Medienwandel. Welche (veränderten) Nutzungspraktiken ergeben sich im Rahmen von peer surveillance/ sozialer Überwachung?


Hausarbeit, 2020

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mediatisierung

3. Surveillance Studies
3.1. Vertikale Überwachung
3.2. Horizontale Überwachung

4. Peer surveillance in Sozialen Netzwerken
4.1. (Veränderte) Nutzungspraktiken der überwachenden User
4.2. (Veränderte) Nutzungspraktiken der (potenziell) überwachten User..
4.2.1. Verwaltung der Privatsphäre
4.2.2. Selbstüberwachung
4.2.3. Erstellung pseudonymer Accounts

5. Diskussion und Fazit

6. Limitation und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Peer surveillance, interveillance, lateral surveillance, participatory sur­veillance, soziale Überwachung - all diese Begriffe fallen unter die horizon­tale Überwachung. Diese hat das klassische Modell der Top-down sur­veillance - sprich die vertikale Überwachung von „oben nach unten“ - revo­lutioniert. Durch die selbstverständliche Nutzung digitaler Technologien, die (junge) Menschen fest in ihren Alltag integriert haben, ist eine Kultur der non-hierarchischen Überwachung entstanden, die gesellschaftlich akzep­tiert wird (vgl. Jansson 2015: 81).

So nutzen 100 Prozent der jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren ein Smartphone. Die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2019 zeigen, dass WhatsApp, Facebook und Instagram nach wie vor zu den relevantes­ten Sozialen Netzwerken zählen. Instagram weist dabei unter allen Sozialen Medien die höchste Nutzungssteigerung auf und wird vor allem von Perso­nen unter 30 Jahren genutzt (vgl. ARD/ZDF 2019).

Eine Gesellschaft, in der bei WhatsApp Lesebestätigungen in Grup­penchats gesendet werden und bei Instagram eine „Enge Freunde“-Liste erstellt werden kann, die sicherstellt, dass nur ausgewählte Personen den Inhalt der Story sehen können, verdeutlicht die Präsenz der horizontalen Überwachung in und mit digitalen (sozialen) Medien und somit auch im All­tag.

Beispiele, die aufzeigen, wie fest generelle Überwachungspraktiken in den Alltag der Menschen integriert sind, sind zahlreiche Reality TV-Formate wie Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! und die Verwendung personalisierter Technologien, wie beispielshalber der App fitbit. Hier werden individuelle Daten (permanent) aufgezeichnet, gesammelt und gespeichert.

Forschungen über vertikale Überwachung, die häufig von staatlicher Seite oder aus kommerziellem Interesse erfolgt, sind fester Bestandteil der Sozi­alwissenschaften (siehe etwa Lyon 2001). Mit der horizontalen Überwa­chung beschäftigen sich ForscherInnen zunehmend erst seit Beginn der 2000er-Jahre (siehe Andrejevic 2002/2005, Albrechtslund 2008). Thematisiert wurde hier zu Beginn etwa die Überwachung mittels des Mo­nitoring-Systems Didtheyreadit.com, das den Usern vor mehr als 15 Jahren ermöglichte zu überprüfen, ob ihre gesendeten E-Mails gelesen wurden und wie viel Zeit die EmpfängerInnen dafür aufwendeten (vgl. Andrejevic 2005: 491).

Doch was veranlasst Menschen dazu, andere zu überwachen? Was ver­steht man unter peer surveillance? Wie gehen (junge) Menschen mit dem Wissen um, überwacht zu werden? Welchen Einfluss hat dies auf ihre Nut­zungspraktiken? Um diese Entwicklungen und die Hinter- und Beweg­gründe von peer surveillance nachvollziehen zu können, wird im folgenden Kapitel der vorliegenden Seminararbeit zunächst erläutert, was unter Medi­atisierung zu verstehen ist.

