Jeder Mensch braucht ein Gefühl von Sicherheit, um das tägliche Leben zu bewältigen. Dabei kann dieses Sicherheitsempfinden jedoch immer nur subjektiv sein. Täglich können Naturkatastrophen über jede Gesellschaft hinein brechen. Die Technik, auf die die westlichen Zivilisationen einen Großteil ihres Sicherheitsgefühls aufbauen, kann von einer Sekunde zur anderen versagen und Verheerung und Tod bringen. Absolute Sicherheit, die alle Risiken ausschließt, gibt es nicht, nirgendwo, für niemanden.
Es gibt jedoch Lebensstile, in denen das Management der vorhandenen, naturgegeben Risiken schwieriger erscheint als in anderen. Dazu gehören die Jäger/Sammler- Gesellschaften, deren Mitglieder sich scheinbar völlig von ihrer Umwelt abhängig machen. Bleiben saisonale Regenfälle aus, verändert sich der Wildwechsel oder das Klima: Der menschliche Einfluss auf diese natürlichen Gegebenheiten ist gering. Wie können Menschen einer Jäger/Sammler- Gesellschaft sich in dieser Umgebung sicher fühlen?
Genau wie in allen anderen Gesellschaften auch ergreifen diese Menschen Vorsichtsmaßnahmen, die im Falle einer Katastrophe das Schlimmste verhindern sollen. Die vorliegende Arbeit untersucht ein Beispiel eines solchen Sicherungssystems in einer Jäger/Sammler- Gesellschaft, den San der Kalahari- Wüste. Sie leben von und mit der Natur und haben einen Weg gefunden, das Risiko ihres Lebensstiles auf viele Schultern zu verteilen. Das hxaro genannte Ringtauschsystem der San kreiert eine soziale Sicherheit, die sich aus den Beziehungen einzelner untereinander zusammensetzt. Wie dies funktioniert und welche Mechanismen hxaro von anderen Austauschmechanismen in der Gesellschaft der San unterscheiden, soll in dieser Arbeit betrachtet werden.
Anschließend wird die Interpretation von James Woodburn über der Bedeutung von Austauschbeziehungen bei den San präsentiert: Das Teilen von Gegenständen und Lebensmitteln unter den Mitgliedern einer Gesellschaft schafft Sicherheit über die Egalität, die es schafft. Die Beziehungen sind in diesem Streben nach Gleichheit nur Beiwerk.
Ob und wie sich diese beiden Theorien auf die Gesellschaft der San anwenden lassen und ob sich vielleicht sogar ein kombinierter Ansatz finden lässt, das soll im abschließenden Fazit diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ethnographie
3. Risiko und Bewältigungsstrategien in Jäger/Sammler Gesellschaften
4. Austauschsysteme der San
4.1 Teilen von Nahrung
4.2 Handel
4.3 hxaro
4.3.1 hxaro- Regeln
4.3.2 hxaro- Tauschpartner
4.3.3 Tauschobjekte
4.3.4 hxaro- Ketten
4.3.5 Interpretation - hxaro als soziales Sicherungssystem
4.3.6 Einfluss von hxaro auf die Wirtschaft der San
4.3.7 hxaro in der Gegenwart
5. Sicherheit durch Gleichheit
5.1 Teilen ist keine Form von Austausch
5.2 Teilen schafft Gleichheit
5.3 Funktion von Gleichheit
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, wie das als hxaro bekannte Ringtauschsystem der San in der Kalahari zur sozialen Absicherung gegen Lebensrisiken beiträgt und analysiert diesen Prozess im Spannungsfeld zwischen reziprokem Austausch und egalitärem Teilen.
- Analyse von Risikostrategien bei Jäger- und Sammlergesellschaften
- Funktionsweise und Regeln des hxaro-Ringtauschs
- Vergleichende Betrachtung der Ansätze von Polly Wiessner und James Woodburn
- Einfluss des Austauschs auf die egalitäre Sozialstruktur der San
- Wandel der Austauschsysteme unter modernen Bedingungen
Auszug aus dem Buch
4.3.2 hxaro- Tauschpartner
Die Wahl eines hxaro- Partners ist nicht willkürlich. Nur Blutsverwandte kommen in Frage. Etwa die Hälfte aller hxaro- Partner sind bei den meisten San entweder ihre Eltern, Geschwister oder Kinder. Die Verwandtschaft mit den restlichen Partnern ist zwar nicht mehr unbedingt nachvollziehbar, jedoch hat sich die Erinnerung an ihre Verwandtschaft erhalten. Gemeinhin werden angeheiratete Verwandte nicht als hxaro- Partner ausgewählt. Es besteht die Befürchtung, dass bei Streitigkeiten über hxaro die beiden Familien ein Kampf ausbrechen könnte. Sind jedoch nur Blutsverwandte hxaro- Partner und bricht ein Streit aus, würden sich alle Familienmitglieder zusammensetzen und nach einer Lösung suchen.
