Langzeitarbeitslosigkeit als Form von Behinderung


Diplomarbeit, 2007

127 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit
1.1. allgemeine Beschreibung
1.2. Ursachen
1.2.1. wirtschaftliche Ursachen
1.2.2. individuelle Ursachen
1.2.3. politische Ursachen
1.3. Folgen
1.3.1. persönliche Folgen
1.3.1.1. wirtschaftliche Folgen
1.3.1.2. psychische und körperliche Folgen
1.3.1.3. soziale Folgen
1.3.2. gesellschaftliche Folgen
1.3.2.1. strukturelle Benachteiligung
1.3.2.2. Verlust der Arbeitsmentalität
1.3.2.3. Abhängigkeit von öffentlicher Unterstützung
1.3.2.4. Gewalt
1.3.2.5. Entwicklung sozialreformerischer Ideen
1.4. Resumée

2. Der Begriff der Behinderung
2.1. Die Entwicklung des Begriffs
2.2. Der inhaltliche Rahmen
2.2.1. Die Definition des Sozialgesetzbuchs
2.2.2. Die Definition der Weltgesundheitsorganisation
2.2.3. Behinderung als pädagogischer Begriff
2.2.4. Behinderung als interdisziplinärer Begriff
2.3. Zusammen

3. Die Untersuchung eines inhaltlichen Zusammenhangs
3.1. Interviews
3.1.1. Die Vorbereitung der Interviews
3.1.2. Die Auswertung
3.2. Wissenschaftliche Literatur
3.3. Die Umfrage: Langzeitarbeitslosigkeit als Form von Behinderung
3.3.1. Der Entwurf
3.3.2. Der Fragebogen .

4. Langzeitarbeitslosigkeit als Form von Behinderung?
4.1. Zum Stand der wissenschaftlichen Diskussion
4.2. Zur Interpretation der Interviews
4.3. Die Umfrage „Langzeitarbeitslosigkeit als mögliche Behinderung“
4.3.1. Ergebnisse zum Thema „Langzeitarbeitslosigkeit“
4.3.2. Bilanz zum Thema „Behinderung“
4.3.3. Resultate „Langzeitarbeitslosigkeit und Behinderung“
4.3.4. Gesamt
4.4. Fazit
4.4.1. Zu These 1: Langzeitarbeitslosigkeit ist eine Form von Behinderung
4.4.2. Zu These 2 : Langzeitarbeitslosigkeit und Behinderung haben gemeinsame Merkmale

5. Diskussion
5.1. Zum Begriff der Behinderung
5.2. Zur Frage des Menschenbildes
5.3. Folgen
5.3.1. pädagogische Folgen
5.3.2. gesellschaftspolitische Folgen

Literatur Anhang

Anhang 1: Wesentliche
Person 1
Person 2
Person 3
Person A
Person B
Person C
Person E
Person F
Person G

Anhang 2: Die Ergebnisse der
Langzeitarbeitslosigkeit, gesamt
Langzeitarbeitslosigkeit, männlich
Langzeitarbeitslosigkeit, weiblich
Behinderung, gesamt
Langzeitarbeitslosigkeit und Behinderung, gesamt
Langzeitarbeitslosigkeit und Behinderung, männlich
Langzeitarbeitslosigkeit und Behinderung, weiblich

Einleitung

Die Entstehung vieler Einrichtungen der Sonderpädagogik in Deutschland verlief parallel zur industriellen Revolution im 19.Jahrhundert: „1874 gab es in Deutschland 27 Anstalten mit insgesamt 1959, 1895 46 Anstalten mit ca. 9.000 und 1910 226 Anstalten mit ca. 34.000 ´´Pfleglingen``“ ( Moser 1998 S.76) Gleichzeitig erfuhren die sog. Hilfsschulen seit dem letzten Drittel des 19.Jahrhunderts eine immense Expansion: Besuchten im Schuljahr 1893/94 2.2.90 Kinder eine Hilfsschule oder Hilfsschulklasse, so waren es 1910 bereits 32.771.( vgl. ebd. S.77) So legt sich der Gedanke nahe, dass die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die den Anforderungen der neuen Industriegesellschaft nicht gewachsen waren, ausgesondert und in eigenen Schulen und anderen Einrichtungen untergebracht wurden. Ist es nunmehr so, dass die zweite industrielle Revolution, die wir seit den 1980er Jahren aufgrund der Auswirkungen Neuer Technologien und der Globalisierung der Wirtschaft erleben, eine zweite Welle behinderter Menschen hervorbringt, die üblicherweise Langzeitarbeitslose genannt werden? Darauf könnte eine Studie von Irmtraud Schnell hinweisen, die feststellte, dass in fast allen Bundesländern die Anteile der Schülerinnen und Schüler in allgemeinen Schulen stagnieren oder sogar sinken, während die Zahlen in Sonderschulen steigen. ( vgl. Schnell 2006 S.203). Wie ich im Verlauf dieser Arbeit weiterhin aufzeigen werde, stellen Wissenschaftler, die sich mit Langzeitarbeitslosigkeit befassen, fest, dass diese strukturell verursacht ist durch Rationalisierungstechniken und Globalisierung mit der Folge, dass besonders auch Menschen mit sog. niedrigem Bildungsabschluss verstärkt langzeitarbeitslos werden. (vgl. Kap.1.2.) So stellt sich nun die Frage: Ist Langzeitarbeitslosigkeit eine Form von Behinderung?

Ich möchte deshalb in dieser Arbeit untersuchen, ob bzw. inwiefern es einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit und dem Begriff der Behinderung gibt, und falls ja, welche Folgen in der Arbeit mit langzeitarbeitslosen Menschen daraus zu ziehen wären. In Kapitel 1 und 2 wird deshalb zuerst das Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit und der Stand der Diskussion um den Begriff der Behinderung vorgestellt. In Kapitel 3 wird die Untersuchung des inhaltlichen Zusammenhangs methodisch erläutert. Die Erhebung sollte als gemischtes Verfahren geschehen, um zum einen den besonderen Charakter dieses Zusammenhangs zu beschreiben, zum anderen das Ausmaß der Merkmale festzustellen und ergänzend dazu eine allzu subjektive Auslegung qualitativer Ergebnisse zu vermeiden. Basis dafür sind zum einen von mir geführte qualitative Interviews, parallel dazu gelesene einschlägige Literatur sowie aus beidem entwickelte Fragebögen, mittels derer eine nichtrepräsentative Umfrage durchgeführt wurde. Die Interviews sollten gewährleisten, dass die Fragestellung nicht nur aus Sicht der wissenschaftlichen Literatur bearbeitet würde, sondern auch Erfahrungen und Sichtweisen Betroffener eingehen könnten. Für den Entwurf des Fragebogens erfolgte die Orientierung zunächst an den Aussagen aus den Interviews. Zu ergänzen war er noch um Punkte, die für die wissenschaftliche Literatur relevant waren, ohne in den Interviews Erwähnung zu finden. Außerdem konnten die Teilnehmer der Umfrage den Fragebogen selbst ergänzen, damit eventuell nicht beachtete Kategorien bzw. Items in Zukunft noch zum Zuge kommen können. In Kapitel 4 erfolgt die inhaltliche Auswertung zur Frage: Ist Langzeitarbeitslosigkeit eine Form von Behinderung? Kapitel 5 beendet die Arbeit mit einer Diskussion bedeutsamer Aspekte. Dabei gehe ich nicht nur auf die aktuelle Situation ein, sondern werde auch geschichtliche Entwicklungen miteinbeziehen.

