Rassismus und wahrgenommene Diskriminierung. Der Einfluss auf das Zugehörigkeitsgefühl von Menschen mit Migrationshintergrund


Bachelorarbeit, 2021

62 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund zum Thema
2.1 Rassismus und wahrgenommene Diskriminierung
2.2 Akkulturation, soziale und nationale/ethnische Identität
2.3 Diskriminierung, Stress und Wohlbefinden
2.4 Soziale Unterstützung als Schutzfaktor
2.5 Integration und Zugehörigkeit
2.6 Fragestellung

3. Methode
3.1 Darstellung des methodischen Vorgehens
3.1.1 Wahrgenommene Diskriminierung
3.1.2 Ethische und nationale Identität
3.1.3 Psychische Gesundheit
3.1.4 Soziale Unterstützung
3.1.5 Integration
3.1.6 Zusätzliche Erhebungen
3.2 Darstellung der Stichprobe
3.3 Vorgehen bei der Auswertung

4. Ergebnisse
4.1 Spearman-Korrelation
4.2 Multiple Regressionsanalyse
4.3 Korrelationen

5. Diskussion der Ergebnisse
5.1 Zusammenfassung des theoretischen Hintergrunds und der Fragestellungen.
5.2 Diskussion und Interpretation der Ergebnisse
5.3 Diskussion der eigenen methodischen Vorgehensweise

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang A: Fragebogen
Anhang B: Abbildungen
Anhang C: SPSS Ausgaben

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Deskriptive Statistik - Sind Sie in Deutschland geboren?

Tabelle 2. Deskriptive Statistik - Altersgruppen

Tabelle 3. F-Test zur Überprüfung der Signifikanz des Regressionsmodells der Variablen PEDQ, SU und PSQ

Tabelle 4. F-Test zur Überprüfung der Signifikanz des Regressionsmodells der Variablen PEDQ, EI und PSQ

Tabelle 5. Ergebnisse der Spearman-Korrelation zwischen der PEDQ-, ND- und ED-Skala

Tabelle 6. Ergebnisse der Spearman-Korrelation zwischen der PEDQ- und SI-Skala

Tabelle 7. Ergebnisse der multiplen Regressionsanalyse zwischen den Skalen PSQ; PEDQ und SU

Tabelle 8. Modellzusammenfassung der Regressionsanalyse zwischen den Skalen PSQ, PEDQ und SI

Tabelle 9. Ergebnisse der multiplen Regressionsanalyse zwischen den Skalen PSQ, PEDQ und EI

Tabelle 10. Modellzusammenfassung der Regressionsanalyse zwischen den Skalen PSQ, PEDQ und EI

Tabelle 11. Pearson-Korrelation zwischen den Variablen PEDQ und PSQ

Tabelle 12. Spearman-Korrelation zwischen den Variablen PSQ und SU

Tabelle 13. Spearman-Korrelation zwischen den Skalen PSQ und EI

Tabelle 14. Test auf Normalverteilung der Skalen PSQR, EI, NI, PEDQ, SI und SU

Tabelle 15. Häufigkeiten Skala „Phänotypische Differenzen“ Item

Tabelle 16. Häufigkeiten Skala „Phänotypische Differenzen“ Item

Tabelle 17. Häufigkeiten Skala „Phänotypische Differenzen“ Item

Tabelle 18. Häufigkeiten Skala „Phänotypische Differenzen“ Item

Tabelle 19. Häufigkeiten Skala „Phänotypische Differenzen“ Item

Tabelle 20. Häufigkeiten der selbsteingeschätzten Sprachkenntnisse

Tabelle 21. Deskriptive Statistik zu den Skalen PEDQ, PSQ, EI, NI, SI und SU

Abbildungsverzeichnis

Histogramm 1. Wahrgenommene Diskriminierung

Histogramm 2. Skala „Phänotypische Differenzen“ Item 1

Histogramm 3. Skala „Phänotypische Differenzen“ Item 2

Histogramm 4. Skala „Phänotypische Differenzen“ Item 3

Histogramm 5. Skala „Phänotypische Differenzen“ Item 4

Histogramm 6. Skala „Phänotypische Differenzen“ Item 5

Histogramm 7. Selbsteingeschätzte Sprachkenntnisse

Modell 1. Der Einfluss von wahrgenommener Diskriminierung und der Schutzfaktoren auf die psychische Gesundheit

Modell 2. Der Einfluss der wahrgenommenen Diskriminierung auf die nationale Identität und auf die subjektive Integration

Kreisdiagramm 1. Zugehörigkeit zur ethnischen Gruppe

Abkürzungsverzeichnis

PEDQ Perceived Ethnic Discrimination Questionnare -

Community Version

PSQ Perceived Stress Questionnaire

EI Ethnische Identität

NI Nationale Identität

SI Subjektive Integration

SU Soziale Unterstützung

Zusammenfassung

Einleitung: Diese Forschungsarbeit befasst sich mit der wahrgenommenen Diskriminierung und ihrer Folgen auf die Betroffenen. Auswirkungen von Diskriminierungserfahrungen könnten ein niedrigeres Zugehörigkeitsgefühl zum Aufnahmeland (Döring, 2007) und negative Folgen auf die psychische Gesundheit sein (Brondolo et al., 2008). Schutzfaktoren, wie die soziale Unterstützung, können den Stress, der durch die Diskriminierungserfahrung entsteht, abpuffern (Genkova, 2018).

