Die deutschen Medien beschäftigen sich schon seit längerer Zeit, besonders intensiv seit den Anschlägen in Amerika und der Debatte um den Beitritt der Türkei in die EU, mit den in Deutschland lebenden Muslimen. Die darin auftretenden Themen – Kopftuchstreit, Leitkultur, Schächtung, oder Zwangsehe – sind immer wieder Reizthemen und stellen die eigene Gesellschaft und ihren Umgang mit ausländischen Mitbürgern auf die Probe. Die der eigenen Kultur fremden Anschauungen und Lebensweisen bilden dabei den Streitpunkt, wenn es um Integrationsfragen geht.
Es stellt sich immer wieder heraus, dass die Deutschen sehr wenig über den Islam als Lebensmittelpunkt vieler Migranten wissen. Auch die Position der Frau in der muslimischen Gesellschaft ist ein Thema, das viel Raum für Interpretationen lässt. Erscheint aus westlichen Augen die verhüllte Frau schnell als rechtloses, unterdrücktes Wesen, muss man sich fragen, inwiefern eine Einschätzung von Außen möglich ist? Wie selbstbewusst und eigenständig darf eine Muslimin leben? Nach welchen Regeln muss sie sich richten? Welches Verhalten bestimmt die Tradition, Gewohnheit oder Religion und warum?
Frauen haben in der Geschichte des Islams schon immer eine bedeutende Rolle gespielt. Es heißt, der erste Mensch, der den Islam annahm, sei eine Frau gewesen: „Khadidscha“, die erste Frau des Propheten Mohammed. Der erste Mensch, der für den Islam gestorben ist, sei ebenfalls eine Frau: „Summaya“. Sie gab unter Folterungen ihr Leben für den Islam hin.
Diese Arbeit nimmt sich zum Ziel, einen Überblick über das traditionelle Bild einer muslimischen Frau bis hin zu ihrer gegenwärtigen gesellschaftlichen Stellung zu geben. Gerade der Aspekt des neuen modernen Frauenbildes und die Einbürgerung muslimischer Migranten in die BRD sollen im Folgenden im Mittelpunkt stehen. Bei der Sichtung der Literatur und der genauen Themenfestlegung ist schnell aufgefallen, wie umfangreich dieses Thema ist. Deshalb sei angemerkt, dass die vorliegende Seminararbeit nicht den Anspruch hat, alle Facetten, die das Thema der Frau im Islam betreffen, zu berücksichtigen.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Allgemeine Informationen zum Islam
3. Die Stellung der Frau im Koran
4. Die traditionelle Stellung der Frau im Islam
a) Gesellschaftliche Position und Aufgabe der Frau
b) Die Ehe - und das weibliche Sexualitätsbild als Erklärungsansatz
c) Paradoxe Verfassungen
5. Kemal Atatürk, das Kopftuch und die moderne Frau
a) Reformversuche durch Kemal Atatürk
b) Das Bild der „modernen muslimischen Frau“
6. Muslime in Deutschland
7. Position der muslimischen Frauen in Deutschland
a) Gesellschaftliche Partizipation muslimischer Frauen
b ) Heiratsverhalten und Gemeinschaftsverständnis
8. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel der gesellschaftlichen Stellung muslimischer Frauen im historischen Kontext sowie ihre gegenwärtige Situation im Rahmen der Migration nach Deutschland. Dabei wird insbesondere analysiert, wie sich religiöse Traditionen mit modernen westlichen Lebensentwürfen überschneiden und welche neuen Identitätskonzepte entstehen.
- Historische und koranische Grundlagen der Frauenstellung im Islam.
- Einfluss von Säkularisierungsbestrebungen (Kemalismus) auf das Frauenbild.
- Die Rolle des Kopftuchs als Symbol für Modernität und Identität.
- Soziale und gesellschaftliche Partizipation muslimischer Frauen in Deutschland.
- Transnationales Heiratsverhalten und Familienorientierung im Migrationskontext.
Auszug aus dem Buch
b) Die Ehe - und das weibliche Sexualitätsbild als Erklärungsansatz
Die Ehe gilt nicht, wie im Christentum als Sakrament, sondern als „Zivilrechtlicher Vertrag“, der für die Beziehung zweier Familienverbände Regeln festlegt. Zum traditionellen Prozess der Eheschließung gehört die Morgengabe, der Brautpreis, der als Sicherheit für den Scheidungsfall dient und zur Erhaltung der sozialen Schichtung beiträgt. Denn so bleibt fast ausgeschlossen dass jemand aus einem ärmeren Haus in eine wohlhabende Familie einheiratet. Sobald der Ehevertrag unterzeichnet und der Brautpreis festgelegt ist, hat der Mann ein Recht auf die Sexualität mit der Ehefrau. Die Frau hat auf der anderen Seite das Recht zur Scheidung, wenn die Ausübung der Sexualität durch Impotenz des Mannes nicht mehr garantiert ist. Ansonsten ist das Scheidungsrecht fast allein beim Mann, der Frau unterliegen dafür durch im Ehevertrag festgelegte Kriterien begrenzte Möglichkeiten. Sollte es im Ehevertrag nicht anders festgelegt sein, wird die Ehe geschieden, sobald der Mann zum dritten Mal die Worte „Ich verstoße dich“ wiederholt.