1. Das Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit

1.1. allgemeine Beschreibung

Seit mehr als 25 Jahren ist es in Deutschland nicht gelungen, Vollbeschäftigung herzustellen. Schon in Westdeutschland baute sich die Arbeitslosigkeit von Rezession zu Rezession mehr auf. „In den Rezessionen von 1981-1983 und 1993-1997 ist die Arbeitslosenzahl konjunkturell um über eine Million gestiegen; im Aufschwung allerdings nur etwa um die Hälfte zurückgegangen.“ (Kleinhenz 2002b S.4) . Im Jahresdurchschnitt 2001 waren 3,851 Mio. Menschen ohne Arbeit. (Kleinhenz 2002b S.3) Im Februar 2007 waren es 4,222 Mio. Menschen, gleichermaßen Männer wie Frauen. ( Statistisches Bundesamt 2007). Von ihnen waren 1,487 Mio. Personen langzeitarbeitslos (ebd.), d.h. „über 1 Jahr durchgehend arbeitslos“ (Kleinhenz 2002b S.5). Sie zählen nicht zu den 60 % der Arbeitslosen, für die die Arbeitslosigkeit nach spätestens 6 Monaten beendet ist, bzw. zu den gesamt 80%, für die sie auch nicht über 12 Monate hinausgeht. Für sie ist Arbeitslosigkeit nicht nur ein „kritisches, aber ein vorübergehendes und relativ gut abgesichertes Lebensereignis.“(ebd.)

In der wissenschaftlichen Literatur wird Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit unter verschiedenen Blickwinkeln gesehen:

Dankwart Danckwerts beschreibt Arbeitslosigkeit als einen „Deklassierungsprozess“ (Jantzen 1980 S.152), der die materielle Lebensbasis über verschiedene Stationen hinweg einschränke (vgl. ebd.) und führt Duisburg als Beispiel dafür an als Stadt „mit der höchsten offenen und verdeckten Obdachlosigkeit und überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik.“ (ebd. S.154) Dass Arbeitslosigkeit jedoch auch psychische Folgen hat, kommt in dem Aufsatz „Arbeitslosigkeit und psychische Erkrankung von P.Bastiaan u.a. zum Ausdruck (vgl. ebd. S.75- 94). Astrid Ruckstuhl u.a. sehen gesellschaftliche Folgen im Sinne eines Bedeutungswandels der Arbeit. (vgl. Ruckstuhl o.J.; Engler 2006) Mit Gruppen von langzeitarbeitslosen Menschen selbst befasste sich Annelinde Eggert- Schmid-Noerr. Sie konstatiert im wesentlichen drei Strukturmerkmale: Polarisierungen in den Gruppen im Hinblick auf die Einstellung zu Arbeit und Arbeitslosigkeit - einen besonderen Gruppenzusammenhalt unter den Betroffenen - Unterschiede in der Geschlechtsrolle bei Männern und Frauen. (vgl. Iben 1996 S.117-122). Die Betroffenen selbst würden sich in aller Regel nicht öffentlich äußern. Gründe dafür analysiert Carl August Chasse in seinem Aufsatz „Die neue Armut ist stumm“ (vgl. ebd. S.123-127)

1.2. Ursachen

1.2.1. wirtschaftliche Ursachen

In der öffentlichen Diskussion wird Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit oftmals auf Konjunkturkrisen zurückgeführt, d.h. sie wird mit Nachfragemangel begründet. Wissenschaftler jedoch erklären Massen- und Langzeitarbeitslosigkeit darüber hinaus als sog. „strukturelle Arbeitslosigkeit“ (Kleinhenz 2002b S.10), bedingt durch langfristige Veränderungen im Arbeitsmarkt. Besonders bei Astrid Ruckstuhl kommt deutlich die Bedeutung von technologischem Wandel, Rationalisierung und Globalisierung zum Ausdruck: „Durch die Rationalisierung von Produktionsprozessen und den technologischen Wandel, kann eine immer kleiner werdende Zahl von Arbeitskräften immer größere Mengen produzieren. Eine Vielzahl von ungelernten Arbeitern kann damit durch eine geringere Zahl von Facharbeitern ersetzt werden. ... Produktionsstandorte können beinahe beliebig in Tieflohnländer ausgelagert werden, was als Konsequenz steigende Arbeitslosenraten in den Industrieländern nach sich zieht.“ (ebd. o.J.) Für Deutschland bedeutete das, dass das Arbeitsvolumen im Verlauf der letzten 35 Jahre fast stetig abnahm und es zu einem deutlichen Abbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung kam. (vgl. Statistisches Bundesamt 2006a).

1.2.2. individuelle Ursachen

Die Verhärtung von Strukturen im Arbeitsmarkt hatte die Folge, dass Menschen, die Träger individueller Risikofaktoren sind, zunehmend von ihm ausgeschlossen wurden: Menschen über 50-55 Jahre, beruflich nicht Qualifizierte, Schwerbehinderte (vgl. Kleinhenz 2002b S.5ff), wie auch ganz allgemein Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Auch Arbeitslosigkeit selbst führt zu Langzeitarbeitslosigkeit, da mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit die Vermittlungschancen sinken ( vgl. Ruckstuhl o.J.) Ebenso sind Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss stark betroffen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren „im Durchschnitt des Jahres 2005 in Deutschland 16,2% der Erwerbspersonen mit einfachem formalem Bildungsniveau erwerbslos, aber nur 5,3% derer, die einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss vorweisen konnten.“ (Statistisches Bundesamt 2006b)

Schließlich stellte Anne Ames in Gesprächen mit durch Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Personen fest, dass Arbeitsbedingungen einiger Personen derart belastend sind, „dass den Betroffenen auch bei größter Frustrationstoleranz nichts anderes übrig bleibt, als die Stelle aufzugeben, um nicht erheblichen gesundheitlichen Schaden zu nehmen.“ (Ames o.J.)

1.2.3. politische Ursachen

Als weitere Ursachen werden auch politische Gründe angeführt, besonders mangelnde politische Einflussnahme: „ Angesichts der langanhaltenden Periode eines hohen gesamtwirtschaftlich Mangels an Arbeitsplätzen muß man sich wundern, daß Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik nicht erkennbar destabilisiert wurden und daß die nötige Entschlossenheit der Politik zur Überwindung dieses immer als erstrangig eingestuften Problems eigentlich nicht zu erkennen war.“ (Kleinhenz 2002b S.7) Selbst das Statistische Bundesamt wies nach, dass die Bundesrepublik „im europäischen Vergleich zu den Ländern mit deutlich schlechteren beruflichen Perspektiven für niedrig qualifizierte Personen (d.h. höchstens Realschulabschluss, I.J.)“ gehört. (Statistisches Bundesamt 2006b) Nur in der Slowakischen Republik, Polen und Tschechien liege die Erwerbslosenquote für diesen Personenkreis noch höher. (vgl. ebd.)

1.3. Folgen

Die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit werden nicht erst in unseren Tagen untersucht. Ein Klassiker ist „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975), der erstmals 1933 veröffentlicht wurde. Ein Team der Uni Wien untersuchte die langzeitarbeitslose Belegschaft einer im Jahr 1830 gegründeten Fabrik, die zwischen Mitte 1929 und Februar 1930 sukzessive geschlossen werden musste und der der Ort seine Entstehung verdankte. Als Ergebnis wurden wirtschaftliche, psychische körperliche und soziale Folgen festgestellt. An dieser Studie orientierten sich sehr viele Autoren, so dass bis heute hauptsächlich persönliche Folgen untersucht worden sind. Wenige weitere Autoren beschreiben auch noch gesellschaftliche Folgen.

1.3.1. persönliche Folgen

Erwerbslosen reagieren unterschiedlich auf ihre Arbeitslosigkeit. Die Reaktionen hängen von verschiedenen Faktoren ab wie beispielsweise der Dauer der Arbeitslosigkeit und der persönlichen Interpretation des Stellenverlustes. (vgl. Astrid Ruckstuhl o.J.) Dennoch sind gewisse allgemeine Zusammenhänge deutlich geworden:

1.3.1.1. wirtschaftliche Folgen

In Marienthal veränderte sich die ökonomische Lage zum Negativen, da die Arbeitslosenhilfe mit der Zeit von der Notstandshilfe abgelöst wurde. Die Kürzungen der Unterstützung wurde begleitet von der fortschreitenden Inventarabnutzung. Für Neuanschaffungen war kein Platz. Schuhe und Kleider konnten irgendwann nicht mehr geflickt werden. Ein Krankheitsfall konnte die ganze Familie in Schulden reißen. All dies beschleunigte die materielle Not. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975 S.94f) Auch heutzutage ist feststellbar, dass mit der Dauer der Erwerbslosigkeit die Armut steigt. „So fallen zwischen einem Drittel bis zur Hälfte der Dauerarbeitslosen unter die Armutsgrenze. Dies ist in allen Ländern der Europäischen Union zu beobachten.“ (Ruckstuhl o.J.) Anne Ames interviewte 2005 40 langzeitarbeitslose Personen. (vgl. ebd. o.J.) Danach gefragt, welche durch die Geldnot bedingten Beschränkungen ihrer Lebenssituation für sie am schlimmsten sind, wurden u.a. folgende Mängel angeführt: die Möglichkeit, mit den Kindern aus der Stadt rauszukommen, mal was Anderes zu sehen; Verzicht auf neue Kleidung und Schuhe; nicht ausgehen oder mal ins Kino gehen zu können, sich kaum Bücher und Tageszeitungen leisten zu können; Freunde oder Angehörige, die weiter weg wohnen, nicht besuchen zu können.

