Darstellung von Inter- und Transkulturalität im Film "Gegen die Wand" von Fatih Akin


Hausarbeit, 2021

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Kultur
2.2. Interkulturalität
2.3. Transkulturalität

3. Darstellung von Inter-und Transkulturalität im Film „Gegen die Wand“
3.1. Umgang mit der eigenen Herkunft
3.2. Darstellung des türkischen Elternhauses
3.3. Stereotype
3.4. Identitätsfindung

4. Fachdidaktische Überlegungen für den Unterricht

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Inter- und Transkulturalität sind zentrale Begriffe in der modernen Gesellschaft und werden auch vielfach in Literatur und Filmen aufgegriffen. Interkulturalität bezeichnet den „Austausch zwischen den Kulturen und die Tatsache, dass kulturelle Identität nur in diesem Austausch und in der Mischung zwischen Eigenem und Fremden begriffen werden kann“1, während Transkulturalität „nicht das Zwischen oder das Nebeneinander, sondern das über das Kulturelle Hinausgehende, Grenzüberschreitende und somit wieder Verbindende und Gemeinsame ins Zentrum“2 stellt. In einer heterogenen Gesellschaft ist die Förderung kommunikativer interkultureller Kompetenzen unerlässlich, weshalb diese auch Eingang in den Bildungsplan3 finden. Besonders Literatur und Filme können Inter- und Transkulturalität aufgreifen und für Schülerinnen und Schüler erfahrbar machen. Ein Film, der sich diesem Thema nähert, ist Gegen die Wand vom Regisseur Fatih Akin. In der Hausarbeit soll erläutert werden, wie der Film Gegen die Wand Inter- und Transkulturalität aufgreift und welche Bedeutung Herkunft, Familie, Tradition, Migration und Identität haben.

Dafür muss zunächst der Kulturbegriff geklärt und die Konzepte von Inter- und Transkulturalität näher erläutert werden. Im nächsten Schritt wird der Film Gegen die Wand auf Elemente der Inter- und Transkulturalität untersucht. Dabei soll erläutert werden, wie im Film mit der eigenen Herkunft umgegangen wird und wie traditionelle türkische Elternhäuser dargestellt werden. Auch die im Film gezeichneten Stereotype und die Identitätsfindung der Protagonisten sollen diskutiert werden. Darüber hinaus werden fachdidaktische Überlegungen für den Unterricht angestellt, fruchtbare Möglichkeiten, aber auch mögliche Probleme des didaktischen Einsatzes des Films im Unterricht aufgezeigt. Zuletzt soll ein Resümee zu den Erkenntnissen dieser Arbeit gezogen werden.

2. Begriffsbestimmungen

„Die Dynamik kultureller Pluralität ist in den letzten Jahrzehnten zu einer alltäglichen Erfahrung geworden“4. In den engen Verflechtungen in einer globalisierten Welt, aufgrund der internationalen beruflichen Mobilität und angesichts des hohen Aufkommens weltweiter Fluchtmigration nehmen diese empfundenen Erfahrungen mit Fremdheit und anderen Kulturen immer mehr zu.5 Das Nebeneinander, das Miteinander und das Ineinander von Kulturen wird mit Konzepten von Multi-, Inter- und Transkulturalität beschrieben, wobei um diese Konzepte zu erläutern zunächst der Kulturbegriff geklärt werden muss.6

