Dieser Text beschäftigt sich mit der Frage, ob die ungleiche Bezahlung zwischen Männer und Frauen tatsächlich ungerecht ist und bezieht sich dabei auf den Gerechtigkeitsbegriff des Aristoteles aus dem fünften Buch der Nikomachischen Ethik.
Die These dieser Arbeit lautet dabei, dass die ungleiche Bezahlung nicht unbedingt ungerecht sein muss. Um vernünftig für diese These argumentieren zu können, wird sich der erste Teil zunächst mit der Frage beschäftigen, was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit laut Nikomachischer Ethik überhaupt sind. Dieser Teil gliedert sich in Unterabschnitte, für die verschiedenen Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffes nach Aristoteles. Hierbei wird sich die Arbeit mit dem fünften Buch der Nikomachischen Ethik auseinandersetzten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Gerechtigkeitsbegriff
2.1.1 Gerechtigkeit im allgemeinen Sinn
2.1.2 Partikuläre Gerechtigkeit
2.1.2.1 Ausgleichende Gerechtigkeit
2.2 Ungleiche Bezahlung
2.2.1 Unbereinigter Genderpaygap
2.2.1.1 Unterschiedliche Berufe
2.2.2 Bereinigter Genderpaygap
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die gesellschaftlich debattierte ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen (Gender Pay Gap) unter Rückgriff auf das Gerechtigkeitsverständnis in Aristoteles' "Nikomachischer Ethik" zu untersuchen, um zu hinterfragen, ob diese Differenzen zwingend als ungerecht zu bewerten sind.
- Analyse des Gerechtigkeitsbegriffs nach Aristoteles (insb. 5. Buch der Nikomachischen Ethik)
- Differenzierung zwischen unbereinigtem und bereinigtem Gender Pay Gap
- Untersuchung von Ursachen für unterschiedliche Berufswahl und Karriereverläufe
- Reflexion über die Rolle biologischer und sozialer Faktoren bei der Arbeitsmarktpartizipation
- Ethische Bewertung der Lohndifferenzen anhand der ausgleichenden Gerechtigkeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Gerechtigkeitsbegriff
Im Bezug auf das Geld ist die Gerechtigkeit, neben der Freigiebigkeit und der Hochherzigkeit, einer der drei großen Begriffe bei Aristoteles. (Höffe, 1999) Und obwohl hier zwar gesagt werden muss, dass es bei der Gerechtigkeit um weit mehr geht, als nur um Geldangelegenheiten, ist dieser Aspekt wohl im Bezug auf die Fragestellung der Arbeit am wichtigsten.
Im fünften Kapitel der Nikomachischen Ethik beginnt Aristoteles zunächst damit, die Gerechtigkeit als eine Disposition zu bezeichnen, welche sich dadurch auszeichnet, die Menschen so beschaffen zu machen, dass sie das Gerechte tun. Das bedeutet, dass die Menschen durch sie auf gerechte Weise handeln und Gerechtes wünschen. (NE (V) 1| 1129a ca. 5-10) Daraufhin erklärt Aristoteles den Begriff Disposition näher, indem er diesen von Begriffen wie Wissenschaft und Fähigkeit abgrenzt: "Von der Wissenschaft und der Fähigkeit gilt, dass sich ein und dieselbe auf beide Glieder eines Gegensatzpaares bezieht. Für eine Disposition dagegen, welche die eine Seite eines Gegensatzpaares ist, gilt dies nicht." (NE (V) 1| 1129a ca.10-15)
Bei Hermann Fechner wird diese Unterscheidung etwas genauer erklärt, indem hier gesagt wird, dass beispielsweise ein Arzt sowohl gut als auch schlecht sein kann, in dem was er tut und dennoch ein Arzt bleibt. (Fechner, 1964) Bei der Gerechtigkeit hingegen gibt es kein gut und schlecht. Es gibt keine schlechte Gerechtigkeit, sondern, da es sich hier um eine Disposition handelt, wäre dies das Gegenteil von Gerecht, nämlich Ungerechtigkeit.
Aristoteles selbst verwendet hier als Beispiel das Gehen. Entweder man geht wie ein Gesunder, oder aber nicht. Im zweiten Fall geht man allerdings nicht wie ein schlechter Gesunder, sondern wie ein Ungesunder. (NE (V) 1| 1129a ca. 15-20)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Gender Pay Gap ein und formuliert die Forschungsfrage, ob diese Lohndifferenz nach Aristoteles als ungerecht eingestuft werden muss.
2. Hauptteil: Der Hauptteil erläutert die aristotelische Gerechtigkeitstheorie und wendet diese kritisch auf die empirischen Daten zur Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern an.