Anschließend wird der Forschungsstand der Surveillance Studies anhand wissenschaftlicher Literatur dargestellt, indem zunächst ein Einblick in die vertikale Überwachung erfolgt. Darauffolgend wird die daraus hervorge­hende horizontale Überwachung beleuchtet. Hier werden mithilfe wissen­schaftlicher Literatur die Unterschiede zwischen vertikaler und horizontaler Überwachung herausgestellt und Konzepte verschiedener ForscherInnen miteinander in Verbindung gebracht.

Da die horizontale Überwachung überwiegend in Sozialen Netzwerken un­tersucht wurde, stehen diese im Fokus der vorliegenden Arbeit. In Bezug auf die horizontale Überwachung existieren darüber hinaus viele Begrifflich- keiten - da es sich hier in der Regel um junge Erwachsene (seltener um Jugendliche) handelt, wird die Überwachung unter Gleichaltrigen im Rah­men der vorliegenden Arbeit überwiegend als peer surveillance bezeichnet.

Kapitel 4 beschäftigt sich somit mit peer surveillance in Sozialen Netzwer­ken, was die Funktionsweisen der Sozialen Medien und die damit verbun­denen Möglichkeiten für die User einschließt.

Unter Heranziehung empirischer Studien und wissenschaftlicher Literatur, die sich mit der horizontalen Überwachung befassen, soll die Forschungs­frage „Welche (veränderten) Nutzungspraktiken ergeben sich im Rahmen von peer surveillance?“ beantwortet werden.

In Kapitel 4.1 werden zunächst die (veränderten) Nutzungspraktiken der überwachenden User dargestellt und die Beweggründe für peer sur­veillance betrachtet. Im Anschluss daran werden die (veränderten) Nut­zungspraktiken der (potenziell) überwachten User betrachtet, die die Wahr­nehmung und Verwaltung der eigenen Sichtbarkeit beinhalten. In diesem Zusammenhang werden die veränderten Selbstpräsentationspraktiken Ver­waltung der Privatsphäre, Selbstüberwachung und Erstellung pseudonymer Accounts erläutert.

Das fünfte Kapitel beinhaltet die ausführliche Diskussion über die (verän­derten) Nutzungspraktiken im Rahmen von peer surveillance. Hier wird in­folgedessen das Fazit gezogen und die Forschungsfrage beantwortet.

Im sechsten Kapitel erfolgt die Limitation der vorliegenden Arbeit und es wird ein Ausblick auf zukünftige Forschungen gegeben.

2. Mediatisierung

Unter Mediatisierung versteht man ein Konzept, das das Wechselverhältnis zwischen Medien- und Kommunikationswandel einerseits und kulturellem und sozialem Wandel andererseits untersucht (vgl. Couldry & Hepp 2013: 197).

Es beschreibt einen langfristigen Prozess, der von anderen Prozessen wie Individualisierung, Kommerzialisierung und Globalisierung begleitet wird und mit dem sowohl quantitative als auch qualitative Aspekte einhergehen (vgl. Hepp 2019: 2). Darüber hinaus kann Mediatisierung auch als Metapro­zess bezeichnet werden, da es weder eine zeitliche noch eine räumliche Begrenzung für die soziokulturellen Konsequenzen gibt (vgl. Krotz 2007: 11).

Unter den quantitativen Aspekten der Mediatisierung kann die (seit den letz­ten Jahrzehnten) zunehmende zeitliche, räumliche und soziale Verbreitung medienvermittelter Kommunikation verstanden werden, die sich insbeson­dere auf die Etablierung mobiler digitaler Medien zurückführen lässt (vgl. Hepp 2019: 1).

Als qualitative Aspekte der Mediatisierung können die Auswirkungen dieser Verbreitung begriffen werden, sprich inwieweit diese und die „zuneh- mende[...] Entgrenzung und Vermischung der Einzelmedien“ (Krotz 2008: 55) zu einem soziokulturellen Wandel beitragen. (vgl. Hepp 2019: 1). Wie die verschiedenen Medien, so vermischen sich auch die „medialen Bereiche persönlichen und alltäglichen Handelns“ (Krotz 2007: 95). So ist die digitale (mobile) Mediennutzung nicht länger orts-, zeit- oder zweckgebunden (vgl. ebd.). Diese ständige Verfügbarkeit führt neben immer mehr Nutzungswei­sen (Funktionen) auch dazu, dass zwischenmenschliche Beziehungen mehr und mehr über digitale Medien realisiert werden (vgl. ebd.: 96).

