Kulturelle Schlüsselbegriffe wie „Individualität“ und „Selbstfindung“ sind Indikatoren einer Gesellschaft, die sich von absolut gesetzten, autoritären Lebensmustern gelöst hat und in der ein jeder nach seinem persönlichen Lebensheil strebt. Diesbezügliche religiöse bzw. traditionelle Antworten, die sich in den letzten Jahrtausenden herausbildeten und vorherrschten, haben erheblich an Glaubwürdigkeit verloren, da sie dem langsam angewachsenen Primat der Vernunft nicht mehr standhalten konnten. Doch durch das Wegbrechen alter Erklärungsansätze entstand ein moralisches Vakuum, gekennzeichnet durch einen absoluten Werterelativismus, der zu einer Orientierungslosigkeit und einem starken Sinn-Bedürfnis führte. Wonach soll man sich richten bzw. welchem Vorbild folgen? Auf welcher Grundlage lässt sich ein Leben führen, das weder traditionsverfälscht, noch an höheren Mächten orientiert ist, sondern sich allein auf den Menschen beruft? Die Frage nach dem spezifisch menschlichen Wesen stellt sich daraufhin unausweichlich, denn nichts könnte besser als Ausgangspunkt für begründete Antworten dienen. Ein Grundkonsens über das Wesen des Menschen scheint damit als Richtschnur beim Aufbau eines säkularisierten Seins, aber auch Miteinanders unabdingbar. Sollte dieses Vorhaben gelingen, wird der Mensch zum selbstverantwortlichen Architekten seiner Umwelt, Geschichte und Identität, im individuellen wie im universellen Sinne.
Großen Anteil an dieser Unternehmung hat der Philosoph Ernst Tugendhat. Seit mehreren Jahren macht er den Menschen zum Thema seiner Arbeit und betreibt eine philosophische Anthropologie, die nach neuen, fundierten Antworten sucht. In seinem Aufsatz „Anthropologie als erste Philosophie“ bezieht sich Tugendhat direkt auf dieses Thema und versucht, über eine analytische Wesensbestimmung des Menschen, eine Antwort auf die Möglichkeit eines guten Lebens zu geben. Die Frage „Was sind wir als Menschen?“, die er als den zentralen Kern der Philosophie ansieht, gewinnt für ihn eine neue Aktualität und wird zum Ausgangspunkt für das heutige und zukünftige Menschsein.
Das Ziel dieser Hausarbeit besteht darin, Tugendhats fragmentarische Ausführungen zum Wesen des Menschen aus mehreren seiner Texte zusammenzutragen und anschließend komprimiert, allein mit dem Fokus auf das sich daraus ergebende Menschenbild darzustellen, da dies so bislang nicht existiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Philosophische Anthropologie bei Tugendhat
3. Der philosophisch-anthropologische Mensch
3.1 Der rationale Reflektierer
3.2 Der Geerdete
3.3 Der Getriebene
3.4 Der Schöpfer
3.5. Der Mystiker/ der Fühlende
4. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Menschenbild innerhalb der philosophischen Anthropologie von Ernst Tugendhat. Das primäre Ziel besteht darin, dessen fragmentarisch in verschiedenen Texten verstreute Aussagen zum Wesen des Menschen zusammenzuführen, komprimiert darzustellen und die zugrundeliegende analytische Methode sowie die daraus resultierenden Schlussfolgerungen kritisch zu beleuchten.
- Die philosophische Anthropologie im post-religiösen Kontext
- Sprachanalyse als Grundlage für das menschliche Selbstverständnis
- Die Rolle der Rationalität und die Suche nach Gründen
- Das Spannungsfeld zwischen rationaler Reflexion und emotionalen Bedürfnissen
- Die Möglichkeit einer immanenten Transzendenz und Mystik
Auszug aus dem Buch
3.3 Der Getriebene
Man kann sich nun fragen, was den Menschen zur Suche nach seinem Wesen und den praktischen Fragen veranlasst. Zum einen handelt es sich, wie im vorhergehenden Punkt ausgeführt wurde, um eine argumentative Unzufriedenheit mit den bisherigen Antworten, in der es zu einer Spannung zwischen Meinung und Wahrheit kommt. Zum anderen, und hier spricht Tugendhat einen weiter reichenden Punkt an, ergibt sich durch die Möglichkeit der Objektivierung ein regelrechter Zwang, der den Menschen zu einer Selbstreflexion nötigt.
