Die 21. Novelle des Heptameron


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die 21. Novelle des Heptameron
2.1. Die 21. Novelle – Inhaltsangabe
2.2. Einordnung der Novelle in den Erzählzusammenhang

3. Analyse derHauptfiguren
3.1.Rolandine – la femme honnête
3.2.Der Edelmann
3.3.Rolandines Vater und die Königin
3.4.Das Dienstpersonal

4. Interpretation
4.1.Analyse der Erzählsituation – die Devisants
4.2.Parlamente als Erzählerin der 21. Novelle
4.3.Die Abschlussdiskussion
4.4.Reale Hintergründe

5. Schlusswort

6. Bibliographie

1. EINLEITUNG

„Das Heptaméron ist eine psychologische Studie des Themas ‚Liebe und Ehe’ in all seinen Variationen“1

und wahrscheinlich liegt auch genau darin der Reiz, den diese Novellensammlung auf seine Leser ausübt. Über die Jahrhunderte fand es, seit seinem Erscheinen, Mitte des 16. Jahrhunderts, immer wieder Liebhaber, sei es wegen der Rahmenhandlung2, der freizügigen Themen3 aufgrund deren es lange verpönt wurde, oder aber durch die Nähe, zumindest äußerlich, zu Boccaccios Decamerone, beschreibt es doch, wie sich zehn Reisende, die vor einem Unwetter geflüchtet sind, sieben Tage mit dem Erzählen von Novellen die Zeit vertreiben und so insgesamt nicht ganz die ursprünglich angestrebten hundert Novellen berichten4.

Diese Hausarbeit wird sich nun fast ausschließlich mit der 21. Novelle befassen, die am dritten Tag des Heptamerons erzählt wird. Neben einer Interpretation der Novelle gemäß den Richtlinien, die im Seminar vorgegeben worden sind und dem Erörtern möglicher realer Hintergründe, soll das Hauptaugenmerk vor allem auf der erzählenden Person, Parlamente, und ihrer Interaktion mit den anderen Devisants liegen.

2.1. Die 21. Novelle – Inhaltsangabe

Die 21. Novelle berichtet von Rolandine, einer sehr tugendhaften und klugen Frau, die am französischen Königshof lebt. Über die Jahre haben mehrere potentielle Ehemänner um ihre Hand angehalten, jedoch weist der Vater viele ab und andere sind nur auf die Gunst der Königin bedacht und ziehen sich deswegen zurück.

In ihrer Einsamkeit begegnet ihr ein armer, unehelich geborener Edelmann, dem sie sich anvertraut und sie gehen ein, auf rationalen Überlegungen basierendes Verhältnis ein5. Aufgrund seiner finanziellen Situation kommt er als potentieller Ehekandidat für Rolandine natürlich nicht in Frage, deshalb verbietet die Königin den beiden den Umgang. Geschickt gelingt es beiden, den Kontakt aufrecht zu halten und sich sogar heimlich zu verloben. Als der Edelmann jedoch merkt, dass Rolandine für ihn immer unerreichbarer wird, wendet er sich einer wohlhabenden, deutschen Dame zu. Rolandine dagegen bleibt ihm unbeirrbar treu und verfällt seinetwegen sogar in eine tiefe Depression, aus der sie erst vollkommen erlöst wird, als ihr der Tod des untreuen Edelmanns mitgeteilt wird. Die Novelle endet mit der Einsicht ihres Vaters, der für sie einen standesgemäßen Ehemann findet, mit dem Rolandine zwei gesunde Söhne hat und ein zufriedenes Leben führen kann.

2.2. Einordnung der Novelle in den Erzählzusammenhang

Die 21. Novelle ist die erste Geschichte, die am dritten Tag des Heptameron erzählt wird. Berichtet wird sie von Parlamente, die ihre Stimme von Saffredent erhalten hatte, nachdem dieser am Vortag mit der 20. Novelle dargestellt hatte, wie eine augenscheinlich ehrbare adlige Witwe einen Edelmann aus Gründen der Tugend abgelehnt hat und ihn dann am Ende mit einem Stallknecht betrügt. Im Gegensatz dazu sollen nun die Novellen des dritten Tages davon handeln, wie Frauen in ihrer Liebe nur Ehrbares gesucht haben bzw. von boshaften und heuchlerischen Mönchen.6

Im vorangestellten Prolog entschuldigt sich Saffredent noch einmal für die ‚bittere Wahrheit’, die er am Vortag über eine Frau erzählen musste und fordert daher

Parlamente auf, diese mit ihrer nächsten Geschichte vergessen zu machen. Ihre Novelle, die 21., handelt dann also von einer Frau, die, wie im ‘Tagesmotto’ angekündigt, in ihrer Liebe nur Ehrbares gesucht hat. In der anschließenden Diskussion gibt Parlamente wiederum ihre Stimme Geburon, der seinerseits nun das zweite angekündigte Thema anschneidet und in der 22. Novelle über einen bösartigen und heuchlerischen Benediktinermönch berichtet, der sich an den ihm unterstellten Nonnen vergeht.

