In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit den Wechselwirkungen zwischen theoretischer Kunstreflexion und praktischer Kunstausübung am Beispiel von Lynda Benglis
„Polyurethanskulpturen“ 1 und einigen Vorformen dieser auseinandersetzen. Ausgangsthese dieser Arbeit ist, dass sich Bedeutung in der gegenwärtigen Kunst in erster Linie über einen reflexiven, theoretischen Zugang erschließen lässt, weswegen ein naives Betrachten von Kunst heute - solange es an dem Erkennen objektiver Bedeutung orientiert ist - scheitern muss, da solche Prozesse einer Bedeutungskonstruktion, die auf eine Eindeutigkeit - ferner einen sinnfälligen Appell an eine außerästhetische Wirklichkeit des Kunstwerks - der Bedeutung abzielen, nicht länger aktuell sind. Schon der Versuch einer unfassenden Einordnung der Kunst nach 1960, die oft mit dem Begriff postmodern etikettiert wird, zeigt die Schwierigkeiten auf, die der Umgang mit „postmoderner Kunst“ bereitet. Beschreibt der Begriff „postmodern“ doch in erster Linie eine geistesgeschichtliche Strömung soziologischer und philosophischer Provenienz, die erst sekundär über die Semiotik zum Mittel der Kunstreflexion geworden ist. Um Missverständnisse auszuräumen: Es wird hier kein Zweifel an der Charakterisierung einer Kunst als postmodern geäußert; im Gegenteil, eine solche Charakterisierung wird hier ausdrücklich bejaht: einerseits, weil nicht nur die postmoderne Geisteshaltung, sondern auch die Kunst nach 1960 im Allgemeinen wie auch das Werk Benglis’ im Speziellen das Festhalten an Eindeutigkeiten negiert; andererseits, weil eine solche Zuschreibung die Verschränkung theoretischer Perspektiven mit Kunstwerken und deren Wechselwirkungen vorführt.
Während das gewohnte Bild einer Kunstepoche neben einer geistes- und/oder gesellschaftsgeschichtlichen Strömung (es gibt keine barocke Philosophie, wohl aber eine Philosophie im Zeitalter des Barock) bis zu den zahlreichen Ismen der klassischen Avantgarden bestand hatte, die ihrerseits meist mit eigenem theoretischen Manifest aufwarteten, zeigt sich für die darauf folgende Kunst häufig eine Tendenz zur Verbundenheit von allgemein theoretisch philosophischen Strömungen und den eigentlichen Kunstobjekten
wie es eben in der Phrase von der postmodernen Kunst 2 zum Ausdruck kommt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Neue Kunst und neues Denken – Was ist „Postmoderne Kunst“?
2.1 Zwischen Beliebigkeit und Pluralität – Postmoderne oder postmodern
2.2 Zuschreibung oder Gehalt – Was ist postmoderne Kunst?
3. Zwischen Skulptur und Malerei – Lynda Benglis
3.1 Reflexionen des Materials – Farbe und Polyurethan
3.2 Erschüttung der Form als Erschütterung der Form
3.3 Sex-/Genderaspekte in Benglis Kunst
3.4 Kunstform Frau – Benglis und Feminismus
4. Theoretischer Zugang: Dekonstruktion nach Judith Butler
4.1 Die Macht des Diskurses – Foucaults Einfluss auf Butler
4.2 Dekonstruktion des Geschlechts nach Judith Butler
4.3 Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Benglis und Butler
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen theoretischer Kunstreflexion und künstlerischer Praxis am Beispiel der Werke von Lynda Benglis. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern sich durch einen theoretischen, auf Judith Butler basierenden Zugang ein Verständnis für die Bedeutungskonstruktion in der zeitgenössischen Kunst erschließen lässt, welche sich der klassischen Kategorisierung als Skulptur oder Malerei entzieht.
- Postmoderne Kunst und ihre Definition in der zeitgenössischen Theorie
- Die materielle und ästhetische Praxis im Werk von Lynda Benglis
- Die Dekonstruktion von Geschlechtsidentitäten nach Judith Butler
- Wechselwirkungen zwischen Körperlichkeit, Materialität und Diskurs
Auszug aus dem Buch
3.1 Reflexionen des Materials – Farbe und Polyurethan
Wie bereits erwähnt, handelt es sich im Horizont dieser Hausarbeit vor allem um die Materialien Polyurethan und pigmentiertes Latex. Beide finden sich in den Arbeiten Benglis’ als ausgehärtete Flüssigkeiten wieder. Dem pigmentierten Latex kommt hier ein erster Transformationsakt zu, der in seiner Farbgebung begründet liegt. Tatsächlich handelt es sich bei Werken dieser Art, beispielhaft sei hier Bounce (1969, pigmentiertes Latex 4,57 x 4,29 m, bzw. 180 x 169 in, Sammlung Nancy und Georges Rosenfeld) genannt, zwar um Latex, welches durch seine Pigmentierung aber symbolisch zur Farbe selbst wird. Auffällig hieran ist, dass diese Farbe nun scheinbar ungesteuert über den Boden wabert und in seiner panchromatischen Erstarrung nichts anderes zu repräsentieren scheint als sich selbst als Farbe.
