Die Bindungstheorie als Erklärungsmodell für Kommunikations- und Sprachstörungen?

Möglichkeiten und Grenzen


Examensarbeit, 2007

85 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Bindungstheorie
2.1 Entstehung
2.2 Grundlagen und Konzepte der Bindungstheorie
2.2.1 Bindungstheorie
2.2.2 Bindungssystem
2.2.3 Feinfühligkeit
2.2.4 Kindliche Bindungsqualität
2.2.5 Hierarchie der Bindungspersonen
2.2.6 Interne Arbeitsmodelle
2.2.7 Bindungsrepräsentation
2.2.8 Kulturelle Aspekte
2.2.9 Probleme und Forschungsbedarf

3 Spracherwerb
3.1 Behaviorismus
3.2 Nativismus
3.3 Kognitivismus
3.4 Der interaktionistische Ansatz Bruners
3.4.1 LASS – Hilfssystem zum Spracherwerb
3.5 Kognitive Vorraussetzungen beim Kind für die Sprachentwicklung
3.6 Vorraussetzungen für den Übergang von vorsprachlicher Kommunikation zu den Anfängen der Sprache
3.7 Spracherwerb in der Eltern-Kind-Interaktion
3.8 Kompetenzen des Säuglings
3.9 Kompetenzen der Eltern
3.10 Besonderes Sprachverhalten gegenüber Kindern
3.11 Kulturelle Aspekte

4 Zusammenhänge.
4.1 Einflüsse von Bindung auf die Sprachentwicklung
4.1.1 Down-Syndrom
4.1.2 Emotion
4.1.3 Intuitive elterliche Didaktik
4.2 Einflüsse von Bindungsund Interaktionserfahrungen auf kommunikative Kompetenzen
4.2.1 Pragmatik
4.2.2 Intersubjektivität
4.2.3 Bindung und kommunikative Kompetenzen
4.3 Wechselwirkungen zwischen Sprache, Interaktion, Emotion und Bindung
4.3.1 Bindung und die Koordination von Sprachrhythmus
4.3.2 Prinzipielle Offenheit und Emotionalität
4.4 Bindung und Sprachentwicklungsstörung
4.4.1 Merkmale
4.4.2 Bindung als Erklärungsansatz?
4.5 Zusammenfassung

5 Exkurs: Autismus, Sprache und Bindung
5.1 Wichtige Merkmale
5.2 Ursachen
5.3 Sprache und Kommunikation
5.4 Bindung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der Politik wird in diesen Tagen unter anderem auch heftig über eine Veränderung der Betreuungssituation von Kleinkindern diskutiert. Die Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) möchte gern zusätzliche Krippenplätze nach den Vorbildern von Frankreich und den skandinavischen Ländern schaffen. Dafür erntet sie gerade aus der eigenen Partei scharfe Kritik. Neben der Frage nach der Finanzierung wird ihr vorgeworfen, sie stelle dass konventionelle Familienbild der CDU- und CSU-Wähler in Frage und verunsichere damit Tausende Frauen, die sich bewusst für eine Vollzeiterziehung ihrer Kinder zu Hause entschieden hätten. Außerdem soll durch einfrühzeitiges Weggeben des Kindes in fremde Hände die Bindung zum Kind und damit seine Entwicklung gestört werden. Hierzu aber meint die Kölner Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert, dass Forschungen immer wieder gezeigt haben, dass eine außerfamiliäre Betreuung von Kleinkindern kein Entwicklungsrisiko darstellt (Tagesspiegel 10.2.2007).Sie sagt sogar, es liegt ein entwicklungspsychologischer Gewinn in der Erfahrung, einen Konsens mit anderen Gleichaltrigen zu finden, was in der Kleinfamilie nicht möglich ist. Hier wird nur das Akzeptieren von Regeln der Erwachsenen gelernt. Die Potsdamer Professorin Christiane Ludwig-Körner meint, dass ein früher Krippenbesuch keineswegs schädlich sein muss, wenn die Erzieher (oder Tagesmütter) über die nötige Feinfühligkeit und ausreichend Zeit verfügen, Dazu, so sagt sie im Interview (Potsdamer Neueste Nachrichten 21.2.2007) müsse aber die Qualität der Erzieher(innen)ausbildung verbessert und die Betreuungsschlüssel drastisch reduziert werden.

Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass in unserer Gesellschaft die Wertigkeit, die Bindungen zugemessen wird, abnimmt. Auch die Bindungen zwischen Kindern und ihren Eltern und Verwandten werden nach meinem Empfinden schwächer. Ursachen dafür mögen der Einfluss der Medien, das Verschwinden der Großfamilie und die immer werdende Anzahl an allein erziehenden Eltern sein. Dabei frage ich mich, ob eine schwache Bindung, ein fehlendes Urvertrauen sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirkt. Als Sprachheilpä- dagoge interessiert mich besonders, wie sich ungünstige emotionale Verhältnisse auf die Sprachentwicklung eines Kindes auswirkt und ob es in seinem Kommunikationsverhalten negative Konsequenzen zu beobachten gibt.

