Während eines Seminars zur Arbeitslosigkeit an der HAWK Hildesheim erfuhr ich, dass der prozentuale Anteil Langzeitarbeitsloser relativ gering wäre bzw. mit der Länge der Arbeitslosigkeit prozentual geringer werde. Der Großteil der Arbeitslosen trete nach maximal zwei Jahren wieder in den Arbeitsalltag ein.
Da ich in Sachsen-Anhalt geboren bin und eine Widersprüchlichkeit zwischen den Seminarinformationen und der Arbeitslosensituation meines ursprünglichen Wohnortes feststellte, strebte ich die Beantwortung der folgenden offenen Fragen an: a) Wie hoch ist der Anteil Langzeitarbeitsloser im ländlichen Bereich? und b) Kommt der Großteil der gemeldeten Arbeitslosen in ländlichen Gemeinden nach maximal zwei Jahren wieder ins Berufsleben? Diese Bachelor-Thesis beschäftigt sich mit der ländlichen Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt, vornehmlich in Kleingemeinden und untersucht dabei die resultierende Hauptfrage: Gibt es Einflussgrößen, die eine Verlängerung von Arbeitslosigkeit begünstigen?
Um die Hauptfrage in dieser Arbeit in einem durchführbaren Rahmen zu klären, untersuchte ich unter dem Einsatz einer Forschungsstudie meinen Heimatort Schorstedt, eine dörfliche Gemeinde. Zu dem kam eine Literaturrecherche, die Grundlagen der Arbeitslosigkeit mit dem Blickwinkel auf die neuen Bundesländer hervor brachte.
Die Beantwortung der Hauptfrage dieser Thesis, ob es Einflussgrößen gibt, kann deutlich mit ja beantwortet werden. Diese Einflussgrößen sind multiperspektivisch und haben oft einen Bezug zueinander oder bedingen sich wechselseitig. In dieser Ausarbeitung wird auf die individuelle, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Perspektive eingegangen. Das beinhaltet u. a. die nach der Wiedervereinigung geschehene Deindustrialisierung mit anschließend eingeschränktem Wiederaufbau der Infrastruktur, das durch die Politik suggerierte Negativbild der Arbeitslosen als Ursache für stetig steigende Steuern ohne die hierbei versteckten Steuern zu erwähnen, minimierte Mobilität und Flexibilität der Arbeitslosen aufgrund geringer Qualifizierungen und Existenzängsten bei Eigentumsaufgabe, sowie ein negatives Ansehen Arbeitsloser in der Gesellschaft, da Arbeit Status ist und somit Ansehen, matrieller Wert, Unabhängigkeit und Sicherheit bedeutet. In der Thesis kann nur ein Teil der Einflussgrößen vorgestellt werden, da das Problem der Arbeitslosigkeit sehr komplex ist und eine Aufzählung aus Platz- und Rahmenbedingungsgründen innerhalb dieser Thesis nicht möglich ist.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Arbeitslosigkeit
