Eine junge Frau unterbricht die Sitzung des CDU-Parteitages, ohrfeigt den Bundeskanzler und schreit: „Nazi“. Die junge Frau ist Beate Klarsfeld, der Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und die Auseinandersetzung hat vor über 35 Jahren stattgefunden. Was hat das mit uns zu tun? Vor allem: Was hat das mit dem Linguistik Proseminar „Sprache in politischen Konflikten“ zu tun?? Der Konflikt ist zwar eindeutig, politisch ist er auch, wo aber ist die Sprache???
Auch wenn nicht viele Worte gewechselt werden: Die Ohrfeige ist ein klares, sprechendes Statement und bildet ein sehr interessantes Beispiel für die, - in der Literatur vor allem von Uwe Pöksen behandelte - Visiotype. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit möchte ich die Hintergründe der sprechenden Ohrfeige
von 1968 sowie die Reaktionen darauf beleuchten. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Phänomen der Visiotype und dessen Verwendbarkeit in politischen Konfliktsituationen.
Gliederung
1. Einführung
2.1. Die sprechende Ohrfeige…
2.2. …und ihr Nachhall
3.1. Was ist Visiotype?
3.2. Sprachliche und visuelle Zeichen
3.3. Die Ohrfeige als Schlagbild
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die symbolische Wirkung von politisch motivierten Handlungen als visuelle Kommunikation, exemplarisch dargestellt an der Ohrfeige von Beate Klarsfeld gegen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger im Jahr 1968. Ziel ist es zu untersuchen, inwiefern diese Aktion als „Visiotype“ – ein Begriff von Uwe Pörksen für zu Bildern geronnene Begriffe – fungiert und wie solche „Schlagbilder“ in politischen Konfliktsituationen zur Meinungsbeeinflussung eingesetzt werden.
- Analyse des politischen Protests von Beate Klarsfeld im Jahr 1968.
- Untersuchung der gesellschaftlichen Reaktionen auf die Ohrfeige.
- Einführung und theoretische Einordnung des Begriffs „Visiotype“.
- Kontrastierung von sprachlichen Zeichen und visuellen Zeichen.
- Die Ohrfeige als historisches und politisches „Schlagbild“.
Auszug aus dem Buch
3.1. Was ist Visiotype?
In den letzten Jahren hat sich die deutsche Zeitungslandschaft stark verändert: Der Text als sprachliches Zeichen wird zusehends reduziert, gerade auf jugendliche Leser wirken dicht beschriebene Zeitungsseiten oft geradezu abschreckend. Der Trend geht zu Karten, Kurven, Karikaturen, Photografien, Piktogrammen, Tabellen und Schaubildern, die immer mehr immer mehr die Aufgaben der Sprache übernehmen, sie ersetzen oder ergänzen.
Sie sollen der Veranschaulichung dienen und sind aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken – komplizierte und komplexe wissenschaftliche Artikel werden so für den Laien lesbar, die Zahlen wirken übersichtlich und sind mit einem Blick zu erfassen.
„Wir sind eine Gesellschaft, die visuell agiert“ 13
Uwe Pörksen bezeichnet dieses Phänomen, die zu Bildern geronnenen Begriffe als Visiotype: Zahlen, Statistiken, Bilder scheinen unwiderlegbar, sie veranschaulichen, machen Dinge übersichtlicher, prägen sich einfach ins Gedächtnis ein.
Doch diese Vereinfachung hat einen ambivalenten Charakter, denn eine Tatsache auf einen bestimmten Punkt zu reduzieren hat auch zur Folge, dass andere Punkte aus der Betrachtung ausgeschlossen werden. So kommt es zu einer Begrenzung des Blickfeldes. Mein Sozialkunde Lehrer pflegte zu sagen, dass es nur zwei Arten der Lüge gebe: Die Lüge und die Statistik. Uwe Pörksen formuliert es so: „Die sinnliche Objektivierung erweckt unsinnigerweise den Schein größerer Objektivität.“ 14
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung stellt den Fall der Ohrfeige von Beate Klarsfeld gegen Kurt Georg Kiesinger vor und leitet zur Untersuchung von politischer Kommunikation und Visiotypen über.