3. ANALYSE DER HAUPTFIGUREN

3.1. Rolandine – la femme honnête

In der Novelle wird Rolandine, die Hauptfigur, direkt am Anfang als sehr kluge und tugendhafte Frau vorgestellt, die jedoch nicht besonders schön ist. Wie auch schon in vorhergehenden Novellen, so wird auch hier die Schönheit bzw. deren Absence wieder gesondert hervorgehoben. Man könnte vermuten, dass dies die Stimme Marguerite de Navarres ist, die uns so darauf hinweisen will, dass es auch noch andere Tugenden neben der Schönheit gibt, die es gilt hervorzuheben. Rolandine lebt am Hofe der Königin, steht jedoch in der Gunst der Königin an unterer Stelle. Zum Zeitpunkt der Novellenerzählung ist sie bereits dreißig Jahre alt, jedoch immer noch unverheiratet, was der damaligen gesellschaftlichen Norm eindeutig widerspricht. Als Gründe für ihr Ledigsein werden einmal die Entscheidungen ihres Vaters und zum anderen ihre schlechte Stellung bei der Königin angegeben, aufgrund deren sich kein Bewerber auftut. Rolandine ist sich ihrer unschicklichen Lage durchaus bewusst und zieht sich bewusst zurück und lebt „fromm wie eine Heilige“:

„Mit der Zeit grämte sie sich darüber, nicht so sehr weil sie gerne hätte heiraten wollen, als vielmehr weil sie sich schämte, nicht verehelicht zu sein; sie hielt völlige Einkehr in Gott und ließ die weltlichen Freuden und den eitlen Tand des Hofes.“7

In dieser unglücklichen Situation begegnet sie dem Edelmann, in dem sie einen Leidensgenossen erkennt und mit ihm eine tiefe und dauerhafte Freundschaft eingeht. Da sie nun öfter mit ihm zusammen gesehen wird, erregt dies natürlich Aufsehen am Hofe, was Rolandine verständlicherweise zweifeln lässt: Hatte man sie vorher für ihre Sittenstrenge getadelt, so erhielt sie nun Schelte für ihre Weltliebe. Der nächste Fehltritt ihres Umfeldes (in diesem Fall der Erzieherin) verleitet Rolandine zum nächsten Schritt, die ihnen auferlegte Abstinenz lässt sie nämlich erst wirklich erkennen, was sie für einander zu empfinden scheinen. Während jedoch Rolandine versucht sich durch religiöse Art Erleichterung zu verschaffen, durch Wallfahrten, Kasteiung oder Gebete, handelt der Edelmann bereits praktisch und akzeptiert seine Gefühle.

Es ist anzumerken, dass Rolandine nie aus eigenem Antrieb heraus den nächsten Schritt in dieser ‚Beziehung’ geht. Ihr weiteres Vorgehen wird immer durch ein Verbot ihrer Umwelt ausgelöst, was sie letztendlich sogar dazu treibt, sich mit dem Edelmann heimlich zu verloben und sich heimlich, gegen den ausdrücklichen Befehl der Königin, zu treffen. Sie ist quasi zur Lüge und zur Arglist gezwungen, wenn sie ihre Liebe aufrechterhalten will, wie es auch im Heptameron beschrieben steht:

„Die redliche Liebe aber, die kein Verbot kennt, war findiger, eine Gelegenheit zu schaffen, dass sie miteinander sprechen konnten, als ihre Feinde flink waren, sie zu belauern.“8

Sie verfügt am Hofe der Königin über keinerlei Privatleben mehr, da der gesamte königliche Hof an ihrem Leben Anteil nimmt und jeden ihrer Schritte kritisch überwacht und beurteilt.