Christiane Ludwig-Körner sagt, dass in unserer Gesellschaft die „Beziehungsarbeit“ nur wenig gilt und ein fundamentales Umdenken stattfinden muss. In diesem Sinne ist weniger die Dauer als die Fähigkeit, sich adäquat auf die Bedürfnisse seines Kindes einstellen zu können, wichtig. Sie sagt weiter, dass „wenn es Eltern gelungen ist, ihrem Kind oder ihren Kindern eine feste Basis durch ein sicheres Bindungsmuster zu geben, so werden sich diese Kinder auch in Kitas und Ganztagsschulen weiter gut entwickeln.“

Um den Zusammenhängen von Bindung und sprachlicher und kommunikativer Entwicklung nachzugehen, werde ich zuerst die Bindungstheorie erläutern. Danach wende ich mich den wichtigsten Spracherwerbsmodellen zu und werde die für mein Thema relevante interaktionistische Sichtweise näher betrachten. Im Anschluss suche ich nach Zusammenhängen zwischen Bindung und normalem sowie gestörtem Spracherwerb. Im letzten Kapitel betrachte ich noch kurz die Themen Bindung und Sprache bei Kindern mit frühkindlichem Autismus.

2 Die Bindungstheorie

2.1 Entstehung

1951 wies John Bowlby die Öffentlichkeit in seinem berühmten Bericht für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals auf die Zusammenhänge zwischen lang dauernder Entbehrung mütterlicher Fürsorge und den schwerwiegenden seelischen Folgen hin. Die Erkenntnisse und die breite Wirkung dieser Arbeit ermutigten ihn in der Weiterentwicklung seiner Theorie und sorgten für eine hohe Bekanntheit seiner Gedanken in der Fachwelt. Heute ist die Bindungstheorie eine anerkannte und wichtige Disziplin der Entwicklungspsychologie, die nicht zuletzt durch ihre empirische Überprüfbarkeit die pädagogische und psychologische Praxis, die Arbeit in Krankenhäusern und den Umgang von Gesellschaft und Eltern mit ihren Kindern entscheidend geprägt hat (Ahnert 2004).

Edward John Mostyn Bowlby (1907 – 1990) war der Sohn eines berühmten britischen Chirurgen und gehörte so einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie an. John und seine Geschwister wurden meist von Angestellten betreut, sie verbrachten also wenig Zeit mit ihren Eltern. Diese Konstellation und der Fakt, dass John Bowlby mit drei Jahren ein Kindermädchen als seine wichtigste Bezugsperson verlor, mögen Gründe für sein großes Interesse an den Themen Bindung, Trennung und Verlust sein (Brisch 1999).

Nach der Schule studierte Bowlby Medizin in Cambridge und begann schon während seiner Studienzeit eine psychoanalytische Ausbildung. Nach seinem Studium arbeitete er zwei Jahre an einer Schule für Kinder und Jugendliche mit gestörtem Sozialverhalten und interessierte sich stark für die neu entstehende Fachrichtung der Kinderpsychiatrie. In dieser Zeit setzte er sich intensiv mit den Lehren der Psychoanalytikerin Melanie Klein auseinander (Holmes 1993). Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges war er der Leiter der London Child Guidance Clinic. Während des Krieges gehörte er einer Gruppe von Psychoanalytikern und Psychiatern an, die hauptsächlich junge Offiziere testpsychologisch untersuchten. Bald nach dem Ende des Krieges wurde er damit beauftragt, eine kinderpsychiatrische Abteilung in der Tavistock Clinic in London aufzubauen. Im Zuge dessen bildete Bowlby eine neue Forschungsgruppe, der sich auch Mary S. Ainsworth und James Robertson anschlossen und die die Entwicklung der Bindungstheorie nachhaltig vorantrieben. Mit Robertson drehte Bowlby 1952 den Dokumentarfilm „A two year old goes to the hospital“. Bowlby erreichte mit diesem Film, dass die Besuchspraktiken in pädiatrischen Krankenhäusern sich stark zu Gunsten der Kinder änderten. In vielen Krankenhäusern ist es heute selbstverständlich, Kinder nur gemeinsam mit einer Bezugsperson aufzunehmen (Bretherton 1995). Das damalige Echo der Fachwelt verdeutlichte aber auch den Konflikt von Bowlbys Theorie zur Psychoanalyse. Die erstmals wissenschaftlich dokumentierten Reaktionen eines zweijährigen Mädchens auf die Trennung von der Mutter in den Phasen Protest, Trauer und Anpassung wurden von Tiefenpsychologen auf unbewusste Phantasien gegen- über der Mutter zurückgeführt. Bowlby argumentiert gegen Anhänger Melanie Kleins, dass spätere psychische Störungen nicht nur auf den ungelösten Ödipuskomplex und der monopolaren Thematik der Sexualität beruhen, sondern dass auch reale frühkindliche Erlebnisse in der Beziehung zu den Eltern die Entwicklung des Kindes beachtlich beeinflussen. Diesen Grundgedanken sollte auch 1946 seine erste Publikation „Forty-four juvenile thieves: their characters and home life“ belegen. Darin wollte er zeigen, dass frühe emotionale Traumatisierungen wie Verlustund Trennungserlebnisse die Entstehung von Verhaltensstörungen verursachen können (Brisch 1999).

Einer der Ausgangspunkte von Bowlbys Theorie war die Ethologie und deren berühmte Forschungen beispielsweise mit Jungen von Gänsen oder Rhesusaffen. Ein großes Vorbild Bowlbys war wohl auch Darwin (Holmes 2002). Bowlbys Behauptungen, es gäbe neben der Triebtheorie ein biologisch fundiertes System der Bindung, welches hauptverantwortlich für die enge Beziehung eines Kindes zu seiner Mutter war, brachte ihn damals fast um seine Mitgliedschaft in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft (Brisch 1999). Gerade für die Kleinianer war es absolut undenkbar, dass ein biologisch verankertes System die eigenständige motivationale Grundlage für die Entwicklung der ersten Beziehungen sein sollte und damit Konflikte und Sexualität in ihrer Bedeutung geschwächt wurden (Holmes 2002).

