Die Visiotype in der Linguistik am Beispiel der sprechenden Ohrfeige


Studienarbeit, 2004

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2.1. Die sprechende Ohrfeige
2.2. und ihr Nachhall

3.1. Was ist Visiotype?
3.2. Sprachliche und visuelle Zeichen
3.3. Die Ohrfeige als Schlagbild

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Eine junge Frau unterbricht die Sitzung des CDU-Parteitages, ohrfeigt den Bundeskanzler und schreit: „Nazi“.

Die junge Frau ist Beate Klarsfeld, der Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und die Auseinandersetzung hat vor über 35 Jahren stattgefunden.

Was hat das mit uns zu tun?

Vor allem: Was hat das mit dem Linguistik Proseminar „Sprache in politischen Konflikten“ zu tun??

Der Konflikt ist zwar eindeutig, politisch ist er auch, wo aber ist die Sprache???

Auch wenn nicht viele Worte gewechselt werden: Die Ohrfeige ist ein klares, sprechendes Statement und bildet ein sehr interessantes Beispiel für die, - in der Literatur vor allem von Uwe Pöksen behandelte - Visiotype.

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit möchte ich die Hintergründe der sprechenden Ohrfeige von 1968 sowie die Reaktionen darauf beleuchten.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Phänomen der Visiotype und dessen Verwendbarkeit in politischen Konfliktsituationen.

2.1. Die sprechende Ohrfeige

„Die Ohrfeige war eine Eskalation, denn ich hatte mehrere Male versucht, die Öffentlichkeit auf seine [Kiesingers] Vergangenheit hinzuweisen.“[1]

Schon vor der sprechenden Ohrfeige veröffentlicht Beate Klarsfeld in der französischen Zeitung Combat verschiedene Artikel, in denen sie versucht, Kiesingers Rolle als führendes Mitglied der Propaganda Abteilung des Auswärtigen Amtes im 3. Reich publik zu machen.

Auf Grund dessen wird sie 1967 fristlos entlassen und beschließt gemeinsam mit ihrem Mann Serge eine neue, öffentliche Form der Kritik:

„Es war der Wendepunkt in meinem Leben. Wir entschlossen uns zu kämpfen und dieser Kampf sollte allem voran stehen.“[2]

Beate Klarsfeld und ihr Mann beginnen die Originale des Propagandaministeriums auszuwerten und stellen auf eigene Kosten Dossiers zusammen, doch dadurch erreichen sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung und nicht wie gehofft die breite Masse.

Am 2. April 1968 unternimmt Beate Klarsfeld einen ersten Versuch, sich aktiv ins politische Geschehen der Bundesrepublik einzumischen und öffentlich die nationalsozialistische Vergangenheit Kiesingers zu kritisieren und die Bevölkerung wachzurütteln.

Sie verschafft sich Zutritt zur Zuschauertribüne des Deutschen Bundestages und ruft von dort laut „Nazi Kiesinger, abtreten!“

„Ich hatte entschieden, den deutschen Kanzler dann mit einem Zwischenruf zu stören, wenn er das gesamte Parlament in der Vollversammlung ansprach.“[3]

Durch die Diskussion des „Falles Klarsfeld“ in den Medien setzt sich die Öffentlichkeit zwar mit ihrer Person auseinander,

„Einen nicht alltäglichen Zwischenfall provozierte in der gestrigen Haushaltsdebatte die 29jährige Beate Klarsfeld.“[4]

doch zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kommt es noch immer nicht.

Die Folge ist eine weitere Radikalisierung: Wenn die Resonanz auf ihre Recherchen so gering war, mussten die Mittel deutlicher werden.

„Wir hatten viel nachgedacht mein Mann und ich, was symbolisch sein könnte und was vor allen Dingen auch die Öffentlichkeit auf die Nazivergangenheit Kiesingers aufmerksam machen würde.“[5]

Am 7. November 1968 verschafft sich Beate Klarsfeld mit einem falschen französischen Presseausweis Zutritt zum CDU-Parteitag in der Berliner Kongresshalle. Sie nähert sich dem Kanzler und mit dem Ruf „Nazi, Nazi“ schlägt sie Kiesinger mit dem Handrücken ins Gesicht.

Kiesinger ist überrumpelt, Sicherheitsbeamte reißen die „Angreiferin“ zurück und lassen sie abführen. Der Kanzler, dem die junge Frau dank der Auseinandersetzung ein halbes Jahr zuvor und ihren kritischen Artikeln im Combat bereits bekannt ist, fragt „War das die Klarsfeld?“[6]

In der Vernehmung, die der Berlin-Beauftragte Ernst Lemmer im Nebenraum durchführt, bestärkt Beate Klarsfeld ihre Anschauung:

„Ich bleibe bei meiner Auffassung, daß an der Spitze des Staates kein ehemaliger organisierter Parteigenosse stehen darf. Ich werde ihn verfolgen, wo immer ich ihn verfolgen kann.“[7]

[...]


[1] CD: Frauenstimmen 1908-1997

[2] Klarsfeld (1972) S. 23.

[3] Klarsfeld (1972), S. 43.

[4] Bonner Generalanzeiger 3.4.1968.

[5] CD: Frauenstimmen 1908-1997

[6] Der Spiegel, 25.11.1968, S.7 f.

[7] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Visiotype in der Linguistik am Beispiel der sprechenden Ohrfeige
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
PS III Sprache in politischen Konflikten
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V114765
ISBN (eBook)
9783640162178
ISBN (Buch)
9783640163984
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Visiotype, Sprache, Konflikten
Arbeit zitieren
Lena Otter (Autor), 2004, Die Visiotype in der Linguistik am Beispiel der sprechenden Ohrfeige, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114765

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