Die Arbeit versucht anhand einer Analyse einer Textquelle zu beantworten, ob Kiezdeutsch mit Blick auf Heike Wieses Annahmen eher als Varietät in Form eines Dialekts gewertet werden kann oder „falsches“ Deutsch darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Definition Kiezdeutsch
2.2 Gegenposition: Kiezdeutsch als Slang
3. Diskussion der Textquellen
3.1 Systematik der Reduktion
3.2 Ökonomie des Sprachgebrauchs
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob Kiezdeutsch als eine systematische sprachliche Varietät (Dialekt) oder lediglich als „falsches“ Deutsch aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse zu klassifizieren ist, wobei der Fokus auf dem Vergleich von formalen und informellen Registern liegt.
- Definition und linguistische Einordnung von Kiezdeutsch
- Gegenüberstellung der Theorien von Wiese und Hinrich
- Analyse von Texten aus multi- und mono-ethnischen Wohngebieten
- Untersuchung systematischer Reduktionsprozesse und Sprachökonomie
- Vergleich von formalen Polizeiberichten und informellen E-Mail-Konversationen
Auszug aus dem Buch
Systematik der Reduktion im Kiezdeutsch
Ein zentrales Argument Wieses für Kiezdeutsch als Varietät lautet, dass Reduktionen im Kiezdeutsch einer Systematik folgen (Wiese, 2012, S. 36-45). Sie werden nicht einfach von z.B. Migrantensprachen ins Kiezdeutsch übernommen, sondern verlaufen eine Entwicklung, die als ökonomisch bewertet werden kann (ebd., S.60-63). Das informelle Register der Sprecherin aus Kreuzberg (multi-ethnisches Wohngebiet) weist im Vergleich zu den anderen Texten am Ehesten Merkmale aus dem Kiezdeutsch auf. Die Sprecherin ist aus einem Wohngebiet, in dem typischerweise Kiezdeutsch gesprochen wird. Zusätzlich handelt es sich bei der Gesprächssituation um eine lockere elektronische Konversation zwischen einer weiteren Jugendlichen als Freundin. Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass die Sprecherin ihren alltäglichen Sprachgebrauch und somit höchstwahrscheinlich Kiezdeutsch nutzt.
In dieser E-Mail können nun erste Beispiele gefunden werden, die auf eine systematische Entwicklung weisen. Ein Beispiel bildet das „wie gehtssss“ (Text 2, Informelles Register, Sprecherin MuH3WT, Z.2) oder das „fürs“ (ebd. Z.4) aus dem Text 2. Die Langform des Beispiels „wie gehts(…)“ (siehe oben) lautet: ‚wie geht es dir?‘ Das ‚es‘ ist im Laufe der Zeit mit dem ‚geht‘ zu einem ‚wie geht’s dir?‘, verschmolzen. Dabei ist auch das Apostroph, das Fragezeichen und das Personalpronomen ‚dir‘ in der Wackernagel-Position weggelassen worden, da diese zwar eine grammatikalische Funktion in sich tragen, jedoch für das Verständnis des Inhalts irrelevant sind. Das resultierte ‚wie gehts‘ ist somit einem systematischen Wandel unterlaufen, in der grammatikalische Bedeutungsmuster gekürzt worden sind, wobei das Verständnis zum Inhalt dennoch ausreichend gewährleistet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in die Thematik der sprachlichen Bewertung von Kiezdeutsch ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob es sich um eine eigenständige Varietät oder fehlerhaftes Deutsch handelt.
2. Theoretischer Rahmen: Hier werden die gegensätzlichen Positionen von Wiese, die Kiezdeutsch als regelgeleitete Varietät begreift, und Hinrich, der es als Slang mit mangelnden Sprachkenntnissen assoziiert, gegenübergestellt.
3. Diskussion der Textquellen: In diesem Kapitel werden empirische Beispiele aus verschiedenen Registern analysiert, um die Systematik der Reduktion und die Sprachökonomie im Kiezdeutsch nachzuweisen.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass Kiezdeutsch als innovative Varietät anzusehen ist, da die beobachteten Kürzungen systematischer Natur sind und auch im Standarddeutschen im informellen Alltagskontext auftreten.
Schlüsselwörter
Kiezdeutsch, Sprachwandel, Varietät, Dialekt, Mehrsprachigkeit, Sprachökonomie, Reduktion, Register, Migration, Jugendspache, Systematik, Grammatik, Sprachkenntnisse, Berlin, Soziolinguistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der linguistischen Einordnung von Kiezdeutsch, speziell der Frage, ob es sich um eine regelgeleitete Sprachvarietät oder lediglich um fehlerhaftes Deutsch handelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Sprachwandel, den Einfluss von Mehrsprachigkeit auf die Jugendsprache sowie die soziolinguistische Bewertung von Dialekten und Slang.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, anhand von konkreten Textbeispielen zu belegen, dass Kiezdeutsch einer eigenen internen Systematik folgt und nicht pauschal als Resultat mangelnder Deutschkenntnisse abgetan werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine diskursive Analyse von Textbeispielen (formelle vs. informelle Register von Sprecherinnen) durchgeführt, die mit theoretischen Positionen der Linguistik (Wiese vs. Hinrich) abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische sprachliche Reduktionsphänomene, wie die Kürzung von Funktionswörtern und Flexionsendungen, und setzt diese in den Kontext der ökonomischen Sprachverwendung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kiezdeutsch, Sprachwandel, Varietät, Sprachökonomie, Mehrsprachigkeit und soziolinguistische Systematik.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Kiezdeutsch und Fehlern?
Die Autorin argumentiert, dass echte Sprachfehler keine Systematik aufweisen, während die untersuchten Kiezdeutsch-Merkmale (wie Kürzungen) einer logischen Regelhaftigkeit folgen, die auch in anderen informellen Registern des Standarddeutschen zu finden ist.
Warum spielt die Unterscheidung von Registern eine wichtige Rolle?
Durch den Vergleich von Polizeiberichten (formell) und E-Mails (informell) derselben Sprecherinnen kann gezeigt werden, dass diese Personen über eine hohe Sprachkompetenz verfügen und Kiezdeutsch bewusst als Varietät im informellen Kontext einsetzen.
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- Anonym (Autor), 2020, Sprache im Wandel. Kiezdeutsch als Varietät oder falsches Deutsch?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1157697