Farbe wird hier also quasi autonomisiert, sie steht nicht länger im Dienste einer Kolloration oder einer gestalterischen Funktion und ist dabei – weil sprichwörtlich aus dem Rahmen gefallen – nicht einmal mehr auf ein Trägermedium wie dem Bild verwiesen. Es wäre an dieser Stelle natürlich einzuwenden, dass das Latex zum Trägermedium geworden ist und das Bild ersetzt hätte, dem entgegen steht allerdings die Tatsache, dass auch traditionelle Malerfarben immer auf Trägerstoffen beruhen, Farbe ist von diesen nicht zu trennen und trägt wesentlich zu ihrer optischen Wirkung bei – es reicht sich den Unterschied zwischen einem Aquarell und einem Ölgemälde vor Augen zu führen. Es ist also – meiner Ansicht nach – gerechtfertigt von der Farbe selbst zu sprechen. Als solches stellen diese Werke Reflexionen über die Farbe dar, die hier nicht zum bloßen Gestaltungsmittel oder zu einem Bedeutungsträger unter vielen gerinnt, sondern auf nichts anderes verweist als auf sich selbst. Frei nach Marshall McLuhan: The medium is the message. Es wären hier noch weitere Aspekte hinzuzuziehen wie etwa der Entstehungsprozess solcher Arbeiten, die allerdings in den folgenden Kapiteln aufgegriffen werden und deswegen hier nicht verhandelt werden sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt die Ausgangsthese dar, dass Bedeutung in der Kunst nach 1960 primär reflexiv-theoretisch erschlossen werden muss und stellt das Werk von Lynda Benglis in diesen Kontext.
2. Neue Kunst und neues Denken – Was ist „Postmoderne Kunst“?: Dieses Kapitel nähert sich dem Begriff der Postmoderne als eine Verfassung radikaler Pluralität und diskutiert dessen Anwendung auf die bildende Kunst.
3. Zwischen Skulptur und Malerei – Lynda Benglis: Der Fokus liegt auf Benglis' Arbeiten in Polyurethan und Latex, die durch ihre Materialität traditionelle Gattungsgrenzen hinterfragen und auflösen.
4. Theoretischer Zugang: Dekonstruktion nach Judith Butler: Das Kapitel führt Judith Butlers dekonstruktivistische Theorie ein, um die Verbindungen zwischen sprachlich-diskursiver Performativität von Geschlecht und der künstlerischen Formgebung bei Benglis zu untersuchen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Arbeit eine theoretische Bedeutungskonstruktion anbietet, ohne dabei einen Anspruch auf Absolutheit zu erheben, und würdigt die formale Volatilität von Benglis' Werk.
Schlüsselwörter
Lynda Benglis, Postmoderne Kunst, Judith Butler, Dekonstruktion, Materialität, Polyurethan, Latex, Gender Studies, Diskurs, Performativität, Skulptur, Malerei, Körper, Identität, Pluralität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen theoretischer Kunstreflexion und der künstlerischen Praxis von Lynda Benglis, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Dekonstruktion von Form und Bedeutung liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Definition und Anwendung des Begriffs Postmoderne in der Kunst, das postminimalistische Werk von Lynda Benglis sowie die Anwendung von Judith Butlers Dekonstruktionstheorie auf ästhetische Prozesse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein theoretischer, von Judith Butler inspirierter Zugang helfen kann, die Bedeutungskonstruktion in Benglis' Arbeiten zu erfassen, die sich einer einfachen Einordnung entziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen diskurstheoretischen und dekonstruktivistischen Ansatz, um das Werk der Künstlerin im Kontext der zeitgenössischen Theoriebildung zu kontextualisieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das Werk von Lynda Benglis und die Herausforderungen bei dessen Klassifizierung sowie die geschlechtsspezifischen Implikationen ihrer Praxis analysiert, gefolgt von einer detaillierten Erörterung von Butlers Theorie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Postmoderne, Materialität, Dekonstruktion, Performativität und Geschlechtsidentität charakterisiert.
Wie korrespondieren Benglis' Arbeiten mit Judith Butlers Theorie?
Obwohl die Theorie zeitlich nach den besprochenen Werken entstand, erkennt der Autor Parallelen: Sowohl in Benglis' künstlerischer „Nicht-Form“ als auch in Butlers Beschreibung des Geschlechts als performative Konstruktion steht die Unterwanderung stabiler Identitäten im Mittelpunkt.
Was ist die Bedeutung der berüchtigten Artforum-Anzeige von Lynda Benglis?
Die Anzeige wird als ein entscheidendes Beispiel für künstlerisches „Queering“ interpretiert, da Benglis sich durch die Kombination weiblicher Körpermerkmale mit männlichen Attributen geschlechtlich in einen undefinierten, dekonstruierten Bereich begibt.
- Citation du texte
- Magister Artium Philipp Blum (Auteur), 2007, Analogien zwischen Geschlecht und Skulptur bei Lynda Benglis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122687