Methode: Um diese Aussagen bestätigen zu können, wurde eine Online-Befragung durchgeführt. Dafür wurden 112 Teilnehmer mit Hilfe von standardisierten Tests befragt. Darunter wurde die wahrgenommene Diskriminierung, die subjektiv erlebte Belastung, die nationale und ethnische Identität, die subjektive Integration und die soziale Unterstützung erhoben. Für die deskriptive Statistik wurden phänotypische Differenzen ermittelt. Zur Beantwortung der Hypothesen wurde der Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Diskriminierung und der nationalen Identität sowie der subjektiven Integration erforscht. Auch der Einfluss der wahrgenommenen Diskriminierung auf die subjektiv erlebte Belastung und die soziale Unterstützung als Schutzfaktor wurden analysiert. Nebenbei wurde auch der Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Diskriminierung und der ethnischen Identität, sowie die ethnische Identität als Schutzfaktor untersucht.

Ergebnisse: Die Ergebnisse der Korrelationsanalysen zeigen keinen Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Diskriminierung und der nationalen Identität, aber einen Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Diskriminierung und der subjektiven Integration. Es hat sich erwiesen, dass die wahrgenommene Diskriminierung einen negativen Einfluss auf die subjektiv erlebte Belastung ausübt. Die soziale Unterstützung hat sich als ein Schutzfaktor für den ausgelösten Stress bewiesen. Die ethnische Identität zeigte weder in Bezug auf die wahrgenommene Diskriminierung noch als Schutzfaktor für den ausgelösten Stress einen Zusammenhang.

1. Einleitung

Die Themen Rassismus und Diskriminierung haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Diskriminierungserfahrungen gehören für viele Menschen mit Migrationshintergrund zum Alltag. Allein Aussagen wie „Sie können aber gut deutsch sprechen!“ oder „Woher kommen Sie aber wirklich?“ können Menschen mit Migrationshintergrund als Ausgrenzung aus der Gesellschaft wahrnehmen. Bei einer Studie von Swim, et al. (2003) wurden afroamerikanische Studenten gebeten, täglich Tagebuch über Rassismuserfahrung im Alltag zu führen. Als häufigster Vorfall sahen die Studenten allein schon „Starren“ als eine rassistische Situation, da dieses Starren entweder als misstrauisch oder feindselig beschrieben wurde. Seit 2015 haben sich die Zahlen der Menschen, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft rassistische Benachteiligung erlebt haben und sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewandt haben verdoppelt (Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2019). Das Diskriminierungsproblem in Deutschland zeigt sich mit der Einführung des Landesantidiskriminierungsgesetzes (LADG), welches am 21.06.2020 in Kraft getreten ist (Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Diskriminierung, 2020). Das Thema Rassismus wird aber nicht genug diskutiert. „Wer über Rassismuserfahrung spricht, bricht mit einem (auch in den Sozialwissenschaften) dominanten Schweigen. Rassismus und Rassismuserfahrung sind Themen, deren Besprechung und Nicht-Besprechung in einer Weise mit Verleugnung, Banalisierung und Verdrängung der rassistischen Realität einhergeht [.]. Über Rassismuserfahrung wird nicht gesprochen, weil es Rassismus als gesellschaftlich zu verantwortendes Phänomen nicht geben soll“ (Buchkremer, 2000, S. 120). Kaufmann und Jäger (2012) erwähnen, wie allein der Begriff „Ausländer“ die Migranten aus der Gesellschaft ausschließen kann und bevorzugen somit den Begriff „Einwanderer“.

Wahrgenommene Diskriminierung kann verschiedene Folgen auf die Betroffenen haben. Neben physiologischen und psychischen Folgen (Brondolo et al., 2008) können diese Diskriminierungserfahrungen auch den Integrationsprozess (Berry et al., 2006) und die Identifikation zum Herkunftsland negativ beeinflussen (Döring, 2007). Schutzfaktoren, wie die soziale Unterstützung, können diese Folgen für die psychische Gesundheit abpuffern (Brondolo et al., 2012). Andere Studien behaupten, dass die ethnische Identität auch als Schutzfaktor agieren kann (Mossakowski et al., 2018). Zu den Themen Migration und Gesundheit gibt es in Deutschland inzwischen eine Vielzahl an Forschungsarbeiten, jedoch sind diese meistens deskriptiv und berechnen nicht die Diskriminierungserfahrung in Deutschland als potenzielle Ursache für Gesundheitsprobleme mit ein, sondern konzentrieren sich nur auf die Akkulturalisierung und den kulturellen Differenzen (Beute & Kotzur, 2015).

Diese Forschungsarbeit wird sich also auf die psychischen Folgen von Diskriminierung und auf das Zugehörigkeitsgefühl von Menschen mit Migrationshintergrund konzentrieren. Berücksichtigt werden in dieser Arbeit auch individuelle und soziale Risiko- und Schutzfaktoren, welche eine erfolgreiche Migrationserfahrung begünstigen.

2. Theoretischer Hintergrund zum Thema

In diesem Kapitel werden Begriffe und Modelle definiert und erklärt. Dafür werden auch Theorien und Studien vorgestellt, die für diese Arbeit von Bedeutung sind.