Bowlbys enge Mitarbeiterin Mary Ainsworth stand der ethologischen Fundierung zuerst skeptisch gegenüber, lieferte später aber selbst wichtige Forschungen zur Bestätigung dieses Ansatzes. Zu nennen sind da beispielsweise ihre Beobachtungen in Uganda, nach denen sie eine Skala zur Messung mütterlicher Feinfühligkeit und eine erste Klassifizierung der Bindungssicherheit von einjährigen Kindern erarbeitete, und ihre Baltimore-Studie, der der Fremde- Situations-Test (FST) entsprang (Dornes 2002).

Mary Main , die sich als Psychologin auf den Aspekt der Sprache konzentrierte, entwickelte das „Adult-Attachment-Interview“. Damit war es nun möglich, durch psycholinguistische Auswertung eines halbstrukturierten Interviews mit Erwachsenen über deren frühe Bindungserlebnisse Rückschlüsse auf die ihre Bindungseinstellung zu finden (Brisch 1999).

Bis heute gibt es unzählige Forschungen und Veröffentlichungen zum Thema Bindung, dass kaum jemand noch einen umfassenden Überblick darüber erhalten kann. Nach Bowlbys Anregungen wird Bindung heute über die ganze Lebensspanne hinweg als bedeutungsvoll angesehen. Durch ihre Überprüfbarkeit gehört die Bindungstheorie heute zu den empirisch am besten fundierten Theorien über die psychische menschliche Entwicklung (ebd.). Bowlbys Anliegen war es auch, die Sichtweisen und Erkenntnisse der Bindungstheorie in der klinischen Arbeit umzusetzen. So wird die Bindungstheorie heute für die Diagnostik und Behandlung in der Psychotherapie und in der Prävention und Behandlung von Eltern-Kind-Interaktionsstörungen erfolgreich eingesetzt (Brisch 2002).

2.2 Grundlagen und Konzepte der Bindungstheorie

2.2.1 Bindungstheorie

Die Bindungstheorie beschäftigt sich mit den realen Einflüssen auf die insbesondere frühe emotionale Entwicklung des Kindes und versucht, die daraus gewonnen Erkenntnisse mit der Entwicklung von emotionalen Bindungen in der gesamten Lebensspanne zu verknüpfen. Dazu bedient sie sich der Theorien und Methoden der Ethologie, der Entwicklungspsychologie, der Psychoanalyse und des systemischen Denkens.

Unter Bindung versteht John Bowlby, der Begründer dieser Theorie, einen Teil des komplexen Systems Beziehung . Mutter und Kind sind die Teilnehmer dieses sich wechselseitig bedingenden und selbst regulierenden Systems (Brisch 1999).

2.2.2 Bindungssystem

Dieses wird vom Kind parallel zu seinem motorischen Erkundungssystem entwickelt, und sorgt dafür, dass das Kind nicht verloren geht oder in Gefahr gerät. Dieses Bindungssystem ist nach Bowlbys Ansicht im Zuge der Evolution entstanden und sichert das Überleben der jeweiligen Spezies (Rauh 2002). Das Bindungssystem ist durch typische Verhaltensweisen und affektive Reaktionen gekennzeichnet und wird bei (drohender) Trennung des Säuglings/Kleinkinds von der Bindungsperson aktiviert. Die Reaktionen umfassen Trennungsprotest, Weinen, Rufen und aktives Suchen. Bei Wiederherstellung des Kontaktes zur Bezugsperson, die für den Säugling einen „sicheren Hafen“ darstellt, beruhigt sich das Bindungssystem wieder und der Säugling kann weiter die Umgebung erkunden. Bindungsund Explorationssystem stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander (Brisch 1999).

2.2.3 Feinfühligkeit

Das Konzept der Feinfühligkeit ist eines der Wesentlichsten in der Bindungstheorie und geht maßgeblich auf Mary Ainsworth zurück. Dieses bildet die Grundlage für die Bindungsqualität, die in den ersten Lebensjahren entsteht. Im Idealfall ist die Betreuungsperson in der Lage, die Signale des Kindes wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren und unverzüglich und angemessen auf sie zu reagieren. Dies geschieht in der gemeinsamen Interaktion, wobei dem Säugling eine sehr aktive Rolle zukommt (ebd.). Das Verhalten einer Mutter wird von Ainsworth dann als feinfühlig eingestuft, wenn sie:

1. eine niedrige Wahrnehmungsschwelle für die Befindlichkeiten des Säugling hat;
2. sich möglichst gut in die Lage des Säuglings versetzen kann und seine Signale weniger aus ihrer Sicht interpretiert (z.B. Weinen wegen Hunger, Schmerzen oder Langeweile);
3. in angemessener Geschwindigkeit (d.h. in den ersten Wochen möglichst prompt) auf die Signale reagiert, so dass der Säugling ein erstes Gefühl der Wirksamkeit entwickeln kann, indem er eine Verbindung zwischen seinem Verhalten und spannungsmildernden Reaktionen der Mutter herstellt, und
4. in der Art und Weise ihrer Reaktion ein Maß findet, welches dem Säugling nicht zu viel und nicht zu wenig an Nahrung, Stimulation, Wärme oder sonstigem bietet (Grossmann et al. 1997).