1.3.1.2. psychische und körperliche Folgen

€Verlust des Selbstwertgefühls

28 der 40 Gesprächspartner von Frau Ames litten unter dem Verlust des Selbstwertgefühls. (ebd. o.J.) Annelinde Eggert-Schmid-Noerr berichtet aus

ihrer Gruppenarbeit mit langzeitarbeitslosen Menschen, dass die Arbeitslosigkeit als äußerst beschämend erfahren werde. Fast alle Betroffenen verheimlichten ihre Situation zeitweilig und gäben sich nur ausgewählten Personen als arbeitslos zu erkennen, da sie darunter litten, für faul und unfähig zu gelten. (vgl. Iben 1996 S.120)

€Depressivität

Astrid Ruckstuhl beruft sich auf Klaus Greve, der bei 52% von 124 Männern Depressionen festgestellt hätte, die nach 18 Monaten Arbeitslosigkeit eingesetzt hätten.(vgl. ebd. o.J.) Von Depressionen in den ersten Jahren der Arbeitslosigkeit, die sie inzwischen überwunden hätten, wurde Anne Ames in 6 von 40 Interviews erzählt. (ebd. o.J.)

€Veränderung der Haltung

Nach einer Phase des Schocks als erste Reaktion auf die Arbeitslosigkeit differenzierten Jahoda und ihre Kollegen vier verschiedene Haltungstypen: Ungebrochene - Resignierte – Verzweifelte - Apathische. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975 S.70ff), wobei de Stimmungslage und die ökonomische Lage einen eindeutigen Zusammenhang zeigten: Fünf Schilling Arbeitslosenunterstützung weniger im Monat konnten darüber entscheiden, von der mehrheitlich vertretenen Gruppe der Resignierten in die der Verzweifelten zu kommen. (vgl. ebd. S.96)

- €körperliche Folgen

Bereits Jahoda und ihre Kollegen stellten einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Lage und dem Gesundheitszustand fest. Nicht nur die psychische Stimmung werde durch die Verschlechterung der finanziellen Lage beeinflusst. Offenbar werde die körperliche Widerstandskraft mit dem Maß der Arbeitslosigkeit unterhöhlt, was zu einer Verschlimmerung der Gesundheit führe. (vgl. ebd. S.97)

Dies wurde eindeutig durch Folgeuntersuchungen unterstützt. In einer langfristigen Auswertung des sozioökonomischen Panels konnte sie beweisen, dass „Kurzzeitarbeitslosigkeit nur für Männer einen signifikanten negativen Einfluss hat; Langzeitarbeitslosigkeit hat dagegen für beide Geschlechter einen signifikanten negativen Einfluss auf die Gesundheitszufriedenheit.“ (Rourneu Gordo o.J.) Besonders im mittleren Alter sei die Berufsrolle zentral. Ihr Verlust sei mit nachhaltigen körperlichen Störungen verbunden. Das Sterblichkeitsrisiko würde sich bei arbeitslosen Männern um bis zu 100% und bei Frauen um bis zu 60% erhöhen. Eine erhöhte Sterblichkeit durch Unfälle, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebskrankheiten, Suizide und Leberzirrhose bildet gemäß Johannes Siegrist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. (vgl. Siegrist S.68f)

1.3.1.3. soziale Folgen

Die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ untersuchte unter der Überschrift ´´Veränderung menschlicher Beziehungen durch die Arbeitslosigkeit`` besonders die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975 S.98-101) Sie äußerten daraufhin die Vermutung, dass die Tendenzen, die zuvor schon in der Ehe gelegen waren, durch die äußeren Umstände verschärft worden seien. Nur wenige Ehen hätten sich durch die Arbeitslosigkeit verbessert, z.B. solche, in denen sich die Frau vom Mann zuvor vernachlässigt fühlte.

Bezüglich der Kinder sei auch durch Beobachtungen nicht festgestellt worden, dass die Autorität der Eltern unter der Arbeitslosigkeit gelitten habe. Man hätte nicht den Eindruck gehabt, „als ob es in Marienthal mehr schwer erziehbare Kinder gäbe als anderswo.“ (ebd. S.101).

Auch gegenüber Anne Ames berichteten viele der Interviewpartner von Spannungen zwischen Partnern, offenen Auseinandersetzungen und Streit zwischen Eltern und Kindern, als auch Schuldgefühle der Eltern, weil sie ihren Kindern keine bessere Lebenslage bieten können. (vgl. ebd. o.J.)

Astrid Ruckstuhl bezeichnet den Verlust von sozialen Kontakten und Freundschaften. als eine der sozialen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit.(vgl. ebd. o.J.) Arbeitslose Menschen selbst vermissen den Kontakt zu Kollegen oder Kunden. Alleinstehende erleben häufig den gegenseitigen Rückzug aus Freundschaften, daraus resultierend, „dass die Sorgen und Gesprächsthemen zu unterschiedlich sind und die finanzielle Basis für gemeinsame Unterneh- mungen zu ungleich geworden ist.“ (Ames o.J.)

Besonders von Männern würde Arbeitslosigkeit als ´´sozialer Tod`` erfahren:

„die tief verinnerlichten Vorannahmen über eine "richtige" Lebensführung sind ins Wanken geraten; das erworbene Gerüst sozialen Verhaltens erscheint partiell morsch und unbrauchbar.“ ( Iben 1996 S.122) Jahoda/Lazarsfeld und Zeisel stellten Geschlechterdifferenzen bezüglich des Umgangs mit der Langzeitarbeitslosigkeit fest, und zwar bezüglich der Zeitverwendung:

„Grundverschieden ist die Zeitverwendung bei Männern und Frauen. Der Tag der Frauen ist mit Arbeit erfüllt. Sie kochen, scheuern, flicken und versorgen die Kinder. Sie haben nur wenig Muße.“ (ebd. S.90) Die Hauptbeschäftigungen der Männer, wie sie diese in Zeitverwendungsbögen angegeben hätten, seien Nichtstun, Arbeiterheim und wenig Haushaltshilfe gewesen. (vgl. ebd. S.88)

1.3.2. gesellschaftliche Folgen

1.3.2.1. strukturelle Benachteiligung

„Als strukturelle Deprivation ... wird er Tatbestand bezeichnet, dass eine gesellschaftliche Gruppe im Vergleich zu anderen Gruppen im Hinblick auf wichtige Güter und Dienstleistungen deutlich benachteiligt wird.“ (Siegrist 2005 S.64) Laut Johannes Siegrist treffe dies besonders auf die Wohnverhältnisse auch Langzeitarbeitsloser zu. (vgl. ebd.) Jahoda/Lazarsfeld und Zeisel weisen auf z.T. unrationelle Haushaltsführung (vgl. ebd. S.72) und Verwahrlosung hin (vgl. ebd. S.96) Sie vermuten, dass die Verwahrlosung und Verzweiflung in Orten, die nicht wie Marienthal mit der gesamten Bevölkerung von Arbeitslosigkeit betroffen sei, schon bei einer höheren Einkommensstufe einsetze. (vgl. S.96f)

1.3.2.2. Verlust der Arbeitsmentalität

Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt zur Außenwelt würden die Arbeiter die Möglichkeiten einbüßen, Zeit zu verwenden. „Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab ... ins Ungebundene und Leere.“ (ebd. S.83) Allmählich würde Arbeitslossein als eigener Stand empfunden. Die Gefahr des Verlustes der Berufs- und Arbeitstradition sei am stärksten für diejenigen, die ihre Arbeit nicht zum erstenmal verloren hätten. Bei einer Umfrage in Marienthal hätten 51,9% der Befragten ´´arbeitslos als Beruf`` angegeben. Vergleichsweise gering sei die Gefahr für junge Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder Ältere mit langjähriger Berufserfahrung. (vgl. ebd.S.97f)

1.3.2.3. Abhängigkeit von öffentlicher Unterstützung

Der Umgang mit Ämtern sei ein Thema, das in allen Gruppen langzeitarbeitsloser Menschen aktuell sei. Die Beziehung zu ihnen sei geprägt vom Konflikt zwischen Abhängigkeit und Autonomie (vgl. Iben 1996 S.118) Auch in Einzelgesprächen kam das Leiden unter behördlicher Willkür zum Ausdruck. (vgl. Ames o.J.)