2.1 Rassismus und wahrgenommene Diskriminierung

Um über die Themen Diskriminierung und Rassismus diskutieren zu können, müssen erst einmal relevante Begriffe definiert werden. „Rassismus“ ist jedoch durch seine Komplexität und durch die hohe Politisierung des Begriffes schwer zu definieren (Rommelspacher, 2009). Die passendste Definition ist für diese Arbeit die folgende: „Rassismus konstruiert Rassen, sodass körperliche, kulturelle oder religiöse Aspekte als genuine Gruppenmerkmale erscheinen, die für alle Gruppenmitglieder zentral bedeutsam seien und einen grundsätzlichen Unterschied zur ,eigenen‘ Gruppe markierten. Die Konstruktion von ,Rassen‘ hat zum Ziel und/oder als Effekt, dass eine eigene Gruppenidentität durch Abgrenzung von Anderen geschaffen wird und dass Aggressionen, Ausschlüsse und Privilegien damit legitimiert werden“ (Attia & Keskinkilic, 2017, S. 118). Diese Definition erwähnt die Konstruktion von „Rassen“, welches in der Rassismuskritik einen wichtigen Aspekt darstellt. Der Begriff der „Rasse“ wurde schon 1898 von Gustave Le Bon zurückgewiesen (Wunderlich, 2019). Auch die UNESCO hat 1950 eine Erklärung zur Frage der „Rasse“ veröffentlicht, welches durch wissenschaftliche Beweise die Theorie der Menschenrasse ablehnt und die „Rasse“ als ein soziales und nicht biologisches Phänomen beschreibt. Dieser Mythos hat einen enormen sozialen Schaden angerichtet (UNESCO, 1950). Der Soziologe Robert Miles beschreibt Rassismus als eine Ideologie (Miles & Brown, 2003). Nach Essed (1991) ist Rassismus aber nicht nur eine Ideologie, sondern wird durch tägliche Behandlungsweisen verursacht und verstärkt, womit Essed den Begriff des „Alltagsrassismus“ eingeführt hat. Rommelspacher (2009) verbindet mit dem Begriff Rassismus nicht nur "Vorurteile", sondern auch gesellschaftliche Diskriminierung. "Unter sozialer Diskriminierung wird die Benachteiligung von Menschen aufgrund gruppenspezifischer Merkmale wie ethnische oder nationale Herkunft, Hautfarbe, Sprache, politische oder religiöse Überzeugungen, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Alter oder Behinderung verstanden. Ausgangspunkt jeder Diskriminierung ist die Konstruktion von Differenz" (Kösemen, 2015, S. 8). Die Benachteiligung auf Grund sexueller Orientierung, Geschlecht, Alter, politischer und religiöser Überzeugungen und Behinderung werden für diese Arbeit nicht berücksichtigt, der Fokus liegt hier bei der Benachteiligung aufgrund der ethnischen Herkunft. Ethnische Diskriminierung kann in verschiedenen Formen auftreten. Dabei unterscheidet man erstens zwischen der direkten und indirekten und zweitens zwischen der individuellen und institutionellen Diskriminierung. Die individuell-direkte Diskriminierung ist die bewusste Diskriminierung und offene Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, bei der individuellen-indirekten Diskriminierung ist jedoch nicht die Intention selbst, sondern die Auswirkungen des Handelns diskriminierend. Im Gegensatz dazu bezieht sich die direkt-institutionelle Diskriminierung auf die Gesetze und Vorschriften, die eine Ausgrenzung von bestimmten Gruppen berechtigen, während unter indirekte-institutionelle Diskriminierung die Praktiken und Handlungsroutinen von Institutionen, die ohne negative Absicht realisiert werden, aber welche bestimmte Gruppen benachteiligen, verstanden wird (SVR-Integrationsbarometer, 2016). Diskriminierungsfelder können nicht nur Bildungs-, Arbeits- und Wohnungsmarkt, sondern auch die Justiz und die Behörden sein (SVR-Integrationsbarometer, 2016) Vor Allem Menschen mit Migrationshintergrund, die phänotypische Differenzen zeigen, fühlen sich von Diskriminierung betroffen. Während sich 17% der Zugewanderten, die sich selbst als „typisch deutsch aussehend“ einschätzen, benachteiligt fühlten, geben 48% der Personen mit erkennbarem Migrationshintergrund an Diskriminierung erlebt zu haben (SVR- Integrationsbarometer, 2016). Die Studie von Morawa und Erim (2013) zeigt, dass sich die türkischen Teilnehmer im Gegensatz zu den restlichen Gruppen wesentlich häufiger diskriminiert fühlen. „Die Autoren der Studie konstatieren, dass es in Westeuropa derzeit Vorurteile (negative Einstellungen gegenüber Individuen, die auf der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe beruhen [...]) gegenüber Personen mit einer anderen kulturellen Herkunft zu geben scheint, die sich v. a. auf dunkelhaarige Personen aus muslimischen Staaten beziehen. [.] Die häufiger subjektiv erlebte Diskriminierung der türkischen, aus dem muslimischen Kulturkreis stammenden Migranten könnte also u. a. aus islamfeindlichen Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft resultieren.“ (Morawa & Erim, 2013, S. 204). Auch die IAB-SOEP-Migrationsstichprobe zeigt, dass Befragte aus arabischen und sonstigen muslimischen Staaten häufiger angeben, Diskriminierungserfahrung erlebt haben (Tucci et al., 2014).

