So muss zuerst untersucht werden, wie sich das politische System „Sowjetunion“ in der Perestrojka selbst beschreibt, wo es also seine Systemgrenzen sieht. In dem darauf folgenden Schritt wird man der Frage nachgehen müssen, welchen Stellenwert die Gewerkschaften in dieser Selbstbeschreibung des Systems einnehmen, ob sie sich also innerhalb der Systemgrenzen befinden oder ob sie nicht zum System gehören. Es muss die Art der Verbindung der Gewerkschaften mit dem System herausgestellt, wie im Anschluss daran die Funktion ermittelt werden, welche die Gewerkschaften in der Perestrojka erfüllen. Auch ist die Frage von Interesse, wie das System mit den Gewerkschaften umgeht und zum Schluss wird versucht werden, den Beitrag zu bewerten, welchen die Gewerkschaften zum Systemwandel geleistet haben.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung: methodische Vorüberlegungen zur Systemtheorie.
2) Die Selbstbeschreibung des Systems
2.1) Der Staatsaufbau
2.2) Die Ideologie
2.3) Zwischenfazit
3.) Die Gewerkschaften im System Sowjetunion
3.1) Die Gewerkschaften vor der Perestrojka
3.2) Die Gewerkschaften in der Perestrojka
3.2.1) Die Gewerkschaften vor 1989
3.2.2) Die veränderte Rolle der Gewerkschaften seit den Streiks von 1989
4) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht systemtheoretisch die Rolle russischer Gewerkschaften während der Perestrojka, um zu klären, wie das System Sowjetunion seine Grenzen definierte und inwiefern Gewerkschaften als Akteure des Systemwandels fungierten.
- Systemtheoretische Analyse des sowjetischen Staatsaufbaus und der Ideologie
- Struktur und Funktion der sowjetischen Gewerkschaften ("Transmissionsriemenfunktion")
- Umgang des Systems mit gesellschaftlicher Kritik und Eingaben
- Radikalisierung der Arbeiterbewegung durch Streiks ab 1989
- Rollenkonflikte zwischen traditionellen Gewerkschaften und neuen Arbeitervereinigungen
Auszug aus dem Buch
3.) Die Gewerkschaften im System Sowjetunion
Will man nun einen Blick auf die sowjetischen Gewerkschaften vor der Perestrojka werfen, kommt man nicht um Sergej Gridin und Fjodor Medwedew herum, die beide hauptberuflich hohe Gewerkschaftsfunktionäre waren. In einer Broschüre haben sich die beiden zum Ziel gesetzt, den ausländischen Leser über die Funktionsweise sowjetischer Gewerkschaften aufzuklären, indem sie auf häufig gestellte Fragen antworten, welche dem Verlag in Form von Briefen zugegangen waren. Gleichfalls muss man S. Boriskin erwähnen, der mit einer Publikation aus dem Verlag des Zentralrats der Sowjetgewerkschaften der gleichen Aufgabe verpflichtet ist. Gerade weil die drei Verfasser deutlich erkennbar pro domo schreiben, kann man aus ihren Werken Einblick in die sowjetische Selbstdarstellung gewinnen; diese muss aber an gegebener Stelle mit dem Korrektiv einer Gegendarstellung konfrontiert werden.
