Über Kohlbergs Stufentheorie zur „Moralische(n) Entwicklung“


Hausarbeit, 2004

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kohlbergs Orientierung an Erkenntnissen der Entwicklungstheorie Piagets
Direktive der moralischen Entwicklung nach Piaget
Universelle Applikation einiger Erkenntnisse Piagets

3. Wie versteht Kohlberg ‚Moral’?
Internalisierung
Situationsspezifische Faktoren
Die „Ich-Stärke“
Moralisches Handeln versus moralisches Wissen

4. Kohlbergs Stufentheorie
Was charakterisiert eine Stufentheorie und wo setzt sie an?
Notwendige Faktoren
Eine exemplarische Introduktion der Stufentheorie
Das Idealziel einer moralischen Entwicklung

5. Ist die Stufendarstellung irrelevant?

6. Resümee

7. Bibliographie

1. Einleitung

Wenn im allgemeinen Sprachgebrauch von ‚Moral’ die Rede ist, betrifft das meist das sittliche (bzw. unsittliche) Verhalten des Einzelnen; allerdings scheint die Frage nach der Herkunft der ‚Moral’ oder besser nach ihrer Entstehung ohne konkrete Antworten auskommen zu müssen. Einer, der sich seit Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzt, ist Lawrence Kohlberg1. Seine mittlerweile mehrfach modifizierte Theorie zur moralischen Entwicklung gilt in der pädagogischen sowie in der psychologischen Erkenntnisforschung als etabliert und dient als wesentliche Grundlage gegenwärtiger Ethologie.

Kohlbergs Theorie ist nicht inhaltsgebunden, das heißt, sie kann im Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungen konstant angewendet werden; vielmehr dient sie als Entwicklungsmodell, das durch seine ‚Stufen- Darstellung’ gekennzeichnet ist. Diese Arbeit wird sich primär mit der Frage befassen, wie sich Stufen der moralischen Entwicklung ableiten lassen und welche Faktoren zu ihrer Entstehung beitragen. Grundlage für diese Untersuchung ist der Kohlberg-Text „Moralische Entwicklung“2von 1968.

Da Kohlberg sich die vorausgegangene Entwicklungstheorie Piagets3zunutze macht, indem er darin gewonnene Erkenntnisse für seinen Theorieaufbau gebraucht, muss zu Beginn eben dieser Aspekt genau beleuchtet werden. Insbesondere soll herausgearbeitet werden, inwieweit Piagets Erkenntnisse einbezogen werden, aber auch was dabei von Kohlberg verworfen wird. Zudem muss selbstverständlich auf Kohlbergs Interpretation von ‚Moral’ eingegangen werden, wobei verschiedene Merkmale und deren Korrelation erklärt werden sollen. Erst nachdem dieses entsprechende Vorwissen gewährleistet ist, folgt die Beschreibung der Moralstufen im Einzelnen. Auch hier werden vorerst Begriffe geklärt und wichtige Faktoren der Moralentwicklung aufgezeigt. Zusätzlich soll eine kritische Auseinandersetzung mit der Stufentheorie Kohlbergs Bestandteil dieser Arbeit sein, wobei Host Heidbrinks Ausführungen zur moralischen Entwicklung als Gegendarstellung dienen sollen.

2. Kohlbergs Orientierung an Erkenntnissen der Entwicklungstheorie Piagets

Bei der Herleitung dieses ‚Stufen-Modells’ eines wichtigen Aspekts menschlicher Entwicklung orientiert sich Kohlberg an den Richtlinien der allgemeinen Entwicklungstheorie Piagets und steht dieser aber gleichzeitig kritisch gegenüber: Auch Jean Piaget beschreibt Stufen der moralischen Entwicklung, welche allerdings nur partiell empirisch belegt wurden. Piaget unterscheidet konkret zwei Altersgruppen, die der Drei- bis Achtjährigen und die der Acht- bis Zehnjährigen (S.22f.).