Ob eine Situation nun als diskriminierend interpretiert wird oder nicht kann sich je nach Person unterscheiden, denn die Interpretation der Situation ist subjektiv (Steinmann, 2019). Es ist also schwierig zu erfassen, ob Diskriminierung tatsächlich so stattgefunden hat, wie es wahrgenommen wurde (Kaiser & Major, 2006). Andererseits können auch Personen, die von Diskriminierung betroffen sind, diese Diskriminierung nicht wahrnehmen oder sogar abstreiten (Crosby, 1984). Nach Steinmann (2019) nehmen höher gebildete Migranten mehr Diskriminierung wahr. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Wahrscheinlichkeit für gebildetere Migranten Ziel von Diskriminierung zu sein, höher ist als Migranten mit niedrigerem Bildungsniveau. Höher gebildete Migranten nehmen eher an bestimmten Lebensbereichen teil und könnten somit zum Beispiel eher Diskriminierung am Arbeitsplatz erleben. Als einen anderen möglichen Grund nennt Steinmann das Bewusstsein der höher gebildeten Migranten von der negativen Stimmung in Deutschland in Bezug auf Migranten, was sie sensibler gegenüber Diskriminierung macht. Neben der Bildung kann der Integrationsgrad auch durch die wahrgenommene Diskriminierung beeinflusst werden (Diehl & Liebau, 2017). Das höher gebildete und integrierte Migranten sich dem Aufnahmeland eher abwenden als niedriger gebildete und weniger integrierte Migranten, ist unter dem Phänomen namens „Integrationsparadox“ bekannt (Verkuyten, 2016). Forscher meinen, dass neben diesen Faktoren auch die ethnische Identität auf das Maß an Diskriminierung, das wahrgenommen wird, wirken kann (Operario & Fiske, 2001). „People with very strong ethnic identities are likely to display heightened sensitivity to race-relevant information and may interpret negative feedback differently from people with weaker ethnic identities“ (Operia & Fiske, 2001, S. 552). In welchem Maße Diskriminierung also wahrgenommen wird kann von verschiedenen individuellen, situationsbedingten und kulturellen Faktoren beeinflusst werden (Kaiser & Major, 2006).

2.2 Akkulturation, soziale und nationale/ethnische Identität

Die gebräuchlichste Definition von Akkulturation ist die von Redfield et al. "“Acculturation comprehends those phenomena which result when groups of individuals having different cultures come into continuous first-hand contact, with subsequent changes in the original cultural patterns of either or both groups” (Redfield et al., 1936, S. 149). Akkulturation wird oft mit dem Begriff der ethnischen Identität zusammengestellt, da ethnische Identität erst nennenswert ist, wenn zwei oder mehr ethnische Gruppen über längeren Zeitraum in Kontakt stehen, jedoch sollten zwischen beiden Begriffen unterschieden werden (Phinney & Ong, 2007). „We consider acculturation to be a broader construct, however, encompassing a wide range of behaviors, attitudes, and values that change with contact between culture. Ethnic identity is that aspect of acculturation that focuses on the subjective sense of belonging to a group or culture“ (Phinney et al., 2001, S. 495). Berry (1974) unterscheidet zwischen vier Akkulturatiosstrategien: Integration, Assimilation, Separation und Marginalisierung. Die Integration ist eine Strategie, in dem sowohl die ethnische Beibehaltung als auch die positive Intergruppenbeziehungen als wertvoll von den ethnischen Gruppen angesehen werden. Bei der Assimilation wird die Herkunftskultur aufgegeben und die Kultur des Aufnahmelandes übernommen. Anders wird bei der Akkulturationsstrategie der Separation der Kontakt zu Mitgliedern des Aufnahmelandes vermieden und nur die Herkunftskultur bewahrt. Die vierte Strategie ist die der Marginalisierung. Bei dieser Strategie wird weder die Herkunftskultur noch die des Aufnahmelandes angenommen (vgl. Nauck, 2008).

Diskriminierung spielt beim Akkulturationsprozess eine wichtige Rolle. Studien zeigen, dass Menschen, die Diskriminierung erfahren haben, die Akkulturationsstrategie der Separation eher bevorzugen, andererseits bevorzugen Menschen, die weniger Diskriminierung erlebt haben, die Akkulturationsstrategien der Intergation und Assimilation (Sam & Berry, 2010). Dieser Akkulturationsprozess steht im Zusammenhang mit dem Ansatz der sozialen Identifikation (Makarova, 2008). Die Werke der Sozialpsychologie über die Intergruppenkonflikte befassen sich nach Tajfel und Turner (1986) nur über den Stress, der durch die intraindividuellen und interpersonellen psychologischen Prozesse zum voreingenommenen und diskriminierenden Verhalten führt, jedoch wird in diesen Werken die Identifikation zur eigenen Gruppe nicht berücksichtigt. In der Sozialpsychologie ist das essenzielle Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, dass die Person sich selbst und von anderen zugehörigen der Gruppe als Mitglied der Gruppe definiert wird.“We can conceptualize a group [.] as a collection of individuals who perceive themselves to be members of the same social category, share some emotional involvement in this common definition of themselves, and achieve some degree of social consensus about the evaluation of their group and of their membership in it“ (Tajfel & Turner, 1986, S. 283). Die soziale Kategorisierung wird hier als kognitive Tools, die die soziale Umwelt klassifizieren und ordnen und somit der Person ermöglichen, viele Formen des sozialen Handelns auszuführen, gesehen. Diese kognitiven Tools stellen auch ein System für die Orientierung der Selbstreferenz zur Verfügung und erschaffen und definieren die Zugehörigkeit einer Person in der Gesellschaft. Weiter bringen Tajfel und Turner (1986) den Begriff der sozialen Identität ein, dieser besteht aus den Aspekten des Selbstbildes des Individuums, welches aus den sozialen Kategorien, zu denen sich das Individuum sich zugehörig fühlt, übernommen wird. Tajfel und Turner leiten drei Grundprinzipien her:

