Unterschiedliche Perspektiven zur geschlechtlichen Arbeitsteilung bei den Tukanoan des Nordwestlichen Amazonas


Essay, 2008

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Aufriss und Relevanz des Themas der geschlechtlichen Differenzierung in indigenen Gesellschaften Südamerikas
2.2. Irving Goldman: Eine ungleiche und doch komplementäre Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung
2.3. Peter Rivière: Die Konstruktion einer Arbeitsteilung zur gezielten Unterdrückung und Kontrolle der Frau
2.4. Jean Jackson: Wie eine scheinbare Unterdrückung eine faktische Macht bedeuten kann

3. Schlussbemerkung

4. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich mich eingehend mit Aspekten der sozialen, politischen, symbolischen und mythischen Dimension geschlechtlicher Arbeitsteilung bei den Tukanoan beschäftigen. Als Ausgangspunkte dienen verschiedene Aufsätze zum Thema, in denen sehr unterschiedlich argumentiert wird und die so teils stark divergierende Theorien zum Thema Geschlechterbeziehungen und Arbeitsteilung liefern. Zunächst wird es einen kleinen Aufriss geben, um einen kurzen Überblick über das Thema zu geben. Anschließend werden einige Kapitel der Monographie von Irving Goldman dargestellt, die die ungleiche geschlechtliche Arbeitsteilung als Teil eines komplementären Gesamtbildes versteht. Anhand von Goldmans Überlegungen werde ich die Überleitung bilden zur für die Ethnologie zentralen Theorie Rivières, der von einer gezielten Kontrolle und Unterdrückung der Frau durch eine hochgradig routinisierte und strukturierte Arbeit spricht. Die dritte Ethnologin, die in diesem Zusammenhang zu Wort kommen soll ist Jean Jackson, die zwar eine offensichtliche Dominierung seitens der Männer feststellt, sie jedoch als eine Form des Überspielens der eigentlichen Tatsachen darstellt, welche darin besteht, dass die Frauen eben doch eine faktische Übermacht bilden. Zum Schluss werde ich ein paar Ideen von Philippe Descola aufgreifen, die dem Thema eine weitere Dimension verleihen. Descola beschreibt die Problematik der geschlechtlichen Arbeitsteilung und der Beziehungen zwischen Mann und Frau folgendermaßen:

Comparing gender relations, then, always reverts to the veixing question of whether the glass is half- full or half- empty, of whether the domination of men over women is real or symbolic, of whether formal equality is undermined by covert hierarchy or the reverse. (Descola, In: Gregor 2001: 93)[1]

Dieses Zitat verdeutlicht sehr gut die Schwierigkeit, indigene Vorstellungen von Arbeit, Geschlechterbeziehungen und Macht zu verstehen und zu interptieren, ohne sie zu sehr an unseren eigenen kulturellen Kategorien zu messen. Lorrain spricht hier auch von einer starken Tendenz westlicher Ethnologen ein System, wie das der Arbeitsteilung, entweder als einen Ausdruck von Hierarchie und männlicher Dominierung oder als ein System der absoluten Gleichheit zu verstehen. Die Debatte um geschlechtliche und damit soziale Ungleichheit und Arbeitsteilung hat auch in unserer eigenen Gesellschaft noch nichts Aktualität eingebüßt und besonders von feministischer Seite starke Kritik ausgelöst:

Many of these criticisms came from feminists, who pointed to the extent of the conflict and tensions within the family, as well as the crucial role played by family obligations and the conventional gender division of labour with which they were associated in perpetuating women’s subordinate position in society (Barett and Mackintosh 1991).[2]