Nach Brisch (1999) fällt es Eltern gewöhnlich leicht, die Signale der Kinder wahrzunehmen. Schwierigkeiten bereitet eher die Interpretation und damit die angemessene Reaktion. Auch empfinden es viele Eltern als schwierig, eine Balance zwischen der wichtigen Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse und der Vermeidung von verwöhnendem Verhalten zu finden. Der Wunsch nach der Ausbildung einer gewissen Frustrationstoleranz in Verbindung mit der Förderung von Selbstständigkeit und Kommunikationsfähigkeit verunsichert viele Eltern in ihrer potentiell hohen Feinfühligkeit (ebd.). Martin Dore (2002) nennt als einen grundsätzlichen Einwand gegen die Feinfühligkeitshypothese den lange von Bindungsforschern vernachlässigten Einfluss von Temperament auf die Bindungsqualität. Dass das Bindungsverhalten des Kindes auch von seinem Temperament abhängt, bietet Bindungstheoretikern eine Fülle an Diskussionsstoff. So begründet Dore beispielsweise das (scheinbar) ruhige Verhalten vermeidender Kinder bei der Trennung in der „Fremden Situation“ (siehe nächster Abschnitt) nicht nur auf die Zurückweisungen bei Trostbedürfnissen im ersten Lebensjahr, sondern erkennt auch ein mögliches „stoisches“ Temperament als Ursache dafür an. Er betont aber, dass sich der Einfluss vom Temperament des Kindes auf sein Bindungsverhalten als geringer ausnimmt als der hohe Einfluss der elterlichen Feinfühligkeit.

2.2.4 Kindliche Bindungsqualität

Eine sichere Bindung entwickelt ein Säugling mit hoher Wahgrscheinlichkeit zu einer Bezugsperson, die die Merkmale der Feinfühligkeit in der eben beschriebenen Weise aufweist, also die Bedürfnisse des Säuglings in angemessener Weise befriedigt. Eine unsichere Bindung wird dagegen häufiger entwickelt, wenn die Bedürfnisse gar nicht, nur unzureichend oder inkonsistent befriedigt werden. Letzteres trifft zu, wenn das Kind bei einem unmotivierten Wechsel zwischen den Polen Überstimulation/Verwöhnung und großer Vernachlässigung die Reaktionen des Erwachsenen nicht vorhersehen kann (Brisch 1999). Die Bindungsqualität, also die Erwartungshaltung des Kindes an seine Bezugsperson und sein daraus resultierendes Verhalten, wird zwischen dem 12. und dem 18. Lebensmonat durch die so genannte Fremde Situation diagnostiziert. Klaus E. Grossmann (2004) bemerkt, dass es sich bei diesem von Mary Ainsworth entwickelten und standardisierten Verfahren lediglich um eine Momentaufnahme handelt. Anhand von etwaigem Trennungsschmerz und der Fähigkeit, diesen durch Nähe zur Bindungsperson wieder zu überwinden, wird zwischen verschiedenen Bindungsqualitäten differenziert. Das Ergebnis des Tests kann aber nur eingeschränkt für Vorhersagen über die weitere Bindungsentwicklung genutzt werden. Grossmann meint, wenn die Bedingungen gleich bleiben, lässt sich ein mögliches späteres Bindungsverhalten prognostizieren. Wenn eine Mutter, die auf Grund ihrer Lebensumstände sich nicht feinfühlig verhalten konnte, dieses ändern kann, wird ein jüngeres Kind relativ schnell in seinem Bindungsverhalten darauf reagieren. Ein älteres Kind benötigt zum Abbau seines Misstrauens durch mehr schlechte Erfahrungen auch deutlich mehr Zeit.

Die Fremde Situation („strange situation“) findet in einem speziell für diesen Test eingerichteten Spielzimmer statt, welches weder Mutter (Bezugsperson) noch das Kind kennen. Der Test gliedert sich in acht Episoden, die für die Auswertung mit einer Videokamera aufgezeichnet werden. Die Episoden haben alle eine Länge von jeweils drei Minuten und sind im Ablauf genau vorgegeben (Brisch 1999):

In der ersten und der zweiten Episode betreten die Bezugsperson und das Kind gemeinsam das fremde Spielzimmer. Voraussichtlich erkundet das Kind die ihm unbekannten Spielsachen, wozu die Mutter das Kind möglichst wenig unterstützen soll. Sie soll das Kind beobachten und eventuell sich auch mit etwas anderem wie Lesen beschäftigen.

In der dritten Episode wird der Raum von einer unbekannten dritten Person betreten. Diese spricht zunächst nicht mit der Mutter, beginnt erst nach ca. zwei Minuten ein Gespräch mit ihr. Darauf reagieren die Kinder oft mit Interesse, zeigen sich aber auch etwas ängstlich und verringern die Distanz zur Mutter. Dann versucht die fremde Person, Kontakt mit dem Kind aufzunehmen, mit ihm zu spielen, ohne jedoch sein Spielverhalten zu sehr zu beeinflussen.

Die vierte Episode beginnt mit einem Klopfzeichen, worauf die Mutter das Zimmer ohne großes Aufsehen verlässt – die erste Trennung. Dadurch wird das Bindungssystem aktiviert. Die Kinder schauen der Mutter nach, rufen sie oder weinen sogar. Bei Trauer versucht die fremde Person, das Kind zu trösten.