1. Individuen versuchen eine positive soziale Identität zu erreichen oder zu halten.
2. Die positive soziale Identität basiert auf vorteilhafte Gegenüberstellung der Eigengurppe („in-group“) und der Fremdgruppe („out-group“).
3. Wenn die soziale Identität als unbefriedigend wahrgenommen wird, wird die Person versuchen entweder die jetzige Gruppe zu verlassen und eine andere, als positiver wahrgenommene Gruppe beizutreten oder versucht die eigene Gruppe zu bessern.

Die grundsätzliche Theorie der sozialen Identität ergibt sich also aus dem Stress, die eigene Gruppe durch Gegenüberstellung der Eigen- und Fremdgruppe als positiv zu bewerten. Das führt soziale Gruppen dazu, sich selbst von anderen Gruppen zu differenzieren (Tajfel & Turner, 1986). Zusammenfassend kann man sagen, dass die Theorie der sozialen Identität auf die Rolle der Formung der Eigengruppenidentität, der kollektiven Selbstevaluation und der sozialen Gegenüberstellung der Eigen- und Fremdgruppe zur Entstehung von diskriminierenden Verhalten verweist (Bourhis, Turner & Gagnon, 1997). Sobald Menschen in (soziale) Kategorien verteilt werden, entstehen die Begriffe der Anderen („the other“) und der Gleichen („the same") (Anthias, 1998). Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass die alleinige Auffassung der Angehörigkeit von zwei verschiedenen Gruppen ausreicht, um Diskriminierung zwischen den Gruppen auszulösen (Tajfel & Turner, 1986). Phinney und Ong (2007) verstehen die ethnische Identität als Aspekt der sozialen Identität. „Social identity theory also addresses the issue of potential problems resulting from participation in two cultures [..] The issue in this case is whether individuals must choose between two conflicting identities or can establish a bicultural ethnic identity“ (Phinney & Ong, 2007, S. 501). Die soziale Identität kann also, bezogen auf Menschen, die mit zwei Kulturen konfrontiert sind, aus der ethnischen und nationalen Identität bestehen (Maehler, 2019).

Die ethnische Identität ist ein multidimensionales und dynamisches Konstrukt (Phinney & Ong, 2007) und wird als Zugehörigkeitsgefühl zur Herkunftsgruppe definiert. Die nationale Identität, die im Gegensatz zur ethnischen Identität nicht viel erforscht wird, ist ebenso ein komplexes Konstrukt und beschreibt das Zugehörigkeitsgefühl zum Aufnahmeland (Phinney et al., 2001). Nach dem Zwei-Dimensionen-Modell sind die ethnische und nationale Identität unabhängig voneinander, im Gegensatz dazu korrelieren die beiden Identitäten nach dem Eindimensionalen beziehungsweise linearen Modell negativ miteinander, das bedeutet, wenn eine Identität hoch ist, ist die andere schwach (Phinney et al., 2001). Die Studie von Berry et al. (2006) zeigt, dass eine starke ethnische Identität nicht direkt eine schwache nationale Identität zur Folge haben muss. Durch eine Clusteranalyse haben sich vier Gruppen gebildet: Die größte Gruppe, die etwa ein Drittel der Stichprobe ergab, zeigte ein Integrationsprofil. Das bedeutet, dass sowohl die ethnische als auch die nationale Identität stark ausgeprägt ist. Die zweite Gruppe, die etwa ein Viertel der Stichprobe ergab, zeigte ein ethnisches Profil, in dem die ethnische Identität stärker ausgeprägt war als die nationale. Die dritte Gruppe zeigte eine schwache Ausprägung der ethnischen, aber dafür eine starke nationale Identität wobei die vierte Gruppe weder eine starke nationale noch starke ethnische Identität zeigte (Phinney & Ong, 2007).

Grundsätzlich kann also festgestellt werden: „Das Gegenstück zu ethnischer Identität bildet nationale Identität, wobei nationale und ethnische Identität sowohl im Einklang als auch im Widerspruch zueinanderstehen können. Den wichtigsten Fall bildet hierbei duale Identität in Form der gefühlten Zugehörigkeit und Verbundenheit mit der Aufnahme- und der Herkunftsgesellschaft“ (Leszczensky & Santiago, 2014, S.11).