2.1. Die sprechende Ohrfeige…: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Hintergrund und die Motive hinter Beate Klarsfelds Protest gegen die NS-Vergangenheit des Bundeskanzlers.
2.2. …und ihr Nachhall: Hier werden die kontroversen öffentlichen Reaktionen, medialen Darstellungen und die intellektuelle Debatte im Anschluss an den Vorfall analysiert.
3.1. Was ist Visiotype?: Dieser Abschnitt definiert den Begriff Visiotype nach Uwe Pörksen und diskutiert die ambivalente Wirkung visueller Medien in der modernen Gesellschaft.
3.2. Sprachliche und visuelle Zeichen: Es erfolgt ein Vergleich zwischen sprachlichen Zeichen, die als beliebig gelten, und visuellen Zeichen, die durch Konventionen und Traditionen eine stärkere, oft manipulativ wirkende Bedeutung entfalten.
3.3. Die Ohrfeige als Schlagbild: Das Kapitel untersucht die historische Bedeutung der Ohrfeige als Erniedrigungssymbol und analysiert, warum die Tat von Beate Klarsfeld als provokatives politisches Schlagbild wahrgenommen wurde.
4. Fazit: Die abschließenden Überlegungen bewerten den Erfolg der Aktion Klarsfelds und halten fest, dass das Bild der Ohrfeige trotz des Ausbleibens der beabsichtigten inhaltlichen Auseinandersetzung nachhaltig im kollektiven Gedächtnis blieb.
Schlüsselwörter
Visiotype, Beate Klarsfeld, Kurt Georg Kiesinger, Politische Konflikte, Schlagbild, Visuelle Kommunikation, Sprachkritik, Symbolische Geste, Medienwirkung, NS-Vergangenheit, Protest, Zeichenlehre, Massenmedien, Ikonogramm, Politische Kultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die symbolische und kommunikative Kraft von politischem Protest, indem sie den Fall der Ohrfeige Beate Klarsfelds gegen den Bundeskanzler Kiesinger als zentrales Fallbeispiel für ein „Schlagbild“ nutzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle zwischen Politik und Sprache, der Theorie der Visiotype nach Uwe Pörksen, der Medienberichterstattung der 1960er Jahre sowie der semiotischen Unterscheidung zwischen sprachlichen und visuellen Zeichen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu ergründen, wie ein bildhaftes, außersprachliches Ereignis – wie die Ohrfeige – als politisches Instrument eingesetzt wird und welche Rolle dabei die visuelle Wahrnehmung gegenüber der inhaltlichen Auseinandersetzung spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet eine linguistisch fundierte medienanalytische Methode, die durch die theoretische Rahmung der Visiotype und semiotische Ansätze (u.a. nach Saussure) gestützt wird, um sowohl die historische Tat als auch ihre mediale Rezeption zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Ereignisse um 1968, eine theoretische Definition der Visiotype und eine medienwissenschaftliche Untersuchung der Ohrfeige als visuellem Zeichen, das Autoritäten herausfordert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Visiotype, Schlagbild, politische Kommunikation, symbolischer Protest und mediale Inszenierung charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich die Ohrfeige Klarsfelds von einer „normalen“ Ohrfeige?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass der „Autoritätenkonflikt“ entscheidend ist: Während eine Ohrfeige gegenüber Untergebenen traditionell als Züchtigungsmittel innerhalb von Machtstrukturen akzeptiert war, stellte der Akt einer Frau gegen den höchsten Repräsentanten des Staates eine tabubrechende Provokation dar.
Warum konnte das Ziel einer inhaltlichen Debatte laut Autorin nicht erreicht werden?
Obwohl das Bild der Ohrfeige eine starke visuelle Wirkung erzielte, führte dies nicht zu der von Klarsfeld angestrebten inhaltlichen Auseinandersetzung mit Kiesingers NS-Vergangenheit, da die mediale Debatte sich stattdessen auf die Person Klarsfeld und die Form ihres Protests konzentrierte.
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- Lena Otter (Author), 2004, Die Visiotype in der Linguistik am Beispiel der sprechenden Ohrfeige, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114765