Speichermedien in den Etappen der Medienevolution


Seminararbeit, 2005

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Buch vs. Notebook. Eine Einleitung

2. Das kulturelle Gedächtnis

3. Wandel der Speichermedien
3.1 Oralität
3.2 Literalität
3.2.1 Druck
3.2.2 Die Gutenberg-Galaxis
3.3 Elektronik
3.4 Informationstod im Informationszeitalter
3.5 Mediengeschichte als zyklische Wiederholung

Schluss

Anhang

1. Buch vs. Notebook. Eine Einleitung

„Was Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gerade in der Hand halten, ist ein technologisch ausgereiftes, in seiner Grundform jahrhundertealtes Produkt: eine Zeitung.

Eine Zeitung hätten Sie, wenn Sie damals schon gelebt hätten, wohl auch an einem Septembermorgen vor 100, 150 oder 200 Jahren gelesen. Aber Sie hätten zuvor nicht das getan, was Sie mit höchster Wahrscheinlichkeit in den letzten 24 Stunden auch getan haben: telefoniert, ferngesehen und Radio gehört. Und so sind Sie medienhistorisch schnell durchschaut: Sie bewegen sich jenseits der Gutenberg-Galaxis!“[1]

Dieses Zitat stammt aus einem Zeitungsartikel der Rheinpfalz und wurde unter dem Titel "Der Mensch als lesendes Wesen schlechthin - Die friedliche Koexistenz der 'Gutenberg-Galaxies' mit audiovisuellen Medien" veröffentlicht. Damit trifft der Artikel genau den Kern dieser Arbeit. Mit dem Titel „Speichermedien in den Etappen der Medienevolution“ soll verdeutlicht werden, wie sich Medien von der Oralität über die Literalität zum Druck veränderten und letztendlich in der Elektronik und Digitalität ihren vorläufigen Halt gefunden haben. Dabei versuche ich, den Werdegang von Sprache, Manuskripten, dem Printmedium Buch, dem Fernsehen sowie dem World Wide Web darzustellen und nachvollziehbar zu machen. Jedoch möchte ich gleich an diesem Punkt richtig stellen, dass es sich bei der eben genannten Entwicklung nicht zwangsweise um einen linearen Verlauf handelt. Sicherlich kann man bereits an dieser Stelle ruhigen Gewissens behaupten, dass die Entwicklung der Medien hauptsächlich diesen Weg eingeschlagen hat, sich also von der Mündlichkeit bis hin zum PC etablierte. Ja, aber dennoch ist feststellbar, dass Datenträger unterschiedlicher medienevolutionärer Etappen parallel zu einander existieren können, so wie heute Buch und Notebook, oder gar in bestimmten geologischen Gebieten diese Etappen sich noch nicht einmal entfaltet haben.

Damit es plausibel ist, warum Medien überhaupt wichtig sind, möchte ich zu Beginn meiner Hausarbeit auf den Begriff des„kulturellen Gedächtnisses“ eingehen und im weiteren Verlauf die bereits genannte „Gutenberg-Galaxis“ verdeutlichen.

2. Das kulturelle Gedächtnis

Der Begriff „kulturelles Gedächtnis“ umfasst jegliches Wissen einer Gesellschaft und Epoche, welches durch Wiedergebrauchstexte und –Bilder manifestiert ist und das eigene Selbstbild der Gesellschaft vermittelt und stabilisiert. Dieses Wissen über die Vergangenheit wird kollektiv geteilt und stützt das Bewusstsein der Einheit der Gruppe. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass das kulturelle Gedächtnis ein verbindender und übergreifender Rahmen ist, „der die individuellen Gedächtnisse aller Zeiten und Völker in dem Begriff des »menschlichen Geistes« zusammenfasst.“[2] Es bildet demnach die Grundlage für zwischenmenschliche Beziehungen, da es dem Einzelnen die Möglichkeit gibt, all das, was Menschen gemeinsam haben, „im Sinne eines Wiedererkennens intuitiv zu erfassen“[3]. Bedingung für die Existenz und Instandhaltung des kulturellen Gedächtnisses sind die Medien. Denn nur durch sie ist es den Nachfahren möglich, das zu erfahren, was Generationen vor ihnen erlebt haben. „Durch Materialisierung auf Datenträgern sichern die Medien den lebendigen Erinnerungen einen Platz im kulturellen Gedächtnis.“[4] Die Nachfahren können somit durch eine Kollektive Erinnerung an der kulturellen Tradition teilnehmen und sie in jedem gegebenen Augenblick neu inszenieren und beleben.

3. Wandel der Speichermedien

3.1 Oralität

Zu Beginn der Medienevolution waren die Gesellschaften rein mündlich organisiert. Das Wissen der einzelnen Stämme beruhte auf einem sich ständig währenden Kreislauf. Das, was für den Alltag und das Zusammenleben notwendig war, wurde auch tradiert. Alles andere hatte keinen Nutzen, wurde somit nicht als Tradition aufgefasst und letztendlich vergessen. Der Kreislauf des Wissens schließt sich dadurch, dass die Tradition alles das umfasste, was auch gebraucht wurde. Somit entsteht eine geschlossene Struktur mit drei Schwerpunkten: Zum einen wird durch das sich gegenseitige Stützen von Tradition und Wissen ein Gleichgewichtszustand wiederhergestellt, was als Homöostase bezeichnet wird. Der zweite Punkt umfasst die strukturelle Amnesie. Diese beinhaltet „das Vergessen kultureller Elemente die nicht gebraucht werden“[5], wodurch sich das Erinnern und das Vergessen miteinander verschränken. Die meiste Bedeutung für den Erhalt diese Struktur hat der Fakt, dass die Vergangenheit das so genannte „Urmodell“ liefert und alles was danach passiert auf dieses Urmodell zurückgeführt wird. Somit werden neue Erfahrungen mit alten gleichgesetzt und dem Modell angepasst. Dies festigt die Überlieferung und macht die Lebensformen beständiger. Der französische Ethnologe und Kulturtheoretiker Claude Lévi-Strauss nannte diese Gesellschaftsform eine:

„’kalte, evolutionshemmende Gesellschaft’ [ … ]. Kalte Gesellschaften sind solche, deren kulturelle Reproduktionsformen zwar nicht den Wandel aber die Entwicklung aussperren. Sie verschließen sich den Möglichkeiten der Evolution, der Progressiven Rationalisierung von Handlungen, der Optimierung von Werkzeugen, der Abstrahierung kognitiver Strukturen.“[6]

Der Wissensspeicher der kalten Gesellschaft ist allein das menschliche Gedächtnis. Lebendige Träger, früher Dichter, heute so genannte Griots, überliefern das gesamte kulturelle Know-how und wahren das Gruppengedächtnis. Der senegalesische Sänger Lamine Konte umschrieb die Aufgabe eines Griots wie folgt:

„Zu jener Zeit, in der es praktisch nirgends in Afrika Aufzeichnungen gab, musste die Aufgabe des Erinnerns und des Nacherzählens der Geschichte einer besonderen Gesellschaftsgruppe übertragen werden. Man glaubte, dass eine erfolgreiche Übermittlung der Geschichte einer musikalischen Untermalung bedürfe, damit wurde die mündliche Überlieferung den Griots oder Stehgreifsängern, dem Stand der Musiker anvertraut. So wurden diese die Bewahrer gemeinsamer Erinnerung der afrikanischen Völker. Griots sind auch Dichter, Schauspieler, Tänzer und Mimen, die alle diese Künste in ihren Darbietungen anwenden“[7].

Das Kennzeichen der mündlichen Inszenierung ist eine Multimedialität, die sich in mit dem Körper dargestellten Bewegungen und Formen darstellt, welche sich mit der Zeit entwickelt haben und auch wieder mit ihr verschwinden. Nachdem eine Darstellung vorbei ist, ist nichts mehr vom Dargestellten selbst vorhanden. Die Requisiten des Schauspiels sind Bemalungen, Gewänder, Masken, Instrumente sowie „zeremonielle Objekte und Bewegungen“[8]. Diese Requisiten werden als Zeichen und Symbole verwendet, da es in der mündlich orientierten Gesellschaft kein abstraktes Zeichensystem gibt. Zwar existieren Völker, die sich als Gedächtnisstütze so genannte Knotenschnüre machen, aber diese Erinnerungshilfe bringt einen Außenstehenden keineswegs im Verständnis weiter.

Das kulturelle Gedächtnis selbst ist nur in den Stammesalten personalisiert. Dieses wird rituell an die jungen, ausschließlich männlichen Stammesmitglieder weitergegeben, Frauen und Mädchen dagegen bleibt es vorenthalten. Das Wissen der Ältesten stellt die wichtigste Machtquelle dar, denn es beinhaltet „das identitätssichernde Wissen über Sitten und Gebräuche, Mythen“[9] und Heiratsregeln. Auch die Darstellung jenen Wissens verläuft zeremoniell-rituell. Der Psychoanalytiker und Ethnologe Mario Erdheim schrieb 1984 dazu:

„Die Feste inszenieren den Bezug zu den Ahnen und die Grundidee von Tod und Wiedergeburt. Die Initiation selbst eröffnet den Zugang zu den mythischen Zyklen und zur Heiratsordnung, durch welche die Gesellschaft sich erhält. Mensch wird nur der, der durch die Initiation hindurchgegangen ist, d. h. die Werte seiner Kultur akzeptiert hat. Wer die Initiation erlebt, erfährt am eigenen Leibe, durch die Wunden, die man ihm beibringt, dass er nun wie die Ahnen ist: Was er tut, und erleidet, taten und erlitten auch schon die Ahnen“[10].

Somit wird auch wieder der Kreislauf geschlossen, da die Lebenden mit ihren Verwandten der Vergangenheit gleichgesetzt werden und man wieder zum Urmodell zurückkehrt.

[...]


[1] Jochen: Der Mensch als lesendes Wesen schlechthin - Die friedliche Koexistenz der 'Gutenberg-Galaxies' mit audiovisuellen Medien: www.gutenberg.de.

[2] BildungsBörse Spezial: www.111er.de

[3] BildungsBörse Spezial: www.111er.de

[4] Assmann, Jan/ Assmann, Aleida (1994): Das Gestern im Heute, S. 120.

[5] Assmann, Jan/ Assmann, Aleida (1994): Das Gestern im Heute, S. 130.

[6] Assmann, Jan/ Assmann, Aleida (1994): Das Gestern im Heute, S. 131f.

[7] Zumthor (1985), In: Assmann, Jan/Assmann, Aleida (1994): Das Gestern im Heute, S. 133.

[8] Assmann, Jan/Assmann, Aleida (1994): Das Gestern im Heute, S. 133.

[9] Assmann, Jan/Assmann, Aleida (1994): Das Gestern im Heute, S. 134f.

[10] Assmann, Jan /Assmann, Aleida (1994): Das Gestern im Heute, S. 135.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Speichermedien in den Etappen der Medienevolution
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Medien und soziales Gedächtnis
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V122708
ISBN (eBook)
9783640269761
ISBN (Buch)
9783640268481
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Speichermedien, Etappen, Medienevolution, Proseminar, Medien, Gedächtnis
Arbeit zitieren
Stefanie Busch (Autor), 2005, Speichermedien in den Etappen der Medienevolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122708

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