Mit der Rückkehr der Mutter nach drei Minuten (wenn das Kind zu sehr weint, früher) beginnt die fünfte Episode. Die Mutter spricht das Kind an, nimmt physischen Kontakt zu ihm auf und tröstet es bei Bedarf. Während dieser Szene verlässt die fremde Person den Raum. Meist wollen die Kinder nach kurzer Zeit von selbst wieder zum Spiel zurück.

In der sechsten Episode wird das Bindungssystem nun vollends aktiviert, indem die Mutter nach einem Klopfzeichen das Kind jetzt ganz sich selbst überlässt. Die Trennungsreaktionen darauf sind stärker als bei der ersten Trennung, das Kind folgt der Mutter nach, ruft und/oder weint – Zeichen von emotionalem Stress.

In der siebten Episode kommt, anders als vom Kind erwartet, die fremde Person in den Raum und versucht das Kind zu beruhigen. Wenn dieses sehr aufgewühlt ist, wird die vorherige Trennung auch schon vor dem Ablaufen der drei Minuten beendet.

Wenn sich das Kind gut beruhigen oder ablenken lässt, kommt die Mutter erst nach drei Minuten in der achten Episode dazu und tröstet das Kind. Normalerweise konzentriert sich das Kind bald wieder auf sein Spiel.

Die unterschiedlichen Verhaltensmuster, die die Kinder in der Fremden Situation zeigen, lassen sich reliabel in die drei Typen der Ainsworth-Klassifikationen (A, B, C) von Bindungsqualität sowie eine vierte Zusatzkategorie (D) einordnen:

Sichere Bindung (Typ B, „secure“)

Die Kinder dieser Gruppe zeigen bei der Trennung von der Mutter Kummer und suchen nach ihr. Von der fremden Person lassen sie sich nur ungern trösten, finden aber oft auch ohne die Mutter zum Spiel zurück. Die Mutter begrüßen sie freudig wieder, suchen körperliche Nähe und lassen sich gegebenenfalls von ihr trösten. Nach kurzer Zeit nehmen sie ihr Spiel wieder auf.

Unsicher-vermeidend (Typ A, „avoidant“)

Auf die Trennung von der Mutter scheinen diese Kinder kaum zu reagieren. Manche Kinder verfolgen ihre Mutter unauffällig mit den Augen, viele werden im Spiel weniger konzentriert oder ausdauernd. Diese Situationen scheinen also auch für sie Stress zu verursachen. Bei der Wiedervereinigung ignorieren sie ihre Mutter oder reagieren mit Ablehnung, vermeiden körperlichen Kontakt.

Unsicher-ambivalent (Typ C, „ambivalent“)

Den größten Stress bei der Trennung von der Mutter zeigen die Kinder dieser Gruppe. Sie weinen, werden sehr unruhig und lassen ihre Mutter nur ungern gehen. Sie brauchen am längsten, bis sie wieder einen relativ stabilen emotionalen Zustand erreicht haben. Von der fremden Person lassen sie sich nalen Zustand erreicht haben. Von der fremden Person lassen sie sich kaum trösten. Wenn die Mutter wieder erscheint, suchen sie den Kontakt zu ihr, klammern sich auch an sie, zeigen aber im Wechsel großen Zorn und Aggressionen gegen die Mutter. Ihr exploratives Verhalten ist stark gehemmt (vgl. Dornes 2002, Holmes 2002, Brisch 1999).

Ainsworth hatte in ihrer ursprünglichen Studie in Baltimore hauptsächlich Kinder und Mütter der Mittelschicht untersucht. Dabei ergab sich folgende Verteilung: 66 % der Kinder waren sicher, 20 % unsicher-vermeidend und 12 % unsicherambivalent gebunden (Holmes 2002). Die Verteilung ist stark abhängig von der Kultur. Aber auch innerhalb einer Kultur können die Ergebnisse verschiedener Stichproben variieren (Dornes 2002). Von Anfang an gab es aber auch Kinder, die sich nur schwer in eine der drei Kategorien einordnen ließen. Diese Kinder zeigten ein Unsicher-desorganisiertes Verhalten (Typ D).

Als eine der ersten beschrieb Mary Main diese Gruppe. Physiologische Messungen haben ergeben, dass diese Kinder bei Trennung erhöhte Stresswerte wie die Kinder der Gruppen A und C aufweisen. Das Bindungssystem dieser Kinder scheint bei Trennung und Wiedervereinigung aktiviert zu werden, so laufen sie zum Beispiel zu ihrer Mutter hin, können aber plötzlich in ihren Bewegungen einfrieren („freezing“). Sie zeigen stereotype Verhaltensund Bewegungsmuster, scheinen in ihrem Verhalten zur Mutter verwirrt zu sein (Brisch 1999).

Kinder dieser Gruppe wurden zuvor „unwillig“ in eine der anderen Gruppen eingeordnet. Überzufällig oft findet man sie in klinischen Risikogruppen und bei Eltern, die selbst traumatische Erfahrungen wie Missbrauch, Misshandlung oder Verlustund Trennungserlebnisse haben. Brisch nimmt bei unsicherdesorganisierten Kindern einen fließenden Übergang zu psychopathologischen Verhaltensweisen an (ebd.).

