Diese Arbeit thematisiert das Thema soziale Kontrolle in der neoliberalen Stadt und geht der Frage nach, welche spezifischen sozialen Kontrollmechanismen im Hinblick auf Szenen von Konsument_innen psychoaktiver Substanzen sich heute im städtischen Raum identifizieren lassen, auf welchem Raumverständnis und auf welchen ordnungspolitischen Ideologien diese beruhen und welche Folgen für die betroffenen Konsument_innen entstehen.
Verschiedene psychoaktive Substanzen haben die Geschichte der Menschheit schon lange begleitet. Der Konsum in vormodernen Gesellschaftsformen war in der Regel durch religiöse, rituelle oder medizinische Kontextualisierungen, damit verbundene tolerierte und reglementierte Handlungsalternativen und gemeinschaftlichen Konsum gekennzeichnet, wodurch soziale Kontrolle aus den spezifischen Konsumregeln der Gesellschaften heraus entstand und durch individuelle Zurechtweisung bei Regelverstößen durchgesetzt wurde.
Die Situation in spätkapitalistischen, neoliberalen Gesellschaften ist eine differente. Seit den Opiumkonferenzen im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts lässt sich der erste international geplante und aktive Versuch feststellen, den Konsum von psychoaktiven Substanzen allumfassend zu regulieren und zu kontrollieren. Dabei stellt die strafrechtliche Prohibition (bestimmter) psychoaktiver Substanzen ein sehr willkürliches und wirkmächtiges Phänomen der Menschheitsgeschichte dar, welches einen drastischen Einfluss auf die soziale Kontrolle des Gebrauchs psychoaktiver Stoffe und derer Konsument_innen hat. Doch soziale Kontrolle wird nicht nur durch die strafrechtliche Prohibition dieser Substanzen, sondern ebenfalls durch ein neoliberales Verständnis von (städtischem) Raum im Sinne einer unternehmerischen Stadt und spezifischen ordnungspolitischen Ideologien beeinflusst.
Inhaltsverzeichnis
1. Soziale Kontrolle, Psychoaktive Substanzen und städtischer Raum
1.1 Soziale Kontrolle und psychoaktive Substanzen
1.2 Städtischer Raum im Neoliberalismus
2. Soziale Kontrollmechanismen im städtischen Raum
2.1 „Verdachtsunabhängig verdächtig“: Rechtliche Mechanismen
2.2 „Akzeptierende Vertreibung“: Personelle Mechanismen
2.3 „Smile, you’re on CCTV“: Technische Mechanismen
2.4 „Designing out drugs“: Architektonische Mechanismen
3. Konsequenzen für rauschmittelkonsumierende Menschen
3.1 Exklusion und Segregation
3.2 Kriminalisierung
4. Schlussbetrachtung eines oktroyierten Herrschaftsverhältnisses
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Mechanismen der sozialen Kontrolle von Menschen, die psychoaktive Substanzen in städtischen Räumen konsumieren. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie diese Personen im Kontext einer neoliberalen Stadtplanung als deviant markiert und durch ein Bündel an rechtlichen, personellen, technischen und architektonischen Maßnahmen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden.
- Verhältnis von sozialer Kontrolle und Konsum psychoaktiver Substanzen
- Die Rolle der "unternehmerischen Stadt" im Neoliberalismus
- Identifikation expliziter und impliziter Kontroll- und Ausschlussmechanismen
- Folgen von Exklusion und Kriminalisierung für die Betroffenen
Auszug aus dem Buch
2.3 „Smile, you’re on CCTV“: Technische Mechanismen
Die wohl am intensivsten angewendete Methode technischer sozialer Kontrolle stellt der Einsatz von Videoüberwachungssystemen dar. Auch wenn diese Technik bisher vor allem in Großbritannien flächendeckend eingesetzt wird, fällt in Deutschland inzwischen – vor dem Hintergrund der rasanten Weiterentwicklung technischer Möglichkeiten – ein ähnlicher Trend auf (vgl. Wehrheim 2012: 84 f.). Dabei ist zwischen zwei Arten der Videoüberwachung zu unterscheiden: der offenen Überwachung, bei der die Videokameras sichtbar im öffentlich Raum platziert sind, und der verdeckten, bei der Kameras schwer als solche zu identifizieren sind: „Während die offene Variante auf potentielle Deliquent/inn/en abschreckend wirken und sie am begehen von Normverstößen hindern soll, […] geht es bei der verdeckten Videoüberwachung darum, begangene Straftaten im Nachhinein aufzuklären“ (Belina 2011: 214 f., Auslassung von L.W.).