1.3.2.4. Gewalt

„ Wenn der Schmerz über die zugefügte Kränkung nicht ertragen werden kann und deshalb keine angemessenen Trauergefühle entwickelt werden könnten, kann sich diese Reaktion zur unbändigen Wut und dem ziellosen Wunsch nach Rache verselbständigen.“ (Iben 1996 S.122) Nicht selten drohten chronisch destruktive Reaktionen aufgrund der Tatsache, die Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit nicht verarbeitet zu haben, konstatiert Annelinde Eggert-Schmid-Noerr. (vgl ebd.)

1.3.2.5. Entwicklung sozialreformerischer Ideen

Ein Peisausschreiben, das die Forscher unter der Marienthaler Jugend zum Thema ´´Wie stelle ich mir meine Zukunft vor?`` veranstalteten, erhielt 15 Beiträge. Fünf davon waren von Lehrlingen geschrieben. Diese sahen eine persönliche Zukunft für sich. Die anderen Beiträgen berichteten von allgemeinen Hoffnungen wie vom Sozialismus, von einem gleichen Höchsteinkommen für alle, von der Weltrevolution, die die Unterdrückten erlösen würde. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/ Zeisel 1975 S.79)

Aktuell äußern sich sozialreformerische Ideen in der Vision eines Grundeinkommens, d.h. eines staatlich gesicherten Einkommens für jeden Bürger unabhängig von dessen Arbeitssituation. (vgl. Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V., S.21-24)

1.4. Resumée

Die technologische Entwicklung im Zeitalter der Globalisierung führte dazu, dass die Wirtschaft den gesellschaftlichen Reichtum produzieren und vermehren kann, ohne alle arbeitsfähigen und arbeitswilligen Bürger zu beschäftigen. Wirtschaftswachstum bedeutet nicht mehr automatisch Vollbeschäftigung, sondern vielleicht sogar Steigerung der computergestützten Automatisierung und Entlassungen besonders der nicht entsprechend qualifizierten Mitarbeiter. Konjunkturelle Schwankungen unterstützen dies noch. Die Finanzmärkte sind am schnellen Profit interessiert, was zur Folge hat, dass Produktionsstätten oft in Billiglohnländer verlegt werden. Der Arbeitsdruck auf die im Betrieb verbleibenden Mitarbeiter wächst und wird zur gesundheitlichen Belastung. Arbeitserfahrungen wurden von Teilnehmern von Kursen für langzeitarbeitslose Menschen als „Kette von Zumutungen, Demütigungen, Überforderungen und Enttäuschungen dargestellt; die Beziehungen in der Arbeitswelt gelten als strategisch, zynisch und geheuchelt.“ (Iben 1996 S.120) Arbeitslosigkeit derer, die nicht die entsprechende Leistung erbringen können, behinderter Menschen, chronisch kranke Menschen, Menschen ohne gymnasialer oder Hochschulbildung, beruflich wenig qualifizierter Personen gehören mit zu diesem System. In ca. 20% der Fällen wird sie zur Langzeitarbeitslosigkeit, d.h. zur Arbeitslosigkeit, die länger als ein Jahr dauert. (Kleinhenz 2002b S.5).

Folgen davon sind individuelle, soziale und gesellschaftliche. Die persönliche wirtschaftliche Lage verändert sich zum Schlechteren hin. Wohnungsprobleme können sich einstellen, medizinisch notwendige Kosten können nicht mehr getragen werden, die Wiederbeschaffung von Kleidung, Möbeln etc. fällt schwer. Verwahrlosung kann eintreten. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975 S.94f) Psychische und körperliche Schädigungen stellen sich ein. Das Selbstwertgefühl leidet, mit der finanziellen Situation verändert sich die Haltung bis hin zu Resignation, Verzweiflung und Apathie. (vgl. ebd. S.96) Die Gesundheit langzeitarbeitsloser Männer und Frauen verschlimmert sich signifikant. (vgl. Rourneu Gordo o.J.) Besonders im mittleren Alter führt der Verlust der Berufsrolle zu erhöhter Sterblichkeit, bei Männern sogar um 100% (vgl. Siegrist S.68f) Persönliche Beziehungen werden belastet, in Partnerschaften stellen sich mehrheitlich Spannungen ein. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975 S.98-101) Nicht ganz klar ist die Auswirkung auf das Verhältnis zu den Kindern. Während Jahoda und ihre Kollegen nicht feststellen, dass die Autorität der Eltern unter der Arbeitslosigkeit gelitten habe (vgl. ebd. S.101), berichteten Interviewpartner von Anne Ames über Streit zwischen Eltern und Kindern, als auch von Schuldgefühlen der Eltern, weil sie ihren Kindern keine bessere Lebenslage bieten können. (vgl. ebd. o.J.) Eine weitere soziale Folge ist der Verlust von Freundschaften und Kontakten. Frühere Freunde haben mittlerweile möglicherweise mehr Geld, um etwas zu unternehmen, frühere Arbeitskollegen andere Gesprächsstoffe. (vgl. Ames o.J.) Arbeitslosigkeit, besonders Langzeitarbeitslosigkeit wird als sozialer Tod erfahren. Lang eingeübte soziale Verhaltensweisen verlieren ihre Gültigkeit, Annahmen über die richtige Lebensführung geraten ins Wanken. ( vgl. Iben 1996 S.122) Unterschiedlich sind die Art und Weise, wie Männer und Frauen mit Langzeitarbeitslosigkeit umgehen. (vgl. Jahoda/Lazarsfeld /Zeisel 1975 S.88ff u.a.)

Gesellschaftlich gesehen kann man langzeitarbeitslose Menschen als benachteiligt bezeichnen. Materielle und kulturelle Güter, die andere selbstverständlich in Anspruch nehmen können, stehen ihnen nicht entsprechend zur Verfügung. Mit der Zeit schwindet auch die Fähigkeit, seine Zeit zu nutzen und die Arbeitsmentalität. (vgl. ebd.S.97f) Das Angewiesensein auf öffentliche Unterstützung beinhaltet im Umgang mit Ämtern den Konflikt zwischen Abhängigkeit und persönlicher Autonomie. (vgl. Iben 1996 S.118) Gewalt kann entstehen aufgrund des nicht verarbeiteten Schmerzes über die persönliche Kränkung. (vgl. ebd. S.122) Sozialreformerische Ideen wurden in der Vergangenheit entwickelt wie auch in unseren Tagen.

2. Der Begriff der Behinderung

Im 19.Jahrhundert wurden einzelne Menschengruppen noch als „Idioten“,

„Schwachsinnige“ oder „Krüppel“ bezeichnet. (vgl. Gunkel 1996 S.24 u.86)

In den zwanziger Jahren waren verschiedene andere Termini in Gebrauch:

„Abartigkeiten, Fehlentwicklungen, Anomalien, Hemmungen“. ( Speck 1987 S.99) Heutzutage kennt man den Begriff ´´Behinderung``. Wie entwickelte er sich? Was versteht man darunter?