Allgemein kann man sagen, dass 50 bis 60 % der Kinder in Längsschnittuntersuchungen als sicher gebunden gelten; ungefähr 30 bis 40 % wurden als unsicher vermeidend und 10 bis 20 % als unsicher-ambivalent gebunden klassifiziert. Der Anteil von unsicher-desorganisiert gebundenen Kindern hängt erheblich mit der Versuchsgruppe zusammen. Wenn in erhöhtem Maße Kinder mit biologischen und psychologischen Risikofaktoren dazugehören, ist auch ein häufiges Auftreten vom Bindungstyp D zu erwarten (ebd.).

Ainsworth soll in den letzten Jahren immer mehr die Dominanz der Fremden Situation in der Bindungsforschung beklagt haben (Dornes 2002). Die Zahl der Untersuchungen mit der Fremden Situation ist schon lange nicht mehr zu überschauen. Dornes (ebd.) schreibt, dass man das Ergebnis einer solchen Untersuchung nur dann realistisch interpretieren kann, wenn man es mit der Interaktionsgeschichte des ersten Lebensjahres in Bezug setzt. Dazu schlägt er eine Ergänzung von derartigen Laborstudien durch Interaktionsbeobachtungen in der Familie vor.

2.2.5 Hierarchie der Bindungspersonen

Innerhalb des ersten Lebensjahres bildet der Säugling eine Hierarchie seiner Bezugspersonen, an die er sich je nach Bedarf und Verfügbarkeit wendet. Ist die Mutter, meist die Hauptbezugsperson, nicht in der Nähe, so ist der Säugling in der Lage, sich auch zum Beispiel vom Vater beruhigen zu lassen. Je größer jedoch die Gefahr oder die Trennungsangst ist, desto beharrlicher wird sich der Säugling seine primäre Bezugsperson einfordern (Brisch 1999). Die Hauptbindungsperson kann aber auf Grund der individuellen Gegebenheiten auch der Vater, die Großmutter, ein Geschwisterkind oder die Tagesmutter sein.

2.2.6 Interne Arbeitsmodelle

Mit seinen zunehmenden Bindungserfahrungen bildet das Kind mentale Reprä- sentationen der Beziehungen zu seinen Bezugspersonen, die es ihm ermöglichen, Vorhersagen über Reaktionen und die zu erwartende Unterstützung seiner Bezugspersonen zu treffen. Diese Arbeitsmodelle bildet das Kind auf der Basis der vielen Interaktionserlebnisse, insbesondere Trennungsund Wiedervereinigungserlebnisse. Sie beinhalten Annahmen über das Verhalten der Bezugsperson, die damit verbundenen Affekte und eigene Verhaltensstrategien. Anfangs sind diese Arbeitsmodelle noch flexibel, sie werden aber im Laufe der kindlichen Entwicklung immer stabiler. Schließlich werden sie zu einer psychischen Repräsentanz, der so genannten Bindungsrepräsentanz (Brisch 1999, vgl. Fremmer-Bombik 1995).

2.2.7 Bindungsrepräsentation

Um den Einfluss der Bindungsrepräsentation des Erwachsenen auf das Bindungsverhalten seines Kindes zu untersuchen, entwickelte Mary Main das Erwachsenen-Bindungs-Interview („adult-attachment-interview“), ein halbstrukturiertes Interview von etwa einer Stunde Dauer. Es beinhaltet einen Katalog von Fragen an Erwachsene über ihre Kindheit, ihre Eltern, die Einstellung zu ihnen, ihre Bindungserfahrungen, ihre Einstellung gegenüber ihrer (imaginä- ren, wenn nicht vorhandenen) Kinder und so fort. Sie werden nach konkreten Ereignissen gefragt, in denen sie von ihren Eltern beispielsweise Trost oder Ablehnung erfuhren. Außerdem sollen sie die Bedeutung früher Erfahrungen und Wahrnehmungen für ihr aktuelles oder zukünftiges Verhalten deuten. Zum Schluss werden sie auch nach dem Umgang mit Trennungen von ihren eigenen Kindern gefragt.

Dieses Interview wird dann einer spezifischen linguistischen Analyse unterzogen, bei der die Kohärenz der Aussagen das Hauptkriterium bildet. Da das Erfragen von Erlebnissen aus der Kindheit die Organisation der Erinnerungen auf der Ebene der Repräsentation aktiviert wird, muss mit Abwehrprozessen des Befragten gerechnet werden. Diese führen zu Inkohärenzen, die vom Interviewten kaum wahrgenommen und nicht korrigiert werden (Brisch 1999). Nach der Auswertung wird der Erwachsene einer der vier Kategorien der Bindungsrepräsentation zugeordnet:

Sicher organisierte innere Repräsentation mit wertschätzender Einstellung zur Bindung

Diese Erwachsenen erzählen flüssig, kohärent, ohne unangemessene Idealisierungen, meistens in der Ich-Form und erwecken den Eindruck, sie wissen um die Relativität ihres eigenen Standpunktes. Diese „free-autonomous“ Gruppe ist das Äquivalent zur Gruppe der sicher gebundenen Kinder. Weniger entscheidend ist hier aber, dass der Erwachsene selbst als Kind positive Bindungserfahrungen gemacht hat. Auch Menschen mit schlechten Kindheitserfahrungen können als autonom klassifiziert werden, wenn die Kohärenz ihrer Darstellungsweise erkennen lässt, dass sie ihre Erlebnisse reflektiert haben und mit einer gewissen sachlichen Distanz auf das Geschehene blicken (Dornes 2002).