2.1. Kultur

Die Deutung des Kulturbegriffs durch die Humanwissenschaften zeigt sich heute häufig als vieldeutig und diffus.7 Nach Hofmann wird Kultur als „Ensemble des vom Menschen als sinnvoll Erachteten und als Ensemble der planvoll veränderten Welt verstanden“8. Diese Definition hält sich an die Übersetzung des lateinischen Worts cultura, welches beackern oder bebauen meint.9 Das heutige Alltagsverständnis des Kulturbegriffs als Nationalkultur (die deutsche Kultur, die türkische Kultur) geht vor allem auf Johann Gottfried Herder, Ende des 18. Jahrhunderts, zurück.10 Dieser sprach von Kulturen im Plural und stellte sich Kulturen als Kugeln vor, welche einen Mittelpunkt der Glückseligkeit, analog zum Schwerpunkt einer Kugel, in sich selbst habe.11 Des Weiteren stießen die Kugeln einander ab, wobei die Kulturen selbst intern homogen und kohärent und extern abweisend seien.12 Folglich ergibt sich, dass alle Mitglieder einer Kultur die gleiche Lebensform, sprich dasselbe Weltbild, dieselben Überzeugungen und alltäglichen Vorzügen haben, sowie eine strikte Abgrenzung nach außen.13 „Die Kulturen sind also, dem Kugelmodell entsprechend, auf Alterität, auf Differenz und Abgrenzung gepolt“14. Nach Rauh umfasst ein weit gefasster Kulturbegriff nicht nur auf die Sprache, Weltanschauung, Verhaltensnormen oder geografische Konstrukte, sondern auch z.B. das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, die soziale Umgebung oder der Kleidungsstil, welche allesamt „Anhaltspunkte für kulturelle Unterscheidungen und damit ein kulturelles Zugehörigkeitsgefühl liefern. Die Kultur wird dadurch zu einem Instrument der Ex- und Inklusion“15. Homogenität und Heterogenität waren und sind dabei hinsichtlich z.B. Sprache oder Religion ein Mittel der Fremd- oder Selbstzuschreibung von Menschen und Gruppen.16 Daher hat der alltäglich verwendete Kulturbegriff meist die Funktion, Menschen nach ihrer Zugehörigkeit bestimmten Gruppen zuzuordnen. Allerdings handelt es sich bei den Kulturgruppen häufig nicht um faktische Kulturen, sondern um subjektiv vorgestellte Kulturgruppen, zu welchen Menschen subjektiv zugeordnet werden.17

2.2. Interkulturalität

Der Deutung von Kulturen als idealtypische Gemeinschaften mit z.B. gemeinsamer Sprache oder Traditionen folgt Anderson, sieht Nationen allerdings als imaginäre Gemeinschaften, deren Identität durch kulturelle Hervorbringungen und einen gesellschaftlichen Diskurs gestiftet wird, wobei diese ständigen Veränderungen unterworfen sind, welche nur im Austausch mit anderen Kulturen und Nationen verstanden werden können.18 Diesen Austausch zwischen den Kulturen bezeichnet der Begriff der Interkulturalität, wobei „die kulturelle Identität nur in diesem Austausch zwischen den Kulturen und in der Mischung zwischen Eigenem und Fremdem begriffen werden kann“19. Das Konzept der Interkulturalität beruht also ebenfalls auf der Prämisse, verschiedene Kulturen seien voneinander abgegrenzt: das Eigene und das Fremde. Das Fremde kann im Austausch als Resonanzboden des Eigenen, als Gegenbild, als Ergänzung oder als Komplementäres angesehen werden.20 Der Interkulturalitätsdiskurs betont also in Abgrenzung zum Multikulturalismus „nicht das Nebeneinander, sondern das Aufeinandertreffen, Miteinander und Verwobensein heterogener Kulturen“21.

2.3. Transkulturalität

Welsch ist der Ansicht, dass gegenwärtige Kulturen keinen Kugelcharakter mehr besitzen, sondern vielmehr von Mischungen und Durchdringungen gekennzeichnet sind.22 „Aufgrund von Migrationsprozessen und der internationalen Vernetzung gleichen sich kulturelle Vorstellungen heutzutage kontinuierlich aneinander an, was zunehmend in der Schwierigkeit mündet, zwischen Eigenem und Fremdem zu unterschieden“23. Demnach besitzt nicht nur eine Kultur, sondern jedes Mitglied einer Gesellschaft selbst zahlreiche verschiedene Kulturkomponenten und stellt demnach einen kulturellen Mischling dar.24 Diese Verflechtungen und Gemeinsamkeiten, die quer durch die Gesellschaften hindurchgehen und die Grenzen der alten Kulturverfassungen überschreiten, werden mit dem Begriff der Transkulturalität gekennzeichnet.25 Transkulturalität stellt demnach „nicht das Zwischen oder das Nebeneinander, sondern das über das Kulturelle Hinausgehende, Grenzüberschreitende und somit wieder Verbindende und Gemeinsame ins Zentrum“26. Kultur stellt nach Welsch nichts Trennendes, sondern etwas Verbindendes dar.27 Das kulturtheoretische Leitbild soll fortan nicht mehr eine Kugel, sondern Netze oder Geflechte sein.28 Darüber hinaus merkt Welsch an, dass die Homogenitätsthese nicht mehr länger gültig ist: Alle Gesellschaften sind demnach vertikal (z.B. arm bzw. reich) und horizontal differenziert (z.B. homo- bzw. heterosexuelle Orientierung), was jeweils drastische Abweichung in kulturellen Mustern und Lebensweisen und damit eine Heterogenität innerhalb der Kultur zur Folge hat.29 Gründe für das Verschwinden von Grenzen zwischen Eigen- und Fremdkultur sind der globale Kapitalismus, weltweite Verkehrs- und Kommunikationssysteme und Migrationsprozesse, wodurch sich „in jedem Land auch kulturelle Inhalte aller anderen Länder der Welt auf [der] Ebene der Bevölkerung, der Waren und der Information [befinden]“30.

