Familien mit Migrationshintergrund als Adressaten der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Herausforderungen und Chancen Interkultureller Öffnung


Bachelorarbeit, 2018

49 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Verzeichnis der Anhänge

1. Einleitung

2. Familien mit Migrationshintergrund
2.1 Grundlagen: Migration und Familie
2.2 Die Bedeutung der Familie für MigrantInnnen
2.3 Milieus von Familien mit Migrationshintergrund

3. Die Sozialpädagogische Familienhilfe
3.1 Die Kinder- und Jugendhilfe
3.2 Die Sozialpädagogische Familienhilfe
3.3 Zugänge der Familien mit Migrationshintergrund

4. Interkulturelle Öffnung der Sozialpädagogik
4.1 Zum Konzept der Interkulturalität
4.2 Die Idee einer Interkulturellen Öffnung

5. Herausforderungen und Chancen der SPFH durch eine Interkulturelle Öffnung in Bezug auf Familien mit Migrationshintergrund

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhänge

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: MigrantInnen-Milieus

Abbildung 2: Kennzeichnende Werte der MigrantInnen-Milieus

Abbildung 3: HzE nach den Merkmalen Sprache, Herkunft und Leistungsart

Verzeichnis der Anhänge

Anhang 1: Dimensionen von Migration

Anhang 2: Schaubild der Sozialen Arbeit

Anhang 3: Anteile der in Anspruch genommenen HzE im Jahr 2016

Anhang 4: Typologie von Zugangsbarrieren zu Sozialen Diensten

1. Einleitung

Das wissenschaftliche Interesse an Familien hat in den letzten Jahren signifikant zuge­nommen. So stellen die durch die Familie verfügbaren Ressourcen eine wesentliche Basis für die zukünftige Entwicklung von Gesellschaften dar. Für Familien mit Migrationshin­tergrund (MH)1 treffe diese Überlegung oftmals nicht zu, da deren Aufenthalt nicht ohne Weiteres als auf Dauer angelegt angenommen werden könne. Zeitweise repräsentierten sie eine vorübergehende Erscheinung, eine Belastung oder eine Parallelgesellschaft, die durch eine intensiv ausgelebte Abgrenzung gegenüber der Aufnahmegesellschaft charak­terisiert gewesen sei (vgl. Fischer/Springer 2011: 9). Dem Forschungsstand zufolge ist das Thema Familien mit MH bisher an der Peripherie behandelt worden (vgl. ebd.). Bei Betrachtung der letzten Sonderauswertung des Mikrozensus2 im Jahr 2012 wird deutlich, dass „es in Deutschland derzeit knapp 8,1 Millionen Familien gibt, in denen Kinder unter 18 Jahren aufwachsen. In 2,4 Millionen dieser Familien hat mindestens ein Elternteil einen Migrationshin­tergrund. Insgesamt zählen somit 30 Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern zu den Familien mit Migrationshintergrund“ (Henkel et al. 2016: 15, Hervorheb. ÖG).

Aufgrund der vielfältigen, neuartigen, migrationsbedingten Lebensbedingungen sei bei zugewanderten Personen ein gesteigerter Bedarf an Hilfe und Betreuung festzustellen (vgl. Wagner 2014: 1156f.). Dementsprechend widmet sich die Sozialpädagogik als er­ziehungswissenschaftliche Disziplin „jenen sozialstrukturell und institutionell bedingten Konflikten, welche im Verlauf der Sozialisation3 von Kindern und Jugendlichen auftre­ten“ (Böhnisch 1979: 22).4 „Sozialarbeit und Sozialpädagogik begannen Ausländer/innen als Zielgruppe erst zu entdecken, als sich nach dem 1973 erlassenen Anwerbestopp ab­zeichnete, dass die Gastarbeiter nicht zurückkehren, sondern ihre Familien nachholten“ (Cyrus/Treichler 2004: 16). Somit herrscht allmählich Einsicht in die Notwendigkeit so­zialpädagogischen Handelns im Kontext von Familien mit MH (vgl. Fendrich et al. 2016: 22f.). Die Repräsentanz der Familien mit MH in der Kinder- und Jugendhilfe (KJH)5 wird als „Normalfall“ (Stüwe 2004: 253) beschrieben. Ferner regelt der erste Paragraph des Sozialgesetzbuches (SGB)6 VIII das Recht auf Erziehung, Eigenverantwortung und Jugendhilfe für „jede[n] junge[n] Mensch[en]“ (Bundesministerium für Familie, Senio­ren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)7 2014: 78). Indessen würden Familien mit MH „Ju­gendhilfeleistungen weniger in Anspruch [nehmen] als deutsche Familien mit Kindern“ (Teuber 2002: 77). Vor allem bei den ambulanten Erziehungshilfen seien MigrantInnen im Vergleich unterrepräsentiert (vgl. Finkel 2000a: 60). Die Forderung nach Interkultu­reller Öffnung (IÖ)8 der ambulanten KJH resultiert aus diesen und ähnlichen, mit unglei­chen Teilhabechancen assoziierten Beobachtungen. Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, was das ausdifferenzierte Handlungsfeld, die Sozialpädagogische Familien­hilfe (SPFH)9 durch eine IÖ für Familien mit MH (nicht) leisten kann. Sie soll Chancen und Herausforderungen erörtern, die sich bei dem Versuch, die SPFH für jene Adressa­tInnen adäquat zu gestalten, ergeben. Unter Berücksichtigung der Relevanz des wissen­schaftlichen Interesses sowie der Fragestellung der Arbeit, soll folgende Gliederung aus­gearbeitet werden:

Zur Bestimmung von Familien mit MH bedarf es einer Begriffsklärung von Familie als Ort, der Chancen, aber auch Risiken birgt (vgl. Wolf 2012: 88-98) und Migration (vgl. Wagner 2014: 1152) (2.1). In 2.2 wird skizziert, welchen Stellenwert Personen mit MH der Familie beimessen. Das Augenmerk liegt auf dem Begriff „Familialismus“ (Normann 2010: 19). Kapitel 2 schließt mit der Ausdifferenzierung von Migrationsfamilien durch die Herausbildung einzelner Milieus ab. Die angeführten MigrantInnenmilieus sollen die heterogenen Lebenswelten der (vermeintlich) homogenen Personengruppe darstellen und milieuspezifische Grundorientierungen von MigrantInnen in puncto Familie und Erzie­hung anreißen (vgl. Merkle 2011: 83) (2.3). Insgesamt soll Kapitel 2 den möglichen Be­darf an Hilfe und Unterstützung von Familien mit MH herausstellen und eine Distanz zur Defizitorientierung10 im Hinblick auf diese Personengruppe schaffen. Um eine Grundlage für das weitere Vorgehen zu schaffen, erfolgt ein Abriss über die Sozialpädagogik bzw. Soziale Arbeit (3). Ausgehend vom Begriff Soziale Arbeit schließt sich eine Annäherung an die KJH als sozialpädagogischer Tätigkeitsbereich an. Hier wird unter anderem Auf­schluss über die ambulante KJH als Teil der Sozialen Arbeit gegeben. Als Grundlage werden wesentliche Rechtsnormen des SGB VIII herangezogen (vgl. BMFSFJ 2014: 72­154) (3.1). Daraufhin wird der Fokus auf die SPFH mit ihren Arbeitsansätzen und Methoden gelegt, da die in diesem Arbeitsfeld vorhandene „Geh-Struktur“ (Zacharaki 2011: 382) mit der „Mentalität der Familien mit Zuwanderungsgeschichte“ (ebd.) harmo­niere (vgl. ebd.) (3.2). Sodann werden in Kapitel 3.3 die Zugänge jener Familien zur am­bulanten KJH generell und zur SPFH im Speziellen beleuchtet. Hier liefern Statistiken der KJH Anhaltspunkte für die Inanspruchnahme der SPFH durch Familien mit Migrati­onsgeschichte (vgl. Fendrich et al. 2016: 22-26). Familien mit MH werden somit als Ad­ressatInnen der Sozialpädagogik beschrieben. In Kapitel 4 legt die Definition von Inter­kulturalität (4.1) den Grundstein für die Idee der IÖ in der SPFH. Letztlich bleibe eine „Interkulturelle Öffnung [als] die notwendige Reaktion auf die bereits entstandene und dauerhaft bleibende interkulturelle Realität“ (Süzen 2011: 391) (vgl. ebd.). Dahingehend ist das Ziel der IÖ zu benennen und ihre Umsetzung in den Blick zu nehmen. Überdies reißt dieses Kapitel Anforderungen an das sozialpädagogische Personal an (4.2). Vor die­sem Hintergrund werden sodann Herausforderungen und Chancen einer IÖ im Rahmen der SPFH erarbeitet und mithin die zentrale Fragestellung dieser Arbeit aufgegriffen (5). Es folgt eine zusammenfassende Schlussbetrachtung (6).