2.3 Diskriminierung, Stress und Wohlbefinden

Doch können Diskriminierungserfahrungen tatsächlich negativ auf die Gesundheit wirken? Ist der Stress, der durch diese Erfahrungen ausgelöst wird, ein Risiko für die psychische Gesundheit? Stress kann definiert werden als „...physiologische, psychologische und verhaltensbezogene Anpassung eines Organismus (Stressreaktion) auf umweltbezogene und psychosoziale Reize, sog. Stressoren“ (Werdecker und Esch, 2018, S. 1). Stressoren können physikalische Umweltfaktoren, alltagsbezogene oder auch psychosoziale Faktoren sein, zwischenmenschliche Konflikte fallen unter psychosoziale Faktoren. Stressoren können, wenn diese permanent und kontinuierlich sind, die Person überfordern und gesundheitsschädigend sein (Werdecker und Esch, 2018).

Der Migrationsprozess kommt mit Anpassungsanforderungen und interkulturellen Konflikten, welche dazu führen, dass Migranten ein höheres Risiko haben können an einer seelischen Störung zu erkranken (Göbber et al., 2008). Die Erfahrung von Diskriminierung ist einer dieser Anforderungen. Diese Erfahrungen können verschiedene Auswirkungen auf die Betroffenen haben und können sowohl zu psychischen als auch physischen Folgen führen (Pumariega et al., 2005; Brondolo et al., 2008; Ahmed et al., 2011; Tummala-Narra und Claudius, 2013; Atari und Han, 2018; Flores et al., 2008). Physische Folgen können systolischer Blutdruck, erhöhter Körperfettanteil und hohe Nüchternglukosewerte sein (McClure et al., 2010). Der Stress, der durch die wahrgenommene Diskriminierung ausgelöst wird, kann demnach den psychischen Gesundheitszustand beeinflussen und zu Depressionen und Angst führen (Merbach et al., 2008). Die Übersicht der empirischen Forschungsarbeiten von Williams et al. (2019) über Diskriminierung und die davon ausgehenden gesundheitlichen Folgen weist nach, dass es einen Zusammenhang zwischen der berichteten Diskriminierung und der psychischen und physischen Gesundheit gibt. Auch mit Hilfe der systematischen Übersichtsarbeit gehen Paradies et al. (2013) davon aus, dass Rassismus einen negativen Einfluss auf die Gesundheit hat. Studien in Deutschland zeigen ebenfalls, dass wahrgenommene Diskriminierung einen negativen Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit der Migranten hat (Schnuck et al., 2015; Mewes et al., 2015). Weitere Folgen von Diskriminierungserfahrungen für die Betroffenen können geringes Selbstwertgefühl, ein erhöhtes Risiko der Gewaltbereitschaft und eine höhere Wahrscheinlichkeit, keinen Erfolg in der Bildung zu haben, sein. Dadurch, dass Migranten auch im Arbeitsmarkt Diskriminierung erfahren, wird das Risiko, dass diese in Armut leben, erhöht (Uslucan und Yalcin, 2012). Darüber hinaus ist Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft im Gesundheitswesen nicht unüblich. Migranten erfahren im Allgemeinem schlechtere medizinische Versorgung. Diese negativen Folgen auf die Lebenssituationen der Migranten kann des Weiteren Risiken für die Gesundheit sein (Kirkcaldy et al., 2006).

Inwiefern Rassismuserfahrungen Stressoren für die Betroffenen sein können, versuchen Clark et al. (1999) mit Hilfe des Biopsychosozialen Modells, welches nach dem transaktionalem Stressmodell von Lazaurus und Folkman (1984) aufgebaut ist, zu erklären. Nur wenige Studien haben die Effekte von wahrgenommenen Rassismuserfahrungen mit Hilfe eins ausführlichen und empirisch testbaren biospsychologischen Modells untersucht. Dieses Modell geht davon aus, dass es zu negativen biospsychosozialen Folgen kommen kann, wenn die Rassismuserfahrung als belastend wahrgenommen wird. In diesem Modell werden neben anderen Faktoren der Stressor „Rassismus“ und Bewältigungsstrategien als Mediatorvariable gesehen. Eine Mediatorvariable kann in diesem Modell grundsätzlich einen Einfluss auf die Beziehung der Prädiktor- und Kriteriumsvariable haben. Als Moderatorvariablen nennen Clark et al. (1999) konstitutionelle Faktoren, soziodemographische Faktoren, psychologische und verhaltensbedingte Faktoren. Die Moderatorvariablen können die Richtung und das Ausmaß, in welche die Beziehung der Prädiktor- und Kriteriumsvariable gehen, beeinflussen. Wenn die Umweltreize also als rassistisch wahrgenommen werden, führt das zu psychischen und physiologischen Stressreaktionen, die von naturgegebenen, soziodemographischen, psychologischen und verhaltensbedingten Faktoren und Bewältigungsstrategien beeinflusst werden. Mit der Zeit führen diese Stressreaktionen zur Beeinflussung der Gesundheit. Um mit dem aus den Rassismuserfahrung resultierenden Stress umzugehen, nutzen Betroffene Bewältigungsstrategien.

2.4 Soziale Unterstützung als Schutzfaktor

Aus dem vorherigen Unterkapitel hat sich also ergeben, dass Disrkiminierungs- und Rassismuserfahrungen Stress auslösen können, die eine negative Auswirkung auf die physiologische und psychologische Gesundheit haben können. Doch wie wird auf kognitiver und verhaltensbezogener Ebene auf diese Stressoren reagiert? Dafür werden Bewältigungsstrategien angewendet. Es gibt zwei Arten von Funktionen des Copings, und zwar das emotions- und das problemsfokussierte Coping (Folkman und Lazarus, 1985). Coping kann definiert werden als ständig veränderbare kognitive und verhaltensbezogene Bemühung zur Regelung der innerlichen und äußerlichen Anforderungen, welche die Ressourcen einer Person belasten oder überfordern (Lazarus und Folkman, 1984).