Mittlerweile beschäftigen sich ForscherInnen zunehmend mit einer Vertie­fung des Mediatisierungskonzeptes, da das Bewusstsein darüber, dass Me­dien neben Kommunikationsmitteln gleichzeitig Mittel zur Generierung von Daten darstellen, gestiegen ist (vgl. Hepp 2019: 3).

3. Surveillance Studies

Mit der zunehmenden Verbreitung und Verdichtung digitaler Medien rückten die Surveillance Studies mehr und mehr in den Fokus der Sozial- und Geis­teswissenschaften (vgl. Bolin 2018: 3f.). Um im späteren Verlauf dieser Se­minararbeit die alltägliche peer surveillance nachvollziehen zu können, muss jedoch zunächst ein kurzer Einblick in die Top-down surveillance ge­geben werden.

3.1. Vertikale Überwachung

Die Überwachung ist kein neues Phänomen der Spätmoderne. Folgt man den Ursprüngen der Überwachungspraktiken, gelangt man zum sogenann­ten Panoptikum, das von dem Philosophen Jeremy Bentham entwickelt und später von Foucault (1977) näher ausgearbeitet wurde. Dabei handelt es sich um ein Modell, in dem Gefängnisinsassen zu jeder Zeit permanent ohne ihr Wissen beobachtet werden können (vgl. Tokunaga 2010: 705).

Das Panoptikum stellte für einen langen Zeitraum das einzige paradigmati­sche Modell in diesem Zusammenhang dar. Es kann strenggenommen als „aufklärerisches Erziehungsmodell“ (Tokunaga 2010: 705/ vgl. Albrechts­lund 2008) verstanden werden, da das Ziel darin bestand, dass die Gefan­genen ihr Verhalten aufgrund der permanenten Beobachtung anpassen würden und somit wieder in die Gesellschaft integriert werden könnten (vgl. Leistert 2016: 4).

Dieses Konzept wird von vielen ForscherInnen (siehe Katz & Rice 2002, Lyon 1993, Spears & Lea 1994) häufig auf die Internetkultur übertragen (vgl. Tokunaga 2010: 705). Kritik an diesem Modell übten Haggerty und Ericson (2000), indem sie darauf hinwiesen, dass hier weder ausreichend auf die Datensammlung noch auf die „Überwachung durch vernetzte Computer“ Bezug genommen wird. Darüber hinaus würden die Menschen, die eben­falls zu der Verbreitung von Überwachung beigetragen haben, nicht berück­sichtigt (vgl. Leistert 2016: 4 - zit. nach Haggerty und Ericson 2000).

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Medienwandel. Welche (veränderten) Nutzungspraktiken ergeben sich im Rahmen von peer surveillance/ sozialer Überwachung?
Hochschule
Universität Bremen  (Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung)
Veranstaltung
Medienwandel
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V1195487
ISBN (Buch)
9783346638786
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nutzungspraktiken, peer surveillance, soziale Überwachung, surveillance studies, lateral surveillance, participatory surveillance, interveillance, Überwachung, horizontale Überwachung, Social Media, Soziale Netzwerke, Soziale Medien, Überwachung Soziale Medien, Facebook, Hausarbeit Facebook, Hausarbeit Überwachung, Hausarbeit Soziale Medien, Instagram, Hausarbeit Instagram, WhatsApp, Hausarbeit WhatsApp, Instant Messenger, Instant Messaging, Hausarbeit Instant Messaging, digitale Technologien, Smartphone, Medienwandel, junge Erwachsene
Arbeit zitieren
Master of Arts Merle Wendt (Autor:in), 2020, Medienwandel. Welche (veränderten) Nutzungspraktiken ergeben sich im Rahmen von peer surveillance/ sozialer Überwachung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1195487

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