2.1 Direktive der moralischen Entwicklung nach Piaget

Erstere, also die Gruppe der jüngeren Kinder, sind aufgrund ihrer noch rudimentären kognitiven Entwicklung nicht fähig, moralische Urteile zu fällen, da diese physikalischen Gesetzen gleichgesetzt werden, und somit kein Unterschied zwischen „von außen festgelegte(n) Gegebenheiten“ und „menschliche(n) Zielsetzungen und Werte(n)“ (S.22) gemacht wird, Regeln werden also ‚verdinglicht’. Der dadurch erzeugte Glauben an die Unverletzlichkeit von Regeln beruht zum einem auf dem sogenannten „Realismus“ des Kindes, seiner „Unfähigkeit, zwischen subjektiven und objektiven Aspekten seiner Erfahrung zu unterscheiden“, und auf seinem „Egozentrismus“, der „Unfähigkeit, (die) eigene Sicht der Ereignisse von der anderer zu unterscheiden“ (S.22), zum anderem auf der Überzeugung des Kindes von der ‚Allmacht’ der Erwachsenen (vgl. S.22). Das heißt, das Kind ist einem gewissen „Absolutismus“ verbunden (S.24). Darunter versteht Piaget auch einen Glauben des Kindes an die „Unverletzlichkeit von Regeln“, wobei dessen Relevanz für andere Aspekte der moralischen Reifung, die im Folgenden noch genauer beschrieben werden sollen, nicht belegt werden konnte – so Kohlberg, dessen Untersuchungen ergaben, dass vielmehr ein „pragmatisches Interesse“ der Kinder an den Handlungskonsequenzen besteht (vgl. S.24f.).

Diese Art von „heteronome(r) Moral“ kleiner Kinder wird bei älteren Kindern durch „autonome Moral“ substituiert (S.23). Das bedeutet, das Kind durchläuft einen Prozess ausgehend von einer vorwiegenden Fremdbestimmung des moralischen Urteils bis zu selbständigen, von externen Einflüssen befreiten Entscheidungen in Moralfragen. Fragt das jüngere Kind sich noch, was die Mutter wohl zu bestimmten Sachverhalten sagen würde, so bezieht sich das ältere Kind auf die verinnerlichten Gewissensgrundsätze in Angelegenheiten von Moralfragen.4 Im Laufe seiner Entwicklung wird das Kind durch äußere Einflüsse, vor allem durch soziale Identifikation in seiner Fähigkeit zur Bildung eines moralischen Urteils geprägt. Was zuvor als durch eine allgemeingültige Macht erlassene Regel erschien, ist nun „internalisiert“ (S.22).

Kohlberg beschreibt „Internalisierung“ als einen Prozess, in dem sich das Kind dahingehend entwickelt, dass es auch in den Situationen Regeln befolgt, die nicht einer autoritären, zum Beispiel elterlichen Kontrolle unterliegen, in denen es sich dementsprechend auch nicht der Gefahr einer möglichen Strafe aussetzt (vgl. S.7). So verhält es sich auch, wenn das Kind eine gewisse Versuchung verspürt: Solange das tatsächliche Handeln den Regeln entspricht, ist eine vollständige Internalisierung erwiesen. Dadurch entstehen implizite moralische Normen. Analog entwickeln sich auch Normen der Gerechtigkeit oder ein „Gerechtigkeitsgefühl“ (S.22) – wie es Piaget nennt – und zugleich den moralischen Normen gleichsetzt. Das wiederum bietet Angriffsfläche für die Kritik Kohlbergs: Das „Gerechtigkeitsgefühl“ basiere vielmehr auf emotionalen Aspekten, als auf logischen Prinzipien, wenn es grundsätzlich um die Konzeption „wechselseitige(r) und gleichwertige(r)“ menschlicher Beziehungen gehe (vgl. S.22f.).