1.1 Geschichtliche Eckpfeiler und Arbeitsmarktentwicklung seit 1949
1.2 Ursachen in den neuen Bundesländern
1.3 Die Ausnahme in den Hartz IV-Gesetzen: Hilfebedürftige unter 25 Jahre
1.4 Generelle Folgen von Arbeitslosigkeit
2 Strukturdaten zu Schorstedt und dem Ortsteil Grävenitz
2.1 Infrastruktur in Schorstedt 2008
2.2 Vergleich möglicher Arbeitsplätze 1990 und 2008
3 Konzept und Anlage der empirischen Untersuchung
3.1 Die Phasen einer empirischen Untersuchung
3.2 Die Entwicklung des Fragebogens
3.2.1 Phase I: Formulierung des Forschungsproblems
3.2.2 Phase II: Planung und Vorbereitung der Erhebung
3.2.3 Phase III: Datenerhebung
3.2.4 Phase IV: Datenauswertung
4 Die Darstellung der empirischen Ergebnisse
4.1 Daten zu den allgemeinen Angaben der Arbeitslosen
4.2 Angaben zur Erwerbs- und Arbeitslosigkeit der Probanden
4.2.1 Die Dauer der Arbeitslosigkeit
4.2.2 Das Arbeitsverhältnis vor dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit
4.2.3 Die Gründe der Arbeitsplatzkündigung
4.3 Befragungen der Teilnehmer zum Job-Center
4.3.1 Erreichbarkeit und Zugang zum Job-Center
4.3.2 Das Interaktionsmuster des Job-Centers in Gesprächssituationen
4.3.3 Die Maßnahmenangebote der Agentur für Arbeit
4.4 Persönliches Engagement
4.5 Persönliche Aussichten zur eigenen Arbeitslosigkeit
4.6 Schlussfolgerungen der empirischen Ergebnisse
5 Einige Einflussgrößen, die das Fortbestehen der Arbeitslosigkeit fördern könnten
5.1.1 Betrachtung des wirtschaftlichen Aspektes
5.1.2 Betrachtung des politischen Aspektes
5.1.3 Betrachtung des individuellen Aspektes
5.1.4 Betrachtung des gesellschaftlichen Aspektes
5.2 Bestehende Interventionsmaßnahmen und weitere Änderungsvorschläge
5.2.1 Das Öko-Dorf Brodowin e.V.
5.2.2 Die Ökologische Beschäftigungsinitiative Krummenhagen e.V.
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche Einflussgrößen in ländlichen Gemeinden der neuen Bundesländer eine Verlängerung von Arbeitslosigkeit begünstigen. Am Beispiel des Ortes Schorstedt wird analysiert, wie sich ökonomische, politische und individuelle Faktoren auf die Arbeitsmarktsituation und das Erleben der Betroffenen auswirken.
- Ländliche Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland
- Strukturanalyse von Kleingemeinden (Fallbeispiel Schorstedt)
- Empirische Untersuchung mittels Fragebögen unter Arbeitslosen
- Einfluss von Job-Center-Interaktionen und Qualifizierungsmaßnahmen
- Barrieren bei Mobilität und beruflicher Neuorientierung
Auszug aus dem Buch
1.2 Ursachen in den neuen Bundesländern
Da der Fokus stärker auf entscheidende Ursachen in den neuen Bundesländern gerichtet werden soll, bezieht sich dieses Unterkapitel fast ausschließlich auf die Betrachtung von Ostdeutschland.
Der erste zu nennende Grund für den Arbeitslosenanstieg ist die verschieden hohe Erwerbsbeteiligung in Ost- und Westdeutschland vor der „Wende“. Mitunter entstand der höhere Erwerbsanteil in Ostdeutschland durch die hohe Berufstätigkeit ostdeutscher Frauen. Ebenso war der Anteil von Normarbeitsverhältnissen (dauerhafte Vollzeitbeschäftigung) in Ostdeutschland höher, auch wenn dies niedrig produktive Tätigkeiten waren, die zudem gering entlohnt wurden. Die Frauen konnten Berufstätigkeit und Familiengründungen bzw. -arbeit besser vereinen, da das Betreuungsangebot für Kinder durch Kinderkrippen und -gärten, sowie Hortplätze stark vertreten war. Durch das enorme Betreuungsangebot für Kinder waren einerseits viele Frauen in diesem Bereich angestellt und gleichzeitig konnten Frauen ganztags ihrer jeweiligen Arbeit nachgehen.
Bis zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung gab es in der ehemaligen DDR ein Gesetz, das für jeden DDR-Bürger einen Arbeitsplatz „garantierte“, ihn sogar zur Ausübung eines Berufes verpflichtete. In der DDR-Verfassung vom 7. Oktober 1974 stand im Artikel 24: „…(1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation… (2) Gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ist eine ehrenvolle Pflicht für jeden arbeitsfähigen Bürger. Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit. …“
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Autorin beschreibt ihre Motivation zur Themenwahl aufgrund persönlicher Erfahrungen in Sachsen-Anhalt und leitet die Forschungsfrage bezüglich begünstigender Faktoren für Langzeitarbeitslosigkeit her.
1 Arbeitslosigkeit: Dieses Kapitel definiert Arbeitslosigkeit nach SGB III und beleuchtet die historische Entwicklung seit 1949 sowie spezifische Ursachen für den Arbeitslosenanstieg in Ostdeutschland.