2. Familien mit Migrationshintergrund

Dem Nexus Migration und Familie wird eine essentielle Bedeutung beigemessen. Im Hin­blick auf die geforderte Integration11 von MigrantInnen im Ankunftsland rücke „die Be­deutung der Familie und ihrer Zusammensetzung“ (Pries 2011: 23) insofern in den Vor­dergrund, als dass Prozesse der Integration weniger individuell als gemeinsam im Fami­liengefüge vonstattengehen (vgl. ebd.). Aus soziologischer Sicht werden insbesondere die mit einer Migration verbundenen Entscheidungen eines Familienmitgliedes oftmals von weiteren Mitgliedern der Familie beeinflusst. Demzufolge sei die „sogenannte ,Gastar- beiter‘-Migration nach Deutschland“ (ebd.: 28) als eine familiäre Migration zu begreifen, zumal sie überwiegend zur Erhöhung des finanziellen Familienhaushalts im Herkunfts­land dienen würde (vgl. ebd.: 29).12 Unter die Bezeichnung Familien mit MH fallen die­jenigen Familien, in deren Haushalt mindestens ein Kind unter 18 Jahren und mindestens ein Elternteil, der eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt, eingebürgert wurde oder ein/e SpätaussiedlerIn13 ist, leben (vgl. DESTATIS o.J.: o.S.). Im Durchschnitt leben mehr Kinder in Familien mit MH als in Familien ohne. Dabei leben 35 % aller unter drei jährigen Kinder in einer Familie mit MH (vgl. BMFSFJ 2016: 18). Frauen mit MH gebä­ren früher und häufiger (rund zwei Drittel der 30- bis 35-jährigen) als Frauen ohne MH der gleichen Altersgruppe (circa 50 %) (vgl. ebd.: 20). Im weiteren Verlauf wird darge­legt, was die Begriffe Migration und Familie im Einzelnen implizieren.

2.1 Grundlagen: Migration und Familie

Migration

Aus dem Lateinischen stammend (migratio) bedeutet Migration „so viel wie ,Wande- rung‘“ (Meier-Braun 2013: 16). Aus soziologischer Sicht wird Migration als „die Bewe­gung von Individuen oder Gruppen im geographischen oder sozialen Raum“ (Wagner 2014: 1151) verstanden. Dabei sei eine Rückkehr in das Herkunftsgebiet weder sicher noch planbar (vgl. ebd.). Oltmer (2013) definiert Migration als „auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder [...] Bevölkerungen“ (ebd.: 31) und greift damit die Dimensio­nen der Richtung und der Dauer auf (vgl. ebd.). Zusätzlich zu diesen Dimensionen seien „Ursachen und Zwecke“ (Hamburger 2015: 211) der Migration differenzierter zu betrach­ten: Die Beweggründe reichen von Freiwilligkeit (z.B. Studium oder Beruf) bis zum Zwang (Krieg, Hungersnot etc.) (vgl. ebd./Oltmer 2013: 32).14 Arbeitsmigration könne zwischen den beiden Extremen „Zwang und Genuss“ (Hamburger 2015: 211) positioniert werden (vgl. ebd.). Während die Unabhängige Kommission Zuwanderung (2001) unter dem Begriff der Zuwanderung alle, so auch die zeitlich begrenzten Arten von Migration und unter Einwanderung die dauerhafte Ansiedlung fasst (vgl. ebd.: 2), sei dieser „feine Unterschied“ (Meier-Braun 2011: 36) in keine andere Sprache der Welt zu übersetzen (vgl. ebd.). Überdies sei Migration keine neue Erscheinung. Sie zeichne sich an der lan­gen Tradition Deutschlands als Ein- und Auswanderungsland ab (vgl. Wagner 2014: 1152).15 Nichtsdestotrotz sei die Anerkennung der Realität als Einwanderungsland spär­lich. So werde der Begriff der Zuwanderung dem der Einwanderung vorgezogen, um die zeitliche Begrenztheit der Migration zu akzentuieren (vgl. Meier-Braun 2011: 36). Im Kontakt mit der Aufnahmegesellschaft resultieren für MigrantInnen Folgen wie „Integra­tion [und/oder] Segregation, Akulturation16 (sic!) und Assimilation“ (Hamburger 2015:

212) . Die Reaktionen der westlichen Staaten auf Migrierte seien oftmals widerständig und äußern sich in „Überfremdungsinitiativen“ (ebd.). Hamburger (ebd.) verweist darauf, dass das Thema Migration im Allgemeinen konflikthaft behandelt wird (vgl. ebd.). „Fremde und Fremdsein [sei] immer wieder ein Polarisierungsfaktor der Gesellschaft“ (Wagner 2014: 1152). Ferner charakterisiert Wagner (ebd.) die Ausgangssituation in Deutschland anhand von drei Hauptgruppen von MigrantInnen: ausländische Arbeitneh­merInnen und ihre Familien, Flüchtlinge sowie AussiedlerInnen und ihre Familien (vgl. ebd.: 1153). Ungeachtet der Herkunft haben viele MigrantInnen in corpore - aufgrund neuer diverser Lebensbedingungen - einen erhöhten Bedarf an Hilfe und Unterstützung (vgl. ebd.: 1156f.). Angesichts der Tatsache, dass mit einer Migration beachtliche Verän­derungen der ursprünglichen Lebensweisen einhergehen, seien „Ängste, Unsicherheiten und Vorsicht in der Anfangszeit“ (ebd.: 1157) vorhersagbar (vgl. ebd.). An dieser Stelle wird der Sozialen Arbeit eine zentrale Bedeutung zugeschrieben (vgl. Hamburger 2015: 213) , die sich im Laufe der Arbeit herausstellen wird.

Familie

Der Begriff bezeichnet „allgemein eine Lebensform, die mindestens ein Kind und ein Elternteil umfasst und einen dauerhaften und im Inneren durch Solidarität und persönli­che Verbundenheit charakterisierten Zusammenhang aufweist“ (Peuckert 2007: 36). Das obige Zitat greift die Zusammengehörigkeit von mindestens zwei Generationen als zent­rales Merkmal einer Familie auf, die sich in der Eltern-Kind-Beziehung widerspiegele (vgl. Wolf 2012: 89). Mindestens ein Kind und ein Paar der älteren Generation bilden eine „Kernfamilie“ (Böhnisch/Lenz 1997: 28), die als moderne bzw. bürgerliche Fami­lienform gelte (vgl. ebd.). Diese Kernfamilie sei zudem eingebettet „in Verwandtschafts­beziehungen und einen Mehrgenerationenzusammenhang“ (Filsinger 2011: 49) (vgl. ebd.). Außerdem bestätigen Ergebnisse einer repräsentativen Studie die Auffassung, dass Kinder ein unverzichtbares Kriterium für Familien darstellen (vgl. Bundesinstitut für Be­völkerungsforschung (BIB)17 2015: 16). Neben der konventionellen Familienform erach­ten es die Befragten als akzeptabel, auch divergierende Formen, wie z.B. „Stief- oder Regenbogenfamilien“ (ebd.) als Familien zu bezeichnen (vgl. ebd.). Weitere sind „Al­leinerziehende, Patchworkfamilien, Pflege- und Adoptionsfamilien, gleichgeschlechtli­che Paare mit Kindern usw.“ (Fischer 2013: 138). Wolf (2012) formuliert - für die ge­genwärtige Zeit charakteristischen - Merkmale einer Familie: Die „Trennung von Innen- und Außenwelt“ (ebd.: 91) ermögliche einerseits eine ausgeprägte Ausbildung von Nähe und Vertrautheit innerhalb der Familie, andererseits berge sie das Risiko der privaten, mithin unkontrollierten Gewalt (vgl. ebd.: 91f.). Kinder würden relativ rapide verinnerli­chen, was als Geheimnis der Familie einem Nicht-Mitglied (nicht) erzählt werden darf.