Diskriminierung kann also eine Erfahrung für die Betroffenen sein, welches Stress auslösen kann. Neben der Bewältigung von Rassismus und derer Auswirkungen, wie zum Beispiel die Einschränkung von Chancen und der sozialen Ausgrenzung, müssen Betroffene auch die Emotionen, wie zum Beispiel Trauer und Hoffnungslosigkeit bewältigen (Brondolo et al., 2012). Um diesen Stress zu bewältigen, werden Ressourcen genutzt. Einer dieser Strategien ist die soziale Unterstützung. Unter der sozialen Unterstützung versteht man die Existenz ,, und das Vorhandensein von Menschen, auf welche man sich verlassen kann und einen wissen lassen, dass sie sich um einen sorgen, einen schätzen und lieben (Sarason et al., 1983). Die soziale Unterstützung hat in der Forschung eine positive Auswirkung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden (Folkman und Lazarus, 1985; Genkova, 2018) und eine protektive Wirkung auf belastende Lebenssituationen bewiesen (Diers, 2016). Es wird angenommen, dass soziale Unterstützung die gleiche Wirkungsweise auf den Akkulturationsstress hat, wie sie als Puffervariable auf die Bewältigung von Stress wirkt (Genkova, 2018) und, dass es den von der wahrgenommenen Diskriminierung ausgelösten Stress vermindert (Ajrouch et al.,2010). Die Studie von Quin et al. (2020) erforscht die Langzeiteffekte der Diskriminierung im Alltag auf depressive Symptome von älteren Afroamerikanern. Ältere Afroamerikaner, die Diskriminierung erfahren haben, zeigen eher depressive Symptome und suchen eher nach sozialer Unterstützung von der Familie und von Freunden, um über die Diskriminierungserfahrung zu erzählen und diese zu bewältigen.

Brondolo et al. (2012) erwähnen neben der sozialen Unterstützung zur Bewältigung von Diskriminierungserfahrung die Wutbewältigung und die Entwicklung der ethnischen Identität. Nach einer Studie von Mossakowski, Wongkaren, Hill und Johnson (2018) ist die ethnische Identität auch ein Schutzfaktor für das Wohlbefinden der Migranten, die nicht in den USA geboren wurden. Andererseits ist es kein Schutzfaktor für die Migranten, die in den USA geboren wurden, sondern verstärkt sogar den Stress, der durch die wahrgenommene Diskriminierung entstanden ist. Die Ergebnisse der Studie von Tummala- Narra und Claudius (2013) zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Diskriminierung der Teilnehmer, die in den USA geboren wurden und eine niedrige ethnische Identität hatten und depressiven Symptomen gibt. Für die in den USA geborenen Teilnehmern mit hoher ethnischer Identität hat die wahrgenommene Diskriminierung keinen Einfluss auf depressive Symptome gehabt.

2.5 Integration und Zugehörigkeit

Nach der „Need to belong“ Theorie von Baumeister und Leary (1995) ist der Wunsch nach Zugehörigkeit ein Grundbedürfnis von Menschen. Doch was bedeutet es, sich zu Deutschland zugehörig zu fühlen? Das Projekt ZuGleich hat 2018 deutsche Bürger befragt, welche Bedingungen für eine Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft erfüllt werden müssen. Mehr als 75% der Befragten beantworteten „Deutsch sprechen zu können“, „Die deutschen politischen Institutionen und Gesetze zu achten“, „Sich in Deutschland zu Hause zu fühlen“ und „Erwerbstätig zu sein“ mit mindestens „eher wichtig“. Eine andere Studie zeigt, dass sich 63% der türkischstämmigen Befragten in Deutschland zuhause fühlen, während sich 44% zwischen beiden Ländern hin- und hergerissen fühlen (Sauer, 2016). Wie willkommen sich Migranten im Aufnahmeland fühlen, wird in der Studie von Adedeji und Bullinger (2019) als subjektive Integration bezeichnet. Die Integration wird von der APPG (2017) als Ausmaß definiert, in dem Menschen die gemeinsamen Normen und Werte annehmen und gemeinsam leben. Allgemein wird jedoch zwischen zwei Arten der Integration unterschieden, der System- und der Sozialintegration. Die Systemintegration geht auf die Gesellschaft als ganzes System ein, während die Sozialintegration sich darauf fokussiert, wie sich die ethnischen Gruppen in diesem System integrieren (Uslucan und Yalcin, 2012). Genauer gesagt umfasst die soziale Integration ein Netz aus sozialen Beziehungen, Aktivitäten und Interaktionen mit der sozialen Umgebung. Diese Interaktionen lassen sich für Migranten meistens durch die Anpassung an die Kultur und der Sprache des Aufnahmelandes messen (Adedeji & Bullinger, 2019). Doch was bedeutet Integration jetzt genau? Muss die Herkunftskultur vollkommen aufgegeben werden, damit die Kultur des Aufnahmelandes angenommen werden kann und man somit „integriert“ ist? Wie schon erwähnt werden bei der Akkulturationsstrategie der Integration nach Berry (1974) beide Kulturen als wertvoll angesehen und wird von den vier Akkulturationsstrategien am meisten bevorzugt (Sam und Berry, 2010). Die Akkulturationsstrategie der Integration übt darüber hinaus im Gegensatz zu den anderen Strategien den positivsten Einfluss auf die mentale Gesundheit von Migranten aus (Choi et al., 2020). Es ist also möglich die Kultur des Aufnahmelandes als wertvoll zu betrachten, ohne dabei die eigene Kultur aufgeben zu müssen. Die emotionale Integration, welche im Prinzip die „Endphase“ ist, ist hingegen „[...] die gefühlsmäßige Haltung zur Herkunfts­und zur Aufnahmegesellschaft und die Beibehaltung bzw. Übernahme jeweils dominanter Einstellungen und Wertorientierungen“ (Kalter, 2008, S. 25).

