handeln als rationale Reaktion auf politische Zwänge und gesellschaftliche Erfordernisse dargestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung von Sekundärliteratur auf Basis rechtshistorischer und gesellschaftlicher Kontexte interpretiert.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Witwenstand Laudines, ihrer Eheschließung als politisches Kalkül, dem Konflikt zwischen Iweins Turnierpflichten und ihrer Rolle als Herrscherin sowie der Bedeutung von Eid und Schuld.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Laudine, Iwein, politische Zweckheirat, Minne, rechtliche Bindung, Jahresfrist und Herrschaftspflicht.
Warum heiratet Laudine den Mörder ihres Gatten?
Die Ehe ist eine rein politische Notwendigkeit, da Laudine als Frau nicht in der Lage ist, ihre Herrschaft und ihr Land ohne einen waffenfähigen Verteidiger vor äußeren Angriffen zu schützen.
Wie unterscheidet sich die Motivation von Laudine und Iwein?
Während Laudine primär rational und pflichtbewusst handelt, um ihre politische Existenz zu sichern, wird Iwein von der Minne angetrieben und erkennt die rechtliche und politische Tragweite seiner Verpflichtungen zunächst nicht.
Welche Rolle spielt die Figur der Lunete?
Lunete agiert als rationale Ratgeberin, die Laudine auf die Notwendigkeit der Ehe aufmerksam macht, später jedoch als „Racheengel“ die Konsequenzen von Iweins Wortbruch einfordert.
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- Lena Otter (Author), 2005, Laudine als "gesellin unde herrin". Eine Frau im Konflikt zwischen "minne" und "êre", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114764