Als Sprachheilpädagoge interessiert mich besonders, wie sich ungünstige emotionale Verhältnisse auf die Sprachentwicklung eines Kindes auswirken und ob es in seinem Kommunikationsverhalten negative Konsequenzen zu beobachten gibt.[...]
Um den Zusammenhängen von Bindung und sprachlicher sowie kommunikativer Entwicklung nachzugehen, werde ich zuerst die Bindungstheorie erläutern. Danach wende ich mich den wichtigsten Spracherwerbsmodellen zu und werde die für mein Thema relevante interaktionistische Sichtweise näher betrachten. Im Anschluss suche ich nach Zusammenhängen zwischen Bindung und normalem bzw. gestörtem Spracherwerb. Im letzten Kapitel betrachte ich noch kurz die Themen Bindung und Sprache bei Kindern mit frühkindlichem Autismus.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Bindungstheorie
2.1 Entstehung
2.2 Grundlagen und Konzepte der Bindungstheorie
2.2.1 Bindungstheorie
2.2.2 Bindungssystem
2.2.3 Feinfühligkeit
2.2.4 Kindliche Bindungsqualität
2.2.5 Hierarchie der Bindungspersonen
2.2.6 Interne Arbeitsmodelle
2.2.7 Bindungsrepräsentation
2.2.8 Kulturelle Aspekte
2.2.9 Probleme und Forschungsbedarf
3 Spracherwerb
3.1 Behaviorismus
3.2 Nativismus
3.3 Kognitivismus
3.4 Der interaktionistische Ansatz Bruners
3.4.1 LASS – Hilfssystem zum Spracherwerb
3.5 Kognitive Vorraussetzungen beim Kind für die Sprachentwicklung
3.6 Vorraussetzungen für den Übergang von vorsprachlicher Kommunikation zu den Anfängen der Sprache
3.7 Spracherwerb in der Eltern-Kind-Interaktion
3.8 Kompetenzen des Säuglings
3.9 Kompetenzen der Eltern
3.10 Besonderes Sprachverhalten gegenüber Kindern
3.11 Kulturelle Aspekte
4 Zusammenhänge
4.1 Einflüsse von Bindung auf die Sprachentwicklung
4.1.1 Down-Syndrom
4.1.2 Emotion
4.1.3 Intuitive elterliche Didaktik
4.2 Einflüsse von Bindungs- und Interaktionserfahrungen auf kommunikative Kompetenzen
4.2.1 Pragmatik
4.2.2 Intersubjektivität
4.2.3 Bindung und kommunikative Kompetenzen
4.3 Wechselwirkungen zwischen Sprache, Interaktion, Emotion und Bindung
4.3.1 Bindung und die Koordination von Sprachrhythmus
4.3.2 Prinzipielle Offenheit und Emotionalität
4.4 Bindung und Sprachentwicklungsstörung
4.4.1 Merkmale
4.4.2 Bindung als Erklärungsansatz?
4.5 Zusammenfassung
5 Exkurs: Autismus, Sprache und Bindung
5.1 Wichtige Merkmale
5.2 Ursachen
5.3 Sprache und Kommunikation
5.4 Bindung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bindungstheorie als Erklärungsmodell für Kommunikations- und Sprachstörungen, wobei die Möglichkeiten und Grenzen dieses Ansatzes im Fokus stehen. Es wird analysiert, inwieweit emotionale Bindungsprozesse und frühkindliche Interaktionserfahrungen die sprachliche sowie kommunikative Entwicklung beeinflussen und ob bei gestörter Sprachentwicklung auch Zusammenhänge zu Bindungsstörungen bestehen.
- Grundlagen und Konzepte der Bindungstheorie
- Modelle zum Spracherwerb (Behaviorismus, Nativismus, Kognitivismus, Interaktionismus)
- Einfluss von Bindungsqualität auf die Sprachentwicklung
- Die Rolle der "intuitiven elterlichen Didaktik"
- Interaktion zwischen Bindung, Sprache und Emotion
- Exkurs: Autismus, Sprache und Bindung
Auszug aus dem Buch
3.4.1 LASS – Hilfssystem zum Spracherwerb
Bruner sieht eine Kontinuität zwischen vorsprachlicher Kommunikation und späterer Sprachkompetenzen. Nach erfolgreichem Spracherwerb beherrscht ein Mensch nicht nur sicher die grammatischen Regeln, sondern weiß auch seine Absichten auf passende Weise mit Hilfe dieser Grammatik umzusetzen.
Dazu muss aber der Erwachsene zur Unterstützung des Spracherwerbs eine sehr viel aktivere Rolle spielen, als nur die Modellsprache zu liefern. Er muss seine sprachlichen Äußerungen an das Niveau des Kindes anpassen („Feineinstellung“) und einen vertrauten Rahmen schaffen, in dem routinemäßige Abläufe es dem Kind ermöglichen, die Vorgänge zu verstehen. Durch dieses LASS, welches nicht nur aus sprachlichen Elementen besteht, wird auch die Kultur des Erwachsenen weitergegeben. Das LASS ist genetisch organisiert, wird aber auch gleichsam in dynamischer Weise von Kultur formal und thematisch strukturiert.