2.1. Die Entwicklung des Begriffs

Im Zusammenhang mit dem Prozess der Entstehung professioneller Heilpädagogik wurden die unterschiedlichsten Phänomene wie Blindheit, Schwererziehbarkeit, Sprachstörungen oder Lernschwierigkeiten zusammengefasst und der Heilpädagogik zugerechnet: „Heilpädagogik ist die Lehre vom Unterricht, von der Erziehung und Fürsorge aller jener Kinder, deren körperlich seelische Entwicklung dauernd durch individuelle und soziale Faktoren gehemmt ist. Solche Faktoren sind:

1. Mindersinnigkeit und Sinnesschwäche (blinde, sehschwache , taube, schwerhörige, taubblinde Kinder),
2. Entwicklungshemmung des Zentralnervensystems (leicht-, mittel-, und schwergeistesschwache Kinder,
3. Neuropathische und psychopathische Konstitution, körperliche Krankheit, Verkrüppelung, Umweltfehler (schwererziehbare Kinder)“ (Hanselmann 1930. S. 11f. zit. n. Weinmann S.121 )

Diese Bündelung wurde durch das ihr zugrundeliegende Konzept der Seelenschwäche ermöglicht, das Hanselmann, aber auch Bopp in ihren Lehrwerken entwickelt hatten. Sie gingen davon aus, dass der Willen des heilpädagogischen Klientels durch das Verstandes- oder Gefühlsleben beeinträchtigt sei, sodass eine besondere Erziehung von Nöten wäre. So war für Hanselmann z.B. ´´Geistesschwachheit`` „nicht Schwäche des Denkens allein, sondern auch Schwäche des Fühlens und Wollens.“ (ebd. S.151f. zit. n. Moser 1998, S.81) Auch Bopp teilte diese Ansicht: „ In der Tat besteht dieser geistige Defekt nicht isoliert, sondern er stellt nur ein Symptom der

allgemeinen seelischen Schwäche und Mangelhaftigkeit dar.“ (Bopp 1930 S.74 zit. n. Moser 1998 S. 80) „Nicht zufällig“ nennt Vera Moser daher die Tatsache, dass sich der Begriff der Behinderung in den 1930er Jahren im Anschluss daran entwickelt hätte. (Moser 1998 S.81 ) Dennoch bot dieses Konzept der Seelenschwäche Ansatzpunkte dafür, dass der Begriff der Behinderung später mit Minderwertigkeitsannahmen verbunden wurde. (vgl. ebd. S.81f)

Die Diskussion um den Begriff wurde durch die Nazizeit unterbrochen. Erst 1958 tauchte er laut Speck wieder in der Literatur auf. (vgl. ebd. 1987 S. 104) In unserem Sprachgebrauch verbreitet wurde der Begriff der Behinderten durch die Einführung des Bundessozialhilfegesetzes 1961. § 39 des BSHG sichert Personen Eingliederungshilfe zu, „ die nicht nur vorübergehend körperlich, geistig oder seelisch wesentlich behindert sind ...“ (Heimann 1984 S. 47) Bleidick übernahm den Begriff aus dem Sozialrecht und entwickelte ihn in einer eigenen Konzeption weiter. Die Auffassung von einer Heil- und Sonderpädagogik löste er ab, indem er in seinem Hauptwerk von einer „Pädagogik der Behinderten“ sprach.(Bleidick 1983) Er führte die Bezeichnung als pädagogischen Begriff ein, indem er den fachfremden Begriff ´´Behinderung`` mit dem Begriff ´´Erziehung`` verband: „Nicht die Behinderung als solche ist von Interesse, sonder ihre Auswirkung auf den Erziehungsvorgang.“ (Bleidick 1983 S.81) In diesem Zusammenhang kreierte er das Wort „Erziehungsbehinderung“ (ebd. S. 86). Diese stellt für ihn die Folge von Beeinträchtigungen körperlicher, seelischer oder geistiger Funktionen dar, die dadurch auch die Bildsamkeit stören. Behinderung führt zu einer Störung der Bildsamkeit und erfordert daher Sonderpädagogik. (vgl. ebd. S.89)

Den Behindertenbegriff, den das BSHG und auch Bleidick personal verwandten, vertrat Jantzen nicht mehr. Er sprach neutral vom „Phänomen der Behinderung“ (Jantzen 1987 S.18). Dennoch gerät auch diese Vokabel zunehmend in die Diskussion. Er sei nicht genug abgrenzbar, zudem defizitorientiert und diskriminierend. Der Anteil der Gesellschaft wie auch den Prozesscharakter im Verlauf einer Behinderung würden nicht genug gesehen. (vgl. Eberwein/Sasse 1998 u.a.)

2.2. Der inhaltliche Rahmen

2.2.1. Die Definition des Sozialgesetzbuchs

Das Sozialgesetzbuch IX „Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen“ definiert ´´Behinderung`` als regelwidrigen Zustand von mehr als sechsmonatiger Dauer, wobei dies nicht näher präzisiert wird:

㤠2 Behinderung

(1)Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist..“ (Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen 2003 S. 14)

Der „Grad der Behinderung“ soll die „Auswirkungen auf die Teilhabe am Leben der Gesellschaft“ feststellen und wird in Zehnprozentstufen ausgedrückt. (ebd. §69 Abs.1) In diesem Sinne gelten Menschen als schwerbehindert, „wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung von wenigstens 50 vorliegt ...“ (ebd. § 2 Abs.2)

Weiterhin wird unterschieden „die Bedrohung durch Behinderung“, wenn die „ Beeinträchtigung zu erwarten ist“ (ebd. §2 Abs.1) sowie die „Gleichstellung“:

„Schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden sollen behinderte Menschen mit einem Grad der Behinderung von weniger als 50, aber wenigstens 30, ... , wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne die Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz im Sinne des § 73 nicht erlangen oder nicht behalten können.“

Das SGB III bezieht den Begriff der Behinderung zum einen besonders auf die Möglichkeit, am Arbeitsleben teilzuhaben, zum anderen auf die Fähigkeit zu lernen: „Behinderte im Sinne dieses Buches sind Menschen, deren Aussichten, am Arbeitsleben teilzuhaben oder weiter teilzuhaben, wegen Art oder Schwere ihrer Behinderung im Sinne von § 2 Abs. 1 des Neunten Buches nicht nur vorübergehend wesentlich gemindert sind ..., einschließlich lernbehinderter Menschen.“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales o.J. )

2.2.2. Die Definition der Weltgesundheitsorganisation

Ein international gebräuchliches Klassifikationssystem zur Beschreibung von Behinderungen stellt die WHO zur Verfügung. Sie unterscheidet drei Ebenen der Behinderung:

a) impairment : “ A "loss or abnormality of psychological, physiological, or anatomical structure or function".” (WHO 1980) € die Ebene der organischen Schädigung
b) disability: “ Any restriction or lack (resulting from an impairment) of ability to perform an activity … . “ (ebd.) € die Ebene der Eigenaktivität
c) handicap: “Handicap is a classification of role reduction resulting from circumstances which place an impaired or disabled person at a disadvantage compared to other persons.” (ebd.) € die Ebene der sozialen Benachteiligung

2.2.3. Behinderung als pädagogischer Begriff

Der Begriff der Behinderung als pädagogischer Begriff diskutiert Beeinträchtigungen und Komplizierungen des Erziehungsprozesses. Er bewegt sich zwischen dem Standpunkt eines angenommenen Bedürfnisses nach gesonderter Erziehung und integrativen Ansätzen.