Im Mittelpunkt meiner Analyse stehen also folgende Fragen: Was für eine geschlechtliche Arbeitsteilung gibt es in den Tukanoan- Gesellschaften? Welche ökonomischen, sozialen und mythisch- kosmologischen Vorstellungen manifestieren sich in dieser Arbeitsteilung bzw. liegen dieser zu Grunde? Wie wird sie von den Frauen und Männern selbst empfunden? Auch die Frage ob eine geschlechtliche Arbeitsteilung eine faktische Ungleichheit bedeutet oder eher ein Ausdruck einer sozialen und kosmologischen Ordnung ist, innerhalb derer sich bestimmte symbolische Dichotomien herausgebildet haben, welche durch diese Arbeitsteilung manifestiert werden, soll hier näher beleuchtet werden. Weiterhin stellt das Betrachten der Handhabung, Teilung und Realisierung dieser geschlechtlichen Arbeitsteilung einen weiteren wichtigen Anhaltspunkt dar, der anhand genannter unterschiedlicher Ansätze und Theorien aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden soll. Von Seiten vieler Ethnologen wird bei der Betrachtung von Arbeitsteilung und Geschlechterbeziehungen immer wieder kritisiert, dass es einerseits problematisch und hinderlich ist unsere westlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit bzw. Hierarchie auf indigene Völker zu projizieren. So z.B. bei Cecilia McCallum (2001) , die feststellt, dass eine soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nicht automatisch auch ein ungleiches Machtverhältnis bedeuten muss: „I demonstrate that a binary distinction between ‘male’ and ‘female’ structures social life in the Amazonian societies under focus, but that it does not underwrite a power ‘structure’.“[3] Geschlechter- Antagonsimen gleichzusetzen mit sozialer und politischer Ungerechtigkeit und Hierarchie ist zwar aus westlich- moderner Perspektive naheliegend, aber in der Ethnologie unangebracht, da indigene kosmologische Systeme sehr komplexer Art sind und ihr Verständnis von sozialen und symbolischen Oppositionen und Ordnungen nicht mit unseren Glaubens- und Denksystemen zu vergleichen sind. Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind zwar in allen Gesellschaften Elemente um soziale Kategorien zu konstruieren, aber nicht überall haben diese Unterschiede auch einen gleichen Stellenwert.

2. Hauptteil

2.1. Aufriss und Relevanz des Themas der geschlechtlichen Differenzierung in indigenen Gesellschaften Südamerikas

Um die Relevanz des Themas zu beurteilen beziehe ich mich in diesem Abschnitt besonders auf die Arbeit Jean Jacksons[4], der ein Kapitel seiner Monographie „The Fish People. Linguistic Exogamy and Tukanoan Identity in Northwest Amazonia“ der Identität von Mann und Frau gewidmet hat. In diesem Kapitel problematisiert er einleitend die im folgenden dargestellten ethnologischen Herangehensweisen und die zu untersuchenden gesellschaftlichen Bereiche. Zunächst lässt sich feststellen, dass bei der Betrachtung geschlechtlicher Differenzen innerhalb einer jeden Gesellschaft es vor allem auch um den Zugang zu und die Distribution von Macht geht. Status, Solidarität, Gleichheit bzw. Hierarchie spielen ebenfalls wichtige Rollen innerhalb der symbolischen und sozialen Repräsentationen der Geschlechter. Die Verteilung und Gewichtung dieser Elemente zwischen den Geschlechtern hat erhebliche Aussagekraft über die soziale Situation von Mann und Frau in einer Gesellschaft. Soziale Differenzierung in indigenen Gesellschaften wird primär charakterisiert durch zwei wesentliche Hauptunterscheidungskriterien: Alter und Geschlecht. Das Problem bei der Analyse gesellschaftlicher und sozialer Strukturen ist laut Jackson vor allem, dass die Betroffenen selbst sich der in ihrer Gesellschaft wirkenden Strukturen oft nicht bewußt sind bzw. dass diese Strukturen, vor allem im Bereich der Geschlechterrollen, bewußt negiert oder ignoriert werden (dies trifft jedoch auf jede Gesellschaft zu). Innerhalb der Gartenbaukulturen Südamerikas nehmen die Tukanoan- sprachigen Völker eine wichtige Stellung ein im theoretischen Diskurs über die Geschlechterrollen. In diesem Diskurs stehen sich zwei Positionen gegenüber. Eine besagt, dass in diesen Gesellschaften ganz eindeutig eine reale Unterdrückung der Frau durch den Mann exisitiert, während die andere Position den Standpunkt vertritt, dass dies bestenfalls ein Wunschdenken der Männer ist, die damit eine gegenteilige Realität verschleiern wollen. Allen Aufsätzen zu diesem Thema ist jedoch gemein, dass sie eine männliche Dominierung in der Tukanoan- Gesellschaft erkennnen lassen, bei der Frage ob es sich hierbei um eine Ausbeutung der Frauen handelt oder ob dies nur unserem ethnozentrischen Blick enstpringt scheiden sich jedoch die Meinungen. Diese feinen Unterschiede sollen in meiner Arbeit besonders evaluiert werden. Die Frage, die sich hier stellt ist also, wieviel Macht die Frauen wirklich haben in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen wie der wirtschaftlichen Produktion und Distribution, bzw. wieviel Mitspracherecht sie innerhalb des Systems der sozialen Reproduktion haben. Das Problem für den Ethnologen ist hierbei vor allem die soziale Realtät von einem Idealbild der Kultur zu unterscheiden, weil er höchstwahrscheinlich in den meisten Fällen im Laufe seiner Feldforschung mit einer idealen und „männlichen“ Version der jeweiligen Kultur konfrontiert werden wird.