Zudem habe der Staat durch Artikel 6 des Grundgesetzes (GG)18 die Privatsphäre einer Familie maßgeblich zu schützen. Die „Emotionalisierung der Beziehungen“ (ebd.: 92) als weiteres Kennzeichen von Familien drückt aus, welche Erwartungen innerhalb der Fami­lie „an die emotionale Qualität der Familienbeziehungen“ (ebd.) bestehen. Dieses Merk­mal bringe insofern Konflikte mit sich, als dass hohe Erwartungen mit potenzieller Ent­täuschung und Verfehlung einhergehen (vgl. ebd.: 92f.). Im Kontrast zu Organisationen, die hinsichtlich ihrer Mitglieder die Prinzipien der Austauschbarkeit und Kündbarkeit pflegen, zeichnen sich Familien durch das Merkmal der Einmaligkeit und Beständigkeit aus (vgl. ebd.: 93). Entsprechend könne ein frühzeitiger Abbruch des als dauerhaft be­zeichneten Familienlebens zu nachwirkenden Entwicklungsstörungen führen (vgl. ebd.: 94f.).19 Des Weiteren seien Familien durch ein hohes Maß an Abhängigkeit bestimmt. Hier wird Abhängigkeit nicht im pathologisierenden Sinn verstanden (vgl. ebd.: 95). Schließlich kann Familie - vor dem Hintergrund makrosoziologischer Gesichtspunkte - als „[.] Institution, die bestimmte gesellschaftliche Funktionen wahrnimmt, insbeson­dere die der Reproduktion und Sozialisation“ (Filsinger 2011: 49) verstanden werden. Dabei sei Familie der Ort der primären Sozialisation von Kindern (vgl. Ecarius et al. 2011: 105ff.).20 Mikrosoziologisch erweist sie sich - unter anderem durch obige Merk­male - als „soziale Gruppe[.] eigener Art [und] Prototyp[.] von Gemeinschaft“ (Fil- singer 2011: 49) (vgl. ebd.). Außerdem unterliege das Konzept Familie einem sozialen

Wandel. Dieser zeichne sich unter anderem an folgenden Aspekten ab: „ein niedriges Geburtsniveau [...], eine wachsende gewollte Kinderlosigkeit [...], eine späte Mut­terschaft [...], ein Attraktivitätsverlust der Ehe [...], ein wachsendes Scheidungsrisiko [...] und die Pluralisierung von F[amilien]formen“ (Böllert 2015: 84).21

Dem sozialen Wandel kann entgegengehalten werden, dass Familie für 79 % der Bevöl­kerung der bedeutendste Lebensbereich sei (vgl. BMFSFJ 2017: 11). Folglich kann der postulierte Attraktivitätsverlust nicht ohne Weiteres angenommen werden. Immerhin gab es im Jahr 2015 rund 8 Mio. Familien mit minderjährigen Kindern (vgl. ebd.: 12). Ferner herrscht Einigkeit darin, dass es aufgrund der Vielfalt familiärer Lebensformen angemes­sener sei, von den Familien im Plural statt von der Familie in der Einzahl auszugehen (vgl. Filsinger 2011: 49). Weil eine universale Definition von Familie nicht möglich sei, wird mehrfach auf verschiedene Theorien sowie empirische Formen von Familien hinge­wiesen (vgl. ebd./Fischer 2013: 139). Eine einheitliche Definition von Familie sei deshalb nicht möglich, da die Thematisierung von Familie nicht zuletzt mit unterschiedlichen Fa­milienleitbildern verknüpft ist, die auf individuellen Sozialisationsprozessen beruhen (vgl. Wolf 2012: 88). Ebenso wie die Familienformen divergieren, sind die finanziellen Möglichkeiten von Familien verschieden, die die Entwicklung junger Menschen beein­flussen. So konstatieren Jordan et al. (2015) „eine Ungleichverteilung von Start- und Rah­menbedingungen für ihr Aufwachsen sowie ihren Bildungserfolg“ (ebd.: 17) (vgl. ebd.). Familien mit Kindern seien generell von einem Armutsrisiko betroffen. Dieses steige mit der Anzahl an Kindern in einem Haushalt (vgl. BMFSFJ 2017: 48f.). In Westdeutschland seien vor allem Kinder mit MH davon betroffen (vgl. Böllert 2015: 85). Welche Vorstel­lung von Familie MigrantInnen weitgehend teilen, wird im weiteren Verlauf angeführt.

