Diese Arbeit behandelt das Thema nicht greifender Hilfesysteme. Die Bezeichnung "Systemsprenger:in" beschreibt vor allem Kinder und Jugendliche mit komplexen Hilfeverläufen und das dadurch resultierende antisoziale Verhalten, welches für das System Kinder- und Jugendhilfe eine große Herausforderung darstellt. Kennzeichnend für die "sprengende" Attribution sind rasche Wechsel zwischen Erziehungsmaßnahmen oder die Beendigung dieser.
Im Zuge dieser Arbeit werden verschiedene psychosoziale und psychologische Risikofaktoren vorgestellt und untersucht, welche die Entstehung des Systemsprenger:innenphänomens begünstigen könnten. Dies geschieht mittels einer qualitativen/interpretativen Analyse des Spielfilms "Systemsprenger" aus dem Jahr 2019 von Nora Fingscheidt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Kontext
2.1. Der systemische Ansatz
2.2. Biografiearbeit
2.3. Lebensweltorientierung
2.4. Lebensbewältigung
3. Das System: Hilfen zur Erziehung
3.1. Das Herausfallen aus dem System
3.2. Der Versuch einer Definition: Systemsprenger:in
4. Hilfesysteme für Familien
4.1. Jugendamt
4.2. Ambulante und (teil-)stationäre Hilfen zur Erziehung
4.2.1. Heimerziehung
4.2.2. Geschlossene Unterbringung
4.2.3. Vollzeitpflege
4.2.4. Eingliederungshilfe
4.2.5. Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung
4.3. Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
4.4. (Scheiternde) Kooperationen
5. Mögliche Entstehungsfaktoren von Systemsprenger:innen
5.1. Vulnerabilitäts-Stress-Modell
5.2. Psychosoziale Risikofaktoren
5.2.1. Ständige Wechsel und Abbrüche von Hilfsmaßnahmen
5.2.2. Kinder psychisch kranker Eltern
5.2.3. Kindeswohlgefährdung
5.2.4. Alleinerziehende Eltern
5.2.5. Kinderarmut
5.3. Psychische Störungen
5.3.1. (Frühkindliches) Trauma
5.3.2. Bindungsstörung (mit Enthemmung)
5.3.3. ADHS
5.3.4. Störung des Sozialverhaltens
5.4. Statistische Zusammenhänge
6. Forschungsdesign
6.1. Erhebungsinstrument: Soziologische Film- und Fernsehanalyse
6.2. Auswertungsinstrument: Grounded Theory
7. Inhaltliche Analyse des Spielfilms „Systemsprenger“
7.1. Inhaltsangabe des Spielfilms „Systemsprenger“
7.2. Datenauswertung
7.2.1. Schnelle Wechsel und Abbrüche zwischen Einrichtungen oder Maßnahmen
7.2.2. Dissoziales Verhalten
7.2.3. Bindungsverhalten
7.2.4. Wiedererleben des Traumas
7.2.5. Familiäre Umstände
7.3. Diskussion
8. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die multifaktoriellen Entstehungsbedingungen von sogenannten "Systemsprenger:innen" am Beispiel des Spielfilms "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt. Das primäre Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für das dissoziale Verhalten dieser Kinder und Jugendlichen im Kontext des Hilfesystems zur Erziehung zu entwickeln.
- Analyse psychosozialer und psychologischer Risikofaktoren
- Interaktion zwischen Familiensystem und staatlichen Hilfestrukturen
- Bedeutung von Bindungsstörungen und frühen Traumatisierungen
- Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf Entwicklungsverläufe
- Filmanalytische Aufarbeitung des Phänomens mittels Grounded Theory
Auszug aus dem Buch
2.1. Der systemische Ansatz
Der systemische Ansatz lässt sich aus dem Begriff des „Systems“ ableiten. Er bezieht sich auf die Systemtheorie, die inzwischen in wissenschaftlichen Diskursen vermehrt thematisiert wird. In der Pädagogik können unterschiedlichste Gegenstände als System benannt werden. Darunterfallen: Gesellschaften, Peergroups, Familien, Institutionen wie Schule/ Universität, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (KJH) und Individuen wie Kinder, Jugendliche, Eltern und Pädagogen. Aufgrund der flexiblen Verwendung des Systembegriffs ergeben sich Möglichkeiten den gleichen Fall anhand unterschiedlichster Systeme zu strukturieren und analysieren (vgl. Mosell 2016, S. 15). Beispielsweise kann das Kind oder der/die Jugendliche selbst als System fungieren und gleichzeitig Teil des Systems Familie sein. Wobei das System Familie hier als übergeordnetes System funktioniert. Die Eltern und/ oder Geschwister sind ebenfalls als eigenständiges System zu betrachten, die mit dem System des Kindes oder des Jugendlichen gekoppelt sind (vgl. ebd.).