Dabei fällt ganz allgemein auf, dass die sowjetischen Gewerkschaften mit den heutigen deutschen Gewerkschaften wenig gemein haben. So kommt beiden in der Verfassung ihres jeweiligen Staates ein unterschiedlicher Systemstellenwert zu, denn während die deutschen Gewerkschaften staatlich unabhängige, überparteiliche Vereinigungen von Arbeitnehmern sind, deren Bildung grundgesetzlich geschützt wird, sind die sowjetischen Gewerkschaften Staatsgewerkschaften. Zwar betont Boriskin, die sowjetischen Gewerkschaften seien „gesellschaftlich parteilose Massenorganisation[en]“ auf freiwilliger Basis, doch stellen Gridin und Medwedew dagegen, dass es in einer Gesellschaft wie der Sowjetunion, in der alle Bürger im Streben nach Verwirklichung des Kommunismus übereinstimmen, keinen Bedarf gebe für ein pluralistisches Gegeneinander unterschiedlicher Gruppen und Organisationen. Indem beide Interessengleichheit der Bürger untereinander und der Bürger mit der staatlichen Leitung annehmen, ist es für sie kein Widerspruch, dass die Gewerkschaften die Interessen der Arbeitnehmer vertreten, obwohl der Staat als Arbeitgeber auftritt. Gewerkschaften werden so zu Staatsgewerkschaften, weil sie dem Staat in keiner Weise gegenüberstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: methodische Vorüberlegungen zur Systemtheorie.: Einführung in die systemtheoretische Herangehensweise, um Transformationsprozesse in der Sowjetunion analytisch greifbar zu machen.
2) Die Selbstbeschreibung des Systems: Analyse der verfassungsrechtlichen Grundlagen und der herrschenden Ideologie als Form der System-Selbstbeschreibung während der Gorbatschow-Ära.
3.) Die Gewerkschaften im System Sowjetunion: Untersuchung der Gewerkschaftsstrukturen, ihrer Rolle als "Transmissionsriemen" und ihrer Reaktion auf den aufkommenden Arbeiterprotest und die Systemveränderungen.
4) Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Beitrags der Gewerkschaften zum Systemwandel und Reflexion der systemtheoretischen Untersuchungsergebnisse.
Schlüsselwörter
Perestrojka, Sowjetunion, Systemwandel, Systemtheorie, Gewerkschaften, KPdSU, Arbeiterbewegung, Streiks, Interessenvertretung, Glasnost, Transformationsprozess, Staatsaufbau, Ideologie, Transmissionsriemenfunktion, Sozialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rolle der Gewerkschaften in der Sowjetunion während der Perestrojka unter einer systemtheoretischen Perspektive.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Schwerpunkte liegen auf dem sowjetischen Staatsaufbau, der ideologischen Selbstbeschreibung des Regimes und der Entwicklung der Gewerkschaften von staatlichen Organen hin zur Konfrontation mit unabhängigen Arbeitervereinigungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der Gewerkschaften als Teil des sowjetischen Gesamtsystems zu verstehen, wie das System auf den Reformdruck reagierte und warum es letztlich zu einem Systemwandel bzw. Zusammenbruch kam.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Autorin nutzt systemtheoretische Modelle, ergänzt durch politikwissenschaftliche und historische Analysen der sowjetischen Verfassung sowie der Rolle von Gewerkschaften und Arbeiterbewegungen.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die interne Struktur und Funktion der sowjetischen Gewerkschaften sowie deren Unfähigkeit, den "Input" der Arbeiter konstruktiv zu verarbeiten, was den gesellschaftlichen Druck erhöhte.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den Schlüsselbegriffen gehören Perestrojka, Systemwandel, Transmissionsriemenfunktion, Interessenvertretung und der Konflikt zwischen offiziellen Staatsgewerkschaften und freien Arbeiterorganisationen.
Wie unterscheidet sich die Rolle sowjetischer Gewerkschaften von westlichen Gewerkschaften?
Während westliche Gewerkschaften unabhängige Interessenvertretungen sind, fungierten sowjetische Gewerkschaften als Staatsgewerkschaften, die primär dazu dienten, staatliche Vorgaben an die Belegschaft zu vermitteln.
Was löste die Radikalisierung der Arbeiterbewegung 1989 aus?
Der Streik der Bergarbeiter im Kuzbas gilt als Initialzündung, die zu einer Welle von Streiks führte und das Verhältnis zwischen Staat, Arbeitern und den traditionellen Gewerkschaften grundlegend veränderte.
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- Sonja Riedel (Author), 2008, Russische Gewerkschaften und das System Sowjetunion in der Perestrojka, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115131