3. Darstellung von Inter- und Transkulturalität im Film „Gegen die Wand“

Im Film „Gegen die Wand“ von Regisseur Fatih Akin finden sich zahlreiche Elemente von Inter­oder Transkulturalität. Zunächst fällt die Sprache als interkulturelles Element auf. Innerhalb eines Gesprächs wird zwischen der deutschen und der türkischen Sprache gewechselt (Code­Switching), andererseits finden einige Dialoge auch ausschließlich auf Türkisch (z.B. innerhalb der Familie Sibels) oder auf Deutsch statt. Gegen Ende des Films reist Cahit nach Istanbul, wobei er in einer Unterhaltung mit Sibels Cousine ins Englische wechselt,31 weshalb Istanbul als transkultureller Raum bezeichnet werden kann.32 Auch fährt Cahit dort bei einem deutschsprechenden Taxifahrer mit, der aus Deutschland abgeschoben wurde.33 Sofort wechseln sie ins Deutsche, wobei der bayrische Dialekt des Taxifahrers sowie das Plattdeutsch Cahits deutlich zu hören ist.34 Der geographische Ortswechsel von Hamburg und Istanbul sowie die Tongestaltung, welche sich zwischen westlichem Punkrock und traditioneller Folkloremusik, welche auch visuell durch ein Ensemble dargestellt wird,35 hin und her bewegt, stellen weitere interkulturelle Elemente in Akins Film dar. Selten ertönt auch Rockmusik mit türkischen Texten. Sibels Familie selbst weist eine starke traditionell-türkische Prägung auf: es wird Türkisch gesprochen, es gibt eine klare Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen und die Ehre der Familie gilt als hohes Gut. Damit ist die Familie Sibels innerhalb der modernen, westlichen Umwelt selbst ein Element der Interkulturalität. Der Film zeigt Istanbul als eine Stadt, die von einer urbanen, globalisierten Kultur geprägt ist, die weitaus weniger traditionell ist, als die türkische Kultur türkischer Migranten, welche als Arbeitskräfte aus den ländlichen Räumen der Türkei angeworben wurden und in Deutschland ihre Werte und Traditionen bewahrt haben.36 Die Heimat, die Türkei, ist für beide, Cahit und Sibel, eher ein Ort der Fremdheitserfahrung, wobei Fatih Akin das „überholte Konzept einer singulären und geographisch fixierten Heimatverbundenheit, worin die Ethnizität eines Menschen die einzige Quelle seines Identitätskonstrukts sein soll [, hinterfragt]“37. Im Film sind sowohl die Einflüsse des deutschen Kinos, als auch des türkischen (z.B. das Verschmelzen von Tragik und Komödie) zu erkennen, womit Akin die Grenzen des nationalen Kinos überschreitet und ein interkulturelles Kino mitprägt.38

[...]


1 Hofmann, Michael/Patrut, Iulia-Karin: Ansätze, Theorien und Methoden der Analyse interkultureller Literatur, In: Bogdal, Klaus-Michael/Grimm, Gunter E. (Hrsg.), Einführung in die interkulturelle Literatur, Darmstadt, Deutschland: WBG, 2015, S. 7.

2 Vgl. Domenig, Dagmar: Das Konzept der transkulturellen Kompetenz, in: Dagmar Domenig (Hrsg.), Transkulturelle Kompetenz: Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe, Bern, Schweiz: Hans Huber, 2007.

3 Vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg und Landesinstitut für Schulentwicklung (Hg.): Interkulturelle kommunikative Kompetenz, in: Bildungspläne-bw, 09.09.2021, http://www.bildungsplaene- bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/SEK1/SPA3PROFIL/IK/10/02 (abgerufen am 09.09.2021).