2.2 Universelle Applikation einiger Erkenntnisse Piagets

Eine lückenlose Bündigkeit sei auch nicht in der universellen Anwendbarkeit von Piagets Theorie zu erkennen. Was sich aber nach Kohlbergs Befunden als global homogen erweist, beinhaltet drei Aspekte hinsichtlich eindeutiger „Alterstrends“, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen: Zum ersten existiert nachweislich „die Berücksichtigung von Absichten im Urteil (Intentionalität)“: während ältere Kinder die Qualität von Handlungsabsichten in ihrer Beurteilung berücksichtigen, richten sich kleine Kinder ausschließlich nach den tatsächlichen Konsequenzen der Handlung in ihrer Wirkung auf materielle Gegebenheiten. Des weiteren gilt „die Relativität des Urteils“, das heißt, auch an dieser Stelle zeigt sich ein gewisser Absolutismus des kleinen Kindes; es beurteilt Handlungen entweder als absolut richtig oder aber als absolut falsch; muss es sich zwischen Ansichten entscheiden, so hält es konstant die des Erwachsenen für richtig. Das ältere Kind hingegen kann auf dem Grad zwischen Recht und Unrecht wählen, da es weiß, wie vielfältig Meinungen sind. Als dritter global auftretender Aspekt ist von „(der) Unabhängigkeit von Sanktionen“ die Rede: Das ältere Kind sieht den Schaden, der durch die Handlung anderen zugefügt wird und schätzt diese somit als schlecht ein, wobei das jüngere Kind die Handlung als schlecht bewertet, auf die eine Strafe folgt. ) vgl. S.23

Hinsichtlich dieser Merkmale benötigt es aber keiner Strafen durch die Eltern, da anscheinend eine „natürliche Tendenz“ (S.24) zum Strafgebrauch besteht. Daher sind in diesem Zusammenhang kulturspezifische Erziehungsmethoden keine notwendigen Faktoren für die Beeinflussung bestimmter Altersstrukturen der moralischen Entwicklung. Hingegen ist die Erwägung „materiell schädliche(r) Folgen“ (S.24), die Bewertung einer Handlung nach „ihrer Verknüpfung mit Lohn und Strafe“ (S.24), wesentlicher Bestandteil moralischer Urteile bei kleinen Kindern.

Ein zusätzlich von Piaget aufgeführter Faktor zur moralischen Entwicklung, die Tendenz zu einer „Peergruppen- oder demokratischen Ethik“ konnte jedoch nicht bestätigt werden (S.25). Dennoch, fasst Kohlberg zusammen, ist insgesamt zu erkennen, dass sich ein Gerechtigkeitssinn mit zunehmendem Alter insoweit herausbildet, dass das Bewusstsein von „Reziprozität und Gleichheit“, das heißt, von einem gleichwertigen und wechselseitigen Miteinander, der Individuen graduell gestärkt wird. Dagegen vermindert sich nicht – wie im Piagetschen Sinne – das Autoritätsbewusstsein, sondern steigt parallel zu ersterem Merkmal an, da diese Entwicklung der gesellschaftlichen Struktur unweigerlich immanent ist (vgl. S.26).

[...]


1 Amerikanischer Psychologe (1927-1987)

2 Lawence Kohlberg, „Moralische Entwicklung“. In: Lawrence Kohlberg. Die Psychologie der Moralentwicklung, Hrsg. Wolfgang Althof, (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996). S.7 – 40. Alle direkten Seitenangaben innerhalb des Textes gehören zu dieser Ausgabe.

3 Schweizerischer Psychologe (1896-1980)

4 Hellmuth Benesch, dtv-Atlas zur Psychologie – Tafeln und Texte, Bd.2, (München: Deutscher Taschenbuchverlag, 1987). S.289.

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Details

Titel
Über Kohlbergs Stufentheorie zur „Moralische(n) Entwicklung“
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V122874
ISBN (eBook)
9783640270064
ISBN (Buch)
9783640268641
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kohlbergs, Stufentheorie, Entwicklung“
Arbeit zitieren
M.A. Theresa Schmidt (Autor), 2004, Über Kohlbergs Stufentheorie zur „Moralische(n) Entwicklung“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122874

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