2.2 Die Bedeutung der Familie für MigrantInnnen

Der Stellenwert der Familie für MigrantInnen ist unter anderem darin begründet, dass Migrationserfahrungen bestehende Familienstrukturen beeinflussen: Form, Geschlech- terverhältnisse, interne Beziehungen oder Rollen innerhalb der Familie werden im Zuge der Migration als empfänglich für Veränderungen erklärt (vgl. Fischer 2013: 138f.). So könne ein verstärkter innerer Zusammenhalt in Migrationsfamilien auf die Gegebenheit, fremde Lebensbedingungen gemeinsam zu bewältigen, zurückgeführt werden. Interne Rollen können gegensätzlich zu hiesigen sein, da z.B. verwandte Bezugspersonen im Her­kunftsland verbleiben, die bei der Betreuung der Kinder als Unterstützung fungieren
könnten (vgl. ebd.: 139). Für AdressatInnen der Migrationsberatung für erwachsene Zu­gewanderte (MBE)22 stellt der Bereich „prekäre gesundheitliche, familiäre und/oder psycho-soziale Situation“ (Brandt et al. 2015: 70) zu 31% eine Problemlage dar (vgl. ebd.). Normann (2010) konstatiert am Begriff des „Familialismus“ (ebd.: 19) den zentra­len Unterschied im Verständnis von Familie zwischen Personen mit und ohne MH. Dabei unterscheidet sie zunächst kollektive von individualistischen Gemeinschaften. Während Personen der erstgenannten die Wünsche und Werte der Gruppe als höchste Priorität set­zen und die/der Einzelne sich in einer stark verbündeten Gruppe bewegt, werden die Be­ziehungen in individualistischen Gemeinschaften als „locker und distanziert“ (ebd.) be­schrieben. Oftmals würden vornehmlich die Herkunftsländer der ArbeitsmigrantInnen als kollektivistisch typisiert (vgl. ebd.: 19). In Deutschland - als ein Land, in dem die Indi­vidualisierung als Ausdruck der Moderne gesehen werde - sei der Familialismus auf­grund seiner vermeintlich „integrationshemmende[n]“ (ebd.: 20) Wirkung negativ kon- notiert (vgl. ebd.). BefürworterInnen des Familialismus wiederum zufolge sei eine fami­liäre Hinlenkung der Ausgangspunkt psychischer Stabilität von Jugendlichen (vgl. ebd.). Ebenso sei anzumerken, dass die häufig beobachtete Kohäsion von Familien mit MH nicht primär mit der Herkunftskultur zu begründen ist, sondern auch als ein durch Mig­rationserfahrungen bedingter Aspekt betrachtet werden kann (vgl. ebd.: 19). Wie am Be­griff des Familialismus gezeigt wird, führt Normann (ebd.) weitere, für Migrationsfami­lien typische Merkmale an, die angesichts des gegebenen Rahmens der Arbeit unberück­sichtigt bleiben.23 Mit dem Familialismus als Beispiel wird deutlich, dass nach wie vor ein Rückgriff auf Werte erfolgen kann, die als typisch für Menschen aus bestimmten Her­kunftsländern betrachtet werden. Dementgegen nimmt eine Studie des Sinus-Instituts24 Abstand von der hier dargelegten Idee, Verallgemeinerungen bzw. Zuschreibungen über Ethnien zu treffen, indem sie ein Modell liefert, das die Diversität in den „Lebensstilen, Wertvorstellungen, ästhetischen Vorlieben und sozialen Lagen“ (Fischer 2013: 140) von Familien mit MH aufzeigt (vgl. ebd.). Anschließend wird in die MigrantInnen-Milieus
eingeführt und daraufhin die Familie und Erziehung betreffenden Werte einiger Milieus beleuchtet.

2.3 Milieus von Familien mit Migrationshintergrund

Das Modell der sozialen Milieus kann in der Lebensweltforschung25 angesiedelt werden (vgl. Merkle 2010: 83). Subsumiert nach Tippelt (2010)

„sind [soziale Milieus] typische, durch Klassifikation und Konstruktion geordnete Muster der Le­bensführung in einer [.] Gesellschaft. Sie fassen also Menschen zusammen, die sich in Lebensstil und Lebensführung zumindest ähneln [.]. Im Gegensatz zu sozialen Schichten lassen sich soziale Milieus nicht nur nach Berufsstatus, Bildungsabschluss und Einkommen hierarchisch ordnen. Sie stehen auch horizontal nebeneinander“ (ebd.: 212f.).