2.1 Gerechtigkeitsbegriff: Dieses Kapitel expliziert das aristotelische Verständnis von Gerechtigkeit als Disposition und grenzt diese von bloßen Fähigkeiten ab.
2.1.1 Gerechtigkeit im allgemeinen Sinn: Hier wird der Bezug zum Gesetz als Ausdruck der vollkommenen Tugendhaftigkeit gegenüber Mitmenschen dargestellt.
2.1.2 Partikuläre Gerechtigkeit: Dieses Kapitel behandelt die auf Gleichheit basierende Teilgerechtigkeit, insbesondere die austeilende und ausgleichende Gerechtigkeit.
2.1.2.1 Ausgleichende Gerechtigkeit: Der Fokus liegt hier auf dem fairen Austauschverhältnis (Tauschgerechtigkeit) bei freiwilligen Transaktionen, veranschaulicht durch die Linienanalogie.
2.2 Ungleiche Bezahlung: Hier beginnt die Anwendung der Theorie auf das Gehalt von Männern und Frauen, um zu prüfen, ob die Unterschiede mit der aristotelischen Lehre vereinbar sind.
2.2.1 Unbereinigter Genderpaygap: Es wird untersucht, ob der statistische Lohnunterschied ohne Berücksichtigung struktureller Faktoren bereits als Ungerechtigkeit zu werten ist.
2.2.1.1 Unterschiedliche Berufe: Dieses Kapitel analysiert, ob divergierende Berufswahlen aufgrund unterschiedlicher Interessen oder biologischer Faktoren (evolutionäre Perspektive) eine Ungerechtigkeit darstellen.
2.2.2 Bereinigter Genderpaygap: Hier wird der bereinigte Lohnunterschied im selben Beruf betrachtet und kritisch hinterfragt, welche Faktoren neben Diskriminierung zur Lohndifferenz beitragen.
3. Fazit: Das Fazit reflektiert die Ergebnisse und kommt zu dem Schluss, dass viele Unterschiede nicht zwingend eine Ungerechtigkeit nach Aristoteles darstellen, während für Diskriminierung weiterhin eine Klärungslücke besteht.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit, Gender Pay Gap, Lohnunterschiede, ausgleichende Gerechtigkeit, Disposition, Berufswahl, Evolution, Intelligenzquotient, Diskriminierung, Teilzeit, Vollzeit, Lohngerechtigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die moralische Bewertung von geschlechtsspezifischen Einkommensunterschieden durch die Brille der antiken Gerechtigkeitsethik von Aristoteles.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die aristotelische Gerechtigkeitstheorie, die statistischen Daten zum Gender Pay Gap sowie soziologische und biologische Erklärungsmodelle für unterschiedliche Berufsbiografien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob die festgestellten Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen nach den Maßstäben der Nikomachischen Ethik als zwingend ungerecht einzustufen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine philosophische Textanalyse der aristotelischen Ethik mit einer kritischen Reflexion aktueller statistischer Daten und Studien zum Arbeitsmarkt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Gerechtigkeit bei Aristoteles gelegt und anschließend auf den unbereinigten und bereinigten Gender Pay Gap angewendet, unter Einbeziehung von Faktoren wie Berufswahl, Elternzeit und Risikobereitschaft.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Aristoteles, Gender Pay Gap, ausgleichende Gerechtigkeit, Disposition und Lohngerechtigkeit geprägt.
Wie erklärt die Arbeit das Beispiel des Flugzeugpersonals?
Das Beispiel verdeutlicht, dass unterschiedliche Entlohnungen bei unterschiedlichen Rollen (Pilot vs. Stewardess) nicht automatisch ungerecht sind, da die zugrunde liegenden Leistungen und Qualifikationen nicht identisch sind.
Welche Rolle spielt die Evolution bei der Argumentation?
Die Autorin führt Studien an, die darauf hindeuten, dass geschlechtsspezifische Interessensunterschiede teilweise biologisch bzw. evolutionär bedingt sein könnten, was eine rein diskriminierungsbasierte Erklärung der Berufswahl in Frage stellt.
Warum kommt die Arbeit zu keinem eindeutigen Urteil beim bereinigten Gender Pay Gap?
Es fehlt an ausreichenden empirischen Daten, die Faktoren wie Arbeitsmotivation oder individuelle Lebensentscheidungen exakt quantifizieren können, weshalb eine abschließende Bewertung als "ungerecht" wissenschaftlich nicht gesichert ist.
- Citar trabajo
- Anonym (Autor), 2021, Ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Bewertung nach Aristoteles, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1150214