2 Strukturdaten zu Schorstedt und dem Ortsteil Grävenitz: Hier werden Einwohnerdaten sowie die infrastrukturelle Entwicklung und der Rückgang der Arbeitsplätze in Schorstedt im Vergleich zwischen 1990 und 2008 analysiert.
3 Konzept und Anlage der empirischen Untersuchung: Das Kapitel erläutert die methodischen Grundlagen einer empirischen Untersuchung sowie die gezielte Entwicklung des Fragebogens für die vorliegende Studie.
4 Die Darstellung der empirischen Ergebnisse: Basierend auf der Auswertung der Fragebögen werden Daten zu den Probanden, ihrer Arbeitslosensituation, den Erfahrungen mit dem Job-Center und ihrer persönlichen Motivation dargestellt.
5 Einige Einflussgrößen, die das Fortbestehen der Arbeitslosigkeit fördern könnten: Die Ergebnisse werden multiperspektivisch hinsichtlich wirtschaftlicher, politischer, individueller und gesellschaftlicher Faktoren interpretiert und durch Projektbeispiele ergänzt.
6 Fazit: Die Autorin fasst ihre Erkenntnisse zusammen, bewertet die empirischen Daten kritisch und zieht Schlussfolgerungen für die Situation in ländlichen Gemeinden.
Schlüsselwörter
Arbeitslosigkeit, ländliche Gemeinden, neue Bundesländer, Sachsen-Anhalt, Langzeitarbeitslosigkeit, Job-Center, Strukturwandel, Deindustrialisierung, Arbeitsmarkt, Qualifizierung, Eigenmotivation, Infrastruktur, Schorstedt, Soziale Arbeit, berufliche Zukunft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Bachelor-Thesis untersucht die Ursachen und Einflussgrößen, die in ländlichen Regionen der neuen Bundesländer zur Verstetigung oder Verlängerung von Arbeitslosigkeit beitragen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Arbeitsmarktsituation in Ostdeutschland, dem Strukturwandel, der Rolle staatlicher Institutionen wie dem Job-Center sowie der individuellen Lebenslage der Betroffenen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, ob es spezifische Einflussgrößen gibt, die eine Verlängerung von Arbeitslosigkeit begünstigen, unter Einbeziehung einer Fallstudie.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Literaturrecherche mit einer empirischen Untersuchung, bei der ein Fragebogen unter arbeitslosen Einwohnern der Gemeinde Schorstedt durchgeführt wurde.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Strukturanalyse des Untersuchungsortes, die Darstellung und Interpretation der empirischen Ergebnisse sowie eine systemische Betrachtung verschiedener Einflussgrößen.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Arbeitslosigkeit, ländliche Regionen, Ostdeutschland, Langzeitarbeitslosigkeit, Job-Center, soziale Auswirkungen, Strukturwandel und berufliche Perspektiven.
Warum wurde Schorstedt als Fallbeispiel gewählt?
Die Autorin wählte ihren Heimatort, um die Diskrepanz zwischen allgemeinen statistischen Annahmen über Arbeitslosigkeit und der realen, vor Ort beobachtbaren Situation in einer ländlichen Gemeinde zu untersuchen.
Wie bewerten die Probanden die Unterstützung durch ihr Job-Center?
Die Befragung ergab eine hohe Unzufriedenheit der Probanden, insbesondere hinsichtlich der erlebten Beratungsqualität, der Erreichbarkeit und dem Mangel an passgenauen Arbeitsplatzvorschlägen.
Welche Rolle spielt der Wohnortswechsel für die Befragten?
Die absolute Mehrheit der Befragten lehnt einen Umzug ab, da sie stark an ihrem Wohneigentum und ihrem sozialen Umfeld hängen und einen Wohnungsverkauf als Verlust von Sicherheit wahrnehmen.
- Citation du texte
- Mia Schmalenberg (Auteur), 2008, Zeit der Arbeitslosigkeit in ländlichen Gemeinden der neuen Bundesländer - anhand ausgewählter Einflussgrößen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115731