Laut Döring (2007) kann wahrgenommene Diskriminierung zu einer negativen Haltung gegenüber der Mehrheit der deutschen Gesellschaft und zu einer geringeren Identifikation mit Deutschland führen. Eine negative Haltung zum Aufnahmeland kann den von Diskriminierung Betroffenen helfen, die Folgen der Erfahrung zu verringern, da diese Erfahrung durch die skeptische Haltung der Gesellschaft gegenüber nicht mehr überraschend ist (Döring, 2007). Zusätzlich kann Diskriminierung auch die Integrationsbereitschaft verringern und die Auslösung von Reethnisierungsprozessen begünstigen (Uslucan & Yalcin, 2012). Nach Berry et al. (2006) befinden sich junge Immigranten, die weniger Diskriminierung wahrnehmen, eher auf dem Integrationsprofil und fühlen sich dem Aufnahmeland eher zugehörig. Andererseits tendieren junge Immigranten, die mehr Diskriminierung wahrnehmen dazu, die Beteiligung am Aufnahmeland abzulehnen und orientieren sich eher an ihre ethnische Gruppe. „However, when not discriminated against, they approach the national society with the same degree of respect that has been accorded to them „(Berry et al., 2006, S. 326).

Weiterhin hat die Befragung von türkischstämmigen Personen gezeigt, dass Diskriminierungserfahrungen neben anderen Faktoren, wie zum Beispiel interkulturelle Freizeitbeziehungen, einen Einfluss auf das Zugehörigkeitsgefühl haben. „Bei häufigem Freizeitkontakt zu Einheimischen, bei nicht vorhandener Diskriminierungswahrnehmung, bei heimatlicher Verbundenheit mit Deutschland (und mit beiden Ländern) sowie bei Bleibeabsicht ist das Zugehörigkeitsgefühl überdurchschnittlich“ (Sauer, 2016, S. 89). In der Forschung wird also davon ausgegangen, dass die wahrgenommene ethnische Diskriminierung einen negativen Einfluss auf den Integrationsprozess und dem Zugehörigkeitsgefühl zum Aufnahmeland hat.

2.6 Fragestellung

Einige Studien beweisen also den Einfluss der wahrgenommenen Diskriminierung auf die Gesundheit und auch auf das Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland. Trotzdem wurde der Datenbedarf an Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft und die Folgen auf das Zugehörigkeitsgefühl der Migranten zu Deutschland noch nicht genug erforscht worden. Andere Forscher erwähnen auch den Mangel der Untersuchung der psychischen Konsequenzen von wahrgenommener ethnischer Diskriminierung in der Forschungsliteratur (Cassidy, O'Connor, Howe & Warden., 2004). Diese Arbeit konzentriert sich neben den Folgen von wahrgenommener Diskriminierung auf die psychische Gesundheit und dem Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland auch auf die soziale Unterstützung. Durch diese Erkenntnisse bilden sich folgende Hypothesen:

1. Hypothese: Die Wahrnehmung von Diskriminierung führt zu einer geringeren nationalen Identität und Identifikation zu Deutschland.
2. Hypothese: Die wahrgenommene Diskriminierung hat einen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit.
3. Hypothese: Die soziale Unterstützung kann den von der wahrgenommenen Diskriminierung ausgelösten Stress verringern. Aus der ersten Hypothese lässt sich eine weitere Hypothese bilden.
4. Hypothese: Die Wahrnehmung von Diskriminierung führt zu einer höheren ethnischen Identität. Eine weitere zusätzliche Hypothese leitet sich von dem vorherigen theoretischen Hintergrund ab.
5. Hypothese: Die ethnische Identität kann als Schutzfaktor für das Wohlbefinden agieren.

Die Hypothesen können durch zwei Modelle (Siehe Anhang, S. 54: Modell 1. und Modell 2.) vereinfacht dargestellt werden.

Im nächsten Kapitel wird die Methodik, welche benutzt wird, um diese Hypothesen zu bestätigen, dargestellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Rassismus und wahrgenommene Diskriminierung. Der Einfluss auf das Zugehörigkeitsgefühl von Menschen mit Migrationshintergrund
Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst)
Note
2,0
Jahr
2021
Seiten
62
Katalognummer
V1160740
ISBN (eBook)
9783346562296
ISBN (Buch)
9783346562302
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Diskriminierung, Zugehörigkeit, Migration
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Rassismus und wahrgenommene Diskriminierung. Der Einfluss auf das Zugehörigkeitsgefühl von Menschen mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1160740

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