Dieser Art und Weise der gesellschaftlichen Ordnung untersteht ein bestimmtes Sexualitäts-Bild. Die Sexualität wird als etwas Natürliches betrachtet, sie ist ethisch neutral. Die Sexualität des Mannes wird gesellschaftlich positiv betrachtet, während die der Frau großes Gefahrenpotenzial birgt. Sie generell komplett zu meiden und sich zölibatär zu verhalten entspricht nicht der Natur und ist kein verdienstvoller Lebensweg. Die Befriedigung der Sexualität wird jedoch ausschließlich in der Ehe gesehen – und auch verlangt. Denn unbefriedigte Sexualität stellt eine Last für die Ordnung des Gemeinwesens dar – so wird es fast unverantwortlich, nicht zu heiraten.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Die Arbeit beleuchtet das mediale und gesellschaftliche Interesse an der Stellung der muslimischen Frau und legt den Fokus auf die Identitätsbildung im Migrationskontext.
2. Allgemeine Informationen zum Islam: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über den Islam als Weltreligion, seine Quellen (Koran, Sunna) und die Bedeutung der Sharia als gesellschaftliche Verpflichtung.
3. Die Stellung der Frau im Koran: Hier wird kritisch hinterfragt, inwieweit der Koran Frauen benachteiligt und wie moderne Exegesen versuchen, ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zu interpretieren.
4. Die traditionelle Stellung der Frau im Islam: Dieses Kapitel behandelt das Konzept der Ehre, die Geschlechtertrennung und die daraus resultierenden Einschränkungen und Rollenzuweisungen für Frauen.
5. Kemal Atatürk, das Kopftuch und die moderne Frau: Es wird der Einfluss kemalistischer Reformen auf das Frauenbild in der Türkei sowie die spätere Umdeutung des Kopftuchs zu einem modernen Identitätssymbol untersucht.
6. Muslime in Deutschland: Dieses Kapitel analysiert die Situation der Muslime in Deutschland, ihre religiöse Vielfalt und die Identitätskonflikte der zweiten Einwanderergeneration.
7. Position der muslimischen Frauen in Deutschland: Es wird die soziale Partizipation und das Heiratsverhalten muslimischer Frauen in Deutschland beleuchtet, wobei das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne im Vordergrund steht.
8. Schlusswort: Die Autorin resümiert, dass eine klare Unterscheidung zwischen religiösen und kulturellen Elementen schwierig bleibt und plädiert für eine moderne Auslegung islamischer Traditionen.
Schlüsselwörter
Islam, muslimische Frau, Koran, Geschlechtertrennung, Kopftuch, Migration, Ehre, Emanzipation, Integration, Kemal Atatürk, Heiratsverhalten, Identität, Religionsauslegung, Partizipation, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert den Wandel der gesellschaftlichen Stellung muslimischer Frauen, ausgehend von historischen und religiösen Grundlagen bis hin zu ihrer heutigen Rolle in der deutschen Migrationsgesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Frau im Koran, die Bedeutung von Ehre und Geschlechtertrennung, den Einfluss politischer Reformen in der Türkei sowie die Identitätsfindung muslimischer Migrantinnen in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen Überblick über das traditionelle Bild der muslimischen Frau zu geben und zu untersuchen, wie sich dieser Status im Laufe der Zeit sowie durch die Einwanderung in die Bundesrepublik verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse verschiedener soziologischer, ethnologischer und theologischer Quellen, um die Diskurse um Frauenrechte und kulturelle Integration aufzuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Exegese koranischer Texte, den soziokulturellen Auswirkungen des Ehrbegriffs, den Modernisierungsbemühungen Atatürks und der konkreten Lebenssituation muslimischer Frauen in Deutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kopftuch, Identität, Geschlechterrollen, Migration, Ehre und Partizipation charakterisiert.
Warum spielt der Begriff "Fitna" in der Analyse eine Rolle?
Der Begriff "Fitna" wird genutzt, um das muslimische Verständnis von weiblicher Sexualität als potenzielles Chaos zu verdeutlichen, das durch Institutionen wie die Geschlechtertrennung kontrolliert werden muss.
Welche Bedeutung hat das transnationale Heiratsverhalten für die Integration?
Die Arbeit zeigt auf, dass transnationale Eheschließungen oft aus strukturellen Gegebenheiten und dem Wunsch nach Erhalt der Familienverbände resultieren, was jedoch laut der Autorin nicht zwangsläufig mit einer mangelnden sozialen Integration gleichzusetzen ist.
- Citar trabajo
- Katharina Stöcker (Autor), 2006, Überblick über die gesellschaftliche Stellung der muslimischen Frau , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118012