Kannst du mich verstehen?

Eine Untersuchung zum Thema „Der Mensch als ‚animal symbolicum‘ “ anhand ausgewählter Schriften Wilhelm Diltheys


Seminararbeit, 2008
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1) Vorwort

2.1) Begriffsbestimmungen
2.2.1) Was meint „Verstehen“?
2.2.2) Diltheys vorherrschendes Menschenbild
2.2.3) Die Beziehung zwischen Ich und Du
2.2.4) Die Wirkung des Verstehens und die Notwendigkeit für den Menschen

3) Das Verstehen der Kunst (Poetik, Musik) und ihre (symbolische) Bedeutung

4) Zusammenfassung

5) Quellen

1) Vorwort

Für die Pädagogik, die Erziehung als auch für die Bildungsprozesse stellt die Frage nach dem „animal symbolicum“ eine Wende bzw. einen neuen Blickpunkt in der Anthropologie dar. Diesbezüglich wird Bildung als ein Erlernen und Anwenden von symbolischen Formen definiert und der Mensch als ein symbolisches Wesen verstanden.

Im Fokus dieser Arbeit stehen die menschliche Fähigkeit zur Sprache, ihr Symbolcharakter und die Bedeutung für den Menschen und dessen Wesenswerdung. Als Bezugspunkt hierfür dienen die Ausführungen Wilhelm Diltheys zum Ausdrucksvermögen, zum Verstehensprozess und zur Kunst, welche im Kontext zu seinem „Plan der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften“ stehen.

Zu Beginn der Arbeit möchte ich relevante Begrifflichkeiten klären, die für das Selbst- und Fremdverstehen von Bedeutung sind. Hierrunter fallen beispielsweise Ausdruck, Lebensäußerungen und Erleben. Im Folgenden möchte ich das Menschenbild Diltheys, die Entstehung und die Formen des Verstehens, als auch die Wechselwirkung und Abhängigkeit der Individuen voneinander darstellen. In diesem Zusammenhang möchte ich die bildende Wirkung und den Nutzen der Sprache klären. Neben der Darstellung der Ausdrucks- und Verstehenstheorie Ditheys möchte ich die Frage untersuchen, welche Bedeutung die Sprache und die Annahme von symbolischen Formen für die Kunst hat. Hierbei sollen die Schaffenskraft des Künstlers, speziell des Musikers und des Poeten betrachtet werden und die (ästhetische) Wirkung der Kunst.

2.1) Begriffsbestimmungen

Die menschliche Kommunikation und das damit verbundende Verstehen knüpfen sich nach Diltheys Auffassung an sogenannte Lebensäußerungen.[1]

„Das Gegebene sind hier immer Lebensäußerungen. In der Sinnenwelt auftretend, sind sie der Ausdruck eines Geistigen; so ermöglichen sie uns, dieses zu erkennen. Ich verstehe hier unter Lebensäußerung nicht nur die Ausdrücke, die etwas meinen oder bedeuten (wollen), sondern ebenso diejenigen, die ohne solche Absicht Ausdruck eines Geistigen ein solches für uns verständlich machen.“[2]

Diese Äußerung führt zahlreiche Aspekte an, die Grundlage für das Verstehen bilden. Zum einen definiert Dilthey die Welt als eine Sinn- und Ausdruckswelt, in der sich die Innenwelt bzw. das Geistige des Menschen auszudrücken vermag. Dieser Ausdruck erfolgt über die Lebensäußerungen bzw. ist mit diesen gleichzusetzen, zu denen die beabsichtigten, bedeutungsvollen Ausdrücke zählen, als auch die zufälligen, ungewollten. Im Folgenden spezifiziert er die Differenzierungen der Lebensäußerungen. Demnach sollte man zwischen Begriffen / Urteilen / Denkgebilde, Handlungen und Erlebnisausdrücken unterscheiden. Die ersten beiden Kategorien sind zwar allgemeingültig bzw. verständlich und können Zeichen für kulturelle Zugehörigkeit sein (z.B. Begrüßungen als Zeichen für eine kulturelle Prägung), aber sie geben kaum Aufschluss über das menschliche Seelenleben. Demgegenüber steht der Erlebnisausdruck, denn dieser „[…] Ausdruck kann nämlich vom seelischen Zusammenhang mehr enthalten, als jede Introspektion gewahren kann. Er hebt aus es aus den Tiefen, die das Bewußtsein nicht erhellt.“.[3] Darunter kann man das innere Erleben verstehen, welches nach außen hin sichtbar gemacht und dargestellt wird (z.B. Begrüßung als Zeichen für das emotionale Verhältnis zu einer Person). Generell kann man sagen, dass eine Lebensäußerung Ausdruck etwas Individuellen (Seele) und etwas Gemeinsamen (Kultur) ist. Bereits in diesen Ausführungen wird ersichtlich, dass die Lebensäußerung und das Verstehen an den Termini Ausdruck gebunden sind. Folglich stellt sich die Frage, was alles als Ausdruck bzw. menschliche Äußerung verstanden werden kann?

„[…] alles, was von Menschen – ob bewußt oder unbewußt, mit oder ohne (kommunikative) Absicht – getan, bearbeitet oder hergestellt wird, [kann] als Ausdruck aufgefaßt und (prinzipiell) verstanden werden.“[4]

Als zu verstehender Ausdruck kann man folglich Gebärden, Laute (Sprache, Schrift), Handlungen; generell alle sinnlichen und sinnhaften Zeichen des Inneren und des Geistes fassen.