Im folgenden soll nun also der Ansatz von Goldman untersucht werden, dessen Monographie quasi am Anfang der Betrachtung steht, da z.B. Peter Rivière darauf aufbauend seine Theorie der Kontrolle und Unterdrückung durch eine spezifische Arbeitsteilung entwickeln hat.

2.2. Irving Goldman: Eine ungleiche und doch komplementäre Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung

Goldman liefert mit seiner Monographie „The Cubeo. Indians of the Northwest Amazon“[5] den Ausgangspunkt der Theorie von Peter Rivière, welche im Anschluss vorgestellt werden soll. Ich werde hier insbesondere auf die Kapitel „The Cubeo Community“ und „Economic Life“ eingehen. Zunächst beschreibt Goldman, der bei den Cubeo in Kolumbien (Gruppe der Zentral- Tukanoan) forschte, dass der erste wesentliche Schritt bei der Bittermaniok- Kultivierung das Anlegen eines Gartens seitens des Mannes für seine Frau ist. Dies wird der einzige Beitrag sein, den der Mann zur Kultivierung des Bittermanioks leistet, die weiteren Schritte wie Anbau, Ernte, Entgiftung und Weiterverarbeitung sind allein Aufgabe der Frau. Ist der Ehemann verstorben, kann das Anlegen eines Gartens auch von einem anderen männlichen Verwandten wie z.B. dem Bruder der Frau geschehen. Dieses Anlegen des Gartens legt den Grundstein für die darauffolgende, ausschließlich durch die Frau erfolgende, Bewirtschaftung des Gartens und hat auch eine besondere symbolische Dimension innerhalb einer Ehegemeinschaft: „No bond between a man and a woman is of greater importance and richer in sentiment than that set up by the making and cultivating of a manioc garden.“ (Goldman 1963: 73) Faktoren wie die Distanz zum Gemeinschaftshaus, sind hierbei entscheidend, da der Garten außer Sicht- und Hörweite der maloca liegen muss. Hierzu ist es wichtig zu ergänzen, dass die chagra (Fläche, auf der angebaut wird) nicht nur eine soziale, sondern auch eine sexuelle Konnotation aufweist, da sie einen nur den Frauen zugänglichen privaten Bereich markiert, in dessen Nähe die Männer höchstens mit der Absicht sexuellen Verkehr zu haben kommen. Wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt geschieht dies ebenfalls in ihrem Garten, der außer von ihr auch von ihren Töchtern bewirtschaftet werden kann. Außerdem beim Anlegen der chagra zu beachten ist, dass sie nicht zu weit entfernt sein darf, da die Frau täglich den Weg von ihrem Haus zum Garten nicht nur mit dem Korb voll geerntetem Maniok gehen muss, sondern eben auch mit ihrem Baby und Feuerholz auf dem Rücken. Meist werden die Gärten dementspchend in einem Halbkreis um das Dorf herum angelegt, um der Frau einen zu langen Weg zu ersparen. Auch bei ausschließlich den Männern vorbehaltenen Ritualen bietet die chagra den Frauen einen geeigneten Aufenthaltsort. Allerdings ist der Garten ein sekulärer Ort, ohne