Diesem Hin- und Her aus Aktion und Reaktion, oder Verbot und Verstoß, folgt schließlich ein offener Gefühlsausbruch Rolandines vor der Königin, in dem sie ihr detailliert ihre Beweggründe für die Beziehung darlegt und ihr furchtlos und sich keiner Schuld bewusst die Stirn bietet. Dieses Gefühl der totalen Furchtlosigkeit bezieht sie aus ihrem reinen Gewissen vor Gott. Sie weiß, dass sie keine Sünde begangen hat, denn sie hat die heimliche Ehe nie körperlich vollzogen. In dieser Szene stellt Rolandine die Königin vor ihrem Hof bloß und untergräbt ihre Autorität. Menschliches Recht, d.h. das der Königin, kommt nach dem göttlichen.9 Für Axel Schönberger stellt diese Szene, „in der Rolandine heldenhaft ihre Liebe gegenüber menschlicher Wilkür [sic] und der Öffentlichkeit des Hofes verteidigt“10, die Schlüsselszene der 21. Novelle dar, die grundsätzlich eigentlich nur von einer Frau berichten soll, die zu ihrer vollkommenen Liebe steht. Wie der Autor auch vermerkt, gerät der Edelmann anschließend schnell in Vergessenheit, und die Novelle ist vor allem darauf bemüht, über das weitere Befinden Rolandines zu berichten. Es ist, angesichts dieser großen vollkommenen Liebe, schlichtweg einfach nicht mehr notwendig, die Perspektive des Mannes zu schildern und so verschiebt sich die Aufmerksamkeit. Rolandine wird von ihrem Vater schließlich in einem Schloss eingesperrt, doch das alles erträgt sie, denn „sie wollte lieber in Kerkerbanden schmachten und dafür die Bande der Ehe weitertragen, als alle Freiheit der Welt ohne ihren Gatten zu besitzen.“11

Sie bleibt ihren Prinzipien treu und hält an ihrer nun mittlerweile schon aussichtslos erscheinenden Liebe fest, selbst als sie erfährt, dass der Edelmann sie hintergeht und ihr jeder dazu rät, ihn aufzugeben. Dies mag aus heutiger Sicht vielleicht unsinnig erscheinen und doch dient es dazu, Parlamentes Konzept der ‚vollkommenen Liebe’ darzulegen. Vollkommene Liebe ist kein

„unabänderliches Faktum, sondern in diesem Falle eine bewusste Entscheidung, einen anderen Menschen, […], aus eigenem Pflichtgefühl heraus einen unbestimmten Zeitraum lang vollständig zu lieben“12 und aus diesem Zustand wird Rolandine nur durch die göttliche Allmacht, „die vollkommenes Erbarmen und wahre Liebe ist“13, gerettet, die nämlich den Bastard sterben lässt. Überhaupt ist der weitere Ablauf ihres Lebens gottbestimmt: Ihr Vater verzeiht ihr und verheiratet sie mit einem standesgemäßen Edelmann, ihr geiziger Bruder stirbt ebenfalls und lässt Rolandine somit zur Alleinerbin des väterlichen Vermögens werden und sie leben glücklich und im Reinen mit Gott. Rolandine ist demnach die personifizierte Tugend, die durch ihren standhaften Willen und ihr unabänderliches Vertrauen in Gott die vollkommene Liebe findet und nur wer auf Erden ein Geschöpf wahrhaft geliebt hat, kann auch Gott vollkommen lieben14.

[...]


1 Peter Amelung in Margarete von Navarras: Heptameron. 1. Aufl. 1979. München: DTV, 1999. S. 779 (Nachwort)

2 Die Rahmenhandlung um die 10 Reisenden, die gemeinsam stranden und miteinander agieren, zog vor allem im 17. Jahrhundert die Leser an.

3 vor allem Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts

4 Das Heptameron enthält insgesamt 72 Novellen. Marguerite de Navarre verstarb, bevor sie ihr Werk vollenden konnte, d.h. bevor die 100 angestrebten Novellen geschrieben waren.

5 Rational deshalb, weil es nicht auf emotionalen Regungen basiert, sondern vielmehr dadurch begründet wird, dass sie beide ein ähnliches Schicksal teilen und sich gegenseitig Kraft geben können.

6 Margarete von Navarra. Das Heptameron. 1. Aufl. 1979. München : DTV, 1999. S. 259

7 Ibid. S. 265

8 Ibid. S. 271

9 Schönberger, Axel. Die Darstellung von Lust und Liebe im ‘Heptaméron’ der Königin Margarete von Navarra. Frankfurt am Main: DEE, 1993. S. 210f.

11 Margarete von Navarra. S. 283

12 Schönberger, Axel. S. 215

13 Margarete von Navarra. S. 285

14 Ibid. S. 248 (Parlamente in der 19. Novelle)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die 21. Novelle des Heptameron
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Romanistik)
Veranstaltung
"Marguerite de Navarre, L’Heptaméron"
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V121824
ISBN (eBook)
9783640265497
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marguerite de Navarre, L'Heptaméron, Französische Literatur, 16. Jahrhundert, Novellensammlung
Arbeit zitieren
Julia Paternoster (Autor), 2006, Die 21. Novelle des Heptameron, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121824

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