Ziel der Untersuchung war es, das Selbstverständnis oder das subjektive Erleben des Einzelnen in schwierigen Erziehungssituationen genauer zu beleuchten, insbesondere den Umgang mit einem eventuell auftretenden Kontrollverlust im Gegensatz zu ruhigem, überlegten Erziehungsverhalten. Hier wurde der Fokus besonders darauf gelegt, wie sich die Betroffenen den Kontrollverlust selbst erklären.
Noch immer ist die elterliche Wut auf Kinder, die sich in verbalen oder körperlichen Tätlichkeiten äußerst, ein Thema, das die Gesellschaft beschäftigt. Obwohl im Jahr 2000 das Gesetzt zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung (§1631 BGB) in Kraft trat, nach dem körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen Schutzbefohlener als unzulässig gelten, sind elterliche Übergriffe noch nicht aus der Erziehung verschwunden. Sie sind jedoch im Rückgang begriffen bzw. haben sich etwas vom körperlichen zu verbalen Ausbrüchen gewandelt.
Ein wichtiger Punkt war für mich, Licht in eine Sache zu bringen, die in ihrer höchsten Ausprägung den meisten von uns nicht mehr verständlich ist: das sich immer wieder schmerzhaft wiederholende Entsetzen beim Hören von Nachrichten über Eltern, die ihren meistens noch ganz hilflosen, kleinen Kindern die furchtbarsten Dinge antun. Dies scheint mir nur die Spitzes des Eisbergs eines Verhaltens, das ich seiner alltäglichen, oft noch harmlosen Form in meiner Arbeit untersuchen wollte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 THEORETISCHER HINTERGRUND