4 Rauh, Andreas: Fremdheit und Interkulturalität: Aspekte kultureller Pluralität, Bielefeld, Deutschland: Transcript Verlag, 2017, S. 7.

5 Vgl. Haß, Jessica: Stereotype im interkulturellen Training, Wiesbaden, Deutschland: Springer Publishing, 2020, S. 1.

6 Vgl. Hofmann, Michael/Iulia-Karin Patrut: Einführung in die interkulturelle Literatur, Darmstadt, Deutschland: WBG, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015, S. 7.

7 Vgl. Rauh, 2017, S. 7.

8 Hofmann/Patrut, 2015, S. 7.

9 Vgl. Buchwald, Petra/Kerstin Göbel: Interkulturalität und Schule: Migration - Heterogenität - Bildung, Uni-Taschenbücher GmbH/Verlag Ferdinand Schöningh (Hrsg.), Paderborn, Deutschland: UTB, 2017, S. 60.

10 Vgl. Haß, 2020, S. 21f.

11 Vgl. Welsch, Wolfgang: Transkulturalität: Realität und Aufgabe, in: Hans Giessen/Christian Rink (Hrsg.), Migration, Diversität und kulturelle Identitäten: sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Berlin, Deutschland: J.B. Metzler, 2020, S. 3f.

12 Vgl. Haß, 2020, S. 22.

13 Vgl. Welsch, 2020, S. 4.

14 ebd., S. 4.

15 Rauh, 2017, S. 7.

16 Vgl. ebd., S.8.

17 Vgl. Buchwald/Göbel, 2017, S. 61f.

18 Vgl. Hofmann/Patrut, 2015, S. 7.

19 ebd., S. 7.

20 Vgl. Hofmann/Patrut, S.13.

21 Rauh, 2017, S. 7f.

22 Vgl. Welsch, 2020, S. 5.

23 Buchwald/Göbel, 2017, S. 72f.

24 Vgl. Buchwald/Göbel, 2017, S. 83f.

25 Vgl. Welsch, 2020, S. 5.

26 Domening/Altendorfer, 2007, S. 172

27 Vgl. Welsch, 2020, S. 15f.

28 Vgl. Welsch, 2020, S. 5.

29 Vgl. Welsch, 2020, S. 5f.

30 Haß, 2020, S. 39.

31 Schubert, Stefan/Ralph Schwingel, & Akin, Fatih (Regisseur): Gegen die Wand [Film], Wüste Film GmbH, Deutschland, 2004, 01:42:28-01:44:27.

32 Vgl. Blumentrath, Hendrik: Transkulturalität: türkisch-deutsche Konstellationen in Literatur und Film, Münster, Deutschland: Aschendorff, 2007, S. 115.

33 Vgl. Schubert/Schwingel/Akin, 2004, 01:37:44-01:38:57.

34 Vgl. Alkin, Ômer/Tunçay Kulaoglu/Martina Priessner: Stationen der Migration, in: Deutsch-Türkische Filmkultur im Migrationskontext, Wiesbaden, Deutschland: Springer Publishing, 2017, S. 40f.

35 Vgl. Schubert/Schwingel/Akin, 2004, 00:00:46-00:02:10.

36 Vgl. Twele, Holger/Andrea Wienen: Gegen die Wand | bpb, in: bpb.de, 02.09.2004, https://www.bpb.de/shop/lernen/filmhefte/34120/gegen-die-wand (abgerufen am 07.09.2021), S. 10.

37 Lee, Tessa: Interkulturelles Lernen mit Fatih Akins „Gegen die Wand“ (2004), in: Die Unterrichtspraxis / Teaching German, Bd. 44, Nr. 1,2011, https://www.istor.org/stable/41302902, S.

38 Vgl. Blumentrath, 2007, S. 117.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Inter- und Transkulturalität im Film "Gegen die Wand" von Fatih Akin
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Inter- und Transkulturalität in Literatur und Film
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1165740
ISBN (Buch)
9783346575074
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, inter-, transkulturalität, film, gegen, wand, fatih, akin
Arbeit zitieren
Samuel Haug (Autor:in), 2021, Darstellung von Inter- und Transkulturalität im Film "Gegen die Wand" von Fatih Akin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165740

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