Das Milieu-Modell sei ein reales Abbild der einheimischen Gesellschaft, welche aktuell in zehn Milieus differenziert wird (vgl. Merkle 2010: 84f.). Angesichts der Tatsache, dass „Werte [.] einer dynamischen Veränderung unterliegen“ (Uslucan 2013: 252), sei es nicht als statisches Modell zu begreifen, weshalb es in regelmäßigen Abständen einer Aktualisierung bedürfe. Um der sozialen Realität gerecht zu werden, weise das Modell keine trennscharfen Grenzen, sondern Überlappungsbereiche zwischen den Milieus auf (vgl. Merkle 2010: 85). Für Menschen mit MH in Deutschland wurden acht Milieus mit eigenen Lebensführungen definiert, die der folgenden Grafik entnommen werden können:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: MigrantInnen-Milieus

(Arnold et al. 2010: 11)
Grundorientierungen abgebildet: Je weiter rechts ein Milieu platziert ist, desto weniger traditionell sei sie (vgl. ebd.: 84). Der bestehende Wertewandel sei bei Menschen mit MH wesentlich größer als bei einheimischen, da MigrantInnen stets Bezug zu mindestens zwei Kulturen und deren Werte nehmen müssten (vgl. ebd.: 87f.). Auf dieser Basis sind die acht Milieus folgenderweise gekennzeichnet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kennzeichnende Werte der MigrantInnen-Milieus

(Arnold et al. 2010:12)

Folglich wird exemplarisch an fünf Milieus dargestellt, welche Grundorientierungen in Bezug auf Familie und Erziehung bestehen. Im Adaptiven Bürgerlichen Milieu wird auf Gleichberechtigung in der Ehe gesetzt. Väter beteiligen sich gleichsam wie Mütter an der Erziehung. Das Familienleben wird intensiv ausgelebt, indem z.B. gemeinsamen Unter­nehmungen nachgegangen wird.

Im Statusorientierten Milieu habe die Familie eine repräsentative Funktion. Obschon eine eher traditionelle Auffassung über die innerfamiliäre Rollenverteilung bestehe, seien re­levante Entscheidungen hinsichtlich Erziehungsfragen in ehelicher Partnerschaft zu tref­fen. Die für dieses Milieu typischen, hohen Bildungsaspirationen der Eltern können im Erfolgszwang münden (vgl. Merkle 2011: 95).

Auch im Religiös-verwurzelten Milieu habe die Reputation der Familie Priorität. Von den Familienmitgliedern wird eine Aufopferungsbereitschaft erwartet, und auf Emanzipati­onsversuche der Kinder wird seitens der Eltern mit Enttäuschung reagiert. Signifikante Erziehungsziele seien „Achtung der Familiendisziplin, geschlechtsrollenkonformes Ver­halten und Einhalten der moralischen und religiösen Gebote“ (ebd.: 96). In diesem Milieu sind die Kinder dazu geneigt, sich gegen die (autoritäre) Erziehung zu wehren.

[...]


1 Im Folgenden MH.

2 „Der Mikrozensus ist die größte jährlich durchgeführte Haushaltsbefragung Europas, an der ein Prozent der Haushalte in Deutschland teilnehmen“ (vgl. Statistisches Bundesamt (DESTATIS) o.J.: o.S., Hervor­heb. im Orig.).

3 Sozialisation meint den Prozess, der sich auf die Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesell­schaft bezieht (vgl. Hurrelmann 2006: 8). Böhnisch et al. (2009) sehen Sozialisation als „Prozess der Le­bensbewältigung in einer sich historisch wandelnden Gesellschaft“ (ebd.: 63).

4 Zur weiteren Arbeitsdefinition von Sozialpädagogik vgl. auch Hamburger 2012: 14-17/Kapitel 3.

5 Im Folgenden KJH.

6 Im Folgenden SGB.

7 Im Folgenden BMFSFJ.

8 Im Folgenden .

9 Im Folgenden SPFH.

10 Jene Defizitorientierung bzw. jener „Sachverhalt mit negativer Konnotation“ (Jordan et al. 2015: 20) sei insbesondere in Bezug auf die oftmals thematisierten „Integrationsprobleme[...] oder -konflikte[..(ebd.) festzustellen (vgl. ebd.).

11 Integration (lat. integrare = wiederherstellen, Herstellung eines Ganzen) sei die Eingliederung des An­dersartigen in etwas Bestehendes, bspw. der/s Migrierten in die Lebensweisen des Aufnahmelandes (vgl. Meier-Braun 2013: 16).

12 Trotzdem dominieren Ansätze, die die Migration als individuelle Angelegenheit verstehen. Diese Über­legung resultiere unter anderem daraus, dass der weitaus größte Teil der globalen MigrantInnen sogenannte ArbeitsmigrantInnen seien und in der Regel alleine immigrieren. Dabei wird die Tatsache ignoriert, dass zu einem späteren Zeitpunkt Familiennachzüge verwirklicht werden können (vgl. Pries 2011: 27).