1.1. Vorliegende Theorien zum Untersuchungsgegenstand
1.1.1 Definition des Begriffs „Kontrollverlust“
1.1.2 Gegenwärtiger Stand der Forschung
1.1.2.1 Häufigkeit elterlicher Kontrollverluste (der schweren Art)
1.1.2.2 Ursachen von Kindesmisshandlung
1.2 Begründung des Forschungsvorhabens
2 METHODIK
2.1 Qualitative Forschung
2.2 Methode des narrativen Interviews als Forschungsinstrument
2.2.1 Die narrative Identität
2.2.2 Ablauf des narrativen Interviews
2.2.3 Erstellung des Datenmaterials
2.2.4 Textanalyse
2.2.4.1 Grundlagen
2.2.4.2 Strukturelle Textanalyse
2.2.4.3 Feinanalyse
2.2.5 Gütekriterien der angewandten Methode
2.2.6 Theoretische Überlegungen zum Datenschutz
2.3 Dokumentation des eigenen Forschungsvorgehens
2.3.1 Gewinnung der Probanden
2.3.2 Vorgespräch
2.3.3 Das Interview
2.3.3.1 Der Interviewleitfaden
2.3.3.2 Durchführung der Interviews
2.3.4 Auswertung des Datenmaterials und Auswahl der Probanden
2.3.5 Textanalyse
2.3.6 Zur Darstellung der Analyseergebnisse
2.3.7 Datenschutz
3 DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE
3.1. Florian
3.1.1 Biografischer Hintergrund
3.1.2 Inhaltlicher und struktureller Aufbau des Interviews
3.1.3 Erzähl- und Darstellungsstil
3.1.4 Analyse des Interviews
3.1.4.1 Enttäuschte Erwartungen
3.1.4.2 „Ich habe die Kontrolle verloren“
3.1.4.3 Die Angst vor dem Verlust von Einfluss und erzieherischer Kontrolle
3.1.4.4 Es ist tief in uns angelegt
3.1.4.5 Je heftiger die Auseinandersetzung, desto besser ging es nachher
3.2 Cecilia
3.2.1 Biografischer Hintergrund
3.2.2 Inhaltlicher und struktureller Aufbau des Interviews
3.2.3 Erzähl- und Darstellungsstil
3.2.4 Analyse des Interviews
3.2.4.1 Wie aus mir geworden ist, was ich heute bin
3.2.4.2 Mein Kind kann mich nicht verletzen
3.2.4.3 Bei uns ist alles ein bisschen anders
3.2.2.4 Frauen sind gefühlsbetonter als Männer: Folgen für Partnerschaften
3.2.2.5 Das Kind ist von Natur aus kooperativ, gut
3.3 Vergleich der Probanden Florian und Cecilia
3.3.1 Beschreibung der Auseinandersetzung mit den Kindern
3.3.2 Darstellung des eigentlichen Kontrollverlustes
3.3.3 Angegebene Gründe für den Kontrollverlust
3.3.4 Eigene Evaluation des Kontrollverlustes
3.3.5 Umgang mit Strafe und Konsequenz
3.3.6 Beispielthema: der Umgang mit Essen
3.3.7 Sichtweise auf das Kind
3.3.8 Umgang mit Widerstand/Frechheit/Übergriffe der Kinder
3.3.9 Bewältigungsstrategien
3.3.10 Erfahrungen aus der eigenen Kindheit
3.3.11 Erworbene, überdauernde Theorien und Glaubenssätze
3.4 Zusammenfassung und Vergleich der anderen Interviews
3.4.1 Wie wird der Kontrollverlust dargestellt?
3.4.2 Was verursacht Kontrollverlust aus der Sicht der Probandinnen?
3.4.3 Welche Bewältigungsstrategien werden angewandt?
3.4.4 Wie werden die Kinder gesehen?
3.4.5 Wie wird das eigene Erziehungsverhalten beurteilt?
3.5.6 Erfahrungen aus der eigenen Kindheit
4 DISKUSSION
4.1 Diskussion der Ergebnisse zur eigenen Fragestellung
4.1.1 Die zwei feinanalysierten Interviews
4.1.2 Überblick über alle sieben Interviews
4.2 Diskussion der Ergebnisse im Forschungskontext
4.3 Bewertung der Methodik
4.3.1 Stichprobe
4.3.2 Narratives Interview als Methode
4.3.3. Die Person der Interviewerin
4.4 Ausblick und Implikation für die Praxis/Praktische Relevanz
4.5 Überlegungen zur weiteren Forschung
5 LITERATUR
6 ANHANG
6.1 Informationsblatt für das Interview
6.2 Einverständniserklärung
6.3 Erzählaufforderung und Nachfrageteil
6.4 Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem GAT (Seltin et al. 1998)
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, das subjektive Erleben und Selbstverständnis von Eltern in schwierigen Erziehungssituationen zu untersuchen, wobei der Fokus insbesondere auf dem Phänomen des Kontrollverlusts und dessen psychologischen Ursachen sowie Bewältigungsstrategien liegt.
- Identifikation und subjektive Erklärung von elterlichen Kontrollverlusten im Erziehungsalltag.
- Analyse individueller Bewältigungsstrategien und deren Wirksamkeit.
- Untersuchung der Bedeutung der eigenen Kindheitsgeschichte für das heutige Erziehungsverhalten.
- Gegenüberstellung unterschiedlicher Fallstrukturen bei Eltern mit unterschiedlichen Erziehungserfahrungen.
- Reflexion über die Rolle von Kommunikation und emotionaler Selbstregulation bei der Erziehung.
Auszug aus dem Buch
Die rausgestreckte Zunge
01 I aLso: ähm meine eingangsfrage lAUtet ja
02 is immer bez im BeZUG auf(--) schwierige erZIEhungssituationen?
03 undd d:A (.) ähm würd ich äh: (5.0)
04 jetzt kannst du mit deiner erzÄHlung beGINnen
05 E [ Oke ]
06 I [An dEm] punkt wo ihr zum ERSten mal darüber NACHgedacht habt
07 KINder zu bekommen (--) wo ihr KINder bekommen wOlltet;
08 also da gabs ja auch bestimmte erWARtungen,
09 in dem (--) im bezug auf diese frAge,
10 und wie dann so alles KAM, so mit allem was für dich dazUgehört.
