Rolle und Aufgabe des qualitativen Interviewers


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1.) Einleitung

2.) Zentrale Begriffe dieser Arbeit

3.) Rolle des Interviewers

4.) Aufgaben des Interviewers
4.1.) Interviewmethodenübergreifende Aufgaben des Interviewers
4.1.1.) Interviewvorbereitende Aufgaben
4.1.2.) Aufgaben bei der Durchführung des Interviews
4.1.3.) Interviewnachbereitende Aufgaben
4.2.) Interviewmethodebezogene Aufgaben des Interviewers
4.2.1.) Aufgaben des Interviewers bei narrativen Interviews
4.2.2.) Aufgaben des Interviewers bei problemzentrierten Interviews
4.2.3.) Aufgaben des Interviewers bei fokussierten Interviews

5.) Zusammenfassung und Fazit

6.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Qualitativen Interviews kommt im Feld der qualitativen Sozialforschung eine stetig steigende Bedeutung zu. Im Gegensatz zu Beobachtungen, deren Realisation heutzutage aufgrund von Akzeptanzproblemen immer schwieriger wird, ist es Lamnek zufolge immer leichter, Personen zu einem Interview zu bewegen (vgl. Lamnek 2005, S. 329 / Maindok 2003, S. 17). Im Gegensatz zu quantitativen Befragungen, bei denen sich der Interviewer explizit an den im strukturierten Fragebogen stehenden Fragen und Antwortmöglichkeiten orientiert, werden an die Fähigkeiten von Interviewern im qualitativen Interview weitergehende Anforderungen gestellt. Aufgrund der Tatsache, dass qualitative Interviewer im Verlauf des Interviews ein hohes Maß an situativer Entscheidungskompetenz haben, können sich die sich daraus ergebenden Entscheidungen förderlich oder hemmend auf die Interviewergebnisse auswirken (vgl. Maindok 2003, S. 17 ff). In diesem Zusammenhang setzt sich die vorliegende Arbeit mit der Rolle und den Aufgaben des qualitativen Interviewers[1] auseinander, um deren Komplexität aufzuzeigen. Die zugrunde liegende Literaturanalyse wurde aufgrund der Aufgabenstellung im Rahmen einer Hausarbeit ausschließlich im Bereich der deutschsprachigen Literatur durchgeführt.

Dieser Einleitung folgend werden zunächst die grundlegenden Begriffe, die der Arbeit zugrunde liegen eingegrenzt. In einem weiteren Schritt setzt sich die Arbeit dann mit den allgemeinen Aufgaben und der Rolle des qualitativen Interviewers auseinander. Danach wird auf die Aufgaben des Interviewers bei speziellen Interviewformen eingegangen. Im Fazit werden die wesentlichen Aspekte und mögliche offen gebliebene Fragen noch einmal zusammengefasst.

2.) Zentrale Begriffe dieser Arbeit

Um eine adäquate Auseinandersetzung mit der gegebenen Fragestellung zu gewährleisten, werden zunächst die einzelnen Begrifflichkeiten (Aufgabe, Rolle und qualitatives Interview) der Ausgangsfragestellung definiert und dadurch entsprechend operationalisiert. Diese Definitionen sind im Folgenden Grundlage für die Literatursuche und -analyse.

Aus der von Lamnek durchgeführten Charakterisierung (vgl. Lamnek 2005, S. 346) des qualitativen Interviews kann die nachstehende Charakteristik abgeleitet werden.

Beim qualitativen Interview handelt es sich um eine mündlich-persönlich durchgeführte nicht-standardisierte Befragung bei der ausschließlich offene Fragen gestellt werden und die als Einzelbefragung durchgeführt wird. Der Interviewstil ist weich bis neutral und es handelt sich im Hinblick auf die Interviewintention um ermittelnde und vermittelnde Interviews (vgl. Lamnek 2005, S. ebd.).

Bortz/Döring postulieren "Qualitative Befragungen arbeiten mit offenen Fragen, lassen den Befragten viel Spielraum beim Antworten und berücksichtigen die Interaktion zwischen Befragten und Interviewer sowie die Eindrücke und Deutungen des Interviewers als Informationsquelle" (Bortz/Döring 2006, S. 309).

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das qualitative Interview eine persönlich/individuell durchgeführte Befragung mit offenen Fragen und Antwortmöglichkeiten darstellt. Neben den Antworten werden auch die Interaktion zwischen Interviewer und Interviewten und die Eindrücke und Deutungen des Interviewers als Informationsqualle genutzt.

Die Ausgangsfragestellung impliziert, dass es sich bei der Frage nach der Rolle nicht um einen materiellen Gegenstand, sondern um das Phänomen der sozialen Rolle handelt. Grundlage der unten stehenden Definitionen ist daher ein soziologisch geprägter Rollenbegriff.

Dahrendorf definiert soziale Rollen als "Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen. Soziale Rollen sind danach vom Einzelnen prinzipiell unabhängige Komplexe von Verhaltensvorschriften. Die in den Rollen gebündelten Verhaltenserwartungen begegnen dabei dem einzelnen mit einer gewissen Verbindlichkeit des Anspruchs, so dass er sich ihnen nicht ohne Konsequenzen einfach entziehen kann" (Dahrendorf/König 1977, S. 35).

