Heute sind dem Menschen neue Gestaltungsräume auch innerhalb seiner eigenen Gattung möglich. Humangenetik und Reproduktionsmedizin eröffnen ihm diese. Die Grenze verschiebt sich merklich, doch welche Grenzbereiche sind betroffen? Ist es noch möglich, tatsächlich zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit zu unterscheiden, welche Methoden sind moralisch verwerflich und warum? Ab wann greift die Künstlichkeit in die Fortpflanzung des Menschen ein? Ist es moralisch richtig, allein der Natur die Entscheidung über Leben und Sterben zu überlassen? Fragen die der Philosoph Dieter Birnbacher in den Kapiteln 6 und 7 seiner „Natürlichkeit“ klären will.
Inhaltsverzeichnis
Einführend
Abstufungen der Künstlichkeit
Bioethische Kritik
„Natürlichkeitsargumente in der Reproduktionsmedizin“
„Natürlichkeitspräferenzen versus Natürlichkeitsprinzipien“
Bevorzugung des Natürlichen?
Die Geschlechtswahl: biopolitische Aspekte
Reproduktives Klonen im Rahmen der Natürlichkeitsprinzipien
Von den Grenzen der Gattungswürde
Gattungsethische Aspekte
Die menschliche Natur
Menschenbilder
Über den Posthumanismus
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Kapitel 6 und 7 von Dieter Birnbachers Werk „Natürlichkeit“, um die moralische Vertretbarkeit moderner Reproduktionstechnologien im Spannungsfeld zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit kritisch zu hinterfragen. Ziel ist es, die Gültigkeit von Natürlichkeitsargumenten zu prüfen und die ethischen Grenzen menschlicher Einflussnahme auf die eigene Fortpflanzung und Gattungsidentität zu eruieren.
- Kriterien und Abstufungen der Künstlichkeit in der Reproduktionsmedizin
- Bioethische und theologische Kritik an künstlichen Fortpflanzungsmethoden
- Natürlichkeitsprinzipien vs. Natürlichkeitspräferenzen in der ethischen Bewertung
- Implikationen der Geschlechtswahl und des reproduktiven Klonens
- Herausforderungen durch Posthumanismus und Gattungsethik
Auszug aus dem Buch
Abstufungen der Künstlichkeit
Heute haben wir die Möglichkeit unsere Fortpflanzung gezielt zu steuern. An welcher Stelle Künstlichkeit beginnt muss diskutiert werden. Birnbacher formuliert verschiedene Stufen der Künstlichkeit. Die Zukunft hält weitere Steuerungsmöglichkeiten bereit, dies könnte durch die Testung fötaler Zellen bis zur qualitativen Auswahl des Nachwuchses führen. Bereits mit Mitteln zur Verhinderung einer Empfängnis greifen wir in den Fortpflanzungsprozess ein. Ob Künstlichkeit bereits beim Bestimmen des Schwangerschaftszeitpunktes beginnt muss jede Mutter für sich entscheiden. Ebenso wie es Mittel zur Verhinderung einer Empfängnis gibt, existieren künstliche Mittel der Reproduktion. Die Unterscheidung in „künstlich“ und „natürlich“ erschöpft sich und ist schon längst nicht mehr ausreichend. Von vielen Paaren werden künstliche Methoden der Reproduktion als unnatürlich empfunden, da der Zeugungsakt selbst, oftmals außerhalb und von der Sexualität entkoppelt stattfindet. Natürlich können diese Methoden kinderlosen Paaren helfen ihren Wunsch nach einem Baby zu erfüllen, jedoch geschieht dies nicht auf natürliche Weise. Selbstverständlich fällt es schwer das Ausmaß der Künstlichkeit im Einzelnen zu bestimmen, auch bis wann ihr Einsatz moralisch gerechtfertigt wäre und unter welchen Bedingungen. Birnbacher systematisiert dieses Ausmaß, indem er in 3 Kriterien der Künstlichkeit unterscheidet; den technischen Aufwand, die Nachahmung natürlicher Vorgänge und die Ausschaltung natürlicher Variabilität. Für den technischen Aufwand sind die jeweiligen Abstufungen der Künstlichkeit von prioritärer Bedeutung, so ließe sich bei einer Leihmutterschaft bspw. ein niedrige Künstlichkeit feststellen, während sie bei der In-vitro-Fertilisation durchaus hoch ist. Die In-vitro-Fertilisation selbst, oder auch „Künstliche Befruchtung“ ist an sich nicht künstlich, hier würde die Nachahmung eines natürlichen Vorganges stattfinden. Der Vorgang der Befruchtung läuft genauso ab, wie auch auf natürliche Weise im Eileiter, nicht die Befruchtung ist künstlich, sondern der Ort, wo diese stattfindet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführend: Die Einleitung beleuchtet die neuen Gestaltungsräume der Humangenetik und Reproduktionsmedizin und stellt die zentrale Frage nach der moralischen Rechtfertigung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit.
Abstufungen der Künstlichkeit: Dieses Kapitel erläutert Birnbachers Systematisierung der Künstlichkeit anhand dreier Kriterien und diskutiert die moralische Komplexität technischer Eingriffe in den Fortpflanzungsprozess.
