„Übungsfirmen stärken den Praxisbezug des Unterrichts. Der Schritt in die Berufswelt gelingt jungen Menschen umso besser, je stärker Schule und Arbeitswelt miteinander verzahnt sind.“(Dr. Annette Schavan)
Mit diesen Worten eröffnete die damalige Kultusministerin Baden-Württembergs (BW) am 3. März 2005 die Einweihung von Räumlichkeiten zweier Übungsfirmen in der Fritz-Erler-
Schule in Pforzheim. Sie ging sogar noch einen Schritt weiter und sprach von einer „geübten Praxisnähe, welche die Ausbildungsfähigkeit stärke“1 und somit den „Übergang in eine
berufliche Ausbildung erleichtere.“2 Durch die enge Verzahnung von Theorie und Praxis sind Übungsfirmen besonders geeignet, „um den Schülerinnen und Schülern berufliche Schlüsselqualifikationen3 zu vermitteln.“4
Über die Aussage von Frau Dr. Schavan hinaus, soll hier der Frage nachgegangen werden, ob die Übungsfirma (ÜFA) am kaufmännischen Berufskolleg (BK) in BW5 mehr als nur ein Mittel sein kann, um mehr berufsspezifische Kenntnisse in die Schule zu tragen, oder durch Üben eine bessere Ausbildungsfähigkeit zu ermöglichen. Vermag die ÜFA zu einer Bildung der Schüler beizutragen, die zwar größtenteils berufliche Inhalte enthält, nicht aber nur durch berufsspezifische Kenntnisse vermittelt wird? Können die in der ÜFA vermittelten Lerninhalte auch Fähigkeiten und Kompetenzen fördern, die den Schüler zu einem auf Dauer angelegten, über die beruflichen Schlüsselqualifikationen hinaus, lebensbegleitenden Lernen befähigen? Fähigkeiten und Kompetenzen, die den Lernenden (Schüler) im Sinne von REETZ zu intellektueller, sozialer und moralischer Mündigkeit verhelfen. Darf Praxisbezug bzw.
Üben verstanden werden als „praktisch im Sinne von etwas handgreiflich tun [und; M.P.] Einübung technischer Fertigkeiten im Sinne von unkritischer Einpassung in bestehende Strukturen“?6 Ist ein gehbarer Weg nicht viel mehr der, dass mit dem Konzept der ÜFA ein Balanceakt zwischen Instruktion (Wissensvermittlung) und Konstruktion (Wissenserarbeitung) zu bestreiten ist und Lehr-Lern-Prozesse als konstruktiv anzusehen sind.
Deshalb muss es oberstes Ziel sein, den Lernenden einen eigenständigen Wissensaufbau zu ermöglichen und diesen anzuregen.7 Könnte nicht eines der Ziele des ÜFA Konzepts eine
Abkehr vom lehrerzentrierten Unterricht hin zum Konzept der Handlungsorientierung sein.8
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Einleitung und Zugang zum Thema
1.2 Problemstellung
1.3 Zielsetzung
1.4 Aufbau der Arbeit
2. Grundlagen, Positionierung und Funktionen der Übungsfirma
2.1 Die Übungsfirma
2.1.1 Entstehung und Bedeutung der kaufmännischen Übungsfirma
2.1.2 Konzept und Merkmale der Übungsfirma
2.1.3 Abgrenzung zu Lernbüro und Juniorenfirma
2.2 Das Bildungs- und Berufsbildungssystem in Deutschland
2.2.1 Lehrplan kaufmännisches Berufskolleg in Baden-Württemberg (mit Übungsfirma): Eine Ableitung aus Ausbildungsordnung und KMK-Rahmenlehrplan
2.2.2 Funktionen des kaufmännischen Berufskollegs (mit Übungsfirma) in BW
3. Die hinter der Übungsfirma stehenden Theorien und ihre Umsetzung in die Praxis unter dem Leitgedanken der Normativität (Theoretische Heranführung an einen in der Übungsfirmenpraxis verwendbaren Beobachtungsbogen)
3.1 Lehr-Lern-Situationen in der Übungsfirma – eine Abkehr vom Primat der Instruktion hin zur Handlungsfähigkeit
3.1.1 Das Konzept der Handlungsorientierung
3.1.1.1 Die östliche Tätigkeitspsychologie nach WYGOTSKY und LEONTLEW weiterentwickelt durch HACKER und VOLPERT
3.1.1.2 Die kognitive Handlungstheorie nach Piaget weiterentwickelt von AEBLI
3.1.1.3 Die wesentlichen Merkmale von Handlungsorientierung
3.1.2 Die Zielgröße bzw. das Konzept der (beruflichen) Handlungskompetenz - ein Produkt der Schlüsselqualifikationen oder ein neues Kompetenzkonzept?