Ulrich Bleidick war mit seiner „Pädagogik der Behinderten“ ein einflussreicher Vertreter der Forderung nach einergesonderten Erziehung Behinderter: eine Behinderung führe zu einer Behinderung der Erziehung und mache dadurch eine spezielle Erziehung der Behinderten erforderlich. (vgl. Bleidick 1983 S.89) Ähnliche Standpunkte vertreten bis heute viele Pädagogen. Das Gegenteil vertrat Wygotsky. Er lehnte die traditionelle Sonderpädagogik ab. Die Erziehung des Blinden und Gehörlosen unterscheide sich grundsätzlich durch nichts von der Erziehung des normalen Kindes. Das psychologische Wesen der Anerziehung bedingter Reaktionen sei genau dasselbe. Demnach müsse man den Blinden, den Gehörlosen und den Schwachsinnigen mit demselben Maß messen wie den Normalen. (vgl. Wygotski 1983 S.68f zit. nach Eberwein/Sasse S.149.) In diesem Zusammenhang kritisierte er das mangelnde Wahrnehmen des Erlebens behinderter Menschen. Man müsse sich von falschen Vorstellungen befreien, die der konsequent wissenschaftlichen Behandlung der Behindertenproblematik im Wege stünden. Die Vorstellungen der Sehenden etwa sei eine „unzutreffende und naive Meinung und ein ganz unangebrachter Versuch der Sehenden, in die Psyche des Blinden einzudringen.“ (ebd. S.69 zit. nach Eberwein/Sasse S.149.) Dabei verwies er wesentlich auf das Zeugnis der blinden Wissenschaftlerin A.M. Stscherbina. Blindheit sei „als psychologischer Fakt keineswegs ein Unglück.“ (ebd.S.69 zit.n. . Eberwein/ Sasse S. 150) Mit Wygotskis schrittweisen Rehabilitierung in der Nach- Stalin-Ära zog diese Ansicht das Interesse sowjetischer Pädagogen auf sich und gewinnt mittlerweile auch im Westen zunehmend an Bedeutung.(vgl. Eberwein/Sasse 1998 S. 145)

Darüber hinaus steht auch der Begriff der Behinderung an sich zur Diskussion. Die Definitionen bewegen sich zwischen den Polen individueller und gesellschaftlicher Beeinträchtigung. Behinderung sei nicht nur eine individuelle Angelegenheit, auch Bedingungen und Erwartungen einer Gesellschaft können zu Beeinträchtigungen und Benachteilungen führen. Dies kommt u.a. bei Jantzen zum Ausdruck: „Behinderung kann nicht als naturwüchsig entstandenes Phänomen betrachtet werden. Sie wird ... als Behinderung erst existent, wenn Merkmale und Merkmalskomplexe eines Individuums aufgrund sozialer Interaktion und Kommunikation in Bezug gesetzt werden zu gesellschaftlichen Minimalvorstellung über individuelle und soziale Fähigkeiten. (Jantzen 1987 S.18) Das heißt, Behinderung wird als ein Verhalten verstanden, das von gesellschaftlichen Erwartungen abweicht.

Genauer noch beschreibt das Urs Haeberlin. Er bezeichnet den Behinderungsbegriff als „institutionenfixiert“ (ebd. 2005 S.72) und stellt die Frage, „ob eine intellektuelle Behinderung eher als individuelle Schädigung des betroffenen Kindes oder eher als Folge der Störung des ...

Regelklassenunterrichtes durch das betroffene Kind ist.“ (ebd. S.73) Behinderung ist für ihn Ausdruck eines Systems, das mit der Individualität des Kindes nicht zurechtkommt. „Die Schule, wie sie heute organisiert ist, wird durch ein Kind in ihrem Funktionieren gestört“ (ebd.)

2.2.4. Behinderung als interdisziplinärer Begriff

Zum Begriff der Behinderung haben sich die verschiedensten Disziplinen Gedanken gemacht, u.a. Ästhetik, Ethnologie, Jura, Medizin, aber auch Soziologie, Theologie, oder Anthropologie. (vgl. Eberwein/Sasse 1998) Karin Hirdina beschreibt die Sichtweise der Ästhetik: Normen von Schönheit, Jugend und Vitalität würden über die Medien verbreitet und dominierten das öffentliche Leben. Zum „homo aestheticus“ passten „keine Alten, keine Behinderten, keine Obdachlosen“ (ebd. S.13f)

Joyce Dreezens-Fuhrke (Ethnologin) verbindet Behinderung und Armut:

„Nach allgemeinen Schätzungen leben 90% aller Behinderten der Welt in von Armut bedrohten Ländern.“ (ebd. S.27).

Jörg Zirfas beschreibt den Menschen aus anthropologischer Sicht. In seiner These vom Menschen als Mängelwesen geht er davon aus, „daß sein grundsätzlicher Mangel vor allem darin besteht, daß ihm die Anerkennung durch die anderen versagt bleibt.“ (ebd. S.97)

Herbert Striebeck (Soziologe) definiert Behinderung als Stigma. Im Zusammenleben der Menschen wären schon immer Zeichen und Signalen im Sinne sozialer Informationen wichtig gewesen. Schon in der Antike habe man z.B. Sklaven und Kriminelle gebrandmarkt, im Mittelalter Verbrecher und Aussätzige mit der Funktion, sie den gesunden und unbescholtenen Bürgern vom Leib zu halten. (vgl. ebd.S.121)

Die theologische Sichtweise beschreibt Wolf Krötke. Anthropologisches Wissen über den Menschen könne gar nicht im Einzelnen herausfinden, „wer oder was ein Mensch in seiner Menschlichkeit ist, sondern höchstens, was alles zu ihm gehört.“ (ebd. S.128) Wie Gott, so könne man auch den Menschen nicht bestimmen. Jeder Mensch sei sich und anderen ein Geheimnis, das „zum Staunen, zum Bewundern und zur Hochschätzung Anlaß gibt.“ ( ebd.)

Gleichzeitig sei der Mensch das Wesen aus Staub, gebunden an Mühe, Schweiß und Tränen. Menschsein heiße deshalb auch, mit den Grenzen dieses Menschseins zu leben. (vgl. ebd. S.137f) Das heißt, er definiert den Begriff der Behinderung überhaupt nicht und stellt somit indirekt in Frage, dass es sich dabei um einen für das Leben eines Menschen wichtigen Begriff handelt.

Auch Hans Eberwein kritisiert den Behinderungsbegriff. Er sei unbefriedigend, da er das Fehlende in den Vordergrund stelle, bemängelt er in seinem Aufsatz „Sonder- und Rehabilitationspädagogik – eine Pädagogik für ´´Behinderte`` oder gegen ´´Behinderungen``“ (vgl. ebd. S. 82).Zuvor ging er im ersten Teil des Aufsatzes auf die Folgen der Grundgesetzänderung für die Integration Behinderter aus juristischer Sicht ein. Diese sei vor allen Dingen den Betroffenen selbst politisch zu verdanken. (vgl. S.66) Er verweist auf die USA, deren Antidiskriminierungsgesetz für Behinderte zur Einklagbarkeit von Integrationsbedingungen führte, z.B. bezüglich des Zugänglichmachens von Lokalen, Bussen und Bahnhöfen. (vgl. ebd. S.69) Der Trend, einklagbare Gleichstellungsbedingungen zu schaffen, beginne sich nun auch in Deutschland im Anschluss an die Änderung des Art. 3 GG durchzusetzen. (vgl. ebd. S.74f)

Auch aus medizinischer Sicht wird eine Definition des Begriffes eher ignoriert. Hans-Ludwig Spohr beschreibt, dass es im Wesen des Ärztlichen liege,, sich dem Phänomen nicht zunächst über die Definition zu nähern.“ (ebd. S.214) Auch die Unterscheidung zwischen Krankheit und Behinderung und somit die Frage der Finanzierung von Behandlungen würde eher durch Verwaltungsgerichte getroffen. ( vgl. ebd. S.213f) Die medizinische Diagnose laute nicht ´´Behinderung`` sondern z.B. „ körperliche oder geistige Retardierung; ... partiell oder global“ (ebd. S.214.) Behinderung entwickele sich aus Krankheitsbildern, deren Ursachen untersucht werden könnten. (vgl. ebd.)

2.3. Zusammen

Behinderung ist ein Begriff mit einer Vielfalt von Bedeutungen. Er wird von verschiedenen Disziplinen mit z.T. voneinander abweichenden Inhalten gebraucht, sofern er überhaupt definiert wird. Er kann die Bedeutung von Grenzen oder Hindernissen haben wie auch die Bedeutung, etwas nicht zu können, was man gerne können möchte. Er kann verstanden werden als Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm wie auch als Ausgrenzung und Mangel an Anerkennung. ´´Behinderung`` wird bezogen auf die Lernfähigkeit wie auf Chancen und Möglichkeiten, z.B. der Teilhabe an der allgemeinbildenden Schule und am Arbeitsleben. Jemand kann im Sinne des Gesetzes behindert, vielleicht sogar schwerbehindert sein, sich möglicherweise dennoch nicht behindert fühlen.