In der Definition von Lenzen wird der Rollenbegriff insofern erweitert, als er sich nicht nur auf die Erwartungen sondern auch auf die Eigenschaften des Inhabers einer Position bezieht (Lenzen/Rost 1993, S. 1314).

Schlüter bezieht in ihre Definition zusätzlich die interaktiven Aspekte ein, die letztlich in der Interviewsituation eine herausragende Funktion einnehmen. Demnach definiert sie die soziale Rolle "als Bündel normativer Erwartungen, die sich an das Verhalten von Positionsinhabern in Interaktionssituationen richten. Soziale Rollen sind somit an gesellschaftliche Positionen geknüpft, wobei jede gesellschaftliche Position wiederum in Beziehung zu mehreren Bezugsgruppen steht" (Schlüter 1992, S. 11).

Diese Bezugsgruppen können dabei durchaus unterschiedliche Erwartungen an den Rolleninhaber haben.

Wiswede definiert mit dem Inter-Rollenkonflikt, dem Intra-Rollenkonflikt und dem Person-Rolle-Konflikt mehrere Arten von Rollenkonflikten. Von besonderer Bedeutung für die Interviewsituation ist hierbei der Intra-Rollenkonflikt. Dieser wird von Wiswede als vorliegend beschrieben, "wenn innerhalb der gleichen Rollenerwartungen unterschiedliche Rollensender bestehen (Intersenderkonflikt) oder wenn ein Erwartungsheger sich unklar ausdrückt bzw. Widersprüchliches verlangt (Intra-Sender-Konflikt)" (Wiswede 1991, S. 191 f). So können etwa die Erwartungen des Forschers, der möglichst weitgehende Informationen im Rahmen der Interviewsituation generieren möchte, von der Erwartung des Interviewten, der im Rahmen von Selbstschutzmechanismen, insbesondere bei stark belastenden Themen, seine persönliche Integrität zu schützen versucht, stark voneinander abweichen.

Fasst man die oben stehenden Definitionsansätze zusammen, so ist die soziale Rolle gekennzeichnet durch ein Bündel von (Verhaltens-)Erwartungen, das sich in Interaktionssituationen an den entsprechenden Rolleninhaber richtet. Die Tatsache, dass jeweils unterschiedliche Erwartungen an eine Rolle gestellt werden, und dass die Nichterfüllung dieser Erwartungen an gewisse Konsequenzen gekoppelt ist, führt zu Rollenkonflikten.

Zur Einordnung des Aufgabenbegriffs wird u.a. die Definition von Hoffmann herangezogen: "Unter einer Aufgabe wird in der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre ein zu erfüllendes Handlungsziel, eine durch physische oder geistige Aktivitäten zu verwirklichende Soll-Leistung verstanden" (Hoffmann 1980, S. 200). Die DIN ISO 6385 spricht "von einer aus dem Arbeitszweck abgeleiteten Aufforderung an die Arbeitsperson(en), eine Arbeit unter gegebenen Bedingungen nach einem vorgegebenen Verfahren auszuführen und ein bestimmtes Ergebnis anzustreben". In der nachfolgenden Auseinandersetzung mit dem Aufgabenbegriff des Interviewers wird unter einer Aufgabe das Erreichen eines definierten Handlungsziels durch geistige bzw. physische Aktivität nach einem vorgegebenen Verfahren verstanden.

Vergleicht man die oben stehenden Definitionen von Rolle und Aufgabe, so kann die Rolle von der Aufgabe insofern differenziert werden, als es sich bei der Rolle um Komplexe von Verhaltenserwartungen handelt, während sich die Aufgabe auf die Erfüllung eines definierten Handlungsziels nach einem vorgegebenen Verfahren bezieht. Auf dieser Grundlage werden die in dieser Arbeit aufgeführten Rollen- bzw. Aufgabenaspekte voneinander unterschieden.

3.) Rolle des Interviewers

In diesem Abschnitt soll zunächst die Rolle, in der sich der Interviewer befindet, thematisiert werden.

Lamnek geht von einer Asymmetrie der Frage-Antwortbeziehung in der Situation des Interviews aus. Er warnt davor, „offene qualitative Interviews im Wesentlichen als symmetrisch aufgebaut zu begreifen. Vielmehr wird auch bei qualitativen Befragungen der zu befragende Gesprächspartner dominant in der Rolle des Antwortenden sein, während der Interviewer vornehmlich die Rolle des Fragenden übernehmen wird."(Lamnek 2005, S. 335). In derart asymmetrischen Kommunikationssituationen ist der Interviewer eher passiv und der Befragte eher aktiv. Dies stehe im Gegensatz zur Alltagskommunikation (vgl. Lamnek 2005, S. 334 f).