Das Hilfssystem LASS unterstützt die Sprachentwicklung in den mindestens vier folgenden Punkten (Bruner 1987):
1. Erwachsene betonen in der Interaktion intuitiv immer die Merkmale, die das Kind auch schon wahrnehmen kann. So weisen sie das Kind meist auf die kategorialen Unterschiede hin, für die das Kind programmiert ist, sie zu bemerken.
2. In vertrauten Formaten ermuntert der Erwachsene das Kind dazu, „einfache Gesten und stimmliche Äußerungen durch komplexere lexikalische und satzähnliche Äußerungen zu ersetzen“ (ebd., 34) Der Erwachsene nimmt das Kind als vollwertigen Gesprächspartner wahr, interpretiert also auch Intentionen in das Handeln des Kindes, welches somit eine Reaktion auf sein Handeln erwarten kann.
3. Spielerische Formate bestehen meist aus verabredeten Ereignissen, die mit Hilfe von Sprachen geschaffen wurden und sprachlich wieder herbeigeführt werden können. Solche „Nehmen-wir-an“-Situationen (ebd., 35) sind reich an Sprachlern- und Sprachverwendungsmöglichkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung diskutiert die gesellschaftliche Debatte um die Betreuungssituation von Kleinkindern und führt in die Fragestellung ein, wie emotionale Verhältnisse die Sprachentwicklung beeinflussen.
2 Die Bindungstheorie: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der Bindungstheorie nach John Bowlby sowie zentrale Konzepte wie das Bindungssystem, Feinfühligkeit, interne Arbeitsmodelle und kulturelle Aspekte.
3 Spracherwerb: Hier werden verschiedene Theorien des Spracherwerbs vorgestellt, wobei der Fokus auf dem interaktionistischen Ansatz von Bruner und der Bedeutung der Eltern-Kind-Interaktion liegt.
4 Zusammenhänge: Das Kapitel untersucht die Wechselwirkungen zwischen Bindung, Sprache und Emotion und fragt, ob unsichere Bindung eine Ursache für Sprachentwicklungsstörungen sein kann.
5 Exkurs: Autismus, Sprache und Bindung: Der Exkurs betrachtet die spezifische Situation bei Kindern mit frühkindlichem Autismus hinsichtlich ihrer kommunikativen Merkmale und Bindungsfähigkeit.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, Spracherwerb, Mutter-Kind-Interaktion, Feinfühligkeit, Sprachentwicklungsstörung, Kommunikation, Intersubjektivität, Autismus, Bruner, Spracherwerbsmodelle, Bindungsqualität, vorsprachliche Kommunikation, intuitive elterliche Didaktik, Sprachrhythmus, Bindungsrepräsentation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die theoretischen und praktischen Zusammenhänge zwischen der Bindungstheorie nach Bowlby und der sprachlichen bzw. kommunikativen Entwicklung von Kindern.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Arbeit ab?
Sie behandelt die Grundlagen der Bindungstheorie, verschiedene Modelle des Spracherwerbs, die Bedeutung der Eltern-Kind-Interaktion sowie die Auswirkungen von Bindungserfahrungen auf kommunikative Kompetenzen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, inwieweit die Bindungstheorie als Erklärungsmodell für Kommunikations- und Sprachstörungen dienen kann und wo die Möglichkeiten und Grenzen dieses Modells liegen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Aufarbeitung aktueller entwicklungspsychologischer Forschungsergebnisse und Theorien zur Mutter-Kind-Interaktion.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Einflüsse von Bindung auf die Sprachentwicklung, inklusive Faktoren wie Emotionen, elterlicher Didaktik und der speziellen Situation bei Sprachentwicklungsstörungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Bindung, Spracherwerb, Feinfühligkeit, Intersubjektivität, Spracherwerbsmodelle und die Rolle der Interaktion.
Welche Rolle spielt die "intuitive elterliche Didaktik" für den Spracherwerb?
Sie beschreibt die unbewussten Strategien von Eltern, ihre Sprache und ihr Verhalten (wie Mimik, Tempo und Redundanz) an das Niveau des Kindes anzupassen, um den Spracherwerb aktiv zu fördern.
Wie wirkt sich Autismus auf die Sprachentwicklung und Bindung aus?
Die Arbeit zeigt, dass Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung die soziale Interaktion und Intersubjektivität erschwert, was die Sprachentwicklung verzögert und den Aufbau einer sicheren Bindung komplexer gestaltet, wenngleich eine Bindung grundsätzlich möglich bleibt.
- Citation du texte
- Stefan Hirsch (Auteur), 2007, Die Bindungstheorie als Erklärungsmodell für Kommunikations- und Sprachstörungen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119060