Unsicher-vermeidend organisierte innere Repräsentation mit abwertender Einstellung zur Bindung

Diese distanzierten („dismissing“) Erwachsenen berichten von ihren Eltern, sie seien herzlich, liebevoll und fehlerlos in ihrer Erziehung gewesen. Fragt man sie aber nach Ereignissen, die diese Eigenschaften belegen könnten, so erinnern sie sich nicht oder es fallen ihnen eher Erlebnisse ein, die das Gegenteil aussagen. Bindung messen sie in ihrem Lebenslauf nur wenig Bedeutung bei (Brisch 1999, Dornes 2002).

Unsicher-ambivalent organisierte innere Repräsentation mit verstrickter Ein- stellung zur Bindung

Diese Menschen bilden genauso verschachtelte und verstrickte Sätze, wie sie selbst in ihren Bindungserinnerungen wirken („entangled-enmeshed“). Im Gespräch wird deutlich, dass sie noch mit ihrer Vergangenheit kämpfen, es tauchen immer wieder verdrängte Aggressionen auf und es sind die starken Bemühungen zu spüren, es den Eltern immer noch recht machen zu wollen (Dornes 2002). Dem Interviewer scheint so ein Interview endlos und es fällt schwer, den verstrickten und widersprüchlichen Ausführungen zu folgen (Brisch 1999).

Unsicher organisierte innere Repräsentation mit ungelöstem Trauma und/oder Verlust

Diese Erwachsenen haben noch immer mit unabgeschlossener Trauer („unresolved“) bzw. einem unbewältigten Trauma zu tun. Fragen dazu beantworten sie konfus oder angereichert mit Unmengen irrelevanter Details (Dornes 2002). Auf den Ebenen des Inhalts, des gedanklichen Ablaufs und in der Schilderung des Affekterlebens tauchen häufig Brüche im Dialog auf. Meist finden sich in den Biografien dieser Menschen extreme Verluste, Misshandlungen oder Missbrauch, die bis dahin nicht verarbeitet wurden (Brisch 1999).

Viele Studien haben gezeigt, dass Mütter mit autonomer Bindungsrepräsentation eher sicher gebundene Kinder haben. Mütter mit verstrickter, distanzierter und traumatisch belasteter Bindungsrepräsentation haben eher unsicher

gebunde Kinder. Dies deutet nun an, dass nicht nur die Feinfühligkeit, sondern auch die Kategorie der Bindungsrepräsentation der Mutter Einfluss auf die Bindungsqualität des Kindes hat. Doch Dornes (2002) warnt vor zu schnellen und einfachen Schlüssen. Er nennt Ergebnisse von Untersuchungen, die einen eindrucksvollen Zusammenhang von vorgeburtlich (!) erfasster Bindungsreprä- sentation und des späteren Bindungsverhalten der 12 Monate alten Kinder aufdeckten. Aber er hebt hervor, dass es neben dem erheblichen Einfluss von elterlicher Feinfühligkeit und elterlicher Bindungsrepräsentation auch noch andere Einflussfaktoren gibt (z.B. Temperament und äußere Umstände).

2.2.8 Kulturelle Aspekte

Schon Mary Ainsworth bemerkte, dass Bindung nicht ausschließlich durch innere und familiäre Faktoren beeinflusst wird, sondern dass auch kulturelle und historische Kontexte bei der Betrachtung von Bindungen zu beachten sind. Entsprechend wird heute in fast jeder anerkannten Darstellung der Bindungstheorie die Rolle der Kultur für die Bindungsentwicklung besprochen (Keller 2004). Doch Heidi Keller kritisiert dabei, dass bei kulturvergleichenden Untersuchungen es meist darum geht, die Universalität der Bindungstheorie zu bestätigen. Und statistische Unterschiede in der Verteilung der Bindungstypen zwischen Ländern werden normalerweise auf kulturelle Unterschiede zurückgeführt. Nach Keller sind aus kulturpsychologischer Perspektive Zweifel an den universellen Annahmen der Bindungstheorie anzumerken (ebd.).

So konstatiert sie, dass die Ansicht, sichere Bindungen seien normativ und evolutionär am erfolgreichsten, aus einem westlichem Weltbild entstammt. Sie stellt auch die Normativitätsannahme der Sensitivität in Frage. Kulturvergleichend beschreibt sie Neigungen zur Beantwortung eher emotional positiver Signale (z.B. deutsche Mütter) und im Gegensatz dazu Neigungen zur Beantwortung eher emotional negativer Signale (z.B. bei afrikanischen Müttern, ebd.). Keller bezieht sich auf Mac Donald, der die Rolle der positiven Emotionalität in der Bindungsforschung für nicht ausreichend gewürdigt hält.

Weiterhin kritisiert Keller die Normativitätsannahme der Kompetenzhypothese. Damit meint sie, es sei problematisch, frühe Bindungserfahrungen prinzipiell mit der positiven Entwicklung von sozialen und kognitiven Kompetenzen zu assoziieren, auch wenn das für viele Untersuchungen oft zuzutreffen scheint. Zusätzlich bemerkt Keller, dass in interschiedlichen Kulturen unterschiedliche Konzepte von Kompetenz existieren (ebd.).

Schließlich empfiehlt sie, bei Forschungen und Betrachtungen von Bindung die unterschiedlichen Vorstellungen von guter Bindung und adäquatem Elternverhalten den Polen Independanz und Interdependanz zuzuordnen. Kulturen mit einer independenten Orientierung definieren Personen eher als zusammenhängende, autonome und stabile Einheiten, wobei Kulturen mit interdependenten Orientierungen Personen eher als inhärent und fundamental mit anderen verbunden definieren (ebd.). Ich denke, bei der für die Zukunft anzunehmenden fortschreitenden Globalisierung und der Weiterentwicklung von Gesellschaften und ihrer jeweiligen Menschenbilder ist eine ernsthafte Einbeziehung von kulturspezifischen Einflüssen bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Bindung unerlässlich.