3.1.2.1 Sachkompetenz und intellektuelle Mündigkeit
3.1.2.2 Sozialkompetenz und soziale Mündigkeit
3.1.2.3 Selbstkompetenz und moralische Mündigkeit
3.2 Die normativen Ansprüche aus Wissenschaft und Wirtschaft
3.2.1 Der Prozessgedanke von REETZ
3.2.2 Die konstruktivistische Perspektive von TRAMM
3.2.3 Der Begriff der Nachhaltigkeit aus der Perspektive von FISCHER
4. Heranführung und Begründung eines in der Übungsfirmenarbeit verwendbaren Beobachtungsbogens
4.1 Der Professionalitätsanspruch an die Lehrkraft
4.1.1 Erstellung eines Anforderungskatalogs an den Übungsfirmenunterricht
4.1.2 Soll - Ist Vergleich mit dem Lehrplan kaufmännisches Berufskolleg mit Übungsfirma I und II
4.1.3 Der Beobachtungsbogen
4.1.4 Kurzes Resümee einer ersten Anwendung des Beobachtungsbogens
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob die Übungsfirma am kaufmännischen Berufskolleg in Baden-Württemberg als Lernort fungieren kann, der über die reine Vermittlung fachspezifischer Kenntnisse hinausgeht und Kompetenzen für lebensbegleitendes Lernen sowie Mündigkeit im Sinne von Reetz fördert. Dabei wird hinterfragt, inwiefern didaktische Lehr-Lern-Situationen in der Übungsfirma den normativen Ansprüchen aus Wissenschaft und Wirtschaft gerecht werden können.
- Analyse des didaktischen Konzepts der Handlungsorientierung.
- Untersuchung des Begriffs der Handlungskompetenz und seiner Dimensionen.
- Positionierung und Abgrenzung der Übungsfirma zu Lernbüro und Juniorenfirma.
- Ableitung eines Beobachtungsbogens zur Evaluation des Übungsfirmenunterrichts.
- Reflexion des Professionalitätsanspruchs an die Lehrkraft.
Auszug aus dem Buch
3.1.1.1 Die östliche Tätigkeitspsychologie nach WYGOTSKY und LEONTLEW weiterentwickelt durch HACKER und VOLPERT
LEONTJEW geht in seinem Aneignungskonzept davon aus, dass die gegenständliche Tätigkeit des Menschen, insbesondere die Arbeitstätigkeit dazu dient, sich innerhalb der Gesellschaft verankertes Wissen und Können anzueignen. Dies vollzieht sich, indem der Mensch die äußere Tätigkeit in seinem Inneren widerspiegelt. Ähnlich wie bei BRONFENBRENNERS Ökologie der menschlichen Entwicklung, vollzieht sich die Aneignung durch eine Wechselwirkung zwischen Veränderung der Umwelt und des Subjekts Mensch.
Die durch die äußeren Tätigkeiten entwickelten Bilder und Pläne bilden das innerpsychische Pendant dazu. Konstitutiv ist eine Wechselbeziehung von Handlungsgegenstand, den äußeren Handlungsvollzügen und den inneren Modellen in Form einer Entwicklung von Handlungsfähigkeiten. Bei den inneren Modellen handelt es sich laut HACKER um „operative Abbildsysteme“. Diese ermöglichen ein vor der Ausführung der praktischen Handlung stehendes „Durchdenken“ dieser und analysieren dabei die durch äußere Bedingungen definierte (Arbeits-)Situation. Die Handlungsausführung, welche auf der untersten Handlungsregulationsebene angesiedelt ist, ist letztendlich das Ergebnis eines inneren Durchlaufs des Arbeitsprozesses. Dabei wird der Arbeitsprozess vor seiner Ausführung im Hinblick auf die Zielsetzung im Inneren überprüft, von Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozessen begleitet und schließlich Teilergebnisse und Zielvorstellung miteinander verglichen und kontrolliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Übungsfirmen als Lernorte ein und skizziert die Forschungsfrage nach deren Potenzial für handlungsorientiertes und mündigkeitsförderndes Lernen.