Bioethische Kritik: Hier wird die Kritik an der „Industrialisierung“ der Reproduktion und an starren dogmatischen oder theologischen Denkmustern im Kontext der modernen Bioethik thematisiert.
„Natürlichkeitsargumente in der Reproduktionsmedizin“: Die Autorin untersucht die Rolle der Natürlichkeit als Nebenrolle sowie den Konflikt zwischen gesundheitsorientierter Anwendung und Natürlichkeitsnormen.
„Natürlichkeitspräferenzen versus Natürlichkeitsprinzipien“: Es erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit der Unterscheidung zwischen einer Präferenz für das Natürliche und einem moralischen Prinzip, gestützt auf das „Principle of agency“.
Bevorzugung des Natürlichen?: Dieses Kapitel analysiert die psychologische und säkulare Asymmetrie in der Bewertung von natürlich-zufälligem gegenüber anthropogen-gezieltem Handeln.
Die Geschlechtswahl: biopolitische Aspekte: Die Diskussion konzentriert sich auf die moralischen Implikationen der gezielten Auswahl qualitativer Merkmale und die Problematik gesellschaftlicher Tabus.
Reproduktives Klonen im Rahmen der Natürlichkeitsprinzipien: Hier wird die Argumentation gegen das Klonen untersucht, wobei die Schwäche rein auf „Menschenwürde“ basierender Argumente kritisch hinterfragt wird.
Von den Grenzen der Gattungswürde: Die Autorin betrachtet die Risiken von Mensch-Tier-Hybriden und die Bedeutung des Reinheitsprinzips der menschlichen Gattung.
Gattungsethische Aspekte: Es wird die Konzeption Jürgen Habermas’ zur Integrität der Gattung und die Frage nach der Sakrosanktheit der menschlichen Natur erörtert.
Die menschliche Natur: Dieses Kapitel differenziert zwischen dem biologischen Substrat und dem Mensch als Kulturwesen in der Debatte um die natürliche Natur.
Menschenbilder: Die Autorin reflektiert den historischen Wandel von Selbstbildern und die daraus resultierende Notwendigkeit der stetigen Neudefinition menschlicher Identität.
Über den Posthumanismus: Abschließend wird das Gefahrenpotenzial transhumanistischer Ansätze hinsichtlich der Identitätsverlustgefahr und der Auflösung von Gattungsgrenzen bewertet.
Schlüsselwörter
Natürlichkeit, Künstlichkeit, Reproduktionsmedizin, Bioethik, Menschenwürde, Gattungsethik, In-vitro-Fertilisation, Geschlechtswahl, Klonen, Posthumanismus, Mensch-Tier-Hybriden, Transhumanismus, Fortpflanzungstechnologie, Genetische Manipulation, Natürlichkeitprinzip.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen bioethischen Auseinandersetzung mit Dieter Birnbachers Kapiteln 6 und 7 aus seinem Werk „Natürlichkeit“, wobei der Fokus auf den Spannungen zwischen technischer Reproduktion und naturgegebenen Abläufen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abstufungen von Künstlichkeit, die ethische Legitimität von Reproduktionsverfahren, die Rolle der Menschenwürde sowie die gattungsethischen Gefahren durch moderne Biotechnologie.
Welche Forschungsfrage verfolgt die Autorin?
Die Arbeit untersucht, ob und inwieweit eine Unterscheidung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit moralisch haltbar ist und welche ethischen Grenzen bei der Gestaltung menschlichen Lebens durch Medizin und Technik gezogen werden sollten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine philosophisch-ethische Analyse, bei der sie die Thesen Dieter Birnbachers mit eigenen Argumenten und aktuellen gesellschaftlichen sowie rechtlichen Diskursen, etwa zur Gesetzgebung in Deutschland, vergleicht.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt methodische Stufen der Künstlichkeit, bioethische Kritik an der Reproduktionsmedizin, die Problematik der Geschlechtswahl, das reproduktive Klonen sowie die Grenzen der Gattungswürde im Lichte des Posthumanismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Zu den prägenden Begriffen gehören Natürlichkeit, Reproduktionsmedizin, Bioethik, Menschenwürde, Gattungsethik, Klonen und Transhumanismus.
Wie bewertet die Autorin das Embryonenschutzgesetz?
Sie hält das deutsche Embryonenschutzgesetz für teilweise überholt und kritisiert, dass dessen Begründung mittels einer pauschalen Berufung auf die Menschenwürde nicht mehr dem aktuellen wissenschaftlichen und ethischen Diskurs entspricht.
Welche Position vertritt die Autorin zum reproduktiven Klonen?
Sie lehnt reproduktives Klonen primär aufgrund der hohen Risiken und der fehlenden gesundheitlichen Notwendigkeit ab, distanziert sich jedoch von der rein dogmatischen Argumentation, dass der Vorgang per se gegen die Menschenwürde verstoße.
- Citation du texte
- Julia Kulewatz (Auteur), 2008, Bioethische Betrachtungen anhand von Dieter Birnbachers „Natürlichkeit“, Kapitel 6 und 7: , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116099