Trotzdem kann ein hxaro- Objekt von einer Familie in die des Ehepartners übergeht. Dann jedoch wird ein Zwischenschritt eingeschoben: Ego schenkt das Objekt dem Ehepartner, der es wiederum als hxaro- Geschenk an seine blutsverwandten hxaro- Partner weitergibt. Dadurch werden beiden Sphären von hxaro getrennt gehalten und sowohl die Ehe als auch die Beziehung des Paares zu den beiden Familien vor Konflikt bewahrt. (Vgl. Wiessner 1980: 66)
So strikt diese Regeln auch scheinen: Wiessner ist der Meinung, dass, wenn sich jemand unbedingt eine hxaro- Beziehung zu einer bestimmten, nicht mit ihr verwandten Person wünscht, diese auf Umwegen realisiert werden könnte. Sie berichtet von einem Erlebnis während ihrer Feldforschung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, wie Gesellschaften der Jäger und Sammler Risiken managen, und stellt die zentralen Forschungsansätze über das hxaro-System vor.
2. Ethnographie: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den Lebensraum, die Geschichte und die soziale Organisation der San in der Kalahari.
3. Risiko und Bewältigungsstrategien in Jäger/Sammler Gesellschaften: Der Abschnitt analysiert, welche spezifischen Risiken Jäger und Sammler bedrohen und warum die Streuung dieser Risiken über soziale Netzwerke die effektivste Schutzstrategie darstellt.
4. Austauschsysteme der San: Das Kapitel bietet eine detaillierte Analyse der verschiedenen Austauschmechanismen bei den San, wobei ein Schwerpunkt auf dem hxaro-System und dessen Regeln, Objekten, sozialen Ketten sowie dem Einfluss auf die Wirtschaft liegt.
5. Sicherheit durch Gleichheit: Hier wird der theoretische Ansatz von James Woodburn diskutiert, der das Teilen bei den San nicht als Austausch, sondern als Mittel zur Erhaltung sozialer Gleichheit interpretiert.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Vereinbarkeit der Ansätze von Wiessner und Woodburn als sich ergänzende Strategien zur sozialen Sicherung.
Schlüsselwörter
San, Kalahari, hxaro, Ringtausch, Jäger und Sammler, Risikominimierung, soziale Sicherung, Reziprozität, demand-sharing, Egalität, soziale Netzwerke, Tauschsysteme, Wirtschaftsethnologie, soziale Gleichheit, Ethnographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Strategien der San in der Kalahari zur Bewältigung existentieller Risiken durch soziale Austausch- und Teilmechanismen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Jäger-Sammler-Ökonomie, das hxaro-Ringtauschsystem, Konzepte der sozialen Sicherheit und die Dynamik von Eigentum und Teilen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Nutzen und die Funktion des hxaro-Systems zu verstehen und zu beleuchten, wie es Sicherheit durch soziale Bindungen schafft, im Vergleich zu egalitären Teilungspraktiken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine ethnologische Literaturarbeit, die auf empirischen Feldstudien namhafter Ethnologen wie Polly Wiessner und James Woodburn basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die ethnographische Einordnung, die Analyse von Risikostrategien, eine detaillierte Betrachtung von hxaro und die theoretische Auseinandersetzung mit dem sogenannten demand-sharing.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind San, hxaro, Risikominimierung, demand-sharing, Reziprozität und soziale Egalität.
Wie unterscheidet sich hxaro vom Teilen von Nahrung?
hxaro ist ein reziprokes Tauschsystem für Gegenstände zur Pflege langlebiger Beziehungen, während das Teilen von Nahrung (insbesondere von Großwild) eher eine kurzfristige Verpflichtung zur Sicherung der sozialen Gleichheit darstellt.
Welche Rolle spielt das Eigentum in der Gesellschaft der San?
Eigentum ist bei den San nur temporär; durch das demand-sharing und hxaro wird ein längeres Festhalten an Gütern verhindert, was die materielle Gleichheit innerhalb der Gemeinschaft aufrechterhält.
Wie hat sich das hxaro-System in der Gegenwart verändert?
Mit der Sesshaftwerdung und der Gründung von Städten wie Tsumkwe hat sich die Bedeutung von hxaro gewandelt; es dient heute weniger der reinen Risikoabsicherung, sondern vermehrt dem Ausgleich sozialer Spannungen.
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- Rebecca Müller (Autor), 2008, Wie Geschenke Sicherheit geben können, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121828