Die gegenwärtige Diskussion wird hauptsächlich von vier Aspekten bestimmt:

- Behinderung als organische Schädigung des Individuums
- Behinderung als Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses, einer Etikettierung.
- Behinderung als Ergebnis eines Systems, z.B. als Ergebnis schulischer Leistungsanforderungen.
- Behinderung als Folge sozio-ökonomischer Benachteiligungen. Zusammen definiere ich Behinderung als eine langfristige Situation, die erlebt werden kann als seelisch-geistige oder körperliche Beeinträchtigung, als Verkürzung der eigenen Chancen, als Benachteiligung und Belastung, als Diskreditierung und Ausgrenzung, als bedeutsame Lebenserschwerung.

3. Die Untersuchung eines inhaltlichen Zusammenhangs

Ziel der Untersuchung war herauszufinden, ob und inwiefern Langzeitarbeitslosigkeit als spezifische Form von Behinderung gelten kann. Die Frage war: Gibt es Merkmale, die sowohl dem Begriff der Behinderung wie auch dem Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit zugeordnet werden können? Falls ja, wie sieht der Zusammenhang genauer aus?

Um vergleichbare Aussagen zu ermitteln galt es, die Untersuchung nach beiden Seiten hin durchzuführen, sowohl in Richtung langzeitarbeitsloser Menschen, wie auch in Richtung von Menschen mit einer öffentlich anerkannten Behinderung.

Basis der Untersuchung war zunächst ein qualitatives Verfahren in Form von Interviews und deren Auswertung. Dabei sollte keine Theorie zuvor festlegen, welche Inhalte als bedeutsam zu gelten hätten. Die Entscheidung darüber sollte sich eher aus den Aussagen selbst ergeben können, sodass unerwartete Sachverhalte Beachtung finden könnten. Von daher sollte die Auswertung bewusst nicht theoriegeleitet erfolgen. Erst in einen zweiten Schritt sollte eine Auseinandersetzung mit den durch die Interviews gewonnenen Ergebnissen stattfinden. Sie sollten nun wissenschaftlicher Literatur gegenübergestellt werden. Gegebenenfalls sollten sie entsprechend ergänzt werden. Die so gewonnenen Kategorien und Items sollten als Grundlage einer quantitativen Studie dienen. Durch einen Umfragebogen neu erhobene Daten sollten den Sachverhalt dieser Kategorien klären und ihre Definitionen konkretisieren. Darüber hinaus sollten die Ergebnisse der Umfrage die Theoriebildung bezüglich der Frage unterstützen, ob Langzeitarbeitslosigkeit als eine Form von Behinderung angesehen werden kann oder nicht.

3.1. Die Interviews und ihre Auswertung

3.1.1. Die Vorbereitung der Interviews

Die Interviewpartner sollten Menschen sein, bei denen man davon ausgehen konnte, dass sie über den Gegenstand der Untersuchung ausreichend aus eigenem Erleben Bescheid wissen würden. Ich sprach deshalb Personen an, die entweder eine lange Zeit der Arbeitslosigkeit hinter sich hatten (Personen E,F,G) als auch Menschen mit einer körperlichen bzw. seelischen Behinderung (Personen 1 und 2). Darüber hinaus sprach ich mit Personen, die beruflich in diesem Zusammenhang tätig sind: einer in einer ARGE angestellten Sozialpädagogin (Person B); dem Leiter einer katholischen Einrichtung zur Beschäftigung und Vermittlung langzeitarbeitsloser Menschen, einem Sozialpädagogen (Person A); desgleichen mit einem Sozialarbeiter dieser Einrichtung (Person C); ergänzend dazu mit einem Heilpädagogen in einer diakonischen Großeinrichtung für Menschen mit einer geistigen Behinderung (Person 3).

Bei den befragten Personen handelte es sich um Menschen, die zu mir eine vertrauensvolle Beziehung haben, z.T. frühere Arbeitskollegen, z.T. Freunde und gute Bekannte. So sollte eine offene Gesprächsatmosphäre hergestellt als Grundlage ehrlicher und konsistenter Antworten. Der Personenkreis sollte gewährleisten, dass keine Gefälligkeitsantworten gegeben würden, sondern sich die Personen als ernst genommene Gesprächspartner verstünden.

Die Interviews waren teilstrukturiert, sie sollten Freiraum lassen für das Einbringen eigener Themen im Forschungszusammenhang. Sie orientierten sich an folgenden Leitfragen:

- Seit wann lebst Du mit einer Behinderung/ mit Arbeitslosigkeit?
- Welchen Verlauf nahm sie?
- Welche Auswirkungen hatte sie auf Dich und Deine Lebensführung?
- Wie gehst Du mit ihr um?
- Was hilft Dir?
- Was erschwert es Dir?

Ich ging dabei von der Annahme aus, dass sich gemeinsame Merkmale sowohl bezüglich Dauer und Verlauf der Situation wie auch in den Folgen zeigen könnten. Ergänzend dazu fragte ich nach eigenem Umgang, Hilfen und Erschwernissen bei der Bewältigung der Situation , um eine inhaltliche Basis zu gewinnen für die Diskussion von Folgen in Kapitel 5.

Die in diesem Bereich berufstätigen Personen wurden anhand folgender Fragen interviewt:

- Wie war Dein beruflicher Werdegang?
- Seit wann hast Du mit langzeitarbeitslosen / behinderten Menschen zu tun?
- In welchen Zusammenhängen?
- Wie erlebst Du sie?
- Würdest Du ein Fazit ziehen?
- Wie verarbeitest Du Deine Erfahrungen?
Sie fragte ich nicht nur nach ihrem Erleben der Betroffenen, sondern darüber hinaus auch nach ihren eigenen beruflichen Erfahrungen, um im späteren Verlauf der Diplomarbeit noch einmal auf Folgen für die professionelle Arbeit mit den beiden Gruppen eingehen zu können.

3.1.2. Die Auswertung

Bedingt durch viele detaillierte Angaben, ausführliche Beispiele und Lebenserinnerungen, waren die Interviews in aller Regel ergiebig, drei sogar sehr ergiebig (zwischen zehn und vierzehn Seiten in der Transskription).

Die Aussagen lassen sich inhaltlich gruppieren. Dabei musste ich die Kategorien, die ich bereits vor dem Entwurf der Fragen für die Interviews angenommen hatte, um die Kategorie „Der Begriff der Behinderung“ sowie um die Kategorie „Ursache der behindernden Situation“ ergänzen, die beide für meine Interviewpartner Punkte der Auseinandersetzung waren. Eine weitere Gruppe mit der Kategorie „Professioneller Umgang mit Menschen in erschwerten Lagen“ war nicht nur für Betroffene relevant, sondern auch für die Personen, die in den entsprechenden Berufsfeldern arbeiten. Somit können die wesentlichen Aussagen (s. Anhang 1) acht verschiedenen Gruppierungen zugeordnet werden, die mit folgenden Kategorien verbunden werden können: Gruppe 1 Der Begriff der Behinderung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beispiele dafür sind:

Gruppe 1-Der Begriff der Behinderung -

I.(Interviewerin): „Kannst Du sagen, welche Auswirkungen die Behinderung auf Dein Leben genommen hat?