Die Ausprägung dieser Asymmetrie ist jedoch abhängig von der Interviewmethode und vom Stadium des entsprechenden Interviews. So geht Hopf davon aus, dass der Interviewer je nach Interviewart zum Erzählen auffordert und die Rolle des aktiven Zuhörens (also eher eine passive Rolle) übernimmt oder (im Sinne einer eher aktiveren Rolle) aktives Fragen und Nachfragen, vorsichtiges Argumentieren und das Aufbauen möglicher Gegenpositionen (vgl. Hopf 2005, S. 352) einsetzt.

Die Asymmetrie bezieht sich dabei nicht nur auf die Frage-Antwort-Beziehung, sondern auch auf die jeweilige Sichtweise, in der sich Interviewer und Befragte unterscheiden. Weidner (vgl. Weidner 2004, S. 163) bezieht sich hier auf Scheuch (Scheuch 1973, S. 70), der davon ausgeht, dass sich der Befragte von innen nach außen darstellt, während der Interviewer immer nur von außen nach innen blickt.

Bortz/Döring schreiben dem Interviewer eine aktive Rolle zu. Demnach hat der Interviewer "in einem qualitativen Interview nicht die Rolle des distanzierten »Befragers«, sondern eher die eines engagierten, wohlwollenden und emotional beteiligten Gesprächspartners, der flexibel auf den Befragten eingeht und dabei seine eigene Reaktion genau reflektiert" (Bortz/Döring 2006, S. 308 f).

Über die oben genannten Aspekte hinaus wird der Interviewer in qualitativen Interviews selbst zum Informationslieferanten denn, "Während bei standardisierten Befragungen die Person des Interviewers ganz zurücktritt, ist der Interviewer in qualitativen Befragungen selbst ein „Erhebungsinstrument“, d.h., seine Gedanken, Gefühle und Reaktionen auf den Befragten werden sorgfältig notiert und können in den Analysen berücksichtigt werden" (Bortz/Döring 2006, S. 309).

Auch die Form des Interviews hat eine Auswirkung auf die Rolle, die der Interviewer dort einnimmt. So unterscheidet Lamnek zwischen einem weichen, einem harten und einem neutralen Interviewstil. Beim weichen Interviewstil übernimmt der Interviewer die Rolle eines sympathisierend Verständigen, der eine passive Rolle einnehmen soll. Beim harten Interview ist der Interviewer autoritär, verhörend. "Die Rolle des neutralen Interviewers besteht im unpersönlich, sachlichen und distanzwahrenden Auftreten des Interviewers" (Lamnek 2005, S. 343 f). Lamnek spricht sich in diesem Zusammenhang für die Einhaltung eines weichen bis neutralen Interviewstils bei qualitativen Interviews aus (vgl. Lamnek 2005, S. 344).

Mayer formuliert einige Aspekte, welche sie als ideale Rolle des Interviewers benennt. Danach soll der Interviewer eine Position einnehmen, die zwischen der eines Fachmannes und der eines naiven Lernbegierigen liegt. Der Interviewer soll außerhalb der Machthierarchie oder des Bekanntenkreises stehen, da ansonsten die Gefahr des Rollenkonflikts besteht bzw. der Zurückhaltung bei dem Interviewten.

Weiterhin muss der Interviewer mit zunehmender Komplexität des Interviewthemas auch mehr über dieses Thema wissen (vgl. Mayer 2002, S. 128 f).

Mayer fordert weiterhin, dass der Interviewer einen seriösen Eindruck vermitteln soll. In letzter Konsequenz verkörpere er auch die Seriosität von Forschung. Er soll in jeder Phase des Interviews vermitteln, dass er das Interview ernst nimmt und ein echtes Interesse an den Antworten des Befragten zeigen. Wichtig sei es, dem Befragten das Gefühl zu vermitteln, dass dieser wichtig für die Forschungsarbeit ist. Letztendlich solle der Interviewer eine Haltung des freundlichen Gewährenlassens einnehmen (vgl. Mayer 2002, S. 129 ff).

"Damit stellt diese Art der Befragung Anforderungen an den Interviewer, die ansonsten nur dem Forscher obliegen" (Schnell et al. 1995, S. 353).

[...]


[1] Im Folgenden wird aus Gründen der Vereinfachung immer die männliche Wortform verwendet. Die weibliche Wortform ist hier i.d.R. impliziert.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Rolle und Aufgabe des qualitativen Interviewers
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule der Pallottiner Vallendar  (Fakultät für Pflegewissenschaft)
Veranstaltung
Qualitative Methoden
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V114934
ISBN (eBook)
9783640162635
ISBN (Buch)
9783640164165
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schriftlicher Komentar von Prof. Dr. Frank Weidner (Fazit aus der Bewertung vom 26.05.2007): "Hausarbeit, die alle Ansprüche erfüllt, präzise geschrieben, überzeugend strukturiert und originell in der Bearbeitung ist"
Schlagworte
Rolle, Aufgabe, Interviewers, Qualitative, Methoden, Pflegeforschung, Pflegewissenschaft, interviewführung, Empfehlungen, Haltung, Instrument
Arbeit zitieren
M.A.; M.Sc.; Dipl. Pflegewirt(FH) Markus Mai (Autor), 2007, Rolle und Aufgabe des qualitativen Interviewers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114934

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