Mosell unterscheidet im systemischen Ansatz zwischen trivialen und nicht-trivialen Systemen (vgl. ebd.). Erstere sind einfach strukturiert und leicht steuerbar, die zweiten sind komplexer und eigendynamisch beschaffen. Menschen zählen zu den komplexen Systemen, denn ihr Verhalten kann nicht durch Kausalitäten (Ursache- Wirkungszusammenhänge) erklärt werden:
„Die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen, und die grundsätzliche Komplexität innerer Verarbeitungsstrukturen führen zu nicht vorhersagbaren Reaktionen und Entwicklungen […] Menschen sind noch komplexer und unberechenbarer in ihren Reaktionen und in ihrer inneren Verarbeitung, beim Lernen. Die reale Nicht-Steuerbarkeit junger Menschen ist Alltag der Pädagogik, bei den Auftraggebern aber noch nicht angekommen. Und so orientiert sich die vorgeordnete Verwaltung oft an einer Steuerbarkeits- und Kontrollillusion, welche die Pädagogen, die sich am einzelnen Kind orientieren, in Dilemmata stürzen kann“ (ebd., S.15 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Systemsprenger:innen, Klärung des Begriffs und Vorstellung des Analyseschwerpunkts (Film "Systemsprenger").
2. Theoretischer Kontext: Erläuterung wissenschaftlicher Grundlagen wie Systemtheorie, Biografiearbeit, Lebensweltorientierung und Lebensbewältigung zur Einordnung des Phänomens.
3. Das System: Hilfen zur Erziehung: Darstellung der gesetzlichen Grundlagen der HzE und Definition der Gruppe der "Systemsprenger" als Ausdruck der Brüchigkeit der Helfersysteme.
4. Hilfesysteme für Familien: Übersicht über Institutionen und Maßnahmen, von Jugendamt bis Kinder- und Jugendpsychiatrie, sowie deren Kooperationsschwierigkeiten.
5. Mögliche Entstehungsfaktoren von Systemsprenger:innen: Analyse von Risikofaktoren wie psychosoziale Belastungen, traumatische Erfahrungen und psychische Störungen.
6. Forschungsdesign: Erläuterung der soziologischen Film- und Fernsehanalyse und der Anwendung der Grounded Theory zur Datenauswertung.
7. Inhaltliche Analyse des Spielfilms „Systemsprenger“: Konkrete Analyse der Schlüsselszenen des Films anhand der erarbeiteten Kategorien und Diskussion der Ergebnisse.
8. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Synthese der Ergebnisse.
Schlüsselwörter
Systemsprenger, Hilfen zur Erziehung, Jugendhilfe, Kindheitstrauma, Bindungsstörung, ADHS, Soziale Arbeit, Lebensweltorientierung, Familiäre Problemlagen, Kindeswohlgefährdung, Biografiearbeit, Dissoziales Verhalten, Vulnerabilität, Störung des Sozialverhaltens, Film- und Fernsehanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit untersucht die sogenannten "Systemsprenger:innen" im deutschen Hilfesystem, definiert diese als Kinder und Jugendliche, die durch komplexe Hilfeverläufe fallen, und analysiert deren Entstehungsbedingungen beispielhaft anhand des Spielfilms "Systemsprenger".
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Schnittstelle zwischen Jugendhilfe, Psychiatrie und familiären Problemlagen, wobei der Fokus auf Risikofaktoren wie Traumata, Bindungsstörungen und dem Scheitern professioneller Unterstützung liegt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die multifaktoriellen Bedingungen zu erfassen, die dazu führen, dass junge Menschen zu sogenannten "Systemsprenger:innen" werden, und dies durch eine interpretative Analyse eines Spielfilms zu veranschaulichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine soziologische Film- und Fernsehanalyse in Verbindung mit der Grounded Theory, um inhaltliche Kategorien aus dem Filmmaterial abzuleiten und diese theoretisch zu fundieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (systemischer Ansatz, Lebensweltorientierung), eine Darstellung der Hilfssysteme (Jugendamt, Heimerziehung, Psychiatrie) sowie eine differenzierte Analyse möglicher Entstehungsfaktoren wie Trauma und psychische Störungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben "Systemsprenger" auch Vulnerabilität, Bindungsstörung, Hilfen zur Erziehung (HzE), psychosoziale Risikofaktoren und die sozialpädagogische Diagnose.
Wie definiert die Autorin den Begriff "Systemsprenger"?
Basierend auf Menno Baumann lehnt die Arbeit eine pathologisierende Definition ab und beschreibt "Systemsprenger" stattdessen als Folge einer systemischen Dynamik, in der ein junger Mensch mit einer belastenden Biografie auf ein "brüchiges" Hilfesystem trifft.
Welche Rolle spielt der Spielfilm "Systemsprenger" für die Analyse?
Der Film dient als "Fallbeispiel", um die im theoretischen Teil identifizierten Risikofaktoren (z.B. frühes Trauma, Ambivalenz der Mutter, ständige Wechsel der Betreuung) in einer narrativen Struktur zu verdeutlichen und mit wissenschaftlichen Konzepten zu verknüpfen.
- Citar trabajo
- Alina Brode (Autor), 2021, Ein filmanalytischer Ansatz zur Erfassung möglicher Entstehungsbedingungen von Systemsprenger:innen am Beispiel des Spielfilms "Systemsprenger", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1153697