Vlado Kristl setzt Begriffe wie „Antidramaturgie“ und „Bildkritik“ in seinen Filmen in faszinierend extremer Form um. Seine Bilder erinnern dabei häufig an schlecht gefilmte Amateurvideos, die wie in „Das Glück, nichts zu sein“ an Besuche bei Familienangehörigen oder Freunden erinnern und eigentlich Unscheinbares, Banales festhalten. Seine verstörende Wirkung bekommt der Film erst durch den Ton, der Filmen wie „Tod dem Zuschauer“ und „Die Gnade nichts zu sein“ eine äußerst extravagante Note verleiht, die es „in sich“ hat und neugierig macht.
Kristl nimmt innerhalb des „Neuen deutschen Films“ die Rolle eines „Anarchisten der Fantasie“ ein. Er beeinflusst die Diskussion um das neue Kino nicht nur mit Produktionen wie „Der Damm“ (1964) oder „Der Brief“ (1966), sondern nimmt unter allen Mitstreitern im Kampf gegen Kommerz und Konventionen auch die wahrscheinlich radikalste Position ein. Aber gerade diese enthusiastische Radikalität gegenüber „Papas Kino“, scheint das Gros des Publikums zu irritieren.
Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich mich zuerst einer grundlegenden Frage zuwenden, denn was kann man eigentlich prinzipiell unter „Antidramaturgie“ und „Bildkritik“ verstehen? Inwiefern passen Vlado Kristls Filme in diesen Zusammenhang: Welche künstlerischen, zeitgeistigen Strömungen könnten ihn inspiriert haben, gibt es vielleicht Parallelen zum Wiener Aktionismus? Welche Rolle teilt der Regisseur dem Zuschauer mit seinem Kunstverständnis zu? Last, but not least – wie reagierten Kollegen und Publikum auf Kristls anarchistische Filmkunst?
Im ersten Kapitel widme ich mich deshalb dem Definitionsversuch von „Antidramaturgie“ und „Bildkritik“ im Bezug auf deren Genese und im Hinblick auf Beispiele Bekannter Vertreter des Neuen Deutschen Films wie Alexander Kluge. Danach möchte ich mich explizit Vlado Kristl und seiner sehr besonderen Art des Filmschaffens zuwenden, die anhand von zwei Beispielen – „Tod dem Zuschauer“ und „Die Gnade nichts zu sein“ – unter verschiedenen Aspekten näher betrachtet werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Prolog
2. Antidramaturgie und Bildkritik – Versuch einer Definition
2.1. Dramaturgie (gr. dramaturgia) und Antidramaturgie
2.2. Bildkritik
2.3. Sprachskepsis
3. Vlado Kristl – ein Leben im Kampf gegen ein konventionelles Kunstverständnis
3. 1. Vlado Kristl – ein Anarchist der Fantasie
3.2. Vlado Kristls Empfinden für Antidramaturgie und Bildkritik – eine Suche nach den Wurzeln
3.2.1. Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ – eine Inspirationsquelle für Vlado Kristls Kunstverständnis?
3.1.2. Der Einfluss von Berthold Brechts V-Effekt auf Antidramaturgie und Bildkritik
3.2.3. Walter Benjamins „Aura“
3.2.4. Vlado Kristl und die Postmoderne
3.2.5. „Papas Kino ist tot“: Mittels Antidramaturgie und Bildkritik kommt frischer Wind in verkrustete Strukturen
3.2.6. Führen Spuren zum Wiener Aktionismus?
4.Vlado Kristls Spiel mit Antidramaturgie und Bildkritik: „Die Gnade nichts zu sein“
4.1. Antidramaturgische Elemente
4.2. Bildkritik
4.2.1. Wie wirken die Bilder?
Die „Signatur“ des Künstlers
Ländliche Idylle oder „Ende der Welt“?
Art und Rolle der Darsteller
Das Verhältnis zwischen Bild- und Tonebene
Rolle von Titel, Zwischentitel und Zeichnungen
5. Epilog
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die filmischen Konzepte von Vlado Kristl, insbesondere seine Anwendung von „Antidramaturgie“ und „Bildkritik“. Ziel ist es, Kristls radikale Abkehr von konventionellen Erzählweisen sowie seine philosophisch und künstlerisch motivierte filmische Praxis zu analysieren und einzuordnen.
- Grundlagen der Antidramaturgie und Bildkritik.
- Die künstlerische Vita Vlado Kristls als "Anarchist der Fantasie".
- Einflüsse wie Antonin Artaud, Berthold Brecht und Walter Benjamin auf das Werk.
- Analyse der spezifischen Bild- und Tonsprache im Film "Die Gnade nichts zu sein".
- Vergleich und Einordnung in den Kontext von Autorefilm und Wiener Aktionismus.
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ – eine Inspirationsquelle für Vlado Kristls Kunstverständnis?