Person 2: Also, es ist natürlich so, dass es ja schon immer Begleiter des Lebens war, das heißt, ich habe schon immer Benachteiligungen erlebt.“

Person 1: „Ich mein, es läuft nicht alles optimal, aber das bin ich ja mein Leben lang gewohnt, dass nicht alles optimal ist. Ich denk auch nicht, dass es notwendig ist, dass alles optimal ist. Es muss halt handhabbar bleiben.“

Person A: „Aber wir hatten auch tragische Fälle. In den letzten drei Jahren sind glaub ich drei Beschäftigte während der Beschäftigungszeit verstorben; wo klar war, es liegen gesundheitliche Probleme vor. Wir haben auch versucht, im Rahmen der Beschäftigungsmaßnahme darauf hinzuwirken, haben die zum Teil auch gemacht – aber es war schlicht und ergreifend zu spät, weil diese Schädigungen über Jahrzehnte hinweg sich angehäuft hatten.“

Person 3: „Da, an der Stelle möchte ich stehen, dem Menschen auch die Entfaltung zu geben, die er benötigt, ungeachtet dieser anderen Dinge, die wir dann Beeinträchtigung nennen, Behinderung nennen oder ähnliche Dinge.“

Gruppe 2 - Ursache der behindernden Situation -

Person 2: „Also ich hab eine angeborene beidseitige Hüftluxation und Hüftdisplacie, die im Alter von einem Jahr entdeckt worden ist.“

Person B: „Ich hatte da eine junge Frau, die war total engagiert, die wollte unbedingt Friseurin werden, und die hat Praktika gemacht – da gibt es ja so eine Erwartungshaltung, du musst ja unheimlich viel bringen heutzutage, überall ein Praktikum vorschalten, auch als Erwachsener; die ist pfiffig gewesen und hatte einen guten Hauptschulabschluss und das hat eigentlich gepasst, bis ich dann diesen Test gemacht hab. Ich hab da einen Friseur ausfindig gemacht, ich hab gesagt, also die interessiert sich für eine Ausbildungsstelle und ich möchte jetzt einfach gern wissen, ob Sie sie nehmen würden oder nicht und wenn nicht, dann hätt´ ich gerne eine Begründung. Ja und dann sagte er halt, die passt einfach nicht in so einen Friseurladen, die ist nicht so der Friseurinnentyp.

I.: Tatsächlich!

Person B.: Ja, die müssen dann halt stylisch sein und die und die Figur haben, irgendwie da halt in das Geschäft passen.“

Person F: „Und so nach sechs Jahren, da dachte ich, es muss mal was Anderes her, da hab ich den Eindruck gehabt, ich verblöd langsam da, weil mir das zu anspruchslos war, immer dieselbe Handbewegung tagein und tagaus, manchmal haste nachts Alpträume gehabt, haste die Wagen gesehen, die am Band rollen, die sind als schneller gelaufen.“

Gruppe 3 - Dauer und Verlauf-

Person E: „Ich musste nach drei Jahren (der Arbeitslosigkeit, I.J.) in eine Obdachlosenunterkunft, da die Bekannte ihre Wohnung verlor. Dort begann ich zu trinken, weil alle anderen tranken. Ich konnte nichts mehr essen, magerte ab auf ca. 40kg, konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Ich bekam Durchfall und Erbrechen vom Trinken. Eines Tages ekelte ich mich vorm Schnapsgeruch. Mein Freund ließ den Krankenwagen kommen. Ich ging für 2,5 Monate ins Krankenhaus. Danach stand mein Entschluss fest, nie wieder zu trinken.“

Person F: „Da hatte ich einen Job gehabt wieder, in Wiesbaden bei einer Stahlbaufirma, eigentlich ein Job, der mir gefallen hatte, und bin dann wieder ins Krankenhaus gekommen wegen meinem Rücken, hatte eine Freundin gehabt zu der Zeit. In kurzer Zeit, echt, hat alles geklappt, auf einmal, zack, als würd´ mir´s zu gut gehen, hatte ich innerhalb von drei, vier Wochen wieder alles verloren. - Es hat sich total viel geändert in meinem sozialen Umfeld. Es sind Freundschaften, die sind nicht mehr, die konnte man nicht mehr aufrechterhalten.“

Person 2: „Ich hab von 1996, da ist die Operation nicht so gelungen, die Einsetzung, wie wir uns das vorgestellt haben und da bin ich anschließend auch in eine Depression gefallen, also die Operation hat nicht das gebracht, was ich mir gewünscht hatte, mehr Beweglichkeit, kein Hinken mehr, sondern – was war nur – ich hab nur keine Schmerzen mehr gehabt und bin in der Bewegung noch eingeschränkter als vorher.“

Person F: „So Phasen hatt` ich auch dann. Wenn man dann die x-te Bewerbung abgeschickt hat und dann die Absagen kamen; dann sind manchmal wirklich dann Tage oder Wochen vergangen, wo ich mit niemandem reden wollte. ... Ja, Verzweiflung gab´s schon auch.“

Gruppe 4 - Folgen-

Person 2: „Ich muss immer andere Wege suchen, ich fahr viel mit dem Fahrrad herum, weil ich einfach die Wege nicht laufen kann.“

Person 1.: „Wenn man da ein Verhalten an den Tag legt, das schwierig ist, schwierig nachzuvollziehen, schwierig mit umzugehen; wenn einer dauernd die Zeit vergisst, macht`s nicht unbedingt einfacher, mit dem immer zurechtzukommen. Auf meine Beziehungen hatte das mit Sicherheit Auswirkungen.“

Person F.: „Ich war ja schon zweimal im Krankenhaus gewesen wegen der Geschichte.

I.: Was war das, was mit der Bandscheibe?

F.: „Ja, ich hatte ganz schön Malheur gehabt. Ja, ich weiß mittlerweile, ich nehm auch an, das hat auch mit der ganzen Arbeitslosigkeit zu tun, auch mit dem seelischen Zustand denk ich mittlerweile drüber nach, dass das auch damit zusammenhängt so Probleme. Ich seh das mittlerweile so halb körperlich, schwer gearbeitet, zu viel zugemutet oft, und ich bin mittlerweile der Meinung, dass das auch so ein bisschen mit der Seele zu tun hat.“

Gruppe 5 - Eigener Umgang mit der behindernden Situation-

Person 1: „Medikamente nehm ich zur Zeit keine mehr. Es ist die Frage, ob´s besser wäre, aber ich sag mir, ich hab´s relativ lange ohne geschafft und ich möchte es auch ohne schaffen. Ich geh jetzt lieber den Weg und sag, im

Zweifelsfall ein bisschen kurz treten , vor allen Dingen auch auf die Ernährung achten.“

Person F: „Manchmal nimmt man sich dann vor, steht früh auf und geht aufs Arbeitsamt und guckt in den Computer oder hat da einen Termin vor, was zum Vorsprechen beim Sachbearbeiter oder versucht halt irgendwie irgendwas zu unternehmen, dann halt, wenn man was gefunden hat, eine Bewerbung schreiben, abschicken, wenn man nichts gefunden hat, zieht man wieder resigniert ab. Manchmal sitzt man dann da und sucht am Computer, zwischendrin denkt man auch manchmal ´´Ach, lasst mir grad die Ruh.``“

Person 1: „Für mich war das Wichtigste, dass ich mich überhaupt mit dem Thema befasst und mich darüber informiert hab.“

Person 2 „Wegen der Depression bin ich dann in die Allgemeine Lebensberatung gegangen und hab eineinhalb Jahre Lebensberatung gemacht und hab dadurch das dann auch geschafft.“

Gruppe 6 - Hilfen-

Person C: „Also es waren ja auch schon Leute da, die haben aus einer langen Langzeitarbeitslosigkeit heraus wieder Tritt gefasst. Allerdings haben die dann auch einen Job erwischt, wo man sagen kann, das macht ein bisschen Spaß. Also so dieser gewöhnliche Job, dieses gewöhnliche Beschäftigungsverhältnis: Morgens rin in die Kartoffel und abends wieder raus aus de Kartoffel- jemand der sehr lange arbeitslos war, der wird das nie mehr schaffen.“

Person 2: „Positiv, würde ich nur sagen, dass ich sagen wir mal, in finanzielle Programme reingekommen bin, ich hab 1976/77 war es ja so, dass eine Lehrstellenknappheit vorhanden war und dadurch, dass ich diesen Zuschuss bekommen habe, hab ich auch eine Lehrstelle bekommen.“

[...]

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Langzeitarbeitslosigkeit als Form von Behinderung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institu für Heil-und Sonderpädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
127
Katalognummer
V117169
ISBN (eBook)
9783640191833
ISBN (Buch)
9783640191659
Dateigröße
957 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Langzeitarbeitslosigkeit, Form, Behinderung
Arbeit zitieren
Diplompädagogin Irmgard Jahn (Autor), 2007, Langzeitarbeitslosigkeit als Form von Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117169

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