„Ein Aspekt dieser Sprache[Satzsprache] ist die Beziehung Subjekt-Prädikat, deswegen muss er von den Dingen sprechen, er muss sie objektivieren, und auf diese Weise ist er auch für sich ein Objekt; und da alles was er sagt in Frage gestellt werden kann, muss das auch seine Beziehung zu sich selbst betreffen.“
Tugendhat bezieht sich in seinen Ausführungen auf die Arbeiten Aristoteles’ und Plessners. Während Plessner sich auf den Gedanken der Objektivierung konzentriert und damit den Unterschied zum Tier festmacht, liefert Aristoteles fundiertere Antworten und begründet die Objektivierung des Selbst mit der Satzsprache. Und gerade die Möglichkeit der Objektivität ist es, die, so Tugendhat, zu einer „Spannung zwischen subjektiver Perspektive und Verallgemeinerbarkeit [führt]; sie ist es, die uns zur Aufklärung zwingt und die es unvermeidlich macht, alles Sichverstehen letztlich in diesem Horizont zu sehen, wie wir uns als Menschen verstehen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die Ausgangslage einer säkularisierten Gesellschaft und das Ziel, Tugendhats anthropologische Überlegungen zu einem kohärenten Menschenbild zusammenzufassen.
2. Philosophische Anthropologie bei Tugendhat: Erläutert Tugendhats Ansatz, die Anthropologie von metaphysischen und religiösen Altlasten zu befreien und als rationale Disziplin auf Basis sprachanalytischer Erkenntnisse zu begründen.
3. Der philosophisch-anthropologische Mensch: Untersucht die zentralen Charakteristika des Menschen, wie sie sich aus Tugendhats Werk rekonstruieren lassen.
3.1 Der rationale Reflektierer: Analysiert die Sprache als entscheidendes Merkmal, das den Menschen zur Begründung seines Handelns befähigt.
3.2 Der Geerdete: Behandelt die naturalistische Sichtweise Tugendhats, die den Menschen als Teil der evolutionären Entwicklung begreift.
3.3 Der Getriebene: Erklärt den aus der Objektivierung entstehenden Zwang zur ständigen Selbstreflexion.
3.4 Der Schöpfer: Beleuchtet die aktive Rolle des Menschen bei der Gestaltung seines Lebens und seiner Werte jenseits überlieferter Dogmen.
3.5. Der Mystiker/ der Fühlende: Diskutiert die emotionale Komponente und den Stellenwert der Mystik als Antwort auf die menschliche Endlichkeit und das Bedürfnis nach Weltorientierung.
4. Schlussbetrachtungen: Fasst Tugendhats Modell des aktiven, verantwortungsbewussten Menschen zusammen und reflektiert über die Relevanz einer neuen Art des Denkens.
Schlüsselwörter
Ernst Tugendhat, Philosophische Anthropologie, Menschenbild, Sprache, Rationalität, Begründung, Säkularisierung, Selbstreflexion, Objektivierung, Immanente Transzendenz, Mystik, Moral, Praktische Vernunft, Autonomie, Naturalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das von Ernst Tugendhat entworfene Menschenbild, indem sie seine verstreuten philosophischen Ausführungen zusammenführt und systematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die philosophische Anthropologie, die Bedeutung der Sprache für das menschliche Selbstverständnis sowie die Suche nach einer säkularisierten Lebensführung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die komprimierte Darstellung eines konsistenten Menschenbildes basierend auf Tugendhats Schriften sowie die Prüfung seiner analytischen Methodik.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit stützt sich auf eine analytische Aufarbeitung von Tugendhats Texten, insbesondere unter Verwendung seiner sprachphilosophischen und naturalistischen Ansätze.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Facetten des Menschen, darunter den rationalen Reflektierer, den Geerdeten, den Getriebenen, den Schöpfer und die mystische Dimension des Menschseins.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem philosophische Anthropologie, Sprache, Rationalität, Autonomie, Säkularisierung und Selbstreflexion.
Wie unterscheidet Tugendhat den Menschen vom Tier?
Der wesentliche Unterschied liegt laut Tugendhat in der propositionalen Sprache, die den Menschen zur Objektivierung und zur Suche nach Gründen befähigt.
Warum spielt die Mystik bei Tugendhat eine Rolle?
Die Mystik dient bei Tugendhat als eine Form der Weltorientierung, die der menschlichen Endlichkeit und dem Gefühl der Einsamkeit ohne den Rückgriff auf Religion begegnet.
Inwieweit ist Tugendhats Ansatz „post-religiös“?
Sein Ansatz ist post-religiös, da er metaphysische und religiöse Begründungen ablehnt und stattdessen die menschliche Vernunft und intellektuelle Redlichkeit in den Vordergrund stellt.
- Citation du texte
- Ronny Franz Buth (Auteur), 2007, Der Homo anthropologicus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120472