Details wie die aufrüttelnden Schreie in „Die Gnade nichts zu sein“ bzw. die ständig wiederkehrenden Geräusche eines sich übergebenden Mannes in „Tod dem Zuschauer“ erinnern ein wenig an Antonin Artauds aktualitätsbezogenes „Theater der Grausamkeit“: „(…) Und deshalb schlage ich ein Theater der Grausamkeit vor. Bei der Manie, alles herabzusetzen, die wir heutzutage allesamt haben, hat das Wort ‘Grausamkeit’, als ich es in den Mund genommen habe, für jedermann sofort soviel wie ‘Blut’ bedeutet. Doch ‘Theater der Grausamkeit’ bedeutet zunächst einmal Theater, das für mich selbst schwierig und grausam ist. Und auf der Ebene der Vorführung handelt es sich nicht um jene Grausamkeit, die wir uns gegenseitig antun können, indem wir einander zerstückeln, (…) sondern um die sehr viel schrecklichere und notwendigere Grausamkeit, welche die Dinge uns gegenüber üben können.“
Wie Artaud, der die Aufmerksamkeit des Publikums durch plötzliche Lichteffekte, schreckliche Geräusche, Symbole, Schreie oder ständige Umpositionierung der Schauplätze erhöht, spielt auch Kristl mit schnellen Schwenks, „unlogischen“ Schauplatzwechseln, gezeichneten Zwischentiteln und irritierendem Ton jenseits „normaler“ Dialoge. In Anlehnung an Artauds moderne Theaterinterpretation ist auch Vlado Kristl bemüht, seinen Kultur- und Kunstbegriff mit Hilfe einer eigenen, kreativen „Filmsprache“ umzusetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Prolog: Einführung in die Thematik der Antidramaturgie und Bildkritik in Kristls Filmen sowie Vorstellung der Forschungsfragen.
2. Antidramaturgie und Bildkritik – Versuch einer Definition: Theoretische Herleitung und Begriffsbestimmung der zentralen Konzepte Dramaturgie, Bildkritik und Sprachskepsis.
3. Vlado Kristl – ein Leben im Kampf gegen ein konventionelles Kunstverständnis: Biografischer Abriss und Untersuchung theoretischer Inspirationsquellen für Kristls radikale Filmästhetik.
4.Vlado Kristls Spiel mit Antidramaturgie und Bildkritik: „Die Gnade nichts zu sein“: Detaillierte Fallanalyse des Films hinsichtlich seiner Struktur, Bildsprache und der Inszenierung von Darstellern.
5. Epilog: Resümee des Lebenswerkes Kristls als kompromissloser Künstler im Kontext seiner gesellschaftspolitischen Haltung.
Schlüsselwörter
Vlado Kristl, Antidramaturgie, Bildkritik, Autorenfilm, Neues deutsches Kino, Wiener Aktionismus, Antonin Artaud, Berthold Brecht, Die Gnade nichts zu sein, Tod dem Zuschauer, Postmoderne, Filmästhetik, experimenteller Film, Sprachskepsis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die filmischen Arbeiten von Vlado Kristl, einem Protagonisten des Neuen deutschen Films, und wie er Begriffe wie „Antidramaturgie“ und „Bildkritik“ in seinen Produktionen radikal umsetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von filmischer Bildkritik, die Ablehnung klassischer Erzählstrukturen und die künstlerische Widerständigkeit gegenüber kommerziellen Konventionen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, zu verstehen, wie Kristls Filme durch formale Provokation und eine eigene Filmsprache das Publikum zum aktiven, kritischen Rezipienten machen wollen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es werden Definitionsanalysen von Fachbegriffen mit einer werkimmanenten Filmanalyse kombiniert, ergänzt durch historische Kontexte und Vergleiche mit filmtheoretischen Strömungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der biografischen und theoretischen Verortung Kristls sowie der detaillierten Analyse spezifischer Filme wie „Die Gnade nichts zu sein“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Begriffe wie Anarchismus der Fantasie, Nicht-Film, Verfremdungseffekt und Bildkritik stehen im Zentrum der begrifflichen Charakterisierung.
Wie setzt Kristl den "Verfremdungseffekt" nach Brecht ein?
Kristl nutzt unter anderem offene Regieanweisungen, den bewussten Einsatz von „technischen Fehlern“ und eine diskontinuierliche Montage, um beim Zuschauer die Illusion zu brechen.
Welche Rolle spielt die Tonspur in "Die Gnade nichts zu sein"?
Die Tonspur ist oft ein verstörendes Element, das durch Schreie oder absichtlich laute, irritierende Geräusche in disharmonischem Kontrast zum Bild steht, um die emotionale Wahrnehmung zu beeinflussen.
Was bedeutet die "Gnade nichts zu sein" für Kristls Filmkonzept?
Der Titel deutet auf eine radikale Verweigerung von inhaltlichen Vorgaben und gesellschaftlichen Erwartungen hin, die den Film als eine Art „Selbstschussanlage“ gegen Konventionen definiert.
Gibt es Bezüge zum Wiener Aktionismus?
Ja, Kristls politisch motivierte ästhetische Radikalisierung und sein Interesse an verletzenden oder verstörenden Ausdrucksformen bringen ihn in den ideologischen Dunstkreis des Wiener Aktionismus.
- Citar trabajo
- MMag. Silvia Kornberger (Autor), 2007, Antidramaturgie und Bildkritik am Beispiel von Vlado Kristls Film „Die Gnade Nichts zu sein“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123621