jegliche sakrale Konnotation. Diese Tatsache erklärt auch, warum es keine heiligen Riten im Bereich des Maniokanbaus gibt (in anderen Ethnien, wie z.B. bei den Makushi in Brasilien/ Französisch- Guyana, gibt es den Maniokanbau betreffend zahlreiche heilige Rituale, die den Bittermaniok in einen mythologischen, symbolischen und sakralen Kontext stellen)[6]. So wie der Bittermaniok ausschließlich von Frauen angebaut wird, sind allein die Männer zuständig für den Anbau von Tabak und Coca. Alle anderen Anbauprodukte können von Männern und Frauen gleichermaßen angebaut werden. Sowie der vordere Platz der Siedlung, der ebenfalls eine sakrale Konnotation aufweist, und der Fluss den Männern zugeschrieben wird, so wird der Platz hinter der maloca den Frauen zugewiesen, dieser hat allerdings wieder einen sekulären Charakter. Im Laufe dieses Kapitels wird die Tatsache, dass die meisten den Frauen zugeschriebenen Bereiche einen sekulären Charakter haben, während die Aufenthaltsorte der Männer eine eindeutige sakrale Konnotation aufweisen, noch erörtert werden.

[...]


[1] Descola, Phillipe: The Genres of Gender: Local Models and Global Paradigms in the Comparison of Amazonia and Melanesia. In: Gregor, Thomas 2001:Gender in Amazonia and Melanesia. An exploration of the comparative method. Universoty of California Press (Berkeley)

[2] In: Crompton, Rosemary 2006: Employment and the Family. The Reconfiguration of Work and Family Life in Contemporary Societies. Cambridge University Press (S.32)

[3] McCallum, Cecilia 2001: Gender and Sociality in Amazonia. How Real People Made. Berg (Oxford)

[4] Jackson, Jean 1983: The Fish People. Linguistic Exogamy and Tukanoan Identity in Northwest Amazonia. Cambridge University Press

[5] Goldman, Irving 1963: The Cubeo. Indians of the Northwest Amazon. The University of Illinois Press (Urbana)

[6] Siehe hierzu: Rival, Laura: Seed and Clone:The Symbolic and Social Significance of Bitter Maniok Cultivation. In: Rival, Laura/ Whitehead, Neil (Hsg.) 2001: Beyond the visible and the material. The Amerindization of Society in the work of Peter Rivière. Oxford University Press

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Unterschiedliche Perspektiven zur geschlechtlichen Arbeitsteilung bei den Tukanoan des Nordwestlichen Amazonas
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V117501
ISBN (eBook)
9783640212668
ISBN (Buch)
9783640212743
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterschiedliche, Perspektiven, Arbeitsteilung, Tukanoan, Nordwestlichen, Amazonas
Arbeit zitieren
Nathalie Solis Pérez (Autor:in), 2008, Unterschiedliche Perspektiven zur geschlechtlichen Arbeitsteilung bei den Tukanoan des Nordwestlichen Amazonas , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117501

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