13 (Spät-)AussiedlerInnen stellen die größte sowie älteste Migrationsgruppe in Deutschland dar (vgl. Tröster 2013: 78). Expertenmeinungen zufolge werden sie in einigen Generationen nicht mehr als ZuwanderInnen betrachtet, da sie deutsche Vorfahren haben und „auf dem Weg zur Normalität“ (ebd.: 80) seien (vgl. ebd.).

14 Für die mit einer Migration verbundenen Dimensionen vgl. auch Oltmer 2013: 32/Anhang 1.

15 Unter anderem charakterisieren die Tatsachen, dass im 19. Jahrhundert ca. 5 Mio. Deutsche nach Ame­rika ausgewandert und viele PolInnen ins Ruhgebiert immigriert sind, Deutschland als Ein- und Auswan­derungsland (vgl. Wagner 2014: 1152).

16 Unter Rückgriff auf Naucks Definition verwendet Geisen (2018) den Begriff der Akkulturation für den Prozess der Angleichung von eigenen, somit bereits vorhandenen Werten und Normen an die der Einhei­mischen. Assimilation sei der erreichte Zustand jener Angleichung (vgl. ebd.: 47). In einigen Kontexten werde Assimilation mit Integration gleichgesetzt, obwohl Assimilation oftmals die Forderung „einer voll­ständigen Anpassung an die deutsche Gesellschaft“ (Meier-Braun 2013: 16) impliziere. Integration hinge­gen sei der Prozess, in dem sich Migrierte und Einheimische in ihren Lebensbedingungen aufeinander ab­stimmen (vgl. ebd.).

17 Im Folgenden BIB.

18 Im Folgenden GG.

19 Bspw. durch eine stationäre Unterbringung nach § 34 SGB VIII.

20 Mit steigendem Alter werde die Familie als erste Bezugsinstanz, unter anderem durch die Peergroup, die sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen, abgelöst (vgl. Ecarius et al. 2011: 105ff.).

21 In Anbetracht der Migration ist zu ergänzen, dass die Anzahl an interkulturellen Partnerschaften stetig zunimmt (vgl. Fischer 2013: 139).

22 Im Folgenden MBE. Im Jahr 2005 wurden die vormals getrennten Beratungsbereiche für AusländerInnen und (Spät-)AussiedlerInnen zusammengelegt und allmählich mithin die MBE etabliert. Dieser Vorgang wurde damit begründet, dass sich die Ausgangssituationen der Migrationsgruppen im Wesentlichen nicht unterscheiden. Somit galt es, die MigrantInnen relativ schnell in bestehende Regeldienste zu integrieren. Es wurde erkannt, dass neben der Anstrengung der MigrantInnen zur Integration in die Aufnahmegesell­schaft auch Bemühungen der Regeldienste durch eine IÖ notwendig sind (vgl. Brandt et al. 2015: 32ff.).

23 Vgl. hierzu auch Normann 2010: 21-24.

24 Als unabhängiges „Institut für psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung und Beratung“ (Sinus o.J.: o.S.) beschäftigt sich Sinus mit der Lebenswirklichkeit von Menschen unter Berücksichtigung des soziokulturellen Wandels und ihrer Bedeutung für Einrichtungen und Unternehmen (vgl. ebd.).

25 Im Gegensatz zu Ansätzen, die lediglich sozialdemografische Aspekte wie Alter oder Beruf als Erklärung dafür nutzen, wie bestimmte Gruppen zusammengesetzt bzw. adäquater zu erreichen sind, könne die Le­bensweltforschung als „Seh- und Verständnishilfe sowie zur Komplexitätsreduktion hier einen wichtigen Beitrag liefern“ (Merkle 2011: 83) (vgl. ebd.: 83f.).

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Familien mit Migrationshintergrund als Adressaten der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Herausforderungen und Chancen Interkultureller Öffnung
Note
1,1
Autor
Jahr
2018
Seiten
49
Katalognummer
V1194635
ISBN (Buch)
9783346639608
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familien mit Migrationshintergrund, Interkulturelle Öffnung der SPFH, Sozialpädagogische Familienhilfe, Adressat*innen der SPFH, Kinder- und Jugendhilfe
Arbeit zitieren
Özge Sakalar (Autor:in), 2018, Familien mit Migrationshintergrund als Adressaten der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Herausforderungen und Chancen Interkultureller Öffnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1194635

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