Der Ausdruck hat eine doppelte Funktion: einerseits drückt er Erlebnisse bzw. menschliches Erleben aus (= Erlebnisausdruck) und gleichzeitig schafft der Ausdruck neues Erleben.

„Verstehen ist, anders formuliert stets Verstehen von Ausdruck. […] Ausdruck ist die expressive Artikulation des Erlebnisses, seine stabilisierende und schöpferische Gestaltung.“[5]

Vor der genaueren Betrachtung des Verstehensprozesses kann man resümieren, dass es einen Zirkel bzw. Kreislauf zwischen Erleben (aktive Wahrnehmung), Ausdruck (erfolgt über die Artikulation), dem Verstehen (über die Identifikation mit einem Gemeinsamen / Kulturellen und dem Erkennen des Individuellen) bis hin zu dem erneuten Erleben gibt.

Die sprachlichen oder auch symbolischen Äußerungen eines Menschen und das Verstehen dieser stellt eine psychische bzw. kognitive Leistung dar und ist ein dynamischer Prozess. Wie sich dieser Prozess entwickelt und woran er gebunden ist, soll im Folgenden untersucht werden.

2.2.1) Was meint „Verstehen“?

Im vorhergehenden Punkt habe ich bereits einige Aspekte angesprochen, die zum Verstehen herbeiführen. Dennoch bleibt offen woraus Verstehen entspringt, welche Formen es gibt und warum es für das menschliche Leben von Bedeutung ist.

„Verstehen erwächst zunächst in den Interessen des praktischen Lebens.“[6] Dies eröffnet verschiedene Zugänge. Zum einen ist Verstehen notwendig, sobald ich mich auf einen anderen Menschen einlasse, ihn treffe und mich ihm mitteilen will bzw. umgekehrt. Hierbei ist es egal, ob ich mich verbal oder nonverbal ausdrücke. Desweiteren muss ich die mich umgebene Welt verstehen, um angemessen in ihr agieren zu können. Hierbei muss ich den Sinn von bestimmten Symbolen und Wörtern verstehen. In beiden Fällen erfolgt dies durch eine (kulturelle) Alphabetisierung. Folglich besitzt der Mensch zwar die Fähigkeit zum Verstehen, doch entfaltet sich dieses erst durch die Einführung in die Sinn- und Bedeutungswelt der Sprache und Symbole (Bedeutung von Farben, Formen, Gegenständen …), was Erziehung und Bildung voraussetzt bzw. notwendig macht. Das „Einsatzfeld“ des Verstehens lässt sich wie folgt zusammenfassen und begründen:

„Wir rechnen beständig mit Deutungen von einzelnen Gebärden, Mienen, Zweckhandlungen oder zusammengehörigen Gruppen von solchen, sie vollziehen sich in Schlüssen der Analogie, aber unser Verständnis führt weiter: Handel und Verkehr, gesellschaftliches Leben, Beruf und Familie weisen uns darauf hin, in das Innere der uns umgebenden Menschen Einblick zu gewinnen, um festzustellen, wie weit wir auf sie rechnen können.“[7]

Das Ziel und die Funktion des Verstehens bestehen darin, das Innere der Menschen wahrzunehmen und dadurch Rückschlüsse auf ihr Leben und die Beziehungen zueinander zu erkennen. In diesem Zusammenhang spielt die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung eine bedeutende Rolle. Etwas Inneres wird durch Äußeres (Sprache, Gesten, Symbole) zum Ausdruck gebracht.[8]

„Dilthey geht es demnach mit dem Begriff „innere Wahrnehmung“ nicht darum, die isolierte Innenwelt des Bewußtseins, sondern eine sinnhafte Bezugnahme auf unsere Wirklichkeit und unserer Leben zu erfassen.“[9]

[...]


[1] Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den Aufsatz „Das Verstehen anderer Personen und ihrer Lebensäusserungen“ in: Dilthey, Wilhelm: Plan der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. In: Gesammelte Schriften 4. Göttingen 1992. S. 205-220-

[2] Vgl. Ebd. S. 205.

[3] Vgl. Ebd. S. 206.

[4] Vgl. Meuter, Norbert: Anthropologie des Ausdrucks. Die Expressivität des Menschen zwischen Natur und Kultur. München 2006. S. 49-66. S. 50.

[5] Vgl. Ebd. S. 60.

[6] Vgl. Dilthey 1992. S. 207.

[7] Vgl. Ebd. S. 211.

[8] Vgl. Rütsche, Johannes: Das Leben aus der Schrift verstehen. Wilhelm Diltheys Hermeneutik. Bern u.a. 1999. S. 147-325. S. 259f.

[9] Vgl. Meuter 2006. S. 53.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kannst du mich verstehen?
Untertitel
Eine Untersuchung zum Thema „Der Mensch als ‚animal symbolicum‘ “ anhand ausgewählter Schriften Wilhelm Diltheys
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V120606
ISBN (eBook)
9783640248735
ISBN (Buch)
9783640248896
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kannst, Dilthey, animal symbolicum
Arbeit zitieren
Marlen Berg (Autor), 2008, Kannst du mich verstehen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120606

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