Im Hinblick auf die soziale Kontrolle von Rauschmittelkonsument_innen ist vor allem der erste Typ bedeutend. Anhand der empirischen Daten (vgl. ebd.: 217) ist festzustellen, dass die Erfolge bei der durch Videosysteme gestützten Strafverfolgung relativ gering sind. Dementsprechend wird von Akteur_innen formeller sozialer Kontrolle heute besonders die präventive Wirkung betont: „Wer einen Mord begehen, einen PKW aufbrechen oder Heroin konsumieren will, wird das dann zwar vermutlich nicht mehr an den videoüberwachten Plätzen tun, aber deshalb noch lange nicht von seinem Plan ablassen, sondern ihn eben anderswo in die Tat umsetzen“ (Belina 2011: 218). Und in diesem anderswo liegt die Intention. Durch die (vor allem sichtbare) Videoüberwachung von städtischen Räumen, die oft und regelmäßig von Rauschmittelkonsument_innen frequentiert werden, soll ein permanentes Überwachungsszenario konstruiert werden, dass die Konsument_innen abschreckt und sie dazu treibt, sich aus dem sichtbaren Raum zurückzuziehen: „Das optische Verschwinden von Verhaltensweisen und von ‚störenden‘ Personen und, in Bezug auf offene Drogenszenen, eine Verlagerung ist das intendierte, anwendungsbezogene Ziel des CCTV-Einsatzes, (kriminal-)politische Handlungsfähigkeit zu suggerieren das diskursive“ (Wehrheim 2012: 106).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Soziale Kontrolle, Psychoaktive Substanzen und städtischer Raum: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen des Labeling-Ansatzes sowie das Konzept der neoliberalen „unternehmerischen Stadt“ dar, um das Verhältnis von Raumproduktion und sozialer Kontrolle zu analysieren.
2. Soziale Kontrollmechanismen im städtischen Raum: Hier werden vier Dimensionen der Kontrolle – rechtliche, personelle, technische und architektonische – identifiziert, die zur Verdrängung rauschmittelkonsumierender Personen aus dem öffentlichen Raum eingesetzt werden.
3. Konsequenzen für rauschmittelkonsumierende Menschen: Dieses Kapitel beleuchtet die Auswirkungen der Kontrollmechanismen, insbesondere die soziale Segregation, Exklusion sowie die strafrechtliche Kriminalisierung der Betroffenen.
4. Schlussbetrachtung eines oktroyierten Herrschaftsverhältnisses: Das Fazit reflektiert die Ergebnisse kritisch und postuliert unter Bezugnahme auf Menschenrechte und Freiheit ein „Recht auf Rausch“, während es die Kontrollpraxis als Ausdruck kapitalistischer Spaltung entlarvt.
Schlüsselwörter
Soziale Kontrolle, Rauschmittelkonsum, neoliberale Stadt, unternehmerische Stadt, Devianz, Labeling Approach, Raumfetischismus, Exklusion, Segregation, Kriminalisierung, Harm Reduction, öffentliche Ordnung, Stadtsoziologie, Vertreibungspolitik, Recht auf Rausch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, in heutigen städtischen Räumen durch verschiedene Mechanismen kontrolliert, stigmatisiert und aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit verdrängt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Soziologie abweichenden Verhaltens, die kritische Stadtforschung, neoliberale Ordnungspolitik und die Ausgrenzung marginalisierter Gruppen.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, welche spezifischen sozialen Kontrollmechanismen sich gegenüber Konsumenten psychoaktiver Substanzen anwenden lassen, auf welchen ideologischen Raumvorstellungen diese basieren und welche Folgen dies für die Betroffenen hat.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine theoretisch orientierte Hausarbeit, die den "Labeling Approach" sowie Konzepte der kritischen Geografie und Stadtsoziologie nutzt, um aktuelle ordnungspolitische Praktiken zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden vier Kontrollkategorien detailliert analysiert: Rechtliche Maßnahmen (z.B. Gefahrengebiete), personelle Ansätze (z.B. Platzverweise), technische Lösungen (z.B. Videoüberwachung) und architektonische Gestaltung (z.B. "Defensible Spaces").
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die "unternehmerische Stadt", das "Labeling" von Devianz, "Raumfetischismus" und der Prozess der "Unsichtbarmachung" von Randgruppen.
Wie spielt das Konzept der "unternehmerischen Stadt" eine Rolle bei der Verdrängung?
Die unternehmerische Stadt strebt nach einem ästhetisierten, konsumorientierten Image; Rauschmittelkonsumenten stören dieses Bild und werden daher gezielt durch ordnungspolitische Instrumente aus attraktiven Innenstadtbereichen vertrieben.
Warum ist die "Soziale Arbeit" laut Autor in diesem Kontext kritisch zu hinterfragen?
Der Autor kritisiert, dass sich die Soziale Arbeit zunehmend ordnungspolitischen Zielen unterordnet und durch ihre "Sozialraumorientierung" ungewollt dazu beiträgt, Konsumenten als Problem zu definieren und sie in bestimmte Zonen zu konzentrieren.
Was bedeutet das im Text erwähnte "Recht auf Rausch"?
Dies ist eine ethisch-politische Forderung des Autors, die die Prohibition psychoaktiver Substanzen als ungerechtfertigten Eingriff in die individuelle Freiheit und körperliche Selbstbestimmung ablehnt.
- Citation du texte
- Lukas Wessel (Auteur), 2019, Soziale Kontrollmechanismen im Hinblick auf drogengebrauchende Menschen in städtischen Räumen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1217601