2.2.9 Probleme und Forschungsbedarf

Die Bindungstheorie wurde von dem Psychoanalytiker John Bowlby ins Leben gerufen und hat damit ihren Ursprung in der Psychoanalyse. Aber gerade unter den Psychoanalytikern finden sich ihre größten Kritiker. (siehe Kapitel 2.1). So wurde in den Anfangsjahren der Bindungstheorie oft bemängelt, dass Bowlby Daten aus der Tierverhaltensforschung auf die Erklärung menschlichen Verhaltens übertrug, dass er das Sexualmonopol in der Psychoanalyse in seiner Bedeutung abwertete, auch und vor allem äußere reale Einflüsse auf die menschliche Entwicklung fokussierte und „die Poesie aus der Psychoanalyse vertrieben [hat] – und die Phantasie!“ (Dornes 2004). Dornes schreibt weiterhin, dass dagegen die moderne Psychoanalyse und die Bindungstheorie mittlerweile sehr viel gemeinsam haben. Die wichtigste gemeinsame Erkenntnis ist wohl die, dass frühkindliche Erlebnisse die Wahrscheinlichkeit erhöhen bzw. senken, im gesamten Lebenslauf (psychisch) gesund zu bleiben oder zu erkranken (ebd.). So kam es nun dazu, dass die Psychoanalyse neben anderen Wissenschaften auch ein relativ großes Interesse für die Bindungstheorie entwickelte. Heute setzen sich viele psychoanalytische Autoren mit den Konzepten und Begriffen der Bindungstheorie auseinander. Datler (2003) betont aber aus seiner psychoanalytisch pädagogischen Sichtweise auch die Grenzen der Bindungstheorie. Sie beleuchte eben nur einen (wenn auch für die Entwicklung sehr bedeutsamen) Aspekt menschlichen Verhaltens und Erlebens und reiche nicht aus, um dieses in all seinen Ausprägungen verstehen und erklären zu können. Bindungstheorie in ihrer empirischen Begründung muss zur Betrachtung individueller Besonderheiten um weitere Sichtweisen ergänzt werden, um der Komplexität von Verhalten, Gefühlen und Impulsen gerecht zu werden (ebd.).

Bowlbys Denken war von der Ethologie geprägt, weshalb er genetisch vorgegebene Verhaltenstendenzen als evolutionäre Anpassung verstand und seine Theorie auf der Beobachtung von Naturstämmen basierte. So wusste er, dass die Betreuung von Säuglingen der !Kung, ein Volk von Sammlern und Jägern der tropischen Savanne, ausschließlich durch die Mütter erfolgt. Daraus schloss er, dass zur Bildung einer sicheren Bindung möglichst nur die Mutter (oder aber nur eine andere Person) ein Kind zu betreuen hat. Dieses Optimalitätstheorem wird heute jedoch stark in Frage gestellt (Ahnert 2004). Neuere Befunde besagen, dass eine frühe Tagesbetreuung und damit die regelmäßige Trennung von der Mutter keinen direkten Einfluss auf die Mutter-Kind- Beziehung hat. Vielmehr wird von einer Plastizität genetisch prädisponierter Verhaltenstendenzen ausgegangen, die evolutionär erlangt wurde. Einen idealen Betreuungsstil zu beschreiben, hält Ahnert somit ebenfalls für problematisch (ebd.). Wichtig ist hier auch, auf kulturelle Unterschiede zu verweisen (siehe 2.2.8).

Nun möchte ich noch einige Bereiche nennen, in denen es in der Bindungstheorie noch Forschungsbedarf gibt. Dabei kann ich jedoch nur eine kurze Übersicht liefern, da die Masse an bindungstheoretischen Forschungen und Veröffentlichungen schlicht unüberschaubar ist (Brisch 1999).

Heinz Kindler beispielsweise fordert eine geschlechtsspezifische Erforschung der unterschiedlichen Bindungsentwicklung von Jungen und Mädchen (1995).

Lieselotte Ahnert (2004), die sich mit dem Thema Bindung in Kindertagesstätten beschäftigt, stellte fest, dass die Bindung zwischen Mädchen und ihren Erzieherinnen meist sicherer sind als die der Jungen zu ihren Erzieherinnen. Diese Thematik sowie die präventive Verminderung dieser Asymmetrie bedarf noch mehr an Forschung.

Zimmermann et al. (1995) wiesen darauf hin, dass die Ähnlichkeit des Bindungsverhaltens zwischen den Generationen immer noch nicht ausreichend geklärt ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Die Bindungstheorie als Erklärungsmodell für Kommunikations- und Sprachstörungen?
Untertitel
Möglichkeiten und Grenzen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Rehabilitationswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
85
Katalognummer
V119060
ISBN (eBook)
9783640224449
ISBN (Buch)
9783640224777
Dateigröße
1502 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bindungstheorie, Erklärungsmodell, Kommunikations-, Sprachstörungen, Möglichkeiten, Grenzen
Arbeit zitieren
Stefan Hirsch (Autor), 2007, Die Bindungstheorie als Erklärungsmodell für Kommunikations- und Sprachstörungen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119060

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