11 E wo wir also, (--) im prinZIP gings ja bei uns los,
12 dass wir KINder (--) ähm (1.3) wOllten
13 oder <
14 I Mhm
15 E ähm (--) und wir dann (1.6) auch nich Unbedingt sofORT (-)
16 oder dass wir auch nicht praktisch welche beKOMmen haben,
17 beziehungsweise dass sich des über JAHre prAktisch hin:gezogen
18 [hat]
19 I [Mhm]
20 E also wir waren jetzt da am anfang jetzt
21 nicht UNbedingt ähm (.) SO hinterHER,
22 I Mhm
23 E sondern (ham) gsagt oke jetzt wärs oke WENN,
24 I [Mhm]
25 E [und] dann wars aber auch erscht mal NICHT oke, also äh
26 wo wo dann KEIne kamen wars auch erschtmal in ORDnung,
27 und dann ging es halt (.) quasi über JAHre, .hh (--)
28 ähm (--) wo der der WUNSCH aufgekommen isch
Zusammenfassung der Kapitel
THEORETISCHER HINTERGRUND: Dieses Kapitel definiert den Begriff „Kontrollverlust“ und stellt aktuelle Forschungsergebnisse sowie theoretische Erklärungsmodelle für elterliche Gewalt und Aggression gegenüber Kindern vor.
METHODIK: Es wird die Entscheidung für qualitative Forschung begründet und die Methode des narrativen Interviews sowie die Techniken der anschließenden Textanalyse detailliert dargelegt.
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE: Hier werden die Ergebnisse der Untersuchung anhand von zwei ausführlichen Fallstudien (Florian und Cecilia) präsentiert und anschließend vergleichend ausgewertet.
DISKUSSION: In diesem Kapitel werden die gewonnenen Erkenntnisse in den aktuellen Forschungskontext eingeordnet, methodisch kritisch gewürdigt und Implikationen für die Praxis sowie zukünftige Forschung abgeleitet.
Schlüsselwörter
Kontrollverlust, Erziehung, narrative Interviews, Eltern, Wut, Aggression, Kinder, qualitative Sozialforschung, Kindheitsgeschichte, Bewältigungsstrategien, Kommunikation, emotionale Regulation, Erziehungsalltag, Rollentausch, Projektion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht das subjektive Erleben und Selbstverständnis von Eltern in schwierigen Erziehungssituationen, insbesondere im Hinblick auf das Phänomen des Kontrollverlusts.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit beleuchtet die Ursachen elterlicher Wut, die Rolle der eigenen Kindheitsgeschichte, Bewältigungsstrategien sowie die Bedeutung der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu verstehen, warum Eltern in schwierigen Situationen die Kontrolle verlieren, wie sie sich dieses Verhalten selbst erklären und welche Strategien sie entwickeln, um mit diesen überwältigenden Gefühlen umzugehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Forschungsarbeit, die auf narrativen Interviews basiert, die nach den Prinzipien der strukturellen Textanalyse und Feinanalyse ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zwei ausführliche Fallstudien vorgestellt (Florian und Cecilia), deren Fallstrukturen durch Grob- und Feinanalyse erarbeitet und miteinander sowie mit weiteren fünf Interviews verglichen werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kontrollverlust, narrative Identität, elterliche Wut, Erziehungsalltag und subjektive Ursachenattribution charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Perspektive von Florian von der von Cecilia?
Florian erlebt schwierige Erziehungssituationen häufig als Kampf und ist selbstkritischer, während Cecilia ein optimistischeres Bild von ihren Kindern hat und Konflikte als integralen Bestandteil einer lebendigen Beziehung sieht.
Welche Rolle spielt die eigene Kindheit bei den Probanden?
Beide Probanden betrachten ihre eigene Kindheit als prägend für ihr heutiges Verhalten, wobei Cecilia ihr positives Verhältnis zu ihrem Vater als „Basis“ für ihre heutige, eher unautoritäre Erziehung heranzieht.
- Citar trabajo
- Sonja Groß (Autor), 2012, Zum Selbstverständnis von Eltern im Bezug auf Kontrolle und Kontrollverlust in schwierigen Erziehungssituationen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159969