2. Grundlagen, Positionierung und Funktionen der Übungsfirma: In diesem Kapitel werden die Entstehung, das Konzept und die Abgrenzung der Übungsfirma zu anderen Simulationsformen dargestellt sowie der bildungspolitische Kontext des Berufskollegs in Baden-Württemberg beleuchtet.
3. Die hinter der Übungsfirma stehenden Theorien und ihre Umsetzung in die Praxis unter dem Leitgedanken der Normativität (Theoretische Heranführung an einen in der Übungsfirmenpraxis verwendbaren Beobachtungsbogen): Das Kapitel diskutiert handlungsorientierte Konzepte und Kompetenzmodelle sowie normative Anforderungen aus Wirtschaft und Wissenschaft, die das Fundament für die Gestaltung der Übungsfirmenarbeit bilden.
4. Heranführung und Begründung eines in der Übungsfirmenarbeit verwendbaren Beobachtungsbogens: Hier wird der Professionalitätsanspruch an die Lehrkraft thematisiert und ein Beobachtungsbogen hergeleitet, der anhand von Kriterien wie Prozessorientierung und Subjektorientierung die Qualität des Übungsfirmenunterrichts erfassbar macht.
5. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert das Potenzial der Übungsfirma als Lernort und betont die Notwendigkeit einer bewussten Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse durch die Lehrkraft, um über rein repetitive Tätigkeiten hinauszugehen.
Schlüsselwörter
Übungsfirma, Handlungsorientierung, Handlungskompetenz, Berufskolleg, Berufspädagogik, Normativität, Professionalität, Beobachtungsbogen, Prozessorientierung, Schlüsselqualifikationen, Wirtschaftspädagogik, Mündigkeit, Lehr-Lern-Prozesse, Ausbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das didaktische Potenzial der Übungsfirma am kaufmännischen Berufskolleg in Baden-Württemberg, insbesondere im Hinblick auf die Förderung beruflicher Handlungskompetenz und Mündigkeit.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die theoretische Fundierung des handlungsorientierten Lernens, die Analyse des deutschen Berufsbildungssystems und die Entwicklung eines Instruments zur Beobachtung und Evaluation des Unterrichts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erstellung eines Anforderungskatalogs und eines darauf basierenden Beobachtungsbogens, um die Qualität von Lehr-Lern-Situationen in der Übungsfirma kritisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch Literaturanalyse und der anschließenden Entwicklung eines praxisorientierten Beobachtungsbogens sowie ersten Anwendungsbeispielen aus der Praxis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Konzepte wie Handlungsorientierung, kognitive Handlungstheorien und normative Ansprüche aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie deren praktische Relevanz für das Berufskolleg.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Übungsfirma, Handlungskompetenz, berufliche Bildung, Professionalität und Didaktik geprägt.
Welche Rolle spielt die Lehrkraft in der Übungsfirma laut dieser Arbeit?
Der Autor fordert eine Abkehr vom lehrerzentrierten Wissensvermittler hin zu einer begleitenden, beratenden Rolle als "Mitarbeiter", der den Schülern Raum für eigenständige Konstruktionsprozesse lässt.
Wie unterscheidet sich die Übungsfirma von einem Lernbüro?
Während im Lernbüro alle Abläufe in einem geschlossenen, vom Lehrenden initiierten System simuliert werden, ermöglicht die Übungsfirma aufgrund der Einbindung in einen überregionalen "Übungsfirmenmarkt" reale Außenkontakte mit Ernstcharakter.
Was ergab die erste Anwendung des Beobachtungsbogens?
Die erste Anwendung zeigte, dass die beobachteten Arbeitsprozesse stark repetitiv waren und kaum höhere Ebenen der Handlungsregulation ansprachen, was den Bedarf für eine anspruchsvollere didaktische Gestaltung unterstreicht.
- Citation du texte
- Michael Pflugfelder (Auteur), 2007